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Mein erstes „Date“ hatte ich im zarten Alter von vierzehn Jahren. Ich weiß noch, dass meine Mutter ein riesen Brimborium darum betrieben hat, als ginge es um meinen Debütantinnenball. Dabei war es nur eine Verabredung mit dem Nachbarsjungen, um im Kino einen Film anzusehen. Trotzdem hat meine Mutter es sich nicht nehmen lassen mir vorher einen ellenlangen Vortrag über Jungs und das mystische Thema Sex zu halten. Hallo? Sex? Wir sind ins Kino gegangen! Mein Vater hat uns hin gebracht und sein Vater hat uns wieder abgeholt. Glaubten die etwa, wir treiben es vor versammelter Mannschaft im Vorführsaal oder eben schnell auf der Toilette? Mittlerweile bin ich aber zu dem Glauben gekommen, dass es normal ist, wenn die ältere Generation davon ausgeht, dass die Jüngeren all die Dinge tun die man sich niemals getraut hätte, als man selbst noch jung war.

 

Vor meinem Debütantinnenball hingegen, hat meine Mutter mir keinen Vortrag über Sex gehalten. Stattdessen über gute Manieren, einen anmutigen Gang und dass man sich Vaseline auf die Zähne schmiert, um DAS perfekte Lächeln an den Tag zu legen. Vaseline schmeckt nämliche nicht sonderlich gut und da reißt man ganz automatisch die Lippen hoch, wie es sonst nur Mister Ed das sprechende Pferd zu tun pflegt. Naja jeden falls nahm ich den fehlenden Vortrag über sexuelle Umtriebigkeit zum Anlass , meine Jungfräulichkeit an eben diesem Abend in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Man geht auch viel entspannter an so eine Sache ran, wenn man nicht die ganze Zeit das Bild der eigenen Mutter im Kopf hat, die versucht einem mit Hilfe einer Banane versucht zu erklären, wie ein Kondom funktioniert.

 

An dem Bild, das meine Mutter allerdings abgab, als sie kurz zum Wagen meines Vaters ging, um ihren Lippenstift zu holen und mich dort mit Riley Bauer quasi inflagranti erwischte, daran weide ich mich heute manchmal noch. Es war aber auch einfach zu komisch, wie ihr Mund halb offen stand, als wäre sie ein Fisch und sie sich scheinbar nicht entscheiden konnte, drauf los zu schimpfen oder schreiend wegzulaufen. Sie stand einfach da und klammerte sich an der Autotür fest, als würde sie jeden Moment ohnmächtig werden. Es dauerte bestimmt mehrere Minuten, bis sie schließlich die Tür zuschlug und ich anhand ihrer klappernden Absätze nur vermuten konnte, dass sie sich vom Auto entfernte.

 

„Ich glaub, das gibt Ärger“, vermutete Riley, aber ich zuckte nur mit den Schultern, lächelte ihn an und zog ihn wieder zu mir herunter, um endlich zu Ende zu bringen, was wir begonnen hatten.

 

Lustiger weise verlor meine ja ach so aufgeschlossene Mutter nie wieder ein Wort über die Geschehnisse des Abends, an dem ich in die Londoner Gesellschaft eingeführt wurde. Erwachsen werden in einem Abwasch, würde ich das nennen. Und eine Erinnerung an diesem Abend hängt in Form eines roten Blutflecks, der auf der Rückseite meines blütenweißen Debütantinnenkleides prangt, im Schrank im Keller. Eigentlich ein schönes Andenken, finde ich. Aber meine Mutter würde ihnen  jetzt wahrscheinlich was ganz anderes erzählen. Angefangen beim Preis des schicken Fummels aus purer Seide, bis hin zu tugendhafter Sittsamkeit. Aber das ist ja wieder so eine Prinzessinnensache und wir hatten ja bereits geklärt, dass ich keine Prinzessin bin. Außerdem war sie es doch, die mich so bildlich aufgeklärt hat und ein Kondom haben wir auch benutzt. Sie sollte lieber froh sein, dass ich das Kondom nicht über eine Banane gezogen hab. Das Wort Penis ist in ihrem kleinen Aufklärungsvortrag nämlich nicht einmal gefallen. Und dann gäbe es jetzt vielleicht noch ein ganz anderes Andenken an diesen Abend. Dann wäre ich vielleicht schwanger geworden. Dann hätte man mich und Riley gezwungen zu heiraten und diese Geschichte wäre langweilig und bereits hier zu Ende. Ich gehöre zwar nicht zu den klügsten Frauen, aber ich wusste wo das Kondom hingehört und somit ist es bei dem roten Fleck auf weißer Seide geblieben.

 

Viele mögen mich anhand dieser Aktion als die Rebellin in meiner Familie sehen, aber das ist so nicht ganz richtig. Im Großen und Ganzen bin ich durch und durch ein verzogenes und verwöhntes Kind der Londoner Oberschicht. Ich hab mich nie um viel kümmern müssen. Mein Daddy brachte das als Chef der Zentralbank von Großbritannien die ganze Kohle nach Hause und der Rest der Familie gab es aus. Irgendwer musste es schließlich tun, Daddy verbrachte ja den ganzen Tag von morgens früh bis Abends spät im Büro. Der hatte gar keine Zeit für sinnlose Shoppingtouren. Ich aber. Ich bin also mit Gucci, Prada und Co aufgewachsen und empfand es als ziemlich normal, dass eine Jeans 200 Pfund und mehr kostete. Wie viel Geld das in Wirklichkeit ist fand ich erst heraus, als ich es selbst verdienen musste, aber dazu komme ich später. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Bei den verwöhnten und verzogenen Gören der Londoner Oberschicht.

 

Sich während des eigenen Debütantinnenballs auf der Rückbank des BMWs des eigenen Vaters entjungfern zu lassen, mag nach einer gewagten Aktion aussehen, ist im Großen und Ganzen aber nichts Besonderes. Sex ist nämlich ein wichtiger Bestandteil im Leben einer Berufstochter, wahlweise auch eines Berufssohns. Ich kann nicht behaupten, dass meine Jugend in irgendeiner Weise unangenehm gewesen wäre. Gut, von der lästigen Schule vielleicht mal abgesehen, bestand mein Leben vorrangig aus wilden Partys, schnellen Autos, teurer Kleidung und hübschen Jungs. Und das alles kostete mich nichts. Nicht einen Penny. Bevor ihr mich jetzt allerdings verurteilt, lasst mich zu meiner eigenen Verteidigung sagen: ich habe es einfach nicht anders gelernt. Meine Mutter ist schließlich auch Berufshausfrau und eigentlich macht die im Haushalt nicht einen Handschlag selbst. Nur an Weihnachten steht sie selbst hinterm Herd. Ansonsten besteht ihr Leben nämlich aus Beautysalons und feinen Teegesellschaften mit anderen Berufshausfrauen. Wenn man es genau nimmt, bin ich also nur eine moderne Ausgabe meiner Mutter.

 

Ob das nun allerdings besonders erstrebenswert ist, das geb ich gerne zum Streitthema frei. Aber wie ich bereits schon einmal angemerkt habe, bin ich nicht nur ein verwöhnter, sondern auch noch ein ganz besonders fauler Mensch und noch dazu ein Gewohnheitstier. Den ganzen Ehrgeiz, die Durchsetzungskraft und auch das meiste der Intelligenz und all´ die anderen guten Gene, die meine Eltern zu vergeben hatten, hat sich nämlich meine ältere Schwester Susanna unter den Nagel gerissen, als ich noch gar nicht geplant war und somit nicht einmal die Chance hatte Anspruch auf irgendeine Fähigkeit zu erheben. Susi hingegen hat das volle Paket abgegriffen und lässt keine Chance ungenutzt verstreichen, um mir unter die Nase zu reiben was sie alles macht und tut und ich nicht. Bereits als kleines Mädchen wusste sie genau wohin sie es eines Tages wollte. Nämlich in die Politik. Und das hat sie auch geschafft. Genau wie ihr Mann, ist sie ein ganz hohes Tier in Englands politischer Schicht. Was genau sie allerdings macht weiß ich nicht. Es ist nicht so, dass mir das egal wäre, aber wirklich interessieren tut es mich auch nicht.

 

Wenn sie mir mal was von ihrem Beruf erzählt, schallte ich einfach ab. Mein Kopf wird dann einfach völlig leer. Ich sehe sie an, ich sehe auch wie ihre Lippen sich bewegen, mehr aber auch nicht. Ich schalte einfach den Ton ab, wenn man so will. Eine Fähigkeit, die ich schon als Kleinkind sehr gut beherrscht hab. Wenn mich etwas nicht interessiert, schalte ich den Ton ab und belaste mein Gehirn nicht weiter damit. Aber zurück zu meiner Schwester. Da meine Schwester immer schon wusste was sie wollte, war es für sie einfach ihr Leben genau darauf abzustimmen. Sie hat immer viel gelernt, weil sie wusste, dass das für ihre Zukunft wichtig war. Sie brachte immer die besten Noten nach Hause. Ich war darauf allerdings nie neidisch. Wieso auch? Wenn meine Mutter mir Vorträge hielt, dass ich mich doch bitte mal ein bisschen bemühen sollte mehr wie meine Schwester zu sein, stellte ich schließlich ebenfalls den Ton ab. Ich glaube, die Sache mit dem „die Welt auf lautlos stellen“ ist eine meiner besten Fähigkeiten. Zumindest hat es mich davor bewahrt ein ausgereiftes Mittelkindsyndrom zu entwickeln.

 

Während ich also immer freudestrahlend, mit dem Klingeln, die Schule verließ, um mit meinen „Freundinnen“ (ich setzte dieses Wort bewusst in Anführungszeichen. Wieso ich das tue werde ich euch später auch noch genauer erläutern.) shoppen zu gehen und all die Dinge zu tun, die mir Spaß machten, blieb Susanna freudestrahlend dort, um dem Debattierclub beizuwohnen, für die Schülerzeitung zu schreiben und ihren Pflichten als Schülersprecherin nachzugehen. Studiert hat sie natürlich Politikwissenschaften und natürlich in Oxford. Ich glaube, Oxford war eines der ersten Worte im Vokabular meiner Schwester. An der Uni lernte sie Connor kennen, den Mann ihrer Träume – sagt sie. Ich bin der Meinung, dass meine Schwester reichlich seltsame Träume haben muss. Wer steht denn bitteschön auf rothaarige Männer? Also ich find das eher, naja abstoßend ist vielleicht das falsche Wort, aber schön find ich das auch nicht und traumhaft schon gar nicht. Zack, da meldet sie sich wieder, meine Oberflächlichkeit. Ich kann da einfach nichts gegen machen.

 

Na ja, egal. Direkt nach Beendigung ihres Studiums heirateten die beiden und meine Schwester wurde schwanger. Fand sie erst mal gar nicht so gut. Kann ich verstehen. So eine Schwangerschaft ist ja nicht gerade gut für die Figur und wenn man gerade frisch verheiratet ist, will man ja auch sicher noch attraktiv sein für den eigenen Mann. Aber das war wie immer nur meine Sicht der Dinge. Meiner Schwester ging es viel mehr um ihre eigene Karriere. Sie fürchtete nämlich, dass  sie diese aufgrund der Schwangerschaft vergessen konnte. Zwar hatte sie Familie und alles durchaus geplant, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt. Susi hasst es, wenn ihre Pläne nicht aufgehen und ich glaube, deshalb hasst sie den kleinen Brooklyn auch ein wenig. Natürlich würde sie das niemals zugeben. Dafür ist sie viel zu sehr die gute Mutter, aber manchmal habe ich das Gefühl, er bekommt viel mehr Schimpfe, als seine Geschwister. Karriere gemacht hat Susanna dann schließlich auch trotz Kind. Zwar hat sie es nie so weit gebracht wie Connor, der, glaub ich, für die Vereinten Nationen oder so arbeitet, aber weit genug. Mittlerweile haben sie vier Kinder. Alle im Abstand von zwei Jahren geboren. Brooklyn, Crystal, Sophia und Angeline. Alle rothaarig. Arme Kinder.

 

Dank ihrem Ehrgeiz, ihrer Durchsetzungskraft und ihrer riesigen Intelligenz, hat meine Schwester das geschafft, wovon viele träumen. Sie hat das perfekte Leben. Sie hat einen Mann, eine Karriere, vier Kinder, ein großes Haus, zwei große Autos, einen Swimmingpool, einen Gärtner, eine Nanny und all diesen Kram. Und warum hat sie das alles? Weil sie schon früh wusste was sie wollte und immer fleißig auf ihr Ziel hingearbeitet hat.

 

Ich wusste nie so genau was ich wollte. Offensichtlich wollte ich nie so werden wie meine Mutter. Da mir aber auch nichts anderes einfiel, hat sich mein Unterbewusstsein wohl irgendwann damit abgefunden, dass auch ich irgendwann einmal Berufshausfrau werden würde. Dafür kann man im Vorfeld allerdings nicht viel tun. Man sorgt lediglich dafür, dass man immer gut aussieht und angelt sich irgendwann einen reichen Ehemann. Als ich die Schule hinter mich gebracht hatte, fühlte ich mich dazu allerdings noch zu jung. Was also tun? Zum Glück hatte meine Schwester mir noch ein klein wenig Intelligenz übrig gelassen und so verließ ich die Schule zwar nicht wie sie als Jahrgangsbeste, aber auch nicht als totale Versagerin. Es reichte um studieren zu gehen. Zwar nicht in Oxford, aber dafür an einer teuren Privatuni in London. Und aus London wollte ich eh nicht weg. Ich wollte aber auch nichts Anstrengendes studieren, wegen der Faulheit. Ich wälzte ein paar Kataloge und fand schon bald den Studiengang für mich. Philosophie.

 

Also wenn das nicht wie für mich gemacht war, dann wusste ich auch nicht. Lange um den heißen Brei herum schwafeln und sich am Ende bloß nicht auf eine allgemeingültige Meinung festlegen. Find ich super. Ich bin nämlich ganz große Meisterin im schwafeln. Ich kann ewig lange drum herum reden und komme dabei nicht selten von Höcksken auf Stöcksken und allgemeingültige Meinungen finde ich auch doof. Es ist nicht so, dass ich eine so dumme, verwöhnte Gans bin, dass ich mir keine eigene Meinung bilden kann. Das kann ich und das tue ich auch. Ich teile meine Meinung auch mit. Ich scheue auch keine Konfrontationen. Ganz im Gegenteil. Ich streite gerne. Ich finde das befreiend. Aber davon mal ganz abgesehen, finde ich, dass Leben so vielschichtig und so chaotisch, dass jede Meinung eine Existenzberechtigung hat. Ist ja auch jedes Leben anders. Warum sollte dann nicht auch jeder Mensch eine eigene Meinung haben? Muss doch nicht immer alles genormt sein. Muss doch nicht immer alles genau aufeinander passen. Mit etwas Gewalt kann das Runde durchaus auch in das Eckige passen. Man muss es nur wollen. Und deshalb liebe ich die Philosophie.

 

Studieren ist übrigens auch klasse. Man kann von Zuhause ausziehen (natürlich auf Daddys Kosten) und genießt ganz plötzliche Unabhängigkeit. Damals dachte ich, nun würde endlich das „richtige“ Leben beginnen. Ich habe mich wie so häufig geirrt, aber ich habe es genossen. Keine Eltern, die einen nerven und jede Menge Partys. Das Beste am studieren ist meiner Meinung nach, dass man sich seine Kurse so legen kann, dass man freitags und montags auch frei und somit immer richtig langes Wochenende hat. Kann es etwas Schöneres geben? Gut, die unlimitierte Kreditkarte (natürlich von Daddy) ist auch eine prima Sache gewesen. Ich würde meine Unijahre mit zu den besten und unbeschwertesten Jahren meines Lebens zählen. Damals hatte ich auch den besten Sex, den ich bis jetzt überhaupt jemals gehabt habe. Da man mir aber auch mal gesagt hat, man soll lieber genießen und schweigen, will ich das hier jetzt nicht weiter breit treten. Ich sag nur soviel: also Julius Havest kann Sachen mit seiner Zunge machen, da vergisst du glatt, wie du heißt. Mich jedenfalls hat es danach fast eine halbe Stunde gekostet, um mich wieder an meinen Namen zu erinnern. Kann ich nur empfehlen. Leider hab ich keinen Kontakt mehr zu ihm, weil er irgendwann mal von einem Drogentrip nicht mehr richtig runter gekommen ist und sein Dasein jetzt irgendwo in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung fristet. Traurig, eigentlich. Er hatte Talent. Aber vielleicht gibt sich das ja irgendwann wieder. Dann wäre ich definitiv geneigt über seinen kleinen Schaden hinweg zu sehen und mich noch einmal mit ihm zu treffen.

 

Wenn es im Leben nur ein klein wenig nach meinem Willen gehen würde, ich würde wohl heute noch studieren. Also für immer meine ich. War ja wie gesagt klasse. Hat Spaß gemacht. Und an Spaß gewöhnt man sich schnell. Zack! Hat man sich dran gewöhnt. Und ich bin ja ein Gewohnheitstier und geb meine Gewohnheiten eher ungern auf. Nee, nicht so gerne. Sechs Jahre lang ging das auch gut, doch dann kam der verhängnisvolle Tag, an dem meine kleine schöne Welt von einer riesigen Abrisskugel bedroht wurde. Mein Vater eröffnete mir, dass es langsam an der Zeit wäre, mein Studium zu beenden und das richtige Leben beginnen zu lassen. Das richtige Leben? Was sollte das denn bitte heißen? Ich lebte doch richtig. Richtig gut nämlich. Meinen Vater konnte ich davon allerdings nicht so recht überzeugen und er gab mir zwei weitere Semester Zeit, um mein Studium endlich zu beenden, bevor er mir den Geldhahn zudrehen würde.

 

Ich bin mir bis heute noch nicht ganz sicher, ob er das so überhaupt durfte. Ich meine, mal ehrlich, das kann man doch nicht machen. Ich kann mein Kind doch nicht 25 Jahre lang vollkommen verziehen, nichts über das Sparen oder Geld verdienen, sondern immer nur übers Geld ausgeben und verschwenden beibringen und dann sowas machen. Zack. Sieh zu wie du klar kommst, auch wenn wir es immer schon versäumt haben dir so etwas wie Verantwortungsbewusstsein beizubringen. 

 

Meiner Meinung nach darf man das nicht. Sollte man auch nicht. Meine Fresse, ich hab geheult. Das sag ich euch. Und ich habe meinen Vater gehasst. Von einem Moment auf den Nächsten fühlte ich mich wie das arme kleine Schneewittchen, das einfach so verstoßen wird und im dunklen, bösen Wald auf sich selbst gestellt war. Wo sollte ich denn bitte auf die schnelle sieben Zwerge auftreiben, die sich um mich kümmern? Die sind heutzutage doch eher rar gesät.

 

Zwei Semester. Ein Jahr. Das ist wirklich nicht viel Zeit. Es ging mir nicht darum, dass die Zeit nicht reichte, um mein Studium zu beenden. Im Grunde hatte ich das sogar schon getan, nur niemandem erzählt. Mir fehlte eine popelige Prüfung, die ich mit links im Schlaf bestehen würde. Nein, das war wirklich nicht mein Problem. Viel schlimmer war doch die Tatsache, dass ich NUR ein Jahr hatte, um mir zu überlegen, was ich dann machen sollte. Ich hatte mich an das Studieren gewöhnt und ich wollte das ehrlich gesagt nicht aufgeben. Nun musste ich aber wohl. Es wurde also Zeit, so schnell wie möglich einen Mann zu finden, der mich ehelicht und zur Berufshausfrau macht. Was dann folgte kann man wohl gut und gerne einen Datingmarathon bezeichnen. Ich traf mich wohl mit so ziemlich jedem Mann Englands zwischen 25 und 30 Jahren. Einzige Voraussetzung war eine bereits begonnene Karriere oder zumindest eine sehr sicher stehende Karriereaussicht. Anfangs gab es noch andere Kriterien, wie zum Beispiel gutes Aussehen, weil ich ja oberflächlich bin und so. Doch mit jedem Date, das ich hinter mich brachte, sanken meine Ansprüche.

 

Erkenntnisse. Das Leben ist eine große Aneinanderreihung von Erkenntnissen, die wir durch Erfahrungen machen. Die Erkenntnis, dass ich eine Prinzessin sein will, machte ich durch die Erfahrungen, die ich auf der Suche nach einem Ehemann machte. Ich wollte keine Berufshausfrau sein. Es war mir doch nicht so egal, wen ich am Ende heiratete. Scheiß auf alles Geld der Welt. Kein Mensch braucht dicke Autos, eine Jacht, ein großes Haus, eine Finka in der Toscana und all diesen Kram, wenn die Liebe einfach fehlt. Ich wollte einen Mann, der mich liebte, einfach weil ich in seinen Augen perfekt bin war. Eine Prinzessin eben. Mir war es auch völlig egal wie er aussah oder was er verdiente. Er musste einfach nur den nötigen Charme mitbringen, um mich zu verzaubern. Ich wollte jemanden, der mich auf Händen trug und auf Rosen bettete. Der meine Wünsche kannte, bevor ich darüber sprach und jemanden der mir vertraut war. Ich wollte nicht irgendeinen Kerl, der mehr Zeit mit seiner Arbeit verbrachte als mit mir, nur um ein sorgenfreies Leben führen zu können. Und wenn das bedeutete, dass ich erst mal selbst arbeiten gehen musste, ja selbst wenn ich sogar mein ganzes Leben würde arbeiten gehen müssen, um mein und sein Überleben zu sichern, so war ich bereit diesen unangenehmen Nebeneffekt in Kauf zu nehmen.

 

Ich war und bin auch immer noch sehr stolz auf diese tolle Erkenntnis. Meine Euphorie bekam trotzdem einen mächtigen Dämpfer, als mir bewusst wurde, wie wenig Philosophen eigentlich gesucht wurden. Wenn man es genau nimmt gar keine. Das hätte man einem aber auch ruhig mal vor dem Studium sagen sollen, dass man als Neuphilosoph keine großen Chancen auf den hiesigen Arbeitsmarkt hat. Da stand ich also. Mit fast 26 Jahren hatte ich quasi nichts gelernt und musste nun gucken wie ich über die Runden kam. Zwar hatte ich es geschafft in dem einen Jahr, das mir mein Daddy als Schonfrist gesetzt hatte, eine ganze Menge Geld beiseite zu schaffen (einfach immer hier und da hundert Pfund mehr abheben als man eigentlich benötigt), doch auch dieses Geld würde nicht ein Leben lang halten. Ich brauchte also einen richtig, echten Job, für den man nichts gelernt haben musste. Da ist das Angebot zwar größer, als auf dem freien Philosophenmarkt, aber glaubt mal nicht, dass mich das wirklich aufgeheitert hätte. Verkäuferin, Kellnerin, Putzfrau… Ich glaub, ich hätte mir lieber das Rückrad gebrochen, um als Mensch mit Behinderung vom Staat gehaushaltet zu werden, als auch nur einen dieser Jobs anzunehmen.

 

Doch ein Jahr ist kurz. Ich hatte die Zeit so verdammt im Nacken, dass ich am Ende eine Stelle als Housekeeper annahm. Housekeeper, das sind Menschen, die sich um die Häuser reicher Leute kümmern, wenn diese verreist sind oder in ihrem Zweithaus oder so etwas in der Art. Der Job ist einfach. Man gießt die Blumen, holt die Post rein, zieht die Rollladen hoch. Solche Sachen eben. Manchmal geht man auch einkaufen, bevor die Herrschaften wieder kommen. Man tut halt alles, damit die eigentlichen Bewohner das Gefühl haben, als wären sie nie weg gewesen, wenn sie wieder kommen. Das schöne an meinem Job ist, dass ich soviel arbeiten kann wie ich will, oder eben auch nicht. Es gibt zwar ein monatliches Grundgehalt, das ist aber recht mickrig. Das eigentliche Geld macht man mit der Provision, die man je nachdem bekommt wie viele Klienten man betreut. Ich kann also wenig arbeiten, wenn ich wenig Geld brauche und viel arbeiten, wenn ich viel Geld brauche. Ich brauche übrigens immer viel Geld.

 

Wie von meinem Vater versprochen, wurde, auf den Tag genau, ein Jahr später meine Kreditkarte gesperrt und „das wahre Leben“ begann. Und hier will ich nun auch beginnen ihnen meine Geschichte ganz genau zu erzählen.

   

 


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