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Author's Chapter Notes:
Leider gehen mir die Leser flöten und ich vermute ganz stark (und Katie vermutet mit), dass das an der bemerkbaren Abwesenheit eines gewissen Briten liegt. Allen noch geneigten Lesern kann ich nur sagen haltet durch, er ist näher als ihr denkt. Ich bin halt ne Schwaflerin und habe mir für diese Geschichte diesen Plot so erdacht und werde ihn nun auch beibehalten, denn ich finde ihn gut. Nichts desto trotz gibt es schon gaaaaaaaaaaanz bald besuch von Mister Bloom.

Ich wollte mich übrigens noch ganz doll bei Stoffi bedajnken die dieses und auch schon das Kap davor gebetat hat, weil Kaddie das zeittechnisch einfach nicht geschafft hat. Danke Süße!

 



 

Zwei Tage lang suhlte ich mich in meinem Selbstmitleid. Ich ließ mich gehen, verließ meine Wohnung nur um am Kiosk Zigaretten und Süßigkeiten zu kaufen und ernährte mich hauptsächlich von den Getränken aus meiner persönlichen Minibar, während ich ohne Unterlass in die Flimmerkiste glotzte. Wenn der Plan, Berufshausfrau zu werden nicht aufging, dann konnte ich immer noch Berufsalkoholiker werden. Ist fast schon ein wenig erschreckend, wie viel Alkohol ich in mich hinein schütten kann, bevor mir schlecht wird. Ich glaube, ich sollte auch dieses Verhalten irgendwann einmal im Selbstversuch statistisch festhalten. Ich fürchte, ich kann einem ausgewachsenen finnischen Lkw-Fahrer Konkurrenz machen. Und ob das sonderlich erstrebenswert ist, das wage ich irgendwie zu bezweifeln. Vielleicht war ich ja auch schon so etwas wie ein Gelegenheitsalki. Ich hatte mal in einer Zeitung etwas über Suchtpotenzial gelesen. Ich sollte mich in diesem Bereich dringend ausführlicher informieren. Also zückte ich einen Stift und erweiterte die Liste mit meinen Plänen für das neue Jahr, die inzwischen meinen Kühlschrank zierte, um zwei weitere Punkte.
  •  Alkoholselbstversuch durchführen und statistisch auswerten
  •  Informationen über Suchtpotenzial einholen

Aber wie dem auch sein. Nach zwei Tagen der Selbstbemitleidung fiel mir schließlich die Decke auf den Kopf. Ich musste raus. Raus an die frische Luft. Arbeiten, shoppen und all die Dinge tun, die ich getan hatte, bevor Aidan sich so hintertückisch in mein Leben geschlichen hatte. Und obwohl immer noch Weihnachten war und Weihnachten ja das Fest war, das man im Kreise seiner Familie verbrachte, griff ich zum Telefonhörer, um Alice anzurufen.

„London Housekeepingservice. Alice Cooper (Ja, die Frau heißt wirklich so. Unglaublich, was Eltern ihren Kindern manchmal antun) am Telefon. Was kann ich für Sie tun?", rasselte meine Chefin mechanisch in den Hörer und am raschelnden Geräusch, das irgendwelche Papiere erzeugten, konnte ich feststellen, dass auch meine Vorgesetzte ihre Zeit lieber auf der Arbeit als bei ihrer Familie verbrachte.

„Hallo Alice. Ich bin´s, Meredith."

„Oh. Hi! Frohe Weihnachten. Was gibt´s? Warum rufst du an?" Das Geraschel wurde eingestellt und ich konnte Alice förmlich vor mir sehen, wie sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte und aus dem Fenster sah, wie sie es immer tat, wenn sie Telefonate führte, die nichts mit dem Geschäft zu tun  hatten.

„Eigentlich wollte ich nur fragen, ob ich morgen nicht vielleicht arbeiten kommen darf", fragte ich kleinlaut und folgte instinktiv meiner kleinen Macke, mir auf der Unterlippe herumzukauen.

„Hä? Wieso das denn? Ich dachte, du feierst mit Aidan und deiner Familie Weihnachten." Falsch gedacht!

„Tja, was soll ich sagen?" Ich suchte in meinem Kopf nach einer Formulierung, um das Geschehene möglichst gelassen rüber zu bringen, allerdings ohne jeden Erfolg. Sobald ich auch nur an Aidan und das, was er mir angetan hatte, dachte, überkam mich die blanke Wut. „Aidan hat seine Nachbarin gevögelt. Wir haben uns getrennt. Mir fällt die Decke auf den Kopf. Ich muss arbeiten", teilte ich Alice deshalb ganz unverblümt mit. Früher oder später hätte ich es ihr eh erzählt. Und in diesem Fall wäre früher vielleicht gar nicht verkehrt gewesen, um ein paar Mitleidspunkte einzuheimsen, die sie weich werden ließen und dieses Gespräch zu meinen Gunsten endete.

„Oha!" Um die rhetorischen Fähigkeiten meiner Chefin war es auch schon einmal besser bestellt gewesen, wenn ich das mal kurz anmerken durfte.

„Also darf ich?", bohrte ich gleich noch einmal nach, obwohl mir bereits als ich die Nummer gewählt hatte, klar war, dass sie ablehnen würde. Aber man soll ja die Hoffnung nie aufgeben und den Mitleidsfaktor nicht unterschätzen.

„Meredith." Oha! Dieser verständnisvolle aber entschuldigende Tonfall konnte nichts Gutes für mich bedeuten. „Das tut mir wirklich schrecklich leid." Ja mir auch, aber wen interessiert das schon? „Aber ich kann dich nicht arbeiten lassen." Na was hab ich gesagt? Man könnte fast meinen, ich besäße hellseherische Fähigkeiten. Entweder das, oder ich hab das Thema einfach schon zu oft mit Alice durchgekaut.

„Och bitte, bitte, bitte!" Jetzt bettelte ich schon, arbeiten gehen zu dürfen. Die Welt geht vor die Hunde, meine Damen und Herren. Und dabei wollte ich doch eigentlich niemals arbeiten. Es wurde wirklich Zeit, dass ich meinen Plan mit dem reichen Ehemann in die Tat umsetzte, so konnte es jedenfalls nicht mit mir weiter gehen.

„Och Meredith, müssen wir dieses Spielchen wirklich jedes Jahr durchkauen?" Erste Gereiztheit bildete sich in der Stimme meiner Chefin. „Würdest du deinen Urlaub wie normale Menschen über das ganze Jahr verteilt nehmen, dann müsstest du am Jahresende nicht immer zu Hause bleiben. Aber den Urlaub nehmen musst du, sonst krieg ich Ärger mit irgendwelchen Gewerkschaften und da hab ich genauso wenig Bock drauf wie auf diese Diskussion mit dir. Wenn du also Ablenkung brauchst, dann geh shoppen."

„Hab ich Geld für shoppen?" Was gereiztes Sprechen angeht, schlage ich Alice übrigens um Längen.

„Ich versprech dir, du darfst ab dem vierten wieder arbeiten kommen. Von mir aus bis du umfällst. Das ist doch was. Und jetzt leg ich auf, ich hab noch zu tun. Ich wünsch dir noch einen schönen Urlaub." Ob da wohl jemand fließend Sarkasmus spricht? Aber bevor ich mich zu diesem kleinen Seitenhieb äußern konnte, hatte sie tatsächlich schon aufgelegt und ich hörte nur noch das monotone Tuten am anderen Ende der Leitung.

Wie ich ja bereits erwähnt hatte, war mir von vornherein klar gewesen, dass ich als Verliererin aus diesem Gespräch hervorgehen  würde. Mir blieb also kaum etwas andere übrig, als den Vorschlag meiner Chefin zu beherzigen und shoppen zu gehen. Und eigentlich kam mir das auch ganz gelegen. Ich hatte schließlich den Vorsatz, mir im neuen Jahr einen reichen Ehemann zu angeln und hierzu benötigte ich passende Garderobe. Mädchen, seid lieber hübsch als klug , denn Männer können besser gucken als denken. Also machte ich mich auf den Weg in die Stadt und reizte den Dispo meines Kontos bis zum Ende aus. Wenn ich erst einmal Berufshausfrau war, dann würde ich ohnehin  kein eigenes Konto mehr benötigen und die Mühen würden sich auszahlen.... Ich hatte doch bereits erwähnt, dass ich mich ziemlich oft dem Irrglauben hingebe, oder?

Und dann war da noch der Wechsel ins neue Jahr. Meine ganz persönliche Horrorvorstellung, wenn ich so ehrlich sein darf. Die Nacht zuvor verbrachte ich äußerst unruhig. Immer wieder quälten mich Albträume, in denen eins der Kinder durch mein Fehlverhalten Schaden nahm. Das wiederum hatte zur Folge, dass ich ab fünf Uhr in der Früh gar nicht mehr schlafen konnte und mich stattdessen mit Hilfe des Internets auf den neuesten Stand der Ersten Hilfe brachte. Ich informierte mich eingehend über die Behandlung von Verbrennungen und Schnittwunden, Brüchen und Atemnot, sowie dem Verfahren in Schocksituationen und wie man jemanden in die stabile Seitenlage bringt, gefolgt von Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzrhythmusmassage.

Als Connor mich um sieben dann endlich abholte, war mir der Schlafentzug deutlich anzusehen. Ich hatte mir noch nicht einmal die Mühe gemacht, die dunklen Ringe unter meinen Augen zu überschminken. Für wen sollte ich mich auch hübsch machen? Für die Kinder bestimmt nicht. Und vielleicht hegte ich auch ein wenig die Hoffnung, dass mein Schwager meine desolate Erscheinung als schlimme Krankheit auffassen und mich zu Hause lassen würde. In diesem Fall hatte ich allerdings (wie so oft) umsonst gehofft. Connor war der perfekte Gentleman und machte sogar noch Komplimente über mein Aussehen. Widerlicher Schleimer! Ich steckte echt verdammt tief in der Scheiße. Gut, ich war bestens gerüstet, sollte ein Kind vom Dach fallen oder in der Kamin oder in den Pool oder sich irgendwie anderweitig verletzen, aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie ich die Kinder so beschäftigte, dass eben nichts von diesen Dingen überhaupt erst passieren konnte. Ich kannte die genauen Rezepturen 37 verschiedener Cocktails, aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung von irgendwelchen unterhaltsamen Kinderspielen. Und, oh mein Gott, ich war so verdammt müde. Ich war sogar so müde, dass mir bereits auf der 30 minütigen Autofahrt zweimal die Augen zufielen. Laut Connor hab ich sogar einmal kurz geschnarcht. Aber das halte ich immer noch für eine Lüge, denn ich schnarche nicht. Aber auch das spielt eigentlich gar keine Rolle. Alles, was zählte war, dass ich den Abend rum bekam ohne dass eines der Kinder Schaden nahm. Meine Schwester hatte schon so viele Dinge für mich getan, jetzt war es an mir, mich auch einmal dafür zu revanchieren. Das schuldete ich ihr irgendwie.

„Angeline schläft bereits", teilte Susi mir mit, während Connor ihr in den Mantel half. Sehr gut. Da waren es nur noch drei tollwütige Mainzelmännchen, um die ich mich kümmern musste. „Sophia fallen auch gleich die Augen zu. Sie hat ihren Schlafanzug schon an, bring sie einfach ins Bett wenn sie einschläft. Crystal geht spätestens um acht und ich hab Brooklyn versprochen, dass er bis Mitternacht wach bleiben darf, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass auch er vorher schlapp macht. Du erreichst uns auf dem Handy, wenn irgendwas sein sollte. Die Nummer von unserem Kinderarzt liegt neben dem Telefon. Die Nummer von der Vergiftungszentrale ebenfalls. Ach und die vom Notruf."

„Die Nummer vom Notruf?" Ich rollte kurz mit den Augen. Ja, ich war nicht die geborene Tante und schon gar nicht die geborene Babysitterin. Ich machte mir selbst mehr als genug Sorgen und die Sorgen meiner Schwester waren mit Sicherheit nicht unbegründet, aber die Nummer vom Notruf? Hallo? So doof war ja noch nicht einmal ich. „666, oder?" Ich grinste frech.

„Meredith, bitte!" Wow! Die angsterfüllten Augen, aus denen meine Schwester mich ansah, waren echt zum Schießen. Und dieser verzweifelte Tonfall. Ich glaube, für einen kurzen Moment war sie drauf und dran, alles abzusagen und zu Hause zu bleiben. Und obwohl ein nicht zu verachtend großer Teil von mir das sehr begrüßt hätte, öffnete ich die Haustür.

„999, Susi. Wir schaffen das schon. Amüsiert ihr euch." Ich versuchte so gut es ging zu lächeln und legte Susanna eine Hand ins Kreuz, um sie sanft nach draußen zu schieben.

„Sie hat Recht, Sue. Wir sind außerdem schon spät dran", kam mir mein Schwager zu Hilfe. Er vertraute scheinbar auf meine (nichtvorhandenen) pädagogischen Fähigkeiten. Meine Schwester offenbar nicht. Sie sah immer noch ziemlich verzweifelt aus. Wieso hatte sie mein Angebot überhaupt angenommen, wenn sie so dermaßen an mir zweifelte?

„Der Verbandskasten ist im Badezimmer. Zweiter Schrank von rechts", brüllte sie mir förmlich entgegen, als Connor sie bei der Hand fasste und fast schon zum Wagen zerrte. Ein Bild, das mein Lächeln gleich ein wenig authentischer werden ließ. „Oh! Und ich hab dir eine Flasche Champagner ins Eisfach gelegt", schrie sie weiter, während ihr Mann die Beifahrertür öffnete. „Und im Haus wird nicht geraucht!"

„Aye  aye, Captain!" Am Ende musste ich sogar laut lachen, als Connor sie auf den Beifahrersitz drängte und die Tür laut zuschlug und um den Wagen rum lief, um selbst einzusteigen. Ich blieb noch in der Haustür stehen, bis der Wagen die Auffahrt verlassen hatte, dann ging ich wieder hinein und schloss die Tür. „Also dann." Ich atmete einmal tief ein und wieder aus, sprach mir selbst Mut zu und machte mich dann auf den Weg zu den Kindern, die im Wohnzimmer saßen. Crystal und Sophia schauten voller Freude eine Folge der Sesamstraße, während Brooklyn hochkonzentriert mit seinem Nintendo beschäftigt war. Interaktive Medien. Wie gerissen. Und ich hatte schon gedacht dieser Abend würde schwierig werden, aber wenn alles so blieb, dann würde es ja geradezu langweilig werden. Hach ja, schöne Macht der Vorstellungskraft und Fantasie...

„Hey, was seht ihr schönes?" Ich ließ mich im Schneidersitz neben meinen Nichten auf den Boden nieder.

„Wir gucken die Sesamstraße." Mit einem zuckersüßen Lächeln auf den Lippen rutschte Sophia etwas näher an mich ran und lehnte ihren roten Schopf an meine Schulter. Diese ganze Babysittersache schien viel einfacher zu sein als ich geglaubt hatte.

„Ja das sehe ich." Wie von selbst strich meine rechte Hand über den kleinen Kinderrücken. „Oh Graf Zahl! Den find ich klasse."

„Ich mag Elmo am liebsten." Auch Crystal war näher zu mir gerutscht und legte ihre kleine klebrige Hand auf meine, ein breites, zahnlückenhaftes Lächeln auf den rosigen Lippen.

„Wir alle lieben Elmo", bestätigte ich ihr und wir kicherten, bevor wir uns in Stille den Rest der Sendung ansahen. Allem Anschein nach waren alle meine Sorgen völlig unsinnig gewesen. Ich war wie gemacht für diese Sache. Aber die wilde Horde benahm sich auch ausnahmsweise mal nicht ganz so wild. Vielleicht hatte meine Schwester den lieben Kleinen ja vorher irgendwelche Drogen eingeflößt, damit kein Chaos ausbrach. Oder ich hatte einfach eine beruhigende Wirkung auf Kinder. Ich hatte mich bis dato noch nie so richtig mit den Kindern meiner Schwester auseinander gesetzt weil ich sie immer als eher lästig empfunden hatte. Vielleicht hatte ich mich geirrt. Vielleicht war ich doch die geborene Supertante.

„Tante Meri?" Vorsichtig zupfte Crystal an meinem Ärmel. „Phia schläft?"

„Hm?" Verwundert sah ich mich um. Ich war tatsächlich so fasziniert davon gewesen, wie James Blunt gemeinsam mit einem dieser plüschigen Viecher ein Lied über ein Dreieck gesungen hatte, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, wie Sophias kleiner Körper vollends zusammen gesackt war und ihr Köpfchen nun auf meinem Oberschenkel ruhte. „Oh." Ich warf einen kurzen Blick auf das Kind, dann auf die Uhr und schließlich zu Crystal. „Dann bring ich sie wohl am besten ins Bett." Ich legte eine kleine akrobatische Einlage hin, als ich versuchte gleichzeitig aufzustehen und dabei das schlafende Kind aufzuheben, ohne es zu wecken. Musste lustig ausgesehen haben, denn meine älteste Nichte kicherte herzhaft hinter vorgehaltener Hand. Aber es gelang mir. Zwar nicht sonderlich elegant, aber immerhin. „Brooklyn, wirf bitte ein Auge auf deine Schwester", wies ich meinen Neffen noch an und machte mich dann samt schlafendem Kind auf den Weg nach oben.

Zum Glück teilte mir jede Tür in leuchtend bunten Buchstaben mit, wessen Zimmer sich eigentlich dahinter befand. Ansonsten wäre ich nämlich ziemlich ahnungslos gewesen und mir fiel auf, dass ich mich noch nie bewusst im oberen Stockwerk dieses Hauses aufgehalten hatte. Aber wieso hätte ich das auch tun sollen? Ich sah es also als kein Versäumnis an und öffnete die Tür, an der die Namen „Sophia" und „Angeline" prangten. Ich trug Sophia zu dem leeren Bett und legte sie hinein. Kurz öffneten sich noch einmal die großen, blauen Augen und ein gesäuseltes „Gute Nacht" verließ ihre Lippen, dann war sie tief im Reich der Träume verschwunden. Behutsam breitete ich die Decke über dem kleinen Körper aus und strich meiner Nichte über die Wange. Super, Meredith. Wer hätte gedacht, dass solche Mamiqualitäten in dir schlummerten? Kein Geschrei, kein Mord und Totschlag. Ich war in der Tat stolz auf mich und das leicht selbstgefällige Lächeln konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

„Gute Nacht", flüsterte ich ganz leise und beugte mich auf dem Weg zur Tür noch schnell über Angelines Kinderbettchen, um auch ihren Schlaf zu überprüfen. Ein schlimmer Fehler, wie sich nur Minuten später herausstellen sollte. Die Kleine schlief nämlich so fest, dass sie in dem dämmrigen Licht des Kinderzimmers auf mich wirkte wie tot. Ein Anflug von Panik überkam mich. Mit der Absicht ihrer Atmung zu lauschen, beugte ich mich so tief in das Bettchen wie möglich (was bei meiner gymnastischen Begabung nicht sonderlich tief ist), doch ich konnte keine Geräusche ausmachen. Noch mehr Panik suchte mich heim. Vorsichtig legte ich meine Hand auf ihren Rücken, in der Hoffnung, so ihren Herzschlag fühlen zu können. Allerdings bin ich mir noch nicht einmal sicher, wie sich so ein Kleinkinderherzschlag anfühlt und ob man den auf dem Rücken überhaupt fühlen konnte. Die Panik war perfekt. Meine Schwester hätte es mir sicher ewig vorgehalten, wäre eines ihrer Kinder in meiner Obhut ums Leben gekommen. Und das wäre ja auch irgendwie verständlich gewesen. Kurzerhand griff ich also nach dem Kind und hob das Würmchen aus seinem Bettchen. Behutsam hielt ich das viel zu kleine Köpfchen an mein Ohr und endlich konnte ich sie atmen hören. Sehr leise, aber sie atmete. Ich seufzte vor Erleichterung und wollte Angeline gerade wieder zurück legen, als sie ihre Augen aufschlug und das Drama seinen Lauf nahm.

Ein Mark und Bein erschütternder Schrei zerriss mir fast das Trommelfell und nur wenige Sekunden später rannen Tränen so groß wie Erbsen über Angelines gerötete Wangen. Verzweifelt wiegte ich die Kleine hin und her in der Hoffnung, sie möge sich doch bitte beruhigen und wieder einschlafen, aber meine Bemühungen waren von keinerlei sichtbarem Erfolg gekrönt. Sie schrie und schrie und schrie, als hätte ich sie höchst persönlich mit dem nackten Popo auf eine heiße Herdplatte gesetzt. „Was ist denn nur?", fragte ich mehr mich selbst als das Kind, das ja noch gar nicht richtig in der Lage war, mir zu antworten. Ein nervöser Blick glitt dabei immer wieder zu Sophia, die sich von dem ohrenbetäubenden Lärm allerdings nicht beeindrucken ließ und friedlich weiter schlief. Wahrscheinlich war sie solche nächtlichen Brüllattacken bereits gewöhnt. Ich aber nicht. Ich hatte keine Ahnung, was ein Kind dazu hatte bewegen können, plötzlich in eine solche Aufregung zu verfallen. Ich hatte doch nichts getan, außer sie einmal vorsichtig aus dem Bett zu nehmen, um zu überprüfen, ob sie noch lebte. Das kann doch nicht der Auslöser eines solchen Geschreis gewesen sein.

Denk nach, Meredith! Ein Kind, das noch nicht wirklich sprechen kann, schreit, um etwas auszudrücken. Aber was? Was könnte das Kind auf deinem Arm dir mitteilen wollen? „Tut dir vielleicht was weh?", fragte ich ohne eine Antwort zu erwarten und wiegte das Kind weiter hin und her. „Oder hast du Hunger?" Wieder keine Reaktion. „Durst?" Was machte ich da eigentlich? Angeline würde mir nicht antworten und ich war mir dieser Tatsache bewusst. Fragenstellen war also nicht nur völlig zwecklos, sondern einfach reine Zeitverschwendung. Also konzentrierte ich mich erst einmal darauf, das Gebrüll auf lautlos zu stellen, um besser nachdenken zu können. Nach 29 Jahren harten Trainings gelang mir das diesmal auch um einiges besser als damals bei meinem Bruder. Und als die Welt um mich endlich in friedvolle Stille getaucht war, nahm ich auch etwas wahr, das ich vorher nicht hatte wahrnehmen können, weil mich der kleine Schreihals fast um den Verstand gebracht hätte. Ein durch und durch ekelerregender Geruch stieg in meine Nase und ich zog eine angewiderte Grimasse. War es das, was Angeline mir hatte mitteilen wollen? Dass hier etwas gerade zum Himmel stank? Aber woher kam dieser Gestank?

Vorsichtig balancierte ich das völlig aufgelöste Kind von meinem linken Arm (der sich inzwischen schwer wie Blei anfühlte) auf den rechten und sofort wurde der Geruch noch schlimmer. So schlimm, dass ich den Würgereiz, der sich meiner Kehle bemächtigen wollte, nur mit Mühe niederringen konnte. Es war das Kind selbst, das so furchteinflößend roch. Natürlich! Da hätte ich eigentlich auch sofort drauf kommen können. Meine jüngste Nichte war schließlich kaum eineinhalb Jahre alt. Sie trug mit Sicherheit noch Windeln. Windeln, die ganz offensichtlich gewechselt werden wollten. Eine Herausforderung, an die ich im Vorfeld nicht einen Gedanken verschwendet hatte. Ich hatte noch nie im Leben Windeln gewechselt und konnte mir nur rein theoretisch vorstellen, wie das überhaupt ging. Erst einmal brauchte ich wohl Licht und ich konnte nur hoffen, dass Sophia sich daran genauso wenig störte wie an dem Gekreische. Ich drückte also den Lichtschalter und war einen kurzen Moment halb geblendet und trug das weinende Kind dann zu der Wickelkommode und legte es darauf ab. Okay. Schritt eins wäre also getan. Was nun? Als nächstes würde ich das Würmchen wohl ausziehen müssen, um das Corpus Delicti überhaupt zu erreichen. Angeline schien das allerdings gar nicht zu gefallen und so strampelte sie wütend mit den kurzen Beinchen, als ich mich an den Knöpfen des Strampelanzuges zu schaffen machte. Gut Ding will Weile haben heißt es und es dauerte wirklich eine ganze Weile, bis ich die Knöpfe trotz heftiger Gegenwehr endlich geöffnet hatte.

Mit spitzen Fingern öffnete ich die Klebestreifen an den Seiten und öffnete die Windel, nur um sie blitzschnell wieder zu verschließen. Jesus Christus! Wie kann etwas so Kleines etwas so Großes produzieren? Und der Gestank war geradezu unglaublich, jetzt, da sämtliche Schutzwälle entfernt waren. Angeekelt drehte ich den Kopf zur Seite und konzentrierte mich angestrengt darauf, nur noch durch den Mund zu atmen. Und ich hatte mich noch damit auseinandergesetzt, die Kinder vor Verletzungen zu schützen. Solche Dinge hatte ich dabei überhaupt nicht berücksichtigt. Ich war diejenige, die Schutz bedurfte. Wo war noch gleich die Nummer der Vergiftungszentrale?

Unwillig wandte ich mich wieder dem Kind zu, öffnete noch einmal die Windel und schloss sie wieder, wobei ich einen Laut des Missfallens von mir gab. Ich konnte das Kind ja schlecht in seinem eigenen Dreck liegen lassen. Ich musste das weg machen. Ich wusste nur noch nicht wie. Wenigstens brachten meine ungewollt komischen Soundeffekte Angeline dazu, ihr Geheul einzustellen und stattdessen amüsiert zu glucksen. Ja super lustig. Sie hatte gut lachen. Sie musste das ganze ja schließlich nicht weg machen.

Suchend öffnete ich eine der Schubladen der Kommode und beförderte eine frische Windel und eine Packung Feuchttücher an die Oberfläche. Gab´s hier irgendwo auch Handschuhe und eine Gasmaske? Ich öffnete die anderen Schubladen, jedoch erfolglos. Ich begann mich wirklich zu fragen, wieso alle Welt immer von Mutterfreuden sprach. Ich empfand das ganze als eine ziemliche Zumutung. „Okay", seufzte ich leise und atmete soviel Luft wie möglich durch meinen Mund in meine Lungen. „Auf in den Kampf!" Wieder öffnete ich die fast schon überquellende Windel und umfasste mit einer Hand Angelines Beinchen, um sie nach oben zu ziehen. Mit nur einer Hand riss ich an der Packung Feuchttücher herum, bis ich endlich ein Tuch in der Hand hielt, und begann das Übel von dem winzigen Hintern zu wischen. Ein Tuch war hierbei aber noch lange nicht genug. Und so riss ich ein zweites, ein drittes und sogar ein viertes Mal an der Packung rum, bis ihr Po wieder rosig war. Die Beine immer noch mit einer Hand hochgezogen, drehte ich den Kopf so weit zur Seite wie es ging, da mir die Luft ausging. Angeline war sichtlich und hörbar begeistert von meiner Performance. Ich war es ganz und gar nicht. Ich war verzweifelt und kurz davor, Amnesty International zu informieren, was meine Schwester mir hier eigentlich antat. Dem Kind selber gab ich keine Schuld daran, sie konnte ja nichts dafür, aber das machte die Sache nicht weniger schlimm.  Wieder atmete ich eine große Ladung halbwegs frischer Luft ein und machte mich dann daran, die beschmutzte Windel zu entfernen und sie samt der dreckigen Feuchttücher in dem Treteimer neben der Kommode zu entsorgen. Unbeholfen pfriemelte ich schließlich die frische Pampers unter das Kind und konnte dann auch endlich Angelines Beine loslassen. Mit einer Hand so schlimme Arbeiten zu verrichten, macht echt keinen Spaß. Das Ergebnis meiner Mühen sah nicht so perfekt aus wie das, was ich unter heftigem Würgereiz entfernt hatte, aber die Windel saß und da meine Nichte sich mittlerweile nicht mehr so sehr wehrte, gingen die Knöpfe am Strampler auch wesentlich schneller wieder zu. Halbwegs zufrieden mit mir selbst, packte ich die Kleine und trug sie zurück zum Bett. „Jetzt wird aber geschlafen", ermahnte ich sie und löschte das Licht.

Ich verließ das Kinderzimmer und machte mich auf direktem Weg ins Bad, um meine Hände einer fünfminütigen Intensivreinigung zu unterziehen. Ich konnte nur hoffen, dass die Kurze jetzt sauber blieb, bis ihre Mutter zurück war. Nochmal ertrug ich diese Prozedur sicher nicht. Ich war schließlich nur ihre Tante. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, ihr aus Rache nichts zum Geburtstag zu schenken. Aber das wäre ja auch irgendwie gemein gewesen. Aber Susi, die würde bei der nächsten Feierlichkeit auf jeden Fall leer ausgehen. Zum einen weil sie mein dämliches Angebot angenommen hatte, obwohl sie wusste, dass ich zu sowas nicht fähig war, und zum anderen, weil sie mich noch nicht einmal vorgewarnt hatte. Anderseits war ich auch ein wenig stolz auf mich. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben eine Windel gewechselt und das sogar ganz passabel hinbekommen, ohne dass es mir jemand gezeigt oder mir dabei geholfen hätte. Wie heißt es so schön? Das erste Mal tut immer weh. Vielleicht wäre es ja beim zweiten Mal gar nicht so schlimm, auch wenn ich nicht sonderlich scharf darauf war, es herauszufinden.

Die kleine Uhr in Form eines Fisches, die an der Wand des Badezimmers hing, teilte mir mit, dass es bereits viertel nach acht war und in meinem Kopf begann es zu arbeiten. Irgendwas hatte Susi mir gesagt. Irgendwas mit acht Uhr. Aber was? Nachdenklich machte ich mich auf dem Weg zurück ins Erdgeschoss und als ich das Wohnzimmer betrat, fiel es mir endlich wieder ein. Crystal musste um acht Uhr ins Bett und war somit bereits eine Viertelstunde überfällig. Aber wo war Crystal? Verwundert sah ich mich im Wohnzimmer um, in dem sich nur noch Brooklyn befand, der immer noch mit seinem Nintendo beschäftigt war. „Wo ist deine Schwester?"

„Weg?", bekam ich knapp zur Antwort und mein Neffe nahm sich noch nicht einmal die Zeit, zu mir aufzusehen.

„Was heißt weg? Ich hatte dich doch gebeten, ein Auge auf sie zu haben."

„Hab ich ja auch. Bis sie das Zimmer verlassen hat und ich sie nicht mehr sehen konnte." Gleichgültig zuckte er mit den Schultern und hackte weiter auf die kleinen Tasten ein.

„Na du bist ja ein ganz Schlauer", zischte ich wütend und drehte mich um, um mich auf die Suche nach Crystal zu machen. Und genau wie bei meinem Verdacht, der Tod könnte sich die kleine Angeline im Schlaf geholt haben, machte sich auch jetzt wieder Panik in meiner Magengrube breit und erzeugte ein Gefühl des Unwohlseins. Wo konnte die Kleine hingegangen sein und warum? Am Ende war sie gar noch auf die Straße gerannt und von einem Auto überfahren oder von einem Kinderschänder entführt worden. Wenn es um schlimme Dinge ging, kannte meine Fantasie so gut wie keine Grenzen und so sah ich das arme Mädchen schon geschändet und massakriert in irgendeinem Straßengraben liegen. Zum Glück blieben meine schlimmsten Befürchtungen unbegründet und ich fand das Kind kaum eine Minute später in der Küche, wo sie vor einer offenen Schublade auf dem Boden hockte und sich mit einem Löffel in der Hand über ein Glas Schokoladenaufstrich hermachte.

„Was tust du da?" Leicht entsetzt ließ ich meinen Blick über das Chaos am Boden schweifen, wo sich allerhand Papier, diverser Schoko- und Müsliriegel neben der Verpackung einer Tüte Chips tummelte.

„Ich hatte Hunger." Aus großen, blauen Unschuldsaugen sah meine Nichte zu mir auf und machte mich damit unfähig, ihr auch nur in geringster Weise böse zu sein.

„Und das scheinbar nicht zu knapp", kommentierte ich deshalb ihren kleinen Imbiss und sammelte das Papier ein um es in den Abfalleimer zu werfen. Anschließend nahm ich ihr die Schokoladencreme und den Löffel ab. Mahnend sah ich zu ihr hinab und stemmte die Hände in die Hüften. „Du kannst doch nicht einfach soviel essen. Dir wird noch schlecht werden. Und du hättest mich vorher fragen können."

„Tut mir leid Tante Meri." Und wieder sah sie mich aus diesen furchtbaren Augen an. Warum beherrschte ich eigentlich nicht so einen alles verzeihenden Augenaufschlag? Das würde das Leben um einiges einfacher machen.

„Nun ist es ja eh nicht mehr zu ändern. Geh dich bitte waschen, es ist schon längst Zeit fürs Bett." Ich wies mit dem Daumen über meine Schulter zur Treppe.

„Liest du mir noch etwas vor?", fragte Crystal während sie sich elfengleich vom Boden erhob. Eigentlich hatte ich keine Lust dazu, aber auch das gehörte wohl zu den Aufgaben einer guten Tante und Babysitterin. Und dieses Kind brauchte für seine Augen einen Waffenschein. Sowas gehört doch wohl wirklich verboten.

Ich seufzte laut und nickte schließlich. „Wenn du gewaschen bist und im Bett liegst, dann ja. Muss ich dir helfen?"

„Tante Meri!" Entrüstung breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Ich bin doch kein Baby mehr!" Mit diesen Worten schlüpfte sie an mir vorbei und verschwand die Treppe hinauf. Ich blieb kurz stehen und lauschte der Badezimmertür und schließlich dem Geräusch fließenden Wassers. Wenigstens blieb es mir erspart dem Kind noch die Zähne zu putzen oder etwas in der Art. Ich hätte sie sicherlich dabei verletzt. Unmotiviert räumte ich den Brotaufstrich zurück in den Schrank, den Löffel in den Geschirrspüler und taperte anschließend zurück ins Wohnzimmer.

„Ich bin kurz oben und bring deine Schwester ins Bett. Du bewegst dich nicht vom Fleck. Und wenn ich das nächste Mal darum bitte, nach deiner Schwester zu sehen, dann gehst du ihr gefälligst nach oder sagst mir wenigstens Bescheid", schalt ich den kleinen Klugscheißer von einem Neffen, der sich nicht im geringsten an mir störte, stellte den Fernseher aus und machte mich schweren Herzens auf den Weg nach oben.

Ich weiß nicht so genau, was eine Sechsjährige schon können sollte oder müsste und an mein eigenes Leben in diesem Alter hab ich bis auf ein paar einschneidende Erlebnisse kaum noch Erinnerungen, aber Crystal hatte sich tatsächlich ganz alleine die Zähne geputzt, das Gesicht gewaschen und ihren Schlafanzug angezogen. Und nun wartete sie fröhlich grinsend mit einem Buch in der Hand auf ihrem Bett darauf, dass ich ihr endlich etwas vorlas. Ich sträubte mich ein wenig, als ich das Buch an mich nahm. Ich war keine besonders begabte Vorleserin. Überhaupt las ich nicht gerne in Büchern, höchstens in Zeitschriften und Magazinen. Wofür hat der liebe Gott schließlich den Fernseher erfunden? Aber nun hatte ich es dem Kind einmal versprochen und Kinder reagieren ja immer sofort so tierisch beleidigt, wenn man ein einmal gegebenes Versprechen brach. „Na dann leg dich mal hin", forderte ich Crystal auf und schlug die Bettdecke zurück, damit sie darunter krabbeln konnte, was sie auch sofort tat, und ließ mich dann selbst auf der Bettkante nieder. Erst dann warf ich einen genaueren Blick auf das Buch in meinen Händen. „Grimms Märchen", na wenn das nicht mal voll mein Buch war. Umgehend schlug ich meine Lieblingsgeschichte vom Dornröschen (die war nämlich schon von Geburt an Prinzessin und musste sich diesen Titel nicht erst durch Sklavenarbeit bei anderen Leuten erarbeiten) auf.  „Also dann." Ich wollte gerade anfangen zu lesen, als Crystal einen kritischen Blick in das Buch warf.

„Ich will Rotkäppchen hören", teilte sie mir gebieterisch mit.

„Wieso das denn?", reagierte ich etwas gereizt. Man möge es mir verzeihen. Ich war immer noch genervt von dem Stinkbombenattentat und meinem Neffen. Außerdem ist Rotkäppchen ein Scheißmärchen, in dem weder eine Prinzessin, noch ein Prinz drin vorkommt.

„Weil das mein Lieblingsmärchen ist", klärte mich meine älteste Nichte auf, tja und dann hab ich vielleicht etwas gesagt, das man einem Kind gegenüber so nicht sagt, das es mir aber erspart hat, ihr überhaupt irgendein Märchen vorzulesen.

„Rotkäppchen ist aber ´ne dumme Pute, die nicht auf ihre Mutter hört und zur Strafe gefressen wurde."

Ups! Die großen, blauen Augen die mich vorhin noch so um den Finger gewickelt hatten, sahen mich jetzt vor Schreck geweitet an. Wie ich ja bereits eingeräumt hatte; das sagt man so nicht unbedingt zu einem Kind und ich kramte in meinem Kopf bereits nach einer Entschuldigung, doch Crystal kam mir zuvor. „Ich glaub, ich bin schon zu müde für eine Geschichte", räumte sie ein und nahm mir das Buch aus der Hand, um es auf ihrem Nachttisch abzulegen und direkt das Licht zu löschen. Seit diesem Abend hab ich es mir bei der Kleinen übrigens irgendwie verschissen, was man ja auch irgendwie verstehen kann. Crystal bei mir aber auch und das nicht wegen dem dämlichen Märchen, sondern wegen etwas anderem, zu dem ich später komme.

„Gute Nacht", seufzte ich leise und verließ das Kinderzimmer.

Drei Kinder im Bett und nur noch eines, das übrig war und hoffentlich immer noch im Wohnzimmer auf der Couch saß und sich mit seiner Spielemaschine beschäftigte. Noch eine Panikattacke ertrug ich an diesem Abend einfach nicht. Wenigstens saß Brooklyn wirklich noch im Wohnzimmer und spielte und ich gesellte mich zu ihm und zappte mich gelangweilt durch die Fernsehprogramme. Wir sprachen kaum ein Wort miteinander und ich hatte ehrlich gesagt auch keine Ahnung, worüber ich mich mit einem Achtjährigen hätte unterhalten sollen. Ich kannte meinen Neffen genau genommen gar nicht. Ich wusste nicht, was er gut fand und was nicht,  deshalb ignorierte ich ihn einfach und er mich, während ich mir einen schlechten Liebesfilm aus den siebziger Jahren ansah begleitet von der nervigen Melodie seiner mobilen Spielkonsole. Obwohl ich nicht viel von Brooklyn wusste, so war er mir in diesem Moment doch ziemlich sympathisch und ich ehrte ihn innerlich mit dem Status meines persönlichen Lieblingskindes meiner Schwester. Okay, diesen Titel musste er sich mit Sophia teilen, denn die hatte mir heute auch noch keinen Nerv geraubt. Irgendwie war es aber auch so gar nicht fair, die Kinder nach Beliebtheitsgraden zu unterteilen und so widmete ich mich lieber voll und ganz dem Fernsehprogramm. Zumindest so lange, bis mein Neffe plötzlich aufsprang und mich wütend ansah. Hatte ich irgendwas getan ohne es mitzubekommen? „Mit dir ist es voll öde!", stellte er mit leicht gereiztem Unterton fest. „Ich geh ins Bett." Zack, verschwunden war das Kind.

„Vergiss nicht, dir die Zähne zu putzen!", schrie ich ihm noch hinterher, machte mir aber nicht die Mühe, ihm zu folgen. Wenn auch noch das letzte meiner Sorgen beschloss, freiwillig ins Bett zu gehen, so hielt ich es mit Sicherheit nicht davon ab. War ich halt öde, damit konnte ich gut leben. Ich hatte mir für diesen Abend auch was anderes vorgestellt. Störte sich daran irgendwer? Nein! Das war allen egal. Und genauso egal war es mir, dass ich meinen Neffen nicht zur Genüge unterhalten hatte. Und außerdem war er ja wohl mal genauso öde wie ich. So! Und somit ging der erste Platz ausschließlich an Sophia. Das hatte er jetzt davon.

Leicht angesäuert stieß ich mich vom Sofa hoch und ging in die Küche. Noch eine Viertelstunde bis zum neuen Jahr. Ich konnte ruhig schon einmal anfangen zu trinken. Und so zog ich die Flasche Champagner aus dem Eisfach und entkorkte sie. Gläser? Ich öffnete einige Schranktüren, wurde aber nicht fündig, und so entschloss ich, direkt aus der Flasche zu trinken. Ich war doch eh allein, wer sollte sich also daran stören. Ich zog mir noch flugs meine Jacke über, angelte meine Zigaretten aus meiner Handtasche und machte mich dann samt Champagnerflasche auf den Weg nach draußen. Ich schauderte kurz, als ich mich auf die kalten Treppenstufen vor der Haustür setzte. Da freut sich die Blase. Aber Bakterien tötet man am besten mit Alkohol und so nahm ich einen zünftigen Schluck der schäumenden Flüssigkeit und steckte mir anschließend eine Kippe an. Nachdenklich schaute ich in die kalte, dafür aber sternenklare Nacht hinaus.

In Gedanken ließ ich das vergangene Jahr Revue passieren. All die schönen Momente. Mein Kennenlernen mit Aidan und die Anfänge unserer Beziehung. Meiner ersten richtigen Beziehung, wenn man mal ganz ehrlich war. Meiner ersten Beziehung, der ich mich mit Herz und Seele gewidmet hatte. Vor Aidan hatte ich nie jemandem uneingeschränkten Zugang zu meinen Gedanken und Gefühlen gewidmet. Und was war passiert? Das ganze hatte in einem Fiasko geendet, aber das wissen Sie ja bereits. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich in diesem Moment, als ich alleine vor dem Haus meiner Schwester saß, so einsam wie schon lange nicht mehr. Und was mir noch nie zuvor passiert war: ich sehnte mich nach der Umarmung eines geliebten Menschen. Aber da war niemand. Ich war einsam und allein nur mit einem Haufen schlafender, tollwütiger Zwerge. Wenn man es genau nahm, konnte das neue Jahr nur noch besser werden. Viel besser, wenn ich auch nur ein Wörtchen mitzureden hätte. Aber das Schicksal ist da ja sehr eigenwillig und lässt uns in der Regel nicht mitreden. Trotzdem nahm ich mir fest vor, nächstes Jahr um diese Zeit nicht den Babysitter zu mimen, sondern mit einem Mann an meiner Seite auf das Leben anzustoßen.

Genau in dem Moment, in dem ich einen weiteren Vorsatz für das kommende Jahr getroffen hatte, pfiffen die ersten Raketen in die Luft und tauchten die schwarzen Himmel in buntes Licht. „Frohes neues Jahr, Meredith!", wünschte ich mir selbst und hielt die Flasche einmal kurz in die Luft, also würde ich jemandem zuprosten, bevor ich die Flasche in nur einem Zug zu einem Viertel leerte. Ich gönnte mir eine weitere Zigarette und blieb vor dem Haus sitzen, bis der Champagner ausgetrunken war und mir nichts mehr einfiel, worüber ich noch sinnieren konnte. Fröstelnd machte ich mich wieder auf den Weg nach drinnen, um mich aufzuwärmen.

Ich hatte mich gerade meiner Jacke entledigt, als ich das Geräusch nackter Füße auf der Treppe vernahm. Verwundert sah ich zu Crystal, die auf der Mitte der Treppe stand und mich verwirrt ansah. Was war denn nun wieder? Sie hatte sich doch wohl nicht dazu entschieden, jetzt doch noch die Geschichte vom Dornröschen zu hören oder etwa doch? Das konnte sie nämlich mal getrost vergessen. Was sowas anging, war ich sturer als ein Felsbrocken. Doch als ich sie etwas eingehender betrachtete, musste ich feststellen, dass die Kleine ganz und gar nicht gut aussah. Eher kränklich. Ihre Gesichtsfarbe hatte etwas Aschfahles mit einem leichten Grünstich. „Was hast du?" Schnell stürmte ich zu ihr und ging vor ihr in die Knie.

„Mir ist schlecht und mein Bauch tut weh", jammerte sie und rieb sich das Bäuchlein.

„Na kein Wunder bei dem, was du alles in die hineingestopft hast." Das Kind hatte sich überfressen. Um das festzustellen, musste man weder Mutter, noch Arzt sein. Das kannte ich von mir selbst, wenn ich mal wieder in einem Wutanfall alle Süßigkeiten, die sich finden ließen, in mich reingeschoben hatte. „Komm ich bring dich wieder ins Bett und dann hol ich dir ein Glas Wasser." Ich strich ihr ein paar rote Haarsträhnen aus dem Gesicht, die an ihrer verschwitzten Stirn klebten, und hob sie dann auf meinen Arm. Sofort legte sie ihren müden Kopf auf meine Schulter und für einen kurzen Moment durchfuhr ein seltsam warmes Gefühl mein Herz. Trotzdem war dieser kurze Augenblick schon einen Moment zu lang. Denn dadurch registrierte ich zu spät das würgende Geräusch, das die Kleine machte, bevor etwas breiartig, schleimig Warmes meinen Rücken hinunterlief und auch mir schlagartig schlecht wurde.

 

 

 

 

 


Chapter End Notes:
Wenn sich der ein oder andere zu nem Rev durchringen mag würde ich mich wirklich freuen

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