
Mit einem leisen Grunzen leerte ich das Glas. Der Scotch war gut. Eigentlich zu gut, um ihn einfach so hinunterzustürzen, aber ich musste mich diesem gestellten Bild der Perfektion einfach entziehen und so machte ich mich mit meinem leeren Glas in die Küche, um meiner Mutter ein wenig Gesellschaft zu leisten. Manchmal muss man sich eben für das kleinere Übel entscheiden. Und weil ich so ein höfliches und aufmerksames Kind bin, hab ich ihr sogar sofort meine Hilfe angeboten. Mir war natürlich schon vorher klar, dass meine Mutter diese ablehnen würde, weil ich erstens die miserabelste Hausfrau der Welt bin (noch sowas was, was mich als absolute Antiprinzessin auszeichnet. Die waren schließlich zum größten Teil alle vor ihrem Prinzessinnenleben Mägde und wissen, wie man kocht und putzt) und zweitens, weil sie das ganze Lob für das tolle Essen alleine einsacken wollte. Konnte sie haben. Ich wollte eh nicht helfen, hab aber dadurch so etwas wie guten Willen gezeigt und darauf wird doch auch immer so viel Wert gelegt. Zumindest bei uns zu Hause. Wenn ich als Kind meinem Vater ein Bild gemalt hab, um es ihm zu schenken, dann hat der schließlich auch immer gesagt „Der gute Wille zählt".
„Du brauchst mir nicht helfen, Schatz", flötete meine Mutter fröhlich und klapperte mit den Töpfen. „Aber setz dich doch und erzähl mir was."
„Ich hab nichts zu erzählen", brummte ich unterdessen vor mich hin, ließ mich aber trotzdem auf einen der Küchenstühle fallen. Wie automatisiert griff ich nach der kleinen verzierten Metalldose, in der meine Mutter ihr Valium aufbewahrt, und begann damit rumzuspielen. Im Haus meiner Eltern herrschte absolutes Rauchverbot und wenn ich mich schon nicht dem blauen Dunst hingeben durfte, dann mussten meine Hände irgendwas anderes zu tun haben. Mit halbem Ohr lauschte ich dem leise klackernden Geräusch, das die Tabletten verursachten, und starrte die Wand an.
„Jeder hat doch irgendwas zu erzählen." Ihre Hand strich im Vorbeigehen meinen Kopf. „Willst du mir nicht erzählen, was zwischen dir und... äh... wie war noch gleich sein Name?"
„Aidan." Zu mehr als einem Zischen fühlte ich mich nicht in der Lage, als ich zwischen zusammengebissenen Zähnen seinen Namen hervorstieß. „Sein Name ist Aidan. Und nein, ich will nicht darüber reden."
„Ach Schatz." Ich finde es übrigens immer wieder faszinierend, wie abgrundtief und herzzerreißend meine Mutter seufzen kann. Unwillkürlich drehte ich mich zu ihr um. „Dass du aber auch immer so wählerisch mit den Männern sein musst. Ich mache mir langsam wirklich Sorgen. Du wirst ja auch nicht jünger."
Hat sie das gerade wirklich gesagt? Das hat sie doch nicht wirklich gesagt, oder? Ich glaub´s ja nicht, dass die das gerade wirklich gesagt hat. Tja, meine Mutter versteht es halt, mich binnen Sekunden auf die Palme zu bringen. Hat sie ja auch jahrelang sorgfältig geübt. Ich fass es ja wohl nicht. Ich bin weder wählerisch, noch alt. „Ich bin ja hier in dieser Familie die Letzte, um die man sich ernsthaft Sorgen machen muss", schrie ich sie plötzlich an, unfähig meine Wut für mich zu behalten. Ich konnte förmlich spüren, wie sich mein Gesicht innerhalb weniger Augenblicke vor Zorn nicht nur verzerrte sondern auch puterrot anlief.
Vor Schreck über meine plötzliche Lautstärke fasste meine Mutter sich an die Brust. Sie hätte mal lieber Schauspielerin anstatt Berufshausfrau werden sollen. Damit hätte sie selbst richtig Kohle scheffeln können. Die gespielte Herzattacke beherrscht sie zumindest wie keine Zweite. Wäre ich diese Reaktion von ihr nicht schon sowas von gewöhnt, so hätte ich mir wahrscheinlich ernsthafte Sorgen um ihren Gesundheitszustand gemacht. So aber sah ich sie einfach nur wütend an und versuchte gleichmäßig zu atmen, was eher an ein Schnauben erinnerte.
„Ich werd mir ja wohl noch Sorgen um mein Kind machen dürfen, das ich unter Schmerzen auf die Welt gebracht habe. Oder ist das etwa nicht erlaubt? Ist das der Dame etwa nicht recht, wenn man eine kritische Bemerkung über ihren Lebensstil macht? Dürfen wir auf einmal nichts mehr über dein Leben wissen, nur weil wir nicht mehr dafür bezahlen? Du schließt uns aus deinem Leben aus, wo es nur geht. Du meldest dich nur alle Jubeljahre und lässt dich noch seltener hier blicken. Nur weil wir dir egal sind, bist du es mir noch lange nicht. Nur weil du keine Liebe für deine Mutter übrig hast, heißt das noch lange nicht, dass ich auch aufhören muss, dich zu lieben", zeterte sie munter vor sich hin, während sich erste Tränen in ihren Augen sammelten. Und auch diese wirklich bühnenreife Nummer musste ich mir schon mehr als einmal antun. Es ist immer dasselbe. Alle Jahre wieder. Der Komponist dieses Liedes muss eine ähnliche Mutter gehabt haben wie ich. Deren Hände hatten sich unterdessen wieder von ihrer Brust gelöst und wühlten eifrig in einer der zahlreichen Küchenschubladen. „Ich brauch meine Vitamine", murmelte sie dabei kurzatmig vor sich hin und ich wusste natürlich genau, wovon sie sprach.
Vitamine? Seit wann wurden in diesem Haus Vitamine genommen? Pah! Dass ich nicht lache. Das Einzige, was Vitamine und die Tabletten, nach denen sie so emsig suchte, gemeinsam hatten, war der Anfangsbuchstabe. Ich betrachtete kurz das Döschen in meiner Hand und ließ es dann in den Schaft meiner Stiefel gleiten. Sie brauchte ja schließlich nicht ihre Valium sondern ihre Vitamine, also würde sie das Döschen wohl kaum vermissen. Das mag jetzt bösartig klingen, aber seien wir mal ganz ehrlich; ihr Körper sollte mir dankbar sein, dass ihm diese Ladung Tranquilizer erspart geblieben ist. Obwohl das wahrscheinlich auch nicht ganz stimmt. Wahrscheinlich hat meine Mutter einen ganzen Jahresvorrat an Beruhigungsmitteln. Ihr Körper errang durch meinen Einsatz also lediglich einen kleinen Aufschub, bevor er seine Dröhnung bekam. Aber sei´s drum. Ich kann wenigstens von mir behaupten, in dieser Angelegenheit guten Willen gezeigt zu haben.
„Ich geh zu Benny", verabschiedete ich mich bei meiner Mutter, die davon allerdings wenig Notiz nahm. Ich ließ meinen Blick noch einmal über sie gleiten, aber sie schien wie in Trance, während sie sich durch die Schubladen kramte. Dieser Frau war echt nicht mehr zu helfen. So wie wohl den meisten Menschen in meiner Familie. Ich hab echt kein leichtes Los gezogen. Aber immerhin hatte ich noch meinen Bruder. Meinen Bruder, den ich über alles liebte und der mich ebenso bedingungslos liebte (was ja eigentlich auch Quatsch ist, hatte ich doch kurz zuvor erst beschlossen, dass es sowas wie Liebe überhaupt nicht gab). Auf müden Beinen erklomm ich die Treppe ins Obergeschoss. Überhaupt fühlte ich mich plötzlich entsetzlich müde. Die Sache mit Aidan, die Erinnerung an das Geheimnis meiner Schwester und das Gejammer meiner Mutter hatten mich unheimlich geschlaucht. Soviel kann ein einziger Mensch an einem einzigen Tag aber auch wirklich nur schwer ertragen. Finden Sie nicht auch?
Zaghaft klopfte ich an die Zimmertür meines Bruders aus massivem, dunklem Eichenholz und ein lautes „JA!", dröhnte mir von innen entgegen. In unserer Familie verfügen übrigens alle Mitglieder über ein sehr ausgeprägtes Stimmvolumen. Auch mein Vater, obwohl der es eher vermeidet, mit irgendwem von uns wirklich zu reden. Er wird wohl wissen, warum. Schließlich ist er schon seit hundert Jahren oder so mit meiner Mutter verheiratet. Da lernt man wohl früher oder später einfach die Klappe zu halten. Ich glaube, mein Vater ist ein kluger Mensch. Vielleicht sollte ich mir ihn zum Vorbild nehmen.
Sogar meine Finger waren müde, als ich die schwere Klinke nach unten drückte, um die Tür zu öffnen und einzutreten. „MERI!", tönte es mir auch sogleich erfreut entgegen und blitzschnell hatte sich mein Bruder aus seinem Sessel hochgedrückt und mich fest in die Arme geschlossen. Fest bedeutet in diesem Fall übrigens sehr fest. Mein Bruder ist mit seinen 24 Jahren schließlich kein kleiner Junge mehr, sondern ein erwachsener Mann. Ein erwachsener Mann mit den Ausmaßen eines ausgewachsenen Grizzlybären. Und er ist nicht nur so breit wie hoch (Ich glaub, der ist zwei Meter groß oder vermutlich noch größer), sondern noch dazu außerordentlich kräftig. Leider weiß er seine übermäßigen Kräfte nicht immer zu koordinieren. Und so kann es auch schon mal vorkommen, dass er alles kurz und klein haut, wenn er wütend ist. Dann ist es gar nicht so einfach, ihn wieder auf den Teppich zu holen. Wer stellt sich schon gerne einem zornigen Stier in den Weg? Und genauso kann es eben passieren, dass er einem sämtliche Gliedmaße und die Luftzufuhr gleich noch dazu abgequetscht, wenn er sich freut, einen zu sehen.
„Du zerquetschst mich", röchelte ich atemlos, was ihn dazu motivierte, mich loszulassen.
„Entschuldigung." Verlegen betrachtete mein Bruder seine Fußspitzen, während ich mir die Arme rieb in der Hoffnung, der Blutstau würde sich lösen und man müsse sie nicht amputieren.
„Schon gut." Großmütig winkte ich ab und strich ihm tröstend über die Schulter. Er kann ja nichts dafür. Er kann es halt wie gesagt einfach nicht koordinieren. Außerdem ist er der Einzige, bei dem die Umarmungen wirklich liebevoll sind. Schmerzhaft, aber ehrlich. Ich glaube, sollte mir dabei wirklich mal ein Arm blau anlaufen und man müsse ihn mir abnehmen, ich würde ihm das verzeihen.
„Wo hast du denn deinen neuen Freund gelassen?" Suchend sah Benny den Bereich hinter mir ab. Oha. War das Thema also auch an ihm nicht vorüber gezogen. Wahrscheinlich hat meine Mutter vorher alle völlig verrückt gemacht deswegen, dass ihre alte, wählerische Singletochter einen richtig echten Mann mit nach Hause bringen würde. Und was mach ich? Ich enttäusche natürlich wieder einmal alle. Mensch. Ich bin aber auch schlimm. Man sollte mich auf dem Marktplatz an den Pranger stellen, damit vorbeigehende Passanten mich mit faulen Tomaten bewerfen können, weil ich so eine schlechte Tochter bin, die nicht die Wünsche und Erwartungen ihrer vitaminsüchtigen Mutter erfüllt. Im Grunde genommen müsste ich mich vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche abgrundtief schämen. Dann hätte ich auch gar nicht mehr die Zeit dazu, Dinge zu tun, die andere Leute enttäuschen könnte, die eigentlich nicht den geringsten Grund dazu haben, enttäuscht zu sein. Und das klingt nicht nur in ihren Ohren unheimlich unlogisch. Das ist unlogisch. Aber so ist die Welt. So ist das Leben.
„Der ist nicht mitgekommen." Ich machte irgendeine komische Geste, die wohl ausdrücken sollte, dass ich nicht weiter darüber reden wollte. Nie im Leben hätte ich gedacht, das mein Bruder sie verstehen würde. Hätte jemand vor mir so eine komische Verrenkung hingelegt, ich hätte ihm wahrscheinlich eine von Mutters Vitaminpillen angeboten. Aber mein Bruder verstand mich. Ich sag´s ja: Das Leben ist eine ganz große, unlogische Geschichte.
„Ich spiel Videospiele. Magst du mitspielen?", bot er mir also an und deutete zum Fernseher. Ich nickte und ließ mich neben seinem Sessel auf dem Fußboden nieder, griff nach einem Controller und hackte wie wild auf die Knöpfe ein. Vielleicht wünschte ich mir ein wenig, der Controller sei Aidans Gesicht, vor allem aber hatte ich noch nie den blassesten Schimmer, wie solche Videospiele eigentlich funktionieren. Ich hau auf die Knöpfe und der Mann auf dem Skateboard bewegt sich. In der Regel macht er irgendwas und fällt dann hin. Ich hab mir aber sagen lassen, dass es Menschen gibt, die genau wissen, welchen Knopf man drücken muss, damit das Skateboardmännchen dieses oder jenes macht. Benny ist einer von diesen Menschen. Deshalb gewinnt er auch immer. Und das wird wohl auch immer so bleiben, denn ich hege ebenfalls kein Interesse daran, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Und so saßen wir einfach nur da und schwiegen, während wir auf unsere Tasten einschlugen und Benny mich Runde um Runde besiegte und sich freute wie der Kaiser über seine neuen Kleider.
Und das taten wir so lange, bis meine Mutter (die ihre Reservevitamine inzwischen scheinbar gefunden hatte) lauthals „KINDER, DAS ESSEN IST FERTIG!" die Treppe hinauf brüllte. Sie werden es mir wahrscheinlich nicht glauben, aber in diesem Haus verfügt jedes Zimmer über eine Gegensprechanlage. Meiner Meinung nach eine völlige Fehlinvestition. Aber nach meiner Meinung wird ja ohnehin recht selten gefragt. Also trabten Benny und ich gemeinsam hinunter ins Wohnzimmer, wo ein riesiger Radau herrschte, dessen Zentrum Susi bildete, die den hoffnungslosen Versuch unternahm, ihre Kinder alle an den Esstisch zu setzen. Manchmal konnte meine Schwester einem wirklich leid tun. Vielleicht sollte ich ihren Kindern ebenfalls was von den Vitaminen unters Essen mischen, die sich immer noch in der Metalldose in meinem Stiefel befanden, die sich inzwischen ziemlich unangenehm in meine Wade bohrte. Es dauerte eine ganze Weile, aber irgendwann hatte sie es tatsächlich geschafft, alle ihre Bälger auf die Stühle rund um den Tisch zu setzen.
Meine Mutter sprach ein kurzes Gebet und dann konnte das große Fressen losgehen. Bei uns gibt es übrigens jedes Jahr Weihnachten dasselbe zu essen und es schmeckt jedes Jahr gleich. Aber meine Mutter kocht ja auch nur einmal im Jahr und wahrscheinlich kann sie auch nichts anderes als gefüllte Gans mit Kartoffeln und Rosenkohl. Was soll´s. Ich nuschelte wie jedes Jahr meine Lobpreisungen auf das gelungene Mahl und leerte ein Weinglas nach dem anderen. Ganz im Gegensatz zu Susi, die ihr Weinglas nicht einmal ansah und stattdessen Wasser trank. Sie war also wieder einmal schwanger. Hätte ich mir auch denken können, immerhin war die kleine Angeline schon eineinhalb und es wurde Zeit, dass ein weiterer MacLennan Spross das Licht der Welt erblickte, damit kein Mensch auf diesem Planeten auch nur den geringsten Zweifel an der Perfektion der Ehe von Susi und Connor haben könnte. Oh Mann. Mal ganz ehrlich. Ich bin wirklich die letzte Person in dieser Familie, um die man sich Sorgen machen muss. Manchmal glaube ich sogar, ich bin das einzig „normale" Mitglied dieser Familie.
„Und was macht ihr Silvester, Schatz?", richtete meine Mutter gerade das Wort an sie, als sie bemerkte, dass ich sie anstarrte. Da hab ich ja noch einmal Glück gehabt.
„Wir sind bei einem Arbeitskollegen von Connor eingeladen. Allerdings weiß ich noch nicht, ob wir hingehen." Ist ja auch reichlich witzlos, so ganz ohne Sekt ins neue Jahr zu feiern. Obwohl, für Susi dürfte das ja eigentlich auch schon irgendwie Gewohnheit sein.
„Wieso denn nicht?"
„Mein Kindermädchen hat sich Urlaub genommen und ist zu ihren Verwandten gefahren. Sie kommt erst im neuen Jahr wieder." Wow, ihre Angestellten haben Urlaub? Wer hätte das gedacht? Obwohl, Susis Kindermädchen ist so alt, die hat sich bestimmt nur zum Sterben zurückgezogen.
„Ich könnte ja auf die Kleinen aufpassen." Wer hat das gesagt? Kam das aus meinem Mund? Nein! Das kann einfach nicht aus meinem Mund gekommen sein. Wie bin ich denn bitte auf diese Schnapsidee gekommen?
„Du?" Völlig entgeistert sahen mich alle Erwachsenen an. Ja genau - ich? Völlig bescheuerte Idee.
„Nimm mein Angebot an oder lass es sein." Oh Gott Meredith, was tust du nur? Das muss am Wein gelegen haben. Anders kann ich mir nicht erklären, was mich zu einem solchen Angebot verlockt haben könnte. Klar, ich hatte vorgehabt, gemeinsam mit Aidan bei Freunden von ihm ins neue Jahr zu feiern und das würde jetzt wohl ausfallen, aber wollte ich mich deshalb mit den furchtbar anstrengenden Kindern meiner Schwester abgeben? Ich war ja schon mit einem Kind, das nix tut, hoffnungslos überfordert. Aber diese Kinder rennen rum und schreien und gehen auf die Nerven und können nicht stillhalten.
Verblüfft sah Susi mich an, doch dann nickte sie. „Danke." VERDAMMT! VERDAMMT! VERDAMMT! Warum hat sie nicht abgelehnt? Wieso nicht? Wieso habe ich ihr dieses Angebot gemacht? Da musste der viele gute Wille dran schuld sein, den ich an diesem Abend schon so oft gezeigt hab. Zuviel des Guten ist ja häufig genau verkehrt. Oh Mann. Und jetzt konnte ich ja schlecht sagen ‚Haha! Verarscht!‘ Jetzt musste ich das wirklich machen. VERDAMMT! VERDAMMT! VERDAMMT!
Auch meine Mutter machte eine anerkennende Geste und schien mir in diesem Moment zumindest ein wenig unseren kleinen Küchenstreit zu verzeihen. „Ich habe euch... äh... dir übrigens das Gästezimmer fertig gemacht", informierte sie mich in freundlichem Ton. Wobei das Euch kein Versprecher sondern eine eindeutige Spitze gegen mich war. Ich nahm es ihr allerdings nicht krumm. Schließlich trat ich ihr nur Millisekunden später ebenfalls auf den nicht vorhandenen Schlips.
„Danke, aber ich nehm den letzten Bus zurück."
„Was? Aber wieso das denn?" Tja wieso nur? Vielleicht weil ich keine Lust hatte, die ganze Nacht in einem Haus mit zehn völlig Geistesgestörten zu verbringen, nur um mir den ganzen Scheiß am nächsten Tag noch einmal zu geben. Vielleicht, weil ich mich in Ruhe zu Hause auf mein Sofa legen wollte, mit einer Flasche von irgendwelchem Alkohol, einer Tüte Chips und einer Schachtel Zigaretten, um dann in Ruhe meine Wunden zu lecken.
„Ich fühl mich einfach nicht so, Mama. Bitte versteh das doch." Ich verkniff mir die bissigen Kommentare und appellierte stattdessen lieber an ihre Vernunft. Sie war doch auch mal jung gewesen und hat sicher auch schon mal irgendwann einen Korb gekriegt. Sie muss doch wissen, wie man sich dann fühlt. Hoffte ich.
„Ja aber..." Ich konnte förmlich sehen, wie sie nach Argumenten rang und den inneren Kampf schließlich tatsächlich aufgab. „Dann nimm doch wenigstens das Auto. Ich will nicht, dass du nachts noch mit dem Bus fährst. Man weiß ja nie so, was da für Leute unterwegs sind."
Da hatte sie ausnahmsweise mal recht. Das weiß man wirklich nicht. Und oft sind da auch ganz schön gruselige Gestalten dabei. Trotzdem musste ich dieses Angebot ablehnen. „Danke, aber ich kann nicht."
„Mein Gott. Mit dir kann man es aber auch so gut meinen wie man will. Wieso kannst du nicht?" Und schon wieder schlug sie diesen herzzerreißenden Ton an. Ist ja furchtbar.
„Weil sie erstens schon einen Scotch hatte und fast die ganze Flasche Wein alleine leer getrunken hat und zweitens hat sie keinen Führerschein", kam mir Susi mit meiner Antwort zuvor und mir blieb nichts anderes übrig, als zustimmend zu nicken.
„Wieso hat sie keinen Führerschein?" Reichlich verdutzt blickte meine Mutter in die Runde. Ja genau, redet einfach über mich als wäre ich gar nicht da. Oh wie ich das liebe. Ich wäre am liebsten sofort wieder ausgerastet.
„Wegen dem Kaninchen", nuschelte mein Vater und schob sich eine Kartoffel in den Mund. Hallo? War ich vielleicht wirklich nicht mehr anwesend und hatte davon nur nichts mitbekommen? War ich vielleicht inzwischen gestorben und nur mein Geist beobachtete diese Szene oder warum sprach man mich einfach nicht direkt an?
„Wegen der alten Geschichte? Ich dachte, sie hätte ihn inzwischen dann doch noch mal gemacht. Das hätte sie doch wirklich mal tun können, oder nicht?" Ja genau hätte sie tun können. Hat sie aber nicht. Wütend zerbiss ich ein weiteres Mal an diesem Tag meine Unterlippe, die inzwischen schon ziemlich wehtat. Das interessiert Sie nun aber wahrscheinlich eher weniger. Sie interessieren sich wahrscheinlich eher dafür, was es mit besagtem Kaninchen auf sich hat. Das kann ich verstehen, aber ich muss Sie leider noch ein wenig vertrösten. Momentan ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt, um über das arme Kaninchen zu sprechen, sondern eher über die arme Meredith die mit ihrer Familie so dermaßen gestraft ist. Ich verspreche Ihnen aber, dieses zu gegebenem Zeitpunkt nachzuholen. Haben Sie einfach ein wenig Geduld.
Ich äußerte mich nicht weiter zu diesem Thema. Ich wurde ja auch schließlich nicht gefragt. Dafür ignorierte ich aber auch alle weiteren Tischgespräche, auf die mir so eigene und vor allem stoische Art und Weise. War vielleicht auch besser so. Ich hatte an diesem Abend schließlich schon einmal ein unmoralisches Angebot gemacht und das wurde auch noch angenommen. Wäre mein Hintern nicht so weit von meinem Gesicht entfernt und ich nicht durch und durch ungelenkig, ich hätte mir hinein gebissen. Konnte es vielleicht sein, dass sich die Wirkstoffe der Valiumtabletten durch die Metalldose ihren Weg durch mein Wadenfett in meinen Blutkreislauf gesucht hatten und dass der dadurch entstandene Medikamenteneinfluss schuld an dieser Kurzschlussreaktion gewesen war? Anders kann ich mir das wirklich kaum noch erklären.
Nach dem Essen gingen wir dann über zur Bescherung. Eine für mich sehr einfache Aufgabe, denn ich kaufte kaum Geschenke selbst. Meine Schwester kauft die Geschenke für mich an die Kinder, sowie von uns an die Eltern und an Benny. Ich kriegte am Ende nur die Rechnung dafür und gab ihr das Geld dann irgendwann im Laufe des Jahres zurück. Ich musste nur für Susi selbst was kaufen und was sie sich wünschte, das quatschte sie mir immer auf den Anrufbeantworter inklusive des Geschäftes, wo ich besagten Artikel erstehen konnte. In diesem Jahr war es ein Parfüm gewesen. Ich musste während der Bescherung also einfach nur dasitzen und mich darüber freuen, dass die Kinder sich über die Geschenke von mir freuten und so tun, als würde mir der hässliche Pullover, den ich von meiner Mutter bekam, und das Buch von meiner Schwester gefallen. Und auch in diesem Jahr traute ich mich nicht, nach den Kassenzetteln zu fragen, damit ich die Sachen umtauschen konnte. Ich hatte ja schon mal erwähnt, dass ich tatsächlich so etwas wie wohlerzogen bin, auch wenn man es im ersten Moment vielleicht gar nicht so bemerkt.
Und nach der Bescherung konnte ich mich dann auch endlich wieder auf den Nachhauseweg machen. Hat schon so seine Vorteile, wenn man kein Auto hat und den letzten Bus nehmen muss. Zum Glück kennt sich der Rest meiner Familie mal so gar nicht mit dem öffentlichen Personennahverkehr aus, sonst hätten die nämlich gewusst, dass die Busse 24 Stunden am Tag fuhren. Wussten sie aber nicht. Und so konnte ich mich ohne größere Gewissensbisse von ihnen verabschieden. Meine Schwester ließ es sich auch nicht nehmen, mir noch mal für mein Angebot bezüglich Silvester zu danken und versprach mir, dass Connor mich um sieben abholen würde, sodass ich nicht den Bus zu nehmen brauchte. VERDAMMT! Warum konnte sie nicht einfach alles ganz schnell wieder vergessen? Ihr musste doch selbst auch klar sein, dass ich der denkbar schlechteste Babysitter auf der ganzen großen Welt war. Warum nur?
Noch viel müder als am Nachmittag schleppte ich mich samt meiner hässlichen Geschenke zur Bushaltestelle und hatte sogar Glück, dass ziemlich schnell ein Bus Richtung Stadt fuhr und ich nicht noch lange in der Kälte warten musste. Ich wollte wirklich nur noch auf mein Sofa und diesen Tag, ach was rede ich, das ganze letzte Jahr einfach nur vergessen. Wenigstens war der Bus fast leer und es waren auch keine gruseligen Gestalten anwesend, die mich sofort wieder an Bandenkriege, Drogenumschlagplätze und Vergewaltigungen erinnert hätten. Ich gähnte leise, als ich Platz nahm und meine Tasche neben mich abstellte. Nun konnte ich auch endlich das Metalldöschen aus meinem Stiefel entfernen, von dem mein Bein sicherlich schon eine Delle bekommen hatte. Ich bückte mich und pfriemelte an meinem Stiefel (dessen Leder wahrscheinlich auch schon völlig verseucht von Beruhigungsmitteln war) , als mein Blick auf einen Zettel fiel, der am Boden lag. Eigentlich hebe ich nichts auf, was auf Busfußböden liegt. Wer weiß, wer das schon in der Hand hatte und welche Krankheiten dieser Person spazieren trug. Aber dieser Zettel erregte meine Aufmerksamkeit und so hob ich ihn doch auf. Es war ein einfaches Stück kariertes Papier, das jemand von einem Collegeblock abgerissen hatte. „To do Liste für das neue Jahr" hatte jemand, vermutlich eine Frau in sauberen und fein geschwungenen Buchstaben ganz oben hingeschrieben. Ansonsten stand nichts auf dem Zettel. Ich betrachtete ihn eine ganze Weile, während der Bus durch die Nacht rauschte, dann zog ich einen Kugelschreiber aus meiner Tasche und fing an zu schreiben.
- Weihnachtsgeschenke bei Ebay versteigern
- Meiner Schwester nie wieder anbieten, auf ihre Kinder aufzupassen
- Neue Stiefel kaufen
- Reichen, gutaussehenden Mann zum Heiraten finden