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Author's Chapter Notes:
Sorry, dass ich mit dem Update so lange hab auf mich warten lassen. Einige wissen ja vielleicht, dass bei mir in letzter Zeit einiges los war und da war meiner Beta nicht nach betan und mir icht danach mich mit dem Thema hier auseinander zu setzen. Nunja, die Wellen schäumen nur noch halb so hoch und deshalb nun hier endlich das neue Kapitel, dass euch hoffentlich ein paar Antworten auf eure Fragen bringt und euch gefällt, natürlich.

 

Wenn man es sich genau überlegt, so hätte einem eigentlich schon früher klar werden müssen, dass auch die perfekte Familie meiner Schwester irgendeine Leiche im Keller haben musste. So perfektes und vollkommenes Glück, das kann es gar nicht geben. Das durfte es nicht geben. Und trotzdem hatte ich nie einen Gedanken daran verschenkt, dass meine Schwester ein Geheimnis hüten könnte, das noch besser vertuscht wurde, als das Valiumproblem meiner Mutter. Ich meine, was diese Tablettensache anging, da wussten wir alle Bescheid, aber wir sprachen nie darüber. Aber von dem Geheimnis meiner Schwester wusste, außer mir und Connor niemand in unserer Familie etwas. Und ich hätte nicht einmal ansatzweise in Erwägung gezogen, dass meine ach so perfekte Schwester überhaupt dazu im Stande war solche Dinge zu tun. Natürlich taten andere es auch. Man hörte es mal hier, mal da. Ab und zu standen solche Sachen auch in der Zeitung. Immer dann, wenn es Menschen betraf, die im Licht der Öffentlichkeit standen. Connor und Susi standen in gewisser Weise im Licht der Öffentlichkeit, aber noch nie hatte eine Zeitung darüber geschrieben, dass auch sie nicht frei von Fehlern waren... Spanne ich Sie gerade auf die Folter? Das tut mir leid. Nein, wenn ich ehrlich bin eigentlich nicht. Sie werden schon noch erfahren, welch großes Geheimnis meine Schwester vertuscht und wieso ich, die ich doch eigentlich gar keine Ahnung hatte, plötzlich in den Kreis der Mitwisser gezogen wurde. Und ich wäre meiner Schwester ehrlich gesagt dankbar gewesen, hätte sie mich da raus gelassen. Das wollte ich nicht von ihr wissen. Das zerstörte doch das ganze Bild, das ich von ihr hatte. Und ich lief jedes Mal Gefahr es gegen sie zu verwenden, wenn mir mal wieder jemand unter die Nase rieb, wie toll doch meine Schwester war und wie untoll meine missratende Persönlichkeit. Und das wollte ich nicht. Sie ist und bleibt meine Schwester und eigentlich macht es sie  auch irgendwie sympathisch.

Es geschah an meinem 28. Geburtstag. Wie ich ja bereits erwähnte, bin ich kein sonderlich großer Fan von gestelzten Familienfeiern. Aufgrund der sehr nahen Geburtstage von mir und meinem Bruder , musste ich sogar immer zwei solch aufgesetzte Feiern hintereinander über mich ergehen lassen. Deshalb hatte ich immer nur einen Wunsch, wenn man mich fragte, was ich denn zum Geburtstag haben wollte: „Meine Ruhe!" Als ich noch kleiner war bekam ich zur Antwort immer ein wohlwollendes Lachen und eine Hand, die mir durch die Haare strich. Niemand respektierte meinen Wunsch. Aber ich blieb schließlich nicht immer ein kleines Kind und an meinem 18. Geburtstag machte ich schließlich ernst. Man konnte mir auch noch nachträglich einen Tag später gratulieren, wenn mein Bruder seinen Geburtstag feierte. Aber an meinem Geburtstag wollte ich niemanden um mich haben. Das war schließlich mein Tag. Und da wollte ich einfach nur die Dinge tun, die mir Spaß machten. Ins Theater gehen zum Beispiel und shoppen natürlich. War ja klar, dass meine Familie anfangs murrte, doch mit den Jahren fanden sie sich einfach damit ab. Man muss halt auch lernen sich an neue Dinge zu gewöhnen. Musste ich ja schließlich auch.

Und so verbrachte ich meinen achtundzwanzigsten Geburtstag auch ganz mit mir allein. Ich ging zum Friseur und gönnte mir mal wieder eine anständige Maniküre. Und wo ich schon mal da war, vollzog ich gleich das volle Programm mit Pediküre, Gesichtsmaske und diesem ganzen Schnickschnack für den ich sonst eigentlich kein Geld hatte. Danach klapperte ich die Boutiquen ab und machte reiche Ausbeute, bevor ich mich selbst in meinem Lieblingsrestaurant zum Essen einlud. Hierbei begleitete mich allerdings Tira, weil ich mir doch ein wenig doof dabei vorkam, ganz alleine in einem Restaurant zu sitzen und zu essen. Da denken die Leute ja niemand würde einen mögen. Gut, vielleicht liegen sie dabei auch nicht ganz falsch, schließlich konnte ich meinen Freundeskreis an einer Hand abzählen, aber das musste außer mir ja (auch) niemand wissen. Nach dem gemeinsamen Essen wollte ich aber wieder meine Ruhe haben. Ganz für mich allein machte ich es mir erst in meiner Badewanne bequem und siedelte später ins Wohnzimmer über, um mir einen schönen Film anzusehen. Ein Geburtstag ganz nach meinem Geschmack, bis plötzlich jemand begann, wie wild zu klingeln. Verwundert sah ich auf die Uhr. Es war bereits fast elf und ich fragte mich, wer mich zu dieser späten Stunde noch sehen wollte. Nein, wer so lautstark nach mir verlangte und die Gesetze meines Geburtstags damit so schändlich missachtete.

Ich muss gestehen, es fiel mir mehr als schwer meine Überraschung zu verbergen, als nur wenige Sekunden später Susi vor meiner Tür stand. Sie sah nicht gut aus. Meine Schwester ist eine konservative und organisationsgeile Person sein und legt deshalb fast schon mehr Wert auf ihr äußereres Erscheinungsbild als ich es tue. Gehört ja auch irgendwie mit dazu wenn man eine vorzeige Mutter-Hausfrau-Karrierefrau ist. Doch an diesem Abend trug sie Jeans, die ihr so tief auf den gerade wieder schmal trainierten Hüften hangen, dass ich mir nicht einmal in meinen kühnsten Trumen hätte ausmalen können, Susi würde in einem solchen Aufzug das Haus verlassen. Der Pullover musste ein Überbleibsel ihrer letzten Schwangerschaft gewesen sein, so schlabbrig hing er an ihr herunter  und ihre langen, blonden Haare waren ja vielleicht vieles, aber ganz sicher nicht frisiert. Was mich allerdings noch viel mehr beunruhigt, als der desolate Zustand ihrer Erscheinung, war die Tatsache, dass sie ganz offensichtlich geweint hatte. Ich hatte meine Schwester in meinem ganzen Leben noch nie weinen gesehen und vertrat deshalb die Meinung, sie könnte das gar nicht. War vielleicht so eine Familiensache. Ich weinte schließlich auch nicht sonderlich häufig. Vielleicht fehlen uns da gewisse Drüsen oder sowas. Aber Susi hatte geheult. Ihre stark geröteten Augen und die nur hektisch weggewischten Spuren von verlaufener Wimperntusche zeugten deutlich davon.

„Was machst du denn hier?", fragte ich schließlich zögerlich, nachdem sie eine ganze Weile einfach vor mir stand und mich schwer atmend ansah.

„Alles Gute zum Geburtstag!" Sie rang sich ein gequältes Lächeln ab und zog die Nase hoch, dann drückte sie mir eine Flasche in die Hand und quetschte sich an mir vorbei in meine Wohnung. Ich blieb reichlich verdutzt noch einen Moment vor meiner Haustür stehen, bevor ich diese zu schlug und dem Geräusch klappernder Gläser in meine Küche folgte. Susanna hatte die kurze Zeit genutzt und zwei Gläser auf den Küchentisch gestellt. Nun ließ sie sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. Die Blicke, die sie mir zu warfen waren von eher auffordernder Natur. „Gieß ein!"

Erst jetzt nahm ich mir die Zeit die Flasche in meinen Händen genauer zu betrachten. Whiskey. Aber nicht einfach irgendein Whiskey. Es handelte sich um einen 30 Jahre alten Balvenie und wenn man ein wenig Ahnung von Whiskey hat, dann weiß man auch, dass die Flasche, die ich in meinen Händen hielt mal eben locker flockige 350 Pfund kostete. Fast schon ein wenig erschrocken riss ich die Augenbrauen hoch. „Ähm, woher hast du den?"

„Na, woher wohl? Aus Connors reichhaltiger Sammlung im Keller."

„Du weißt aber schon, dass das ein ziemlich teurer Whiskey ist, oder?", fragte ich zaghaft nach, denn meine Schwester trank so gut wie nie Alkohol (Was wohl auch daran liegen konnte, dass sie ständig schwanger war).

„Ja, das weiß ich. Und jetzt gieß endlich ein!" Sie machte eine gebieterische Geste auf die Gläser und ich gab nach. Seufzend goss ich den teuren Whiskey in die völlig ungeeigneten Wassergläser und nahm dann ebenfalls Platz. Mit zunehmendem Erstaunen sah ich dabei zu, wie Susi ihr Glas in einem Zug leerte und anschließend eine angewiderte Grimasse zog. Der gute Whiskey. Aber was wohl viel wichtiger war als der edle Tropfen, war die Frage, was meine Schwester hier wollte. Zu einer so späten Uhrzeit und völlig verheult, scheinbar mit dem festen Willen sich ordentlich die Kante zu geben.

„Willst du mir erzählen was passiert ist?", hakte ich vorsichtig nach und nahm einen genüsslichen Schluck von der bernsteinfarbenden Flüssigkeit.

„Gleich." Sie machte eine abwehrende Geste und bemächtigte sich der Flasche um ihr Glas abermals zu füllen und hinunter zu stürzen.

Ich ließ es geschehen. Ich hielt sie auch nicht davon ab, als sie sich ein drittes Mal das Glas vollschenkte. Vielleichte brauchte sie das auch einfach mal. Scheinbar musste sie sich Mut antrinken, um mit mir sprechen zu können. Das ist auf der einen Seite natürlich irgendwie traurig, weil sie mit mir über alles reden kann, aber auf der anderen Seite konnte ich es auch verstehen. Ich meine, befanden wir uns nicht alle schon einmal in der Situation, wo wir uns erst einmal Mut antrinken mussten, um etwas zu tun oder zu sagen, was wir im nüchternen Zustand niemals übers Herz gebracht hätten? Also in meinem Leben gab es schon einige solcher Situationen. Und ich fand, auch meine sonst so beherrschte und kontrollierte Schwester hatte das Recht sich mal so richtig Mut anzusaufen. Wer weiß wofür es gut sein würde. Hätte ich allerdings damals schon gewusst, für  was für ein Geständnis sie sich da Mut antrank, ich hätte sie gar nicht erst anfangen lassen oder ich wäre nach dem vierten Glas nicht eingeschritten in der Hoffnung, sie würde weiter saufen und vergessen weshalb sie überhaupt hergekommen war. Aber ich wusste es damals nicht und nahm ihr deshalb nach dem vierten Glas die Flasche weg. „Ich denke, das reicht jetzt." Komisch, ich fühlte mich ein wenig wie in vertauschten Rollen. Früher war es nämlich immer Susi gewesen, die mir Vorhaltungen gemacht hatte, wenn ich mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatte.

„Er hält sich nicht an die Regeln", murmelte Susanna vor sich hin und stellte das leere Glas auf dem Tisch ab.

„Wer hält sich nicht an welche Regeln?" Habe ich Ihnen eigentlich schon erzählt, dass ich Rätsel raten hasse und es abgrundtief schrecklich finde, wenn man jemandem alles aus der Nase ziehen muss? Nein? Aber es ist so. Ich hasse es. Fast so sehr wie Spritzen, Schmerzen und Herpes.

„Na, Connor!", schmetterte mir meine Schwester gereizt entgegen und wollte bereits wieder nach der Flasche greifen, aber ich war schneller. Mit einem leisen Klirren stellte ich die Flasche neben mir auf den Fußboden.

„An was für Regeln hält sich Connor denn nicht?" Ich hasse es! Ich hasse es! Ich hasse diese verdammten Ratespielchen!

Unruhig hatte Susi ihr Glas zwischen ihre beiden Hände geklemmt und rollte es hin und her, wobei der Boden des Glases eher unangenehme Geräusche auf der Tischplatte produzierte. Mit starrem Blick sah ich sie so lange an, bis sie plötzlich aufhörte das Glas zu drehen und mir tief in die Augen sah. „Er hat mit dem Kindermädchen geschlafen!", sagte sie plötzlich mit erschreckend fester Stimme.

„Er hat was?" Mit der Festigkeit von Susis Stimme konnte meine nicht mithalten. Ganz im Gegenteil, sie überschlug sich fast. Jetzt konnte ich natürlich verstehen, weshalb sie sich so dermaßen die Kante geben wollte und wieso es sie dabei nicht die Bohne störte, dass Connor ganz schön böse werden würde, über die Verschwendung eines so teuren Whiskeys.

Jetzt war ich diejenige, die ihr Glas mit einem Schluck leerte. Ich schenkte mir nach und Susi ebenfalls. Mir fehlten die Worte. Connor, der perfekte Ehemann treibt es mit dem Kindermädchen. Er betrog meine Schwester. Was fiel dem Arschloch eigentlich ein? Ich muss ehrlich zugeben, dass ich es niemals für möglich gehalten hätte, eine solche Wut über den Verrat an meiner Schwester zu empfinden. Aber das tat ich. Ich war nicht nur wütend, sondern durch und durch zornig. Was in meinem Kopf allerdings so gar keinen Sinn machte war, was das mit irgendwelchen Regeln zu tun haben sollte.

„Er hat mit dem Kindermädchen geschlafen", wiederholte Susi und trank den Whiskey, den ich ihr eingegossen hatte. „Er hat einfach gegen die Regeln verstoßen und mit dem Kindermädchen geschlafen." Sie klang fassungslos und machte mich damit mehr als ahnungslos. Was für Regeln, zum Teufel?

„Welche Regeln, Herrgott nochmal?", platze es aus mir heraus, denn ich war dieses Ratespielchen ein für alle Mal leid.

„Na, DIE Regeln!" Meine Schwester rollte genervt mit den Augen. „Unsere Regeln."

„Und was steht in diesen Regeln?" Mit einem leisen Knall stellte ich mein ebenfalls wieder leeres Glas auf dem Tisch ab.

„Na, das er mit seiner Assistentin schlafen darf. Vom Kindermädchen war nie die Rede!"

„Dass er was?" Ich fühlte mich für einen kleinen Moment so, als hätte mir jemand mit der Faust geradewegs ins Gesicht geschlagen. Das konnte sie doch nicht ernst gemeint haben. Das konnte sie auf gar keinen Fall ernst gemeint haben. „Das...das..." Ich fand keine Worte. Ich war hochgradig verwirrt. Also, noch über das Maß meiner normalen Alltagsverwirrung hinaus. „Das musst du mir erklären", brachte ich dann doch noch irgendwie mühsam heraus und goss ein weiteres Mal die Gläser voll.

„Naja..." Susi strich sich eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr und sah in ihr Glas. „Das mag jetzt vielleicht komisch klingen, aber wir hatten eine Abmachung. Und die besagte, dass er mit seiner Assistentin schlafen darf. Aber eben nur mit dieser und nicht mit dem Kindermädchen."

„Ihr habt was?" Ich verschluckte mich heftig und musste husten. Ich spürte die flache Hand meiner Schwester gegen meinen Rücken klopfen. In meiner Kehle brannte es, als hätte jemand flüssiges Feuer hinein gegossen. „Das klingt nicht nur komisch", murmelte ich als der Husten nachließ. „Das klingt völlig bescheuert." Ich erhob meine Stimme. „Wie kommt ihr denn bitte auf so eine scheiß Idee? Ihr seid verheiratet! Er hat weder seine Assistentin, noch sein Kindermädchen zu vögeln!"

„Könntest du dein Vokabular vielleicht ein wenig zügeln?" Da war sie wieder, die tadelnde große Schwester, die mich durch mein Leben begleitete. Die, die Hälfte all´ meiner Ideen als völligen Schwachsinn abtat, nur um mir dann zu erzählen, sie hätte mit ihrem Mann eine Abmachung mit wem er fremdgehen durfte. Und ich würde meiner Schwester auch noch durchaus zutrauen, dass sie das ganze schriftlich festgelegt hatte. Oh Mann. Meine ganze kleine Welt stand plötzlich Kopf. „Ich? Ich soll mein Vokabular zügel? Nee! Kannste vergessen!" Völlig außer mir stand ich von meinem Stuhl auf und zwar so ruckartig, dass er nach hinten umfiel und mit einem lauten Scheppern zu Boden ging.

„Meredith, mäßige dich bitte!" Gott, wie ich es hasse wenn sie so redet. Vor allem, wenn sie der Grund für meinen Zorn war. Aber gut, jetzt hatte sie einmal angefangen, jetzt wollte ich auch die ganze Geschichte hören. Wütend bückte ich mich und richtete den Stuhl wieder auf, um mich darauf fallen zu lassen. „Also?", forderte ich energisch nach einer Erklärung, bevor ich mein Glas an die Lippen setzte.

„Also." Susi seufzte einmal und sah mich dann an. Der übermäßige Alkoholgenuss hatte ihre Wangen gerötet. „Connor ist viel unterwegs. Manchmal sehen wir uns Tage und sogar Wochen nicht. Er ist ein Mann. Es ist doch nur natürlich, dass er gewisse Bedürfnisse hat."

„Ja und? Dann soll er sich eben einen von der Palme wedeln!" Ich ballte meine Hände zu Fäusten, so angespannt war ich.

„Lass mich ausreden", fuhr Susanna mir über den Mund und nahm einen Schluck Whiskey. Faszinierend eigentlich, dass sie nach so einer großen Menge Alkohol noch über eine so klare Aussprache verfügte. „Ich weiß, dass Connor mich liebt und ich liebe ihn. Es stört mich nicht, wenn er mit seiner Assistentin schläft. Das haben wir so abgemacht."

„Das ist doch vollkommen lächerlich, Susi!", fuhr ich sie wieder wütend an. „Nur weil er sein Sperma nicht kontrollieren kann? Da könntest du ja auch einfach mit wer weiß wem schlafen, oder hast du etwas keine Bedürfnisse, wenn er lange weg ist?"

„Herr Gott noch eins, ich schlafe im Gegenzug mit unserem Gärtner!"

Ich muss ausgesehen haben wie ein Huhn wenn es donnert, um mich mal der Redewendung einer Freundin von mir zu bedienen. Völlig unverhohlen glotze ich meine Schwester an und suchte nach der konservativen, perfekten Ehefrau. Wann zur Hölle hat meine große Schwester angefangen sich zum Stell- dich- ein mit ihrem Gärtner zu treffen? Ich gestehe, ihr Gärtner ist gewiss nicht von schlechten Eltern und ich habe ihn schon so manches Mal beobachtet, wenn er im Sommer bei Brühtender Hitze im Garten ackerte. Mit nacktem Oberkörper und der Schweiß glänzte auf seiner schwarzen Haut, die sich über seinen Muskeln spannte. Hach ja... Aber meine Schwester? Es fiel mir schon schwer genug mir auszumalen, dass Susi überhaupt sowas wie ein Sexualleben hatte. Das passte einfach nicht zu ihr. Es gibt gewiss nicht viele Dinge, die mich schockieren, aber nach diesem Geständnis war ich doch ein wenig fertig. Ich erhob mich ein weiteres Mal, dieses Mal allerdings weniger ruckartig und zog eine Schachtel Zigaretten aus meiner Handtasche, die auf der Arbeitsfläche meiner Küche lag. Ich nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an, in der Hoffnung, der blaue Dunst könnte mein aufgewühltes Gemüht ein wenig beruhigen.

„Musst du rauchen?" Und schon wieder wurde ich getadelt. Ich fragte mich wirklich woher sie sich das Recht nahm, mir in meiner Wohnung Vorschriften zu machen, zumal sie es doch war, die hier gerade jegliche Vorstellungen von Moral, die ich jemals gehabt hatte, zerstörte.

„Ja, muss ich", antwortete ich giftig und ging unruhig in meiner Küche auf und ab. Ich hielt nur an, um die erkaltete Glut meiner Zigarette in den Aschenbecher zu schnippen. „Nur damit wir uns richtig verstehen. Du und Connor, ihr habt eine Übereinkunft, dass er seine Assistentin fi... also beglücken darf, wenn er unterwegs ist und du machst es dir dafür mit dem Gärtner gemütlich?" Susanna nickte und schien sich nun scheinbar doch ein wenig zu schämen. Zumindest versteckte sie ihr Gesicht gekonnt hinter dem Glas, das sie wieder an ihre Lippen setze. „Ich will ja mal nichts sagen, aber habt ihr euch schon einmal überlegt, was die Presse für einen Freudentanz aufführt, wenn das rauskommt? Ihr steht doch beide ein wenig im Licht der Öffentlichkeit. Was also, wenn Connors Assistentin sich überlegt mal ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern."

„Sie hat einen Vertrag unterzeichnet, der sie zum Schweigen verpflichtet", murmelte meine Schwester in ihr Glas.

„Sie hat was?" Ich blieb stehen. Obwohl ich es in meinem tiefsten Inneren geahnt hatte, wurde diese Geschichte immer skurriler. „Und der Gärtner?"

„Der auch."

Oh man, diese Frau ist doch echt der Brüller. Das artete doch schon in einen schlechten Sketch aus. Allerdings blieb mir nicht viel Zeit, mir wirklich Gedanken darüber zu machen. Die Gesichtsfarbe meiner Schwester nahm einen ungesunden Grünton an, bevor sie die Hand vor den Mund schlug und ins Badezimmer hechtete, als seien die sieben Reiter der Apokalypse höchst persönlich hinter ihr her. Ich hörte, wie sie eine Tür aufstieß und dann verdächtige Würggeräusche. Das war ja in gewisser Weise abzusehen gewesen.

Ich fühlte mich erschöpft von all diesen neuen Erkenntnissen, folgte ihr aber trotzdem ins Bad. Wie ein Häufchen Elend hockte Susi vor der Kloschüssel und hielt sich mit einer Hand die Haare aus dem Gesicht. Ich seufzte kurz, dann trat ich hinter sie und hielt ihr die Haare, bis sie ihren Magen geleert hatte. Sie hatte echt Glück, dass sie meine Schwester ist, denn das würde ich gewiss nicht für jeden tun.

Als sie fertig war, füllte ich meinen Zahnputzbecher mit Wasser und reichte ihn ihr. Ich wartete, bis sie ihren Mund ausgespült und das Wasser in die Toilette gespuckt hatte, dann drückte ich die Spülung. Ich stellte den Becher wieder weg und sah auf sie hinab. Susi hatte sich inzwischen mit dem Rücken an die Badewanne gelehnt, die Knie angezogen und ihren Kopf darauf gebettet. Sie wirkte wirklich wie am Boden zerstört. Ohne ein Wort zu sagen ließ ich mich neben ihr nieder und streichelte sachte über ihre Hand.

„Ich liebe meinen Mann", schluchzte sie leise. „Ich liebe meinen Mann und ich liebe meine Kinder und ich würde niemals etwas tun, was ihnen schaden würde."

„Ich weiß", sagte ich ziemlich hilflos und zog sie zu mir herüber. In diesem Moment wurde mir etwas bewusst, das trotz der schrecklichen Geständnisse irgendwie erfreulich war:

 Wenn der Rest der Welt geht und du niemanden hast, an den du dich wenden kannst, dann ist deine Familie für dich da.

Wem sonst hätte meine Schwester sich anvertrauen sollen, wenn nicht ihrem eigenen Fleisch und Blut? Wir waren Schwestern. In unseren Adern rauschte das gleiche Blut. Ich war es eigentlich, die ständig völlig bescheuerte Dinge tat. Stand dieses Recht meiner Schwester dann nicht auch zu? Und war es nicht irgendwie auch eine Geste des Vertrauens, dass sie sich mir zuwandte? War es mein Recht sie zu verurteilen? Ich weiß es bis heute nicht, um ehrlich zu sein. Aber damals beschloss ich, all meine Wut und mein Unverständnis herunter zu schlucken. Sie hatte in diesem Moment nur mich. Und so ließ ich sie gewähren, zog sie in meinen Schoß und streichelte ihr sanft über das strähnige Haar.

„Er hat sich einfach nicht an unsere Abmachung gehalten", schluchzte sie nun lauter und dicke Tränen rannen ihre Wangen hinab. Sie war wirklich erschüttert.

Meine Schwester hat inzwischen ein neues Kindermädchen. Eines das alt und hässlich ist, so dass Connor nicht mehr auf den Gedanken kommt seine „Bedürfnisse" an ihr zu stillen. Und ich saß im Wohnzimmer meiner Eltern, in einem der großen Ledersessel, ein Glas Scotch in meiner Rechten und betrachtete die perfekte Familie meiner Schwester. Wir haben seit diesem Abend nie wieder über diese Sache gesprochen und ich wüsste auch heute noch nicht, wie ob ich das ganze irgendwie gutheißen könnte. Im Prinzip stand es den beiden frei zu tun und zu lassen, was ihnen gefällt. Sie sind alt genug und müssen selber wissen wie sie glücklich werden oder eben auch nicht. Ein ganz anderer Gedanke schob sich unterdessen in mein Gehirn: Gab es die Liebe, die ich mir in meiner kranken Märchenwelt ausmalte und die auch körperliche Treue beinhaltete vielleicht gar nicht? Lag das Fremdgehen vielleicht ganz einfach in der Natur des Menschen? Und wenn dem so war: Lohnte es sich dann überhaupt soviel Mühe und Kraft in eine Beziehung zu stecken, die eh nicht das erfüllte, was ich mir erhoffte?

Nachdenklich zerbiss ich meine Unterlippe, bis sich die oberste Hautschicht langsam ablöste. Mit zwei Fingern zog ich vorsichtig an dem Hautfetzen, bis er sich mit einem schmerzhaften Ziehen von meiner Lippe trennte und schnipste ihn in den Raum. Ich nahm einen weiteren Schluck von dem Scotch und war mir plötzlich sicher. All das was ich mir gewünscht hatte, würde ich eh nie bekommen. Es lag auf der Hand. Ich würde niemals eine Prinzessin sein (und schon gar nicht, wenn ich Hautfetzen durch die Gegend schnipste) und ich würde auch niemals meinem Traumprinzen begegnen, der nur mich brauchte um glücklich zu werden. Es war die ganze Mühe nicht wert. Ich konnte mich also genauso gut damit abfinden und zu meinem alten Plan zurückkehren.

 

 

 

 


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