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Author's Chapter Notes:
Für alle die es noch nicht gesehen habe, es gibt nun auch einen Trailer. Ihr findet ihn weiter oben im Inhaltsverzeichnis

 

Ich hatte meine Mutter schon lange nicht mehr so glücklich erlebt, wie an dem Tag, als ich sie anrief und ihr sagte, dass ich ihr gerne einen jungen Mann vorstellen würde, mit dem ich nun schon eine geraume Weile ein Beziehung führte. Erst schwieg sie, dann stieß sie einen kleinen Freudenschrei aus, bevor ein Wortsalat folgte, aus dem ich im groben Sätze wie: „Das ich das noch erleben darf", „Das wurde ja auch Zeit", „Wann ist die Hochzeit", entnahm. Meine Mutter freute sich also darüber, Aidan kennenzulernen. Sie pochte schließlich seit circa meinem 18 Geburtstag darauf, dass es langsam Zeit für mich wäre unter die Haube zu kommen. Damit sie allerdings nicht völlig überschnappte, entschied ich, dass Aidan direkt die ganze Familie kennenlernen sollte. Das ist zwar ganz schön hartes Brot, aber dann hätte er es hinter sich. Und so fassten wir gemeinsam den Entschluss (und das grenzt schon fast an ein kleines Wunder, denn meine Mutter und ich hatten noch niemals etwas gemeinsam entschieden. In der Regel traf sie einen Entschluss und ich machte alles genau anders, als sie es mir aufgetragen hatte.), dass ich ihn zu Weihnachten mitbringen sollte, da dann ohnehin die ganze Familie zusammen kam. Und so hatte ich auch noch etwas Zeit  Aidan darauf vorzubereiten, damit er meiner Familie nicht schutzlos ausgeliefert war. Soweit man sich überhaupt irgendwie vor meiner Familie schützen konnte.

Ich weiß nicht wie oft ich versucht hatte ihm klar zu machen, dass meine Familie (Naja, wie sagt man das jetzt ohne unhöflich zu wirken?) schwierig ist, aber er hatte keine Einwände. Ganz im Gegenteil. Ich hatte sogar das Gefühl, dass er sich freute und liebte ihn dafür gleich noch ein bisschen mehr. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Mal abgesehen von dem einen Jahr, in dem ich meinen Bruder nicht so gut leiden konnte (jaja ich weiß) liebe ich jedes einzelne Mitglied meiner Familie. Ich liebe sie einfach, weil sie meine Familie sind. Weil sich das so gehört vielleicht, aber vor allem, weil ich das so fühle. Gut, zugegeben, jeder von denen hat ein ganz tierisches Rad ab, aber das hab ich auch (Ich werde übrigens auf Unzurechnungsfähig beim Verfassen dieser Zeilen plädieren, sollten Sie jemals versuchen, mir einen Strick daraus zu drehen). Und manchmal mag ich das auch, dass die alle so verschroben sind. Manchmal (eigentlich meistens) aber auch nicht. Oft genug waren sie mir peinlich und ich hätte sie von Herzen gerne alle in einen Bus gesetzt und diesen über die nächste Klippe gejagt, aber wenn es drauf ankam... ja, wenn es drauf ankam, dann hielt der Frowley Clan zusammen. Und hin und wieder mochte ich sogar meinen rothaarigen Schwager. Der tickte nämlich auch nicht ganz sauber und passte deshalb hervorragend zu meiner Schwester. Aber dazu komme ich später. Vor allem mochte ich Connor in den Momenten, in denen er seine Leidenschaft für Scotch und Whiskey, die im Übrigen auch meine Leidenschaft ist, mit mir teilte. Denn wenn Connor in meinen Augen auch von nicht vielen Dingen eine Ahnung hatte, wenn es um hochrangigen Fussel ging, war er der Mann mit den Know How. Und obwohl ich mit Kindern nicht wirklich etwas anfangen konnte, mochte ich sogar meine Nichten und meinen Neffen. Zumindest dann, wenn sie sich nicht wie ein Haufen wahnsinniger Kobolde auf Ecstasy benahmen. Man sollte es nicht meinen, bei den sorgfältig ausgewählten Erziehungsmethoden, die die kleinen Geisteskranken genossen, aber das kam wirklich selten vor.

Naja, genug von meiner Familie und zurück zu mir. Ist ja schließlich meine Geschichte, die ich hier erzählen will. Gut, meine Familie spielt darin keine kleine Rolle, aber wollte ich die Geschichte der Frowleys erzählen, müsste ich wohl eine ganze Romanreihe rausbringen. Und dafür reichen weder meine Geduld, noch meine ohnehin so mangelhafte Konzentrationsfähigkeit. Außerdem würde das auch viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Zeit, die ich nicht habe. Schließlich ist Zeit Geld und Geld hält bei mir nicht lange. Also zurück zu mir und Aidan.

Aidan nahm das Treffen mit meiner Familie mit einer solchen Gelassenheit hin, die meine Nervosität bis ins Unendliche ansteigen ließ.  Er machte sich sogar ein klein wenig lustig über meinen akribisch ausgearbeiteten Schlachtplan, den ich aufgestellt hatte. Und das tat er sonst nie. Von dem Zeitpunkt an, an dem ich Aidan gebeten hatte meine Familie kennenzulernen, wünschte ich mir, dieses Treffen läge bereits hinter uns. Aber das tat es nicht. Da Aidan seiner Nachbarin kurzfristig versprochen hatte noch den Weihnachtsmann für ihre Kinder zu spielen, verabredeten wir, dass er mich danach bei mir abholen und wir dann zu meinen Eltern fahren würden. Ein Mann, der den Weihnachtsmann für andere Leute Kinder spielte? War das nicht schon Grund genug, um Hals über Kopf verliebt zu sein? Ein Prinz und der Weihnachtsmann in einer Person. So einen Mann musste man erst mal finden. Von Tag zu Tag wurde mir ein bisschen mehr bewusst, wie viel mir dieser Mann bedeutete. Und da er nicht nur nachsichtig und völlig fehlerfrei war, sondern auch noch durch und durch großmütig, beschloss ich (trotz meiner Aufgeregtheit), dass er sich eine kleine Belohnung verdient hatte. Dafür und weil ich mich ohnehin für die Sache mit den Rosen und Kerzen revanchieren wollte.

Das mag jetzt vielleicht völlig bescheuert klingen, aber ich hatte einen Plan. Bei Palmer hatte ich dieses witzige Negligee gesehen. Es war aus rotem Satin, mit weißer Federspitze besetzt. Ein sinnliches Weihnachtsfrauen Kostüm, wenn man so wollte. Ich fuhr also zu besagtem Dessousladen, um besagtes Negligee zu kaufen. Dazu kaufte ich außerdem die passenden roten Strümpfe, rote Schuhe und eine Nikolausmütze. Natürlich sah ich durch und durch bescheuert darin aus, aber ich wollte Aidan überraschen. Und wenn er zurück in seine Wohnung kam, als Weihnachtsmann verkleidet, um sich umzuziehen und zu mir zu fahren und ich dort in diesem Aufzug auf ihn wartete, dann würde die ganze Sache schon Sinn machen. Hoffte ich zumindest. Andernfalls würde ich mich zum totalen Vollidioten machen, aber Aidan war ja ein nachsichtiger Mensch und dann würde ich auch das überleben. Hoffte ich.... Und ich hoffte, dass ich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt war, dessen Gehirn mit solch seltsamen Ideen gefüllt ist. Aber wieso sollten die solche Outfits sonst auch verkaufen?

Von der Oxfordstreet aus, fuhr ich mit dem Bus direkt zu Aidans Wohnung. Da ich nicht vorhatte in meinem neuen Kostümchen durch ganz London zu scharwenzeln, wollte ich mich dort umziehen und auf ihn warten. Den Schlüssel hatte er mir bereits vor Wochen gegeben. Für Notfälle. Dies war nicht zwingend ein Notfall, aber ich dachte nicht, dass er es mir übel nehmen würde, wenn er mich erst mal sah. Gut gelaunt und von meinem wundervollen Plan überzeugt, schloss ich die Tür zu seiner Wohnung auf. Ich hang meinen Mantel, sowie Schal, Handschuhe und Mütze auf den Garderobenhaken und befreite mich aus meinen dick gefütterten Winterstiefeln. In Gedanken überlegte ich mir bereits besonders erotische Posen und mehr als nur neckische Blicke, um meinem Herzallerliebsten eine gelungene Weihnachtsüberraschung zu zaubern. Deshalb dauerte es auch ein wenig, bis ich die seltsamen Geräusche registrierte, die nun sehr deutlich an mein Ohr drangen. Verwundert sah ich mich um und versuchte den Ursprungsort des Geräusches zu finden. Es kam aus dem Wohnzimmer.

Einbrecher? Mein Herz setzte einen Schlag aus, bevor ich auf Zehnspitzen zur  Tür des Wohnzimmers schlich  und sie einen Spalt weit öffnete, um hindurch zu linsen. Was ich sah, waren allerdings keine Einbrecher. Nicht einmal annähernd. Ganz im Gegenteil. Meine Augen erblickten stattdessen den Hausherrn persönlich. Aidan. Aidan verkleidet als Weihnachtsmann und seine Nachbarin, die zwar scheinbar keine Kinder hatte, dafür allerdings ganz offensichtlich dieselbe Idee wie ich. Meine Augen waren vor Entsetzen geweitet, als ich die Tür ganz aufstieß. Sie krachte leicht gegen eine Kommode, die hinter der Tür stand. Das Bild, das dort stand und mich und Aidan während eines Kurztrips nach Wales zeigte, fiel dabei um und ging scheppernd zu Boden, was die Aufmerksamkeit meines Freundes und dessen Nachbarin auf mich lenkte.

„Meredith!"

Wieder einmal fühlte ich mich wie erstarrt. Aber nicht, weil mir Aidans vollkommene und atemberaubende Art die Herzfrequenz in die Höhe trieb, sondern weil ich so eben Zeugin davon geworden war wie MEIN Freund - ich korrigiere mich - wie MEIN EX- Freund seine Nachbarin bestieg.

Wie konnte er nur? Wie konnte sich mein völlig fehlerfreier, perfekter, nachsichtiger und großmütiger Prinz, in nur einer einzigen Sekunde, in das größte Arschloch auf diesem Planeten verwandeln? Das ging doch nicht. Prinzen schlafen nicht einfach so mit irgendwelchen dahergelaufenen Nachbarinnen. Prinzen hatten einzig und ausschließlich für ihre Prinzessin da zu sein. Und die Prinzessin war hier immer noch ICH! Ich! Nicht sie! Oh Gott, mein Herz schmerzte so fürchterlich, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn ich auf der Stelle tot umgekippt wäre. Aber ich blieb stehen. Ich stand dort, eine Hand an dem Türrahmen festgekrallt und taxierte Aidan mit meinen Augen, wie der Jäger den Hirsch, bevor er den Abzug drückte. Und hätte ich in diesem Moment eine Flinte in meinen zitternden Händen gehalten, ich hätte mit Sicherheit abgedrückt.

Mit hektischen Bewegungen hatte sich  mein Exfreund inzwischen von der Dame getrennt und versuchte mit dem langen, roten Mantel, den er noch trug, seine Blöße zu bedecken. „Das ist nicht so wie es aussieht." 

„Ist es nicht? Na, auf die Ausrede bin ich jetzt aber gespannt." Wut äußerte sich bei mir übrigens schon immer in Form von Sarkasmus und so verhielt es sich auch in diesem Fall. Und ich war nicht nur wütend. Ich war zutiefst verletzt. Mich hatten schon andere Männer schlecht behandelt, aber ich hatte auch noch nie für einen Mann soviel empfunden wie für Aidan.  „Lass mich raten. Du bist gestolpert, hast das Gleichgewicht verloren und bist ganz ausversehen mit deinem Schwanz in deiner Nachbarin gelandet? Oder du hast uns verwechselt. Kann ja mal vorkommen, so ähnlich wie wir uns sehen." Ich ließ einen angewiderten Blick über die kurzen, wasserstoffblonden Haare der Frau gleiten und fasste mir energisch in die meinen, die weder blond, noch kurz waren. Dann stieß  ich einen empörten Zischlaut aus und machte auf dem Absatz kehrt. Ich ging zurück in den Flur, wo ich die Tüte mit dem Negligee achtlos auf den Boden fallen ließ, nahm ich mich wieder meines Mantels und der anderen, wärmespendenden Utensilien an und hatte nur noch den Wunsch, diesen Ort des Verrates, so schnell mich meine Füße trugen, zu verlassen. Aidan, der nun bereits hinter mir stand und in einer Tour irgendwas auf mich einredete, ignorierte ich. Ich hörte ihn nicht, weil er es nicht wert war gehört zu werden. Als sich jedoch seine Hand auf meine Schulter niederlegte, fuhr ich energisch herum und hob meine rechte Hand. Bevor ich so recht wusste, was ich zu tun gedachte, fand ich meine Hand aber auch schon, begleitet von einem klatschenden Geräusch auf seiner Wange wieder. Das hatte ich nicht tun wollen. Ich verabscheute Gewalt. Doch ich entschuldigte mich nicht. Wischte lediglich seine Hand von meiner Schulter, die trotz der schallenden Ohrfeige nicht von dort verschwunden war und riss die Haustür auf, die nur wenige Sekunden später laut krachend hinter mir ins Schloss fiel.

Voll mit nie gekannter Wut und Enttäuschung, fuhr ich zu meiner Wohnung, sammelte ein paar Sachen ein und schmiss mich dann wieder in den Bus, der mich zu meinen Eltern brachte. Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich Weihnachten bei meinen Eltern, genau wie allen anderen Familienfeiern, immer mit gemischten Gefühlen entgegen sah. Aber dieses Mal hatte ich mich tatsächlich sowas wie gefreut. Mit Aidan an meiner Seite, hätte in diesem Jahr einmal niemand auf mir herumhackt und mich daran erinnert, dass es endlich Zeit würde, dass ich mir einen Mann zum Heiraten anschaffte. Alle hätten sich bemüht, die perfekte Familie abzugeben und Aidan wäre der perfekte Gentleman gewesen. Meine Mutter hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und den Tag rot im Kalender angestrichen und alle wären irgendwie glücklich gewesen.  Jetzt hatte ich allerdings noch viel weniger Lust auf Weihnachten, als sonst.  Die knapp zweistündige Fahrt ging einfach so  an mir vorbei. Ich dachte nichts, ich sah nichts und ich hörte auch nichts. Gut, letzteres ist in meinem Fall nicht wirklich etwas Besonderes. Als der Bus hielt, stieg ich wieder aus, ging die Straße hoch, blieb vor dem  Haus meiner Eltern  stehen und klingelte. Ich tat das alles ganz mechanisch, als wäre ich eine Marionette. Und ein klein wenig wünschte ich mir auch, ich wäre nicht mehr als eine leblose Puppe, denn der Schmerz unter meiner unförmigen Brust war mörderisch. Damals ahnte ich nicht, dass dieser Schmerz einem Kindergeburtstag gleich kam, verglichen mit den Schmerzen, die ich erst noch erfahren sollte. Und das wo ich Schmerzen doch so unendlich verabscheute.

„Kind!" Erst als meine Mutter die Tür aufriss und mich in ihre Arme schloss, kam wieder ein bisschen Leben zurück in meinen Körper und meinen Geist. Mir entging es aber auch nicht, dass sie sich über meine Schulter hinweg fast den Hals verrenkte, auf der Suche nach dem angekündigten Besuch.

„Hol dir keinen Nackenschaden. Ich bin allein", sagte ich deshalb und löste mich aus ihrer Umarmung, um ins Haus zu stapfen. Dabei umging ich alle Regeln, die meine Mutter im Laufe der letzten dreißig Jahre so aufgestellt hatte. Ich machte zum Beispiel keinerlei Anstalten mir die Schuhe auszuziehen, geschweige denn sie auf der Fußmatte abzutreten. Das brachte mir natürlich einen bösen Blick der Hausherrin ein, aber das war mir egal. Ich litt Höllenqualen und sie machte den Dreck doch ohnehin nicht selber weg. Wenigstens ersparte sie mir jeglichen dämlichen Kommentar über mein alleiniges Erscheinen. Dabei hatte ich fest damit gerechnet. Ich war quasi darauf vorbereitet. Aber sie blieb stumm und betrachtete mich mit Befremden im Blick.

„Meredith? Bist du das, mein Täubchen?", flötete mein Vater, als er in den Flur kam und sich genauso suchend umsah, wie seine Frau es zuvor getan hat.

„Spar dir die Mühe, er ist nicht hier", klärte ich auch ihn auf.

„Wieso denn nicht?", klinkte sich sogleich auch meine Schwester Susanna ein und blickte enttäuscht in die Runde.

Ich fragte mich wirklich, wer diesen Menschen das Recht gab, so unendlich enttäuscht aus der Wäsche zu gucken. Ich war hier schließlich diejenige, die betrogen worden war, aber das schien niemanden zu interessieren. „Weil der blöde Wichser lieber die Weihnachtsfrau vögelt!" Lautstark machte ich meinem Ärger Luft, ganz zur Freude meines achtjährigen Neffen, der gerade durch den Flur hinter seiner kleinen Schwester herjagte und aufgrund meiner unflätigen Aussprache ruckartig stehen blieb.

„Wow!" Mit einem hochachtungsvollen Nicken grinste Brooklyn mich an, sah dann zu seiner Mutter und stürmte mit einem lauten „blöder Wichser, blöder Wichser, blöder Wichser!" Geschrei ins Wohnzimmer.

„Super, Meri!" Böse Augen funkelten mich an, bevor meine Schwester ihrem Ältesten folgte, um ihm den Mund mit Seife auszuwaschen, oder ihm wenigstens eine mächtige Standpauke zu halten. Oder beides. Ich war mir über ihre Erziehungsmethoden noch nie so recht im Klaren. Und ich verspürte weder zu diesem, noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Zukunft das Verlangen, etwas an diesem Wissensmangel zu ändern. Vielleicht würde sie ihn auch verprügeln. Das hätte ich natürlich nicht so gut gefunden, aber auch das war mir in dem Augenblick scheißegal.

Der Rest meiner Sippschaft sah mich einen Moment betreten an, dann schienen sie alle ganz plötzlich ganz furchtbar wichtige Dinge erledigen zu müssen. Und so verschwand meine Mutter unter hektischem: „Mir brennt noch die Gans an", in der Küche. Mein Vater nahm sich noch einen Moment zeit um mich von oben bis unten zu mustern, dann murmelte er leise: „Ich muss ja noch bei den Kealans anrufen" und verschwand die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer. Und so blieben nur mein Schwager Connor und ich im Flur zurück. Groß und mit seinen feuerroten Haaren wie immer unübersehbar, hatte er sich gegen das Treppengeländer gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt, während er mich abschätzend musterte.

„Was?", fragte ich, als mir der durchdringende Blick irgendwann unheimlich wurde.

„Dir ist schon klar, dass deine Schwester mir nun wieder tagelang damit in den Ohren liegen wird, welch hartes Los sie doch mit dir gezogen hat, oder?" Er löste sich aus seiner starren Haltung und machte ein paar Schritte auf mich zu.

„Tja, was soll ich sagen?" Ich zuckte mit den Schultern. „Familie kann man sich eben nicht aussuchen. Ehepartner schon. Du bist also selbst Schuld."

Connor kam vor mir zum Stehen und grinste mich an, bevor er mich in die Arme schloss. „Tut mir leid", bekundete er als einziger Anteilnahme an dem Verrat, den man an mir begangen hatte. Ich fühlte mich komisch und das aus mehrerlei Gründen. Komisch natürlich, weil Aidan mich betrogen hatte, aber auch, weil ich Connor das letzte Mal umarmt hatte, um ihn als meinen Schwager in unserer Familie willkommen zu heißen. Das war an dem Tag gewesen, an dem er Susi geheiratet hatte und somit mehr als neun Jahre her. Außerdem hielt ich ihn für den denkbar schlechtesten Menschen, um jemanden zu trösten, der gerade betrogen worden war. Aber ich war in diesem Moment nicht gerade wählerisch. Und so drückte ich mich an seine Brust und schwieg. Andere hätten wahrscheinlich geweint, aber ich hatte noch nie wegen einem Mann geweint. Ich weinte, wenn man mir ein Unrecht tat, wenn ich etwas wollte oder wenn ich körperlichen Schaden genommen hatte. Aber ich weinte nicht wegen Männern. Das hatte bisher noch kein Mann geschafft und das schaffte auch Aidan nicht. So sehr ich ihn auch geliebt hatte und so gekränkt ich auch war: meine Augen blieben trocken.  „Was hältst du von Scotch?"

„Jede Menge."

Unaufgefordert folgte ich meinem Schwager ins Wohnzimmer und nahm den Drink entgegen, den er mir reichte. Wortlos ließ ich mich in einen der Sessel fallen und beobachtete die Szenerie. Ohne Luft zu holen, prasselte Wortschwall um Wortschwall aus dem Mund meiner Schwester, auf Brooklyn nieder, der immer kleiner zu werden schien. Meine drei Nichten hingegen sahen aufmerksam dabei zu und konnten sich hier und dort ein Kichern nicht verkneifen. Und je länger ich die perfekte Vorzeigefamilie betrachtete, desto größer wurde in mir der Verdacht, dass es wahre Liebe gar nicht gab. Dass all die schönen Geschichten, über Prinzen und Prinzessinnen, eben nichts weiter waren als Märchen. Ausgeburten der Fantasie eben. Sie sind schön und füllen unser Herz mit Wärme, sind aber fernab jeglicher Realität. Der Verdacht lag nahe.

Ich fixierte meine Schwester mit meinem Blick.

Meine perfekte Schwester, mit dem perfekten Mann, der perfekten Karriere, den (fast) perfekten Kinder und dem perfekt gehüteten Geheimnis.

 


Chapter End Notes:
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