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Ein Engel auf der Suche

 

Menschen waren egoistische, und auf sich neidende Wesen.

Soviel konnte Gabriel bereits über die Welt dort unten sagen. Sie dachten hauptsächlich nur an sich und das Wort Nächstenliebe kannten sie höchstens aus der Bibel. Wenn überhaupt.

Sie schrien immer nach Gerechtigkeit. Was empfanden die Menschen als gerecht?

Wo es Armut gab, gab es im gleichen Zug auch Reichtum. Wo Krankheit existierte, da existiert auch die Gesundheit. Wenn es eine Hölle gab, dann doch auch den Himmel. Es muss ein Kontrast existieren, etwas, das darstellt, dass es auch anders sein kann. Aber Neid? Neid war etwas, dass nie hätte existieren sollen. Gabriel verstand einfach nicht, warum die Menschen sich stets so ungerecht behandelt fühlten. Nie konnte man es ihnen recht machen. Immer dachten sie nur an sich. Schenkten Sie sich zu Weihnachten etwas, dann nur, damit sie ebenfalls etwas erhielten. Halfen die Eltern bei der Weihnachtsaufführung des Schultheaters mit, wollten sie nur für ihre Mühe in der nächsten Schülerzeitung erwähnt werden. Ging der Vater mit dem Sohnemann am Sonntag ins Kino, dann nur, um endlich mal dem Haus zu entkommen. Immer mit Hintergedanken. Nie selbstlos.

Gabriel wusste, dass er eigentlich schon längst dort unten hätte sein müssen, um irgendjemandem zu helfen. Doch er verspürte nicht den Drang, irgendetwas Gutes für die Menschen zu tun. Er hatte sich schon ewig nicht mehr für den Dienst als Helfer eintragen lassen, doch nun hatte er sich nicht mehr länger drücken können. Der Schöpfer wollte, dass er den Menschen etwas Gutes tat, also gehorchte er selbstverständlich. Aber warum empfand er nicht das Gleiche wie seine Freunde dabei? Er hatte in den letzten Monaten nur Schlechtes beobachtet und vielleicht wollte er auch die Augen davor verschließen, dass es so etwas wie das Gute im Menschen gab. Aber seinen Erfahrungen auf der Erde waren nicht anders gewesen. Menschen waren egoistisch und böse, sonst wäre er jetzt nicht hier und müsste ihnen helfen ...

„Du wirkst traurig, Gabriel.“

Der junge Engel musste sich erst gar nicht zu der Stimme umdrehen, die sich von hinten angeschlichen hatte, sondern seufzte nur resigniert auf. „Die Menschen sind immer so … egoistisch. Findest du nicht, Ambriel? Seit ich hier sitze, habe ich nur negative Gefühle aufgenommen. Das ist doch … fürchterlich.“

Der deutlich ältere Engel setzte sich neben Gabriel. Sie waren auf einem Hochhaus, mitten in London. Unter ihnen leuchteten bunte Lichterketten; Weihnachtsmusik drang zu ihren Ohren; Glockenklang erfüllte die Luft mit der Reinheit Gottes und die hektische Gefühle der Menschen machten sich langsam bemerkbar. Er spürte die Unruhe, die alle so kurz vor Weihnachten ergriff und spürte die Hektik, als ob es seine eigene wäre. Ambriel sah Gabriel für einen Augenblick stumm an, dann lächelte er. Seit Gabriel zu ihnen gestoßen war, teilten Sie ihre Gefühle und Gedanken miteinander. Doch heute schien Gabriels Gemüt mit einem Schatten versehen, den es nun galt, fort zu treiben.

„Die Menschen wirken wie Ameisen, findest du nicht?“ Ambriel ließ seine Beine über das Geländer baumeln und beugte seinen Oberkörper nach vorne, um besser nach unten sehen zu können. Sein weißer Anzug flatterte bei jedem Windzug.

„Aber es gibt noch etwas Interessanteres über Ameisen zu wissen. Auf den ersten Blick wirken sie klein, gar zerbrechlich, und doch sind sie im Stande, das zehnfache ihres eigenen Körpergewichtes zu tragen. Eine Gattung der Insekten, die gerne unterschätzt wird.“

„Du meinst, ich unterschätze die Menschen?“

„Ich glaube, Gabriel, du solltest mal wieder unter die Menschen, um zu sehen, dass man oftmals eine Meinung über etwas hat, dass nachher gar nicht wirklich so ist, wie es scheint. Verstehst du?“

Gabriel seufzte. „Mir steht aber nicht der Sinn danach, etwas Gute für die Menschen zu tun, wo sie sich doch jeden Tag aufs Neue bekriegen.“

„Du bist verbittert. Wann hast du das letzte Mal den Menschen geholfen?“

„Das letzte Mal vor … Hmm ...“ Gabriel dachte nach. Wann war er das letzte Mal bei den Menschen gewesen? Es kam ihm vor, wie eine Ewigkeit.

„Siehst du.“ Ambriel zeigte mit dem linken Finger auf ihn und wedelte damit auf und ab. „Du weißt gar nicht mehr, wie es ist, ein Mensch zu sein, wenn du dich nicht unter ihnen ab und zu aufhältst und ihnen hilfst.“

„Warum sollte ich ihnen denn helfen?“, fragte Gabriel seufzend und starrte auf die kleinen Lichtpunkte, zu seinen Füßen.

„Es gibt vieles, was für das Gute im Menschen spricht, Gabriel.“

„Und was ist das?“

„Finde es heraus“, sagte Ambriel und stand wieder auf. „Du wirst sehen, es gibt Menschen, die es verdient haben, dass man Ihnen hilft.“


**********

 

 

Gabriel versucht erst gar nicht, sich gegen Ambriel zu widersetzten. Er hatte ihm zwar keine Befehl zu erteilen, doch sein Wort war ihm heilig. Und wenn Ambriel sagte, man solle nach dem Guten im Menschen suchen, dann wusste Gabriel, dass dieses auch irgendwo existieren musste.

Nur … wo?

Er schlenderte einen Waldweg entlang, welcher durch die mit schneebehangenen Äste, die das Licht der Sterne versperrten, düster und verlassen erschien. Und doch war dieser Waldweg mehr als das. Er war wichtig für die Tiere, die hier am Rande ihr Futter erhielten, das andere Menschen fallen ließen. Er war für jene wichtig, die schnell ihr Zuhause erreichen wollten, um bei ihren Liebsten zu sein. Und doch war er für die Menschen nur ein Waldweg, der kalt und unheimlich erschien. Aber da war mehr, doch davor verschlossen sie die Augen. Wie so vor so Vielem.

Er ging noch ein gutes Stück weiter, beobachtete einen Vogel, der sich über eine Karotte hermachten, die als Nase von einem Schneemann fungierte, wie ein Reh mit seinem Kitz durch den Schnee wanderte und erreichte dann nach kürzester Zeit wieder die Stadt. Er war seit einer Stunde umher gelaufen und noch immer war ihm das Gute im Menschen nicht begegnet. Allmählich glaubte er, dass es besser war, wieder nach Hause zu fliegen. Die Menschen sich selbst zu überlassen. Als er tiefer in die Stadt gelangte, kam er an einem Weihnachtsmarkt vorbei. Der Duft von Glühwein, Essen und Plätzchen lag in der Luft, und der im früher unwiderstehliche Geruch von Maronen. Er konnte sich vielleicht keine mehr kaufen, aber den Duft würde er all die Zeit, die er schon als Engel verbrachte, immer wieder genießen. Er ging auf den kleinen Maronenstand zu, an dem eine junge Frau bediente. Sie hatte die weiße Mütze so tief ins Gesicht gezogen, dass man kaum etwas von ihren Zügen erkennen konnte. Ihre Finger, die aus dem schwarzen Handschuh blitzen, waren an den Spitzen leicht bläulich und bewegten sich langsam und starr. Sie fror eindeutig, obwohl sie eine dicke Jacke trug, die jedoch die kalte Winterkälte nicht genügen abzuschotten schien. Er bekam Mitleid mit der Frau. Sicherlich verdiente sie sich hiermit keine goldene Nase, dennoch stellte sie sich wahrscheinlich jeden Tag hier hin, um etwas Geld zu verdienen. War das selbstlos? Vielleicht, aber das genügte ihm noch nicht. Immerhin hatte sie einen Grund, das zu tun.

Ein laute Gewirr an Stimmen machte ihn aufmerksam und Gabriel drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der das anfängliche Geschrei, dass sich nun zu einem Gekreische entwickelte, her drang. Dann bemerkte er einen jungen Mann, mit einer dicken Wollmütze, einer unscheinbaren Jacke und einer noch unauffälligeren Hose um die Ecke biegen. Er rannte direkt auf den Maronenstand zu. Warum hielt ihn die junge Frau nicht auf? Sie musste doch sehen, dass er direkt auf sie zu kam?

Ungebremst und mit voller Wucht krachte der Fremde gegen das kleine klapprige Gestellt und stürzte mit samt dem Maronentopf und deren Verpackungstüten zu Boden. Gabriel überkam das Gefühl, ihm helfen zu müssen, doch schon war die junge Frau bei ihm und tastete nach seiner Hand. Sie tastete? Erst jetzt fiel ihm auf, dass ihre Augen nicht natürlich erschienen. Sie überzogen je einen blassen Schleier, und Gabriel wusste jetzt, dass diese junge Frau blind war. Sie hatte überhaupt nicht sehen können, dass der junge Mann direkt auf sie zu gerannt kam.

Gabriel fand, dass dies genug Chaos für diesen Moment war und lenkte mit seinen Kräften die Horde kreischender Mädchen, die nun in Sichtweite waren, in eine andere Richtung. Sie würden die kleine Wegänderung als innere Eingebung empfinden. Niemals den Verdacht hegen, ein junger Engel hätte das getan.

Zufrieden darüber, dass die Mädchen einen anderen Weg einschlugen, wendete er sich wieder dem jungen Mann zu, der mit tausenden Entschuldigungen die Frau überhäufte und anfing, die einzelnen Maronen aufzusammeln, die im Schnee lagen. Die junge Frau stand nur daneben und kicherte leise. Gabriel neigte den Kopf.

„Bitte! Ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mit das tut! Bitte verzeih mir, ich mache es wieder gut. Hier! Nimm das!“ Er griff in seinen Geldbeutel und zog eine beträchtliche Summe an Geldscheinen heraus, die er ihr entgegen streckte. Doch die Frau kicherte einfach nur weiter. Dann erkannte auch er, dass die Frau nicht sehen konnte und wirkte plötzlich komisch hilflos in ihrer Gegenwart. Gabriel musste grinsen.

„Ich brauche dein Geld nicht. Behalte es bitte.“ Ihre Stimme war angenehm warm und Gabriel spürte eine Veränderung bei dem jungen Mann. Seine Aura, die ihn umgab, änderte sich schlagartig. Das war ja höchst interessant.

„Ich bin Orlando. Das tut mir wirklich Leid, was mit deinem Stand passiert ist … Die Mädchen ...“ er drehte sich um und zeigte mit dem Finger in die Richtung, aus der er gekommen war.

„Ich habe sie gehört. Warum waren sie denn hinter dir her? Hast du was angestellt?“ Sie neigte den Kopf und begann nach dem Maronentopf zu tasten, den Orlando neben die kleine Herdplatte gestellt hatte.

„Angestellt? Nein! Ich habe nichts angestellt, das war … das … das ist schwer zu erklären.“ Orlando seufzte und vergrub seine Hände in den Taschen. Gabriel musterte den jungen Mann. Er war sicherlich eine bekannte Persönlichkeit. Anders konnte er sich dieses Verhalten der jungen Mädchen nicht erklären, die ihm wie aufgescheuchte Hühner verfolgt hatten. Er sah zu, wie Orlando die junge Frau beobachtete, die eine Tüte mit Maronen auf riss und sie in ihren Topf hinein fallen ließ. Orlando schien seinen Blick überhaupt nicht mehr von ihr abwenden zu können. Gabriel grinste.

„Hier!“ Der Engel schaute interessiert zu, wie die junge Frau nach etwas suchte und dann schlussendlich Orlando eine Tüte mit warmen Maronen hin hielt. „Die habe ich gerade erst frisch gemacht. Kurz bevor du meinen Stand umgerannt hast.“ Sie grinste und Gabriel konnte gut verstehen, warum Orlando so gar magisch von ihr angezogen war. Sie war wirklich hübsch. Ihre braunen Haare schlängelten sich bis über ihre Schulter. Ihre Lippen waren dünn und schön geschwungen und ihre Augen waren groß und mit langen Wimpern verziert. Sie war eine hübsche junge Frau, in der Tat.

Orlando nahm die kleine Tüte entgegen und bedankte sich. Er wollte gerade wieder nach dem Geld suchen, als sie sagte: „Das schenke ich dir.“ Als ob sie geahnt hätte, dass er sie dafür bezahlen wollte. “Das ist dafür, dass du wohl behalten den Mädchen entkommen bist. Ich bin übrigens Mariella.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen, die Orlando lächelnd ergriff. Bei der Berührung ihrer Fingerspitzen spürte Gabriel, dass die zwei von sich angezogen wurden.

Gabriel war erstaunt. Da hatte der junge Mann zuvor noch beinahe ihren Stand ruiniert, und da schenkte sie ihm einfach so eine Tüte mit ihren kostbaren Maronen. Ihm gefiel die frische Art der Frau und beschloss, dem Ganzen etwas nachzuhelfen. Die Aura von Mariella hatte sich merklich verändert.

Gabriel trat hinter Orlando und legte ihm die Hände auf die Schultern, dann grinste er, während er aus Orlandos Mund zu hören bekam: „Hättest du Lust, nachher mit mir einen Kaffee trinken zu gehen?“ Dann ließ er von Orlando ab und trat zwei Schritte zurück. Er beobachtete nun die Reaktion von Mariella, die sichtlich erfreut über die Einladung war, und über das ganze Gesicht strahlte.

„Sehr gerne. Ich bin noch bis acht Uhr hier.“

„Schön!“ Orlando bewegte sich aber nicht vom Fleck. Noch immer schaute er sie an und wippte auf seinen Füßen vor und zurück. Auch sie schien sich seiner Anwesenheit bewusst zu sein und strich sich langsam einen Strähne hinter das Ohr. Menschen … Gabriel konnte nur schmunzeln. Da war er sich bis eben noch sicher gewesen, dass er heute keinen mehr antreffen würde, der ihn davon überzeugen würde, dass Menschen etwas Gutes in sich trugen, da traf er diese Zwei. Er hatte einen Grund gefunden, den Menschen zu helfen. Ambriel hatte Recht. Er hatte es heraus gefunden.

Es war die Liebe, die alles veränderte. Einen Segen, den er als Mensch leider nie hatte wirklich erleben können.

Er schüttelte lächelnd den Kopf, winkte den zwei – obwohl sie ihn natürlich nicht sehen konnten – zum Abschied noch zu und ging dann pfeifend weiter seines Weges.

Als letzten Gruß schickte er den zwei Verliebten noch eine kleine Sternschnuppe, die ihre Wünsche hoffentlich in Erfüllung gehen ließ. Immerhin, es war ja Weihnachten.

 

Ende

 

 

 


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