Fairytale gone wild - pausiert von Blossom
Inhalt:

Wenn mir eine gute Fee einen Wunsch freigeben würde, dann würde ich mir wünschen eine Prinzessin zu sein. Und ich würde mir wünschen, dass ein schöner Prinz auf einem weißen Pferd vorbei kämen und wir gemeinsam glücklich bis ans Ende unserer Tage würden. Leider gibt es keine Feen und somit muss ich mein Glück wohl selbst in die Hand nehmen...


Kategorien: Orlando Bloom Real Person, Novel-length Fics Charaktere: Keine
Genres: Humor
Warnings: Keine
Challenges: Keine
Serien: Keine
Kapitel: 14 Abgeschlossen: Nein Wörterzahl: 40963 Gelesen: 3589 Veröffentlicht: 16/12/08 Aktualisiert: 04/11/09

1. Vorwort von Blossom

2. Trailer von Blossom

3. Prolog vorne vor von Blossom

4. Kurzer Querschnitt durch mein Leben von Blossom

5. Das richtige Leben beginnt von Blossom

6. Der Traumprinz, oder: auch wenn man keine Prinzessin ist hat man es nicht leicht von Blossom

7. Das Date von Blossom

8. Beim Leben meines Bruders von Blossom

9. Hochverrat - Ein Verbrechen gegen den Adel von Blossom

10. Top Secret! von Blossom

11. Hilfe, es weihnachtet sehr! von Blossom

12. Happy new year! von Blossom

13. Mission possible von Blossom

14. Der beste Freund des Menschen von Blossom

Vorwort von Blossom

Sodele, da bei meinen anderen Geschichten mal wieder Flaute herrscht, geh ich eben mit einer neuen an den Start. ich bin ja flexibel. Keine Sorge, ich hab sogar schon ein paar Kapitel vorlauf.

Bei dieser Geschichte handelt es sich um mein erstes Projekt (also im alleingang) bei dem ich aus der Ichperspektive schreibe. Und meine erste Komödie. Mal schauen wie es ankommt.

Allen Orlando Fans unter euch sei gesagt, dass es erst ein paar Kapitel später in dieser Geschichte auftaucht. Ich hoffe das schreckt euch jetzt nicht ab. Ich verspreche er kommt und vielleicht ja sogar hoch zu Ross in glänzender Rüstung... Also lest zumindest mal rein, mich verfluchen und die Geschichte in den Müll treten könnt ihr dann immer noch.

Zu guter letzt danke ich meiner Beta der lieben Kaddie. Solltet ihr also Fehler in der Rechtschreibung, Gramatik oder Zeichensetzung finden, dann sammelt die einfach alle und schickt sie zurück zu ihr. ich kann damit nix anfangen.

Ach so und reviewn dürft ihr auch. Gerne auch viel! *gg*

Was wollt ich noch sagen? Ach so, mir gehört nix. Jeder ist seines Glückes Schmiedt und Gott sieht alles. ich möchte niemanden mit dieser Geschichte kränken, beleidigen oder ihm/ihr gar weh tun (deshalb schon mal im voraus ein dicke "TSCHULDIGUNG" an alle rothaarigen Menschen und Philosophiestudenten da draußen - Ist doch nur Spaß).

So denn ich wünsch euch gaaaaaanz viel Spaß beim lesen. meine Beta hat behauptet es wäre ne ganz nette Geschichte

Trailer von Blossom

Den Trailer zu Fairytale gone wild findet ihr unter folgendem Link

http://de.youtube.com/watch?v=tbufrb18cDg&feature=channel_page

Ich muss euch allerdings warnen, dass eventuell ein ganz klein bisschen gespoilert wird. Aber nur ein wenig. Ihr könnt ihn euch also ruhig ansehen. Ich wünsche euch viel Spaß und hoffe er gefällt euch.

Prolog vorne vor von Blossom
 

Liebe.

Reine, ehrliche, aufrichtige, alles überstehende Liebe.

Eine schöne Vorstellung, die uns von klein auf eingetrichtert wird. Es fängt an mit den Märchen, die unsere Eltern uns erzählen wenn wir Kinder sind. Sie handeln von Prinzen und Prinzessinnen, die auf unerklärliche Weise zusammen gehören. Die sich sehen und für immer und ewig lieben, glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Irgendwann hören unsere Eltern auf uns Märchen zu erzählen. Der Fernseher rückt an diese Stelle. Prinzen werden gegen junge Footballhelden und Prinzessinnen gegen das schönste Mädchen an der Highschool ausgetauscht. Der Ablauf dieser Romanze ist dann im Endeffekt wieder der Selbe wie im Märchen, nur auf eine modernere Art und Weise.

Ich bin allerdings wenig prinzessinnenhaft. Keine Ahnung wie das passieren konnte, aber so ist es. Es fängt schon bei den rein körperlichen Attributen an. Prinzessinnen sind IMMER wunder- wunderschön. Ganz egal ob Dornröschen oder Schneewittchen, ja sogar das abgewrackte Aschenbrödel sieht im Putzkittel noch betörend aus. Ich tue das nicht. Hingegen jeden Prinzessinnenklischees fallen mir meine Haare nicht in weichen Wellen bis auf die Hüften. Ganz im Gegenteil. Meine Haare sind dünn und irgendwie fransig. Ein bisschen wie Lametta das man zu lange mit einer Schere bearbeitet hat. Deshalb lasse ich auch jeden Monat viel Geld bei meinem Friseur, damit er rettet, was halt eben noch zu retten ist. Weiter geht es mit dem riesigen Zinken den ich meinem Vater zu verdanken habe und über den sich meine Familie bei jeder sich bietenden Gelegenheit lustig macht. Ganz ehrlich? Ich persönlich find mein Riechorgan gar nicht so schlimm. Die Streisand hat da definitiv mehr Pech gehabt. Trotzdem erzählt meine Mutter jedem der es nicht hören will, spätestens nach dem zweiten Glas Champagner, dass sie Gott auf Knien dankt das ich nicht mit den Füßen voran das Licht der Welt erblickt habe, was meine Nase zu einer Art Widerhaken gemacht hätte.

Aber der liebe Gott hat mir nicht nur im Gesicht zu viel Gewebe zukommen lassen, sondern auch an meinem Hintern. Jedes Brauereipferd wäre neidisch. Aber ich will nicht meckern. Also ich will schon, aber was würde es nützen? Dafür wurde ja ausgleichende Gerechtigkeit geschaffen indem mein Busen einfach eine Nummer zu klein ausfiel. Und nicht nur das. Meine rechte Brust ist klein, aber die linke ist noch kleiner. Ich habe mal eine Zeitlang darüber nachgedacht, mir die überflüssige Hinternmasse einfach per Skalpell nach oben verfrachten zu lassen, konnte mich aber irgendwie doch nie so wirklich dazu durchringen. Viel zu groß ist meine Abneigung gegen Nadeln im Allgemeinen und Spritzen im Besonderen. Und auf Schmerzen steh ich auch nicht sonderlich. Wieso sollte man sich also freiwillig welche zufügen lassen? Stattdessen muss sich meine linke Brust einfach mit so einem gummiartigen Austopfdingen zufrieden geben und all meine restlichen körperlichen Komplexe versuche ich damit wider wett zu machen, indem ich mich in Kleidung hülle, die ich mir eigentlich gar nicht leisten kann.

Und damit wären wir wohl bei Punkt zwei meiner nicht prinzessinenhaften Erscheinung angelangt. Prinzessinnen sind nämlich sehr sozial veranlagte Erscheinungen. Sie haben Respekt vor jedem Lebewesen. Außer die Alte aus dem Froschkönig. Die wollte den Frosch schließlich nicht küssen, obwohl sie es ihm versprochen hat. Aber irgendwie kann ich das verstehen. Ich würde auch keine Kröte küssen wollen. Alleine bei dem Gedanken daran bekomme ich schon einen Herpes. Ja. Ich bin irgendwie oberflächig. Also irgendwie schon, irgendwie aber auch nicht. Ich kann das grad ziemlich schwer erklären. Es ist nicht so als würde ich meine Mitmenschen nicht respektieren, egal wo sie einkaufen aber für mich selbst lege ich schon irgendwie Wert auf mein verkommenes Äußeres.

Eine weitere Tugend einer waschechten Prinzessin ist der Fleiß. Den ganzen Tag sind diese fabelhaften Erscheinungen am spinnen und am machen und am tun. Ich allerdings bin eher faul. Nicht nur eigentlich, wenn man es genau nimmt. Ich bin ganz sicher faul. Stinkefaul sogar. Mich in Sachen Handarbeiten zu betätigen käme mir gar nicht erst in den Sinn, bin ich doch sogar zu faul dazu, das Geschirr in die Spülmaschine zu stellen. Stattdessen stelle ich es lieber oben drauf und ärgere mich wenn ich keine sauberen Teller mehr im Schrank hab und dann alles auf einmal einräumen muss. Aufgeräumt ist bei mir, wenn ich es erfolgreich geschafft habe all mein Hab und Gut in den Wandschrank zu stecken. Und das es Menschen geben soll die sich aus Spaß sportlich betätigen löst bei mir lediglich verständnisloses Kopfschütteln aus.

Und obwohl ich so über alle Maße hinaus so gar keine Prinzessin bin, so habe ich mir trotzdem den Glauben daran bewahrt, dass eines Tages ein Ritter in glänzender Rüstung auf einem weißen Ross herbei eilt und mir genau diese reine, ehrliche, aufrichtige, alles überstehende Liebe gibt, die man sonst nur aus Märchen kennt. Und ob mein Glaube belohnt wurde, oder ob ich mich am Ende doch mit einer Kröte abgeben musste, das will ich ihnen hier nun erzählen. Die Geschichte meines Lebens.

 

 

Kurzer Querschnitt durch mein Leben von Blossom

Mein erstes „Date“ hatte ich im zarten Alter von vierzehn Jahren. Ich weiß noch, dass meine Mutter ein riesen Brimborium darum betrieben hat, als ginge es um meinen Debütantinnenball. Dabei war es nur eine Verabredung mit dem Nachbarsjungen, um im Kino einen Film anzusehen. Trotzdem hat meine Mutter es sich nicht nehmen lassen mir vorher einen ellenlangen Vortrag über Jungs und das mystische Thema Sex zu halten. Hallo? Sex? Wir sind ins Kino gegangen! Mein Vater hat uns hin gebracht und sein Vater hat uns wieder abgeholt. Glaubten die etwa, wir treiben es vor versammelter Mannschaft im Vorführsaal oder eben schnell auf der Toilette? Mittlerweile bin ich aber zu dem Glauben gekommen, dass es normal ist, wenn die ältere Generation davon ausgeht, dass die Jüngeren all die Dinge tun die man sich niemals getraut hätte, als man selbst noch jung war.

 

Vor meinem Debütantinnenball hingegen, hat meine Mutter mir keinen Vortrag über Sex gehalten. Stattdessen über gute Manieren, einen anmutigen Gang und dass man sich Vaseline auf die Zähne schmiert, um DAS perfekte Lächeln an den Tag zu legen. Vaseline schmeckt nämliche nicht sonderlich gut und da reißt man ganz automatisch die Lippen hoch, wie es sonst nur Mister Ed das sprechende Pferd zu tun pflegt. Naja jeden falls nahm ich den fehlenden Vortrag über sexuelle Umtriebigkeit zum Anlass , meine Jungfräulichkeit an eben diesem Abend in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Man geht auch viel entspannter an so eine Sache ran, wenn man nicht die ganze Zeit das Bild der eigenen Mutter im Kopf hat, die versucht einem mit Hilfe einer Banane versucht zu erklären, wie ein Kondom funktioniert.

 

An dem Bild, das meine Mutter allerdings abgab, als sie kurz zum Wagen meines Vaters ging, um ihren Lippenstift zu holen und mich dort mit Riley Bauer quasi inflagranti erwischte, daran weide ich mich heute manchmal noch. Es war aber auch einfach zu komisch, wie ihr Mund halb offen stand, als wäre sie ein Fisch und sie sich scheinbar nicht entscheiden konnte, drauf los zu schimpfen oder schreiend wegzulaufen. Sie stand einfach da und klammerte sich an der Autotür fest, als würde sie jeden Moment ohnmächtig werden. Es dauerte bestimmt mehrere Minuten, bis sie schließlich die Tür zuschlug und ich anhand ihrer klappernden Absätze nur vermuten konnte, dass sie sich vom Auto entfernte.

 

„Ich glaub, das gibt Ärger“, vermutete Riley, aber ich zuckte nur mit den Schultern, lächelte ihn an und zog ihn wieder zu mir herunter, um endlich zu Ende zu bringen, was wir begonnen hatten.

 

Lustiger weise verlor meine ja ach so aufgeschlossene Mutter nie wieder ein Wort über die Geschehnisse des Abends, an dem ich in die Londoner Gesellschaft eingeführt wurde. Erwachsen werden in einem Abwasch, würde ich das nennen. Und eine Erinnerung an diesem Abend hängt in Form eines roten Blutflecks, der auf der Rückseite meines blütenweißen Debütantinnenkleides prangt, im Schrank im Keller. Eigentlich ein schönes Andenken, finde ich. Aber meine Mutter würde ihnen  jetzt wahrscheinlich was ganz anderes erzählen. Angefangen beim Preis des schicken Fummels aus purer Seide, bis hin zu tugendhafter Sittsamkeit. Aber das ist ja wieder so eine Prinzessinnensache und wir hatten ja bereits geklärt, dass ich keine Prinzessin bin. Außerdem war sie es doch, die mich so bildlich aufgeklärt hat und ein Kondom haben wir auch benutzt. Sie sollte lieber froh sein, dass ich das Kondom nicht über eine Banane gezogen hab. Das Wort Penis ist in ihrem kleinen Aufklärungsvortrag nämlich nicht einmal gefallen. Und dann gäbe es jetzt vielleicht noch ein ganz anderes Andenken an diesen Abend. Dann wäre ich vielleicht schwanger geworden. Dann hätte man mich und Riley gezwungen zu heiraten und diese Geschichte wäre langweilig und bereits hier zu Ende. Ich gehöre zwar nicht zu den klügsten Frauen, aber ich wusste wo das Kondom hingehört und somit ist es bei dem roten Fleck auf weißer Seide geblieben.

 

Viele mögen mich anhand dieser Aktion als die Rebellin in meiner Familie sehen, aber das ist so nicht ganz richtig. Im Großen und Ganzen bin ich durch und durch ein verzogenes und verwöhntes Kind der Londoner Oberschicht. Ich hab mich nie um viel kümmern müssen. Mein Daddy brachte das als Chef der Zentralbank von Großbritannien die ganze Kohle nach Hause und der Rest der Familie gab es aus. Irgendwer musste es schließlich tun, Daddy verbrachte ja den ganzen Tag von morgens früh bis Abends spät im Büro. Der hatte gar keine Zeit für sinnlose Shoppingtouren. Ich aber. Ich bin also mit Gucci, Prada und Co aufgewachsen und empfand es als ziemlich normal, dass eine Jeans 200 Pfund und mehr kostete. Wie viel Geld das in Wirklichkeit ist fand ich erst heraus, als ich es selbst verdienen musste, aber dazu komme ich später. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Bei den verwöhnten und verzogenen Gören der Londoner Oberschicht.

 

Sich während des eigenen Debütantinnenballs auf der Rückbank des BMWs des eigenen Vaters entjungfern zu lassen, mag nach einer gewagten Aktion aussehen, ist im Großen und Ganzen aber nichts Besonderes. Sex ist nämlich ein wichtiger Bestandteil im Leben einer Berufstochter, wahlweise auch eines Berufssohns. Ich kann nicht behaupten, dass meine Jugend in irgendeiner Weise unangenehm gewesen wäre. Gut, von der lästigen Schule vielleicht mal abgesehen, bestand mein Leben vorrangig aus wilden Partys, schnellen Autos, teurer Kleidung und hübschen Jungs. Und das alles kostete mich nichts. Nicht einen Penny. Bevor ihr mich jetzt allerdings verurteilt, lasst mich zu meiner eigenen Verteidigung sagen: ich habe es einfach nicht anders gelernt. Meine Mutter ist schließlich auch Berufshausfrau und eigentlich macht die im Haushalt nicht einen Handschlag selbst. Nur an Weihnachten steht sie selbst hinterm Herd. Ansonsten besteht ihr Leben nämlich aus Beautysalons und feinen Teegesellschaften mit anderen Berufshausfrauen. Wenn man es genau nimmt, bin ich also nur eine moderne Ausgabe meiner Mutter.

 

Ob das nun allerdings besonders erstrebenswert ist, das geb ich gerne zum Streitthema frei. Aber wie ich bereits schon einmal angemerkt habe, bin ich nicht nur ein verwöhnter, sondern auch noch ein ganz besonders fauler Mensch und noch dazu ein Gewohnheitstier. Den ganzen Ehrgeiz, die Durchsetzungskraft und auch das meiste der Intelligenz und all´ die anderen guten Gene, die meine Eltern zu vergeben hatten, hat sich nämlich meine ältere Schwester Susanna unter den Nagel gerissen, als ich noch gar nicht geplant war und somit nicht einmal die Chance hatte Anspruch auf irgendeine Fähigkeit zu erheben. Susi hingegen hat das volle Paket abgegriffen und lässt keine Chance ungenutzt verstreichen, um mir unter die Nase zu reiben was sie alles macht und tut und ich nicht. Bereits als kleines Mädchen wusste sie genau wohin sie es eines Tages wollte. Nämlich in die Politik. Und das hat sie auch geschafft. Genau wie ihr Mann, ist sie ein ganz hohes Tier in Englands politischer Schicht. Was genau sie allerdings macht weiß ich nicht. Es ist nicht so, dass mir das egal wäre, aber wirklich interessieren tut es mich auch nicht.

 

Wenn sie mir mal was von ihrem Beruf erzählt, schallte ich einfach ab. Mein Kopf wird dann einfach völlig leer. Ich sehe sie an, ich sehe auch wie ihre Lippen sich bewegen, mehr aber auch nicht. Ich schalte einfach den Ton ab, wenn man so will. Eine Fähigkeit, die ich schon als Kleinkind sehr gut beherrscht hab. Wenn mich etwas nicht interessiert, schalte ich den Ton ab und belaste mein Gehirn nicht weiter damit. Aber zurück zu meiner Schwester. Da meine Schwester immer schon wusste was sie wollte, war es für sie einfach ihr Leben genau darauf abzustimmen. Sie hat immer viel gelernt, weil sie wusste, dass das für ihre Zukunft wichtig war. Sie brachte immer die besten Noten nach Hause. Ich war darauf allerdings nie neidisch. Wieso auch? Wenn meine Mutter mir Vorträge hielt, dass ich mich doch bitte mal ein bisschen bemühen sollte mehr wie meine Schwester zu sein, stellte ich schließlich ebenfalls den Ton ab. Ich glaube, die Sache mit dem „die Welt auf lautlos stellen“ ist eine meiner besten Fähigkeiten. Zumindest hat es mich davor bewahrt ein ausgereiftes Mittelkindsyndrom zu entwickeln.

 

Während ich also immer freudestrahlend, mit dem Klingeln, die Schule verließ, um mit meinen „Freundinnen“ (ich setzte dieses Wort bewusst in Anführungszeichen. Wieso ich das tue werde ich euch später auch noch genauer erläutern.) shoppen zu gehen und all die Dinge zu tun, die mir Spaß machten, blieb Susanna freudestrahlend dort, um dem Debattierclub beizuwohnen, für die Schülerzeitung zu schreiben und ihren Pflichten als Schülersprecherin nachzugehen. Studiert hat sie natürlich Politikwissenschaften und natürlich in Oxford. Ich glaube, Oxford war eines der ersten Worte im Vokabular meiner Schwester. An der Uni lernte sie Connor kennen, den Mann ihrer Träume – sagt sie. Ich bin der Meinung, dass meine Schwester reichlich seltsame Träume haben muss. Wer steht denn bitteschön auf rothaarige Männer? Also ich find das eher, naja abstoßend ist vielleicht das falsche Wort, aber schön find ich das auch nicht und traumhaft schon gar nicht. Zack, da meldet sie sich wieder, meine Oberflächlichkeit. Ich kann da einfach nichts gegen machen.

 

Na ja, egal. Direkt nach Beendigung ihres Studiums heirateten die beiden und meine Schwester wurde schwanger. Fand sie erst mal gar nicht so gut. Kann ich verstehen. So eine Schwangerschaft ist ja nicht gerade gut für die Figur und wenn man gerade frisch verheiratet ist, will man ja auch sicher noch attraktiv sein für den eigenen Mann. Aber das war wie immer nur meine Sicht der Dinge. Meiner Schwester ging es viel mehr um ihre eigene Karriere. Sie fürchtete nämlich, dass  sie diese aufgrund der Schwangerschaft vergessen konnte. Zwar hatte sie Familie und alles durchaus geplant, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt. Susi hasst es, wenn ihre Pläne nicht aufgehen und ich glaube, deshalb hasst sie den kleinen Brooklyn auch ein wenig. Natürlich würde sie das niemals zugeben. Dafür ist sie viel zu sehr die gute Mutter, aber manchmal habe ich das Gefühl, er bekommt viel mehr Schimpfe, als seine Geschwister. Karriere gemacht hat Susanna dann schließlich auch trotz Kind. Zwar hat sie es nie so weit gebracht wie Connor, der, glaub ich, für die Vereinten Nationen oder so arbeitet, aber weit genug. Mittlerweile haben sie vier Kinder. Alle im Abstand von zwei Jahren geboren. Brooklyn, Crystal, Sophia und Angeline. Alle rothaarig. Arme Kinder.

 

Dank ihrem Ehrgeiz, ihrer Durchsetzungskraft und ihrer riesigen Intelligenz, hat meine Schwester das geschafft, wovon viele träumen. Sie hat das perfekte Leben. Sie hat einen Mann, eine Karriere, vier Kinder, ein großes Haus, zwei große Autos, einen Swimmingpool, einen Gärtner, eine Nanny und all diesen Kram. Und warum hat sie das alles? Weil sie schon früh wusste was sie wollte und immer fleißig auf ihr Ziel hingearbeitet hat.

 

Ich wusste nie so genau was ich wollte. Offensichtlich wollte ich nie so werden wie meine Mutter. Da mir aber auch nichts anderes einfiel, hat sich mein Unterbewusstsein wohl irgendwann damit abgefunden, dass auch ich irgendwann einmal Berufshausfrau werden würde. Dafür kann man im Vorfeld allerdings nicht viel tun. Man sorgt lediglich dafür, dass man immer gut aussieht und angelt sich irgendwann einen reichen Ehemann. Als ich die Schule hinter mich gebracht hatte, fühlte ich mich dazu allerdings noch zu jung. Was also tun? Zum Glück hatte meine Schwester mir noch ein klein wenig Intelligenz übrig gelassen und so verließ ich die Schule zwar nicht wie sie als Jahrgangsbeste, aber auch nicht als totale Versagerin. Es reichte um studieren zu gehen. Zwar nicht in Oxford, aber dafür an einer teuren Privatuni in London. Und aus London wollte ich eh nicht weg. Ich wollte aber auch nichts Anstrengendes studieren, wegen der Faulheit. Ich wälzte ein paar Kataloge und fand schon bald den Studiengang für mich. Philosophie.

 

Also wenn das nicht wie für mich gemacht war, dann wusste ich auch nicht. Lange um den heißen Brei herum schwafeln und sich am Ende bloß nicht auf eine allgemeingültige Meinung festlegen. Find ich super. Ich bin nämlich ganz große Meisterin im schwafeln. Ich kann ewig lange drum herum reden und komme dabei nicht selten von Höcksken auf Stöcksken und allgemeingültige Meinungen finde ich auch doof. Es ist nicht so, dass ich eine so dumme, verwöhnte Gans bin, dass ich mir keine eigene Meinung bilden kann. Das kann ich und das tue ich auch. Ich teile meine Meinung auch mit. Ich scheue auch keine Konfrontationen. Ganz im Gegenteil. Ich streite gerne. Ich finde das befreiend. Aber davon mal ganz abgesehen, finde ich, dass Leben so vielschichtig und so chaotisch, dass jede Meinung eine Existenzberechtigung hat. Ist ja auch jedes Leben anders. Warum sollte dann nicht auch jeder Mensch eine eigene Meinung haben? Muss doch nicht immer alles genormt sein. Muss doch nicht immer alles genau aufeinander passen. Mit etwas Gewalt kann das Runde durchaus auch in das Eckige passen. Man muss es nur wollen. Und deshalb liebe ich die Philosophie.

 

Studieren ist übrigens auch klasse. Man kann von Zuhause ausziehen (natürlich auf Daddys Kosten) und genießt ganz plötzliche Unabhängigkeit. Damals dachte ich, nun würde endlich das „richtige“ Leben beginnen. Ich habe mich wie so häufig geirrt, aber ich habe es genossen. Keine Eltern, die einen nerven und jede Menge Partys. Das Beste am studieren ist meiner Meinung nach, dass man sich seine Kurse so legen kann, dass man freitags und montags auch frei und somit immer richtig langes Wochenende hat. Kann es etwas Schöneres geben? Gut, die unlimitierte Kreditkarte (natürlich von Daddy) ist auch eine prima Sache gewesen. Ich würde meine Unijahre mit zu den besten und unbeschwertesten Jahren meines Lebens zählen. Damals hatte ich auch den besten Sex, den ich bis jetzt überhaupt jemals gehabt habe. Da man mir aber auch mal gesagt hat, man soll lieber genießen und schweigen, will ich das hier jetzt nicht weiter breit treten. Ich sag nur soviel: also Julius Havest kann Sachen mit seiner Zunge machen, da vergisst du glatt, wie du heißt. Mich jedenfalls hat es danach fast eine halbe Stunde gekostet, um mich wieder an meinen Namen zu erinnern. Kann ich nur empfehlen. Leider hab ich keinen Kontakt mehr zu ihm, weil er irgendwann mal von einem Drogentrip nicht mehr richtig runter gekommen ist und sein Dasein jetzt irgendwo in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung fristet. Traurig, eigentlich. Er hatte Talent. Aber vielleicht gibt sich das ja irgendwann wieder. Dann wäre ich definitiv geneigt über seinen kleinen Schaden hinweg zu sehen und mich noch einmal mit ihm zu treffen.

 

Wenn es im Leben nur ein klein wenig nach meinem Willen gehen würde, ich würde wohl heute noch studieren. Also für immer meine ich. War ja wie gesagt klasse. Hat Spaß gemacht. Und an Spaß gewöhnt man sich schnell. Zack! Hat man sich dran gewöhnt. Und ich bin ja ein Gewohnheitstier und geb meine Gewohnheiten eher ungern auf. Nee, nicht so gerne. Sechs Jahre lang ging das auch gut, doch dann kam der verhängnisvolle Tag, an dem meine kleine schöne Welt von einer riesigen Abrisskugel bedroht wurde. Mein Vater eröffnete mir, dass es langsam an der Zeit wäre, mein Studium zu beenden und das richtige Leben beginnen zu lassen. Das richtige Leben? Was sollte das denn bitte heißen? Ich lebte doch richtig. Richtig gut nämlich. Meinen Vater konnte ich davon allerdings nicht so recht überzeugen und er gab mir zwei weitere Semester Zeit, um mein Studium endlich zu beenden, bevor er mir den Geldhahn zudrehen würde.

 

Ich bin mir bis heute noch nicht ganz sicher, ob er das so überhaupt durfte. Ich meine, mal ehrlich, das kann man doch nicht machen. Ich kann mein Kind doch nicht 25 Jahre lang vollkommen verziehen, nichts über das Sparen oder Geld verdienen, sondern immer nur übers Geld ausgeben und verschwenden beibringen und dann sowas machen. Zack. Sieh zu wie du klar kommst, auch wenn wir es immer schon versäumt haben dir so etwas wie Verantwortungsbewusstsein beizubringen. 

 

Meiner Meinung nach darf man das nicht. Sollte man auch nicht. Meine Fresse, ich hab geheult. Das sag ich euch. Und ich habe meinen Vater gehasst. Von einem Moment auf den Nächsten fühlte ich mich wie das arme kleine Schneewittchen, das einfach so verstoßen wird und im dunklen, bösen Wald auf sich selbst gestellt war. Wo sollte ich denn bitte auf die schnelle sieben Zwerge auftreiben, die sich um mich kümmern? Die sind heutzutage doch eher rar gesät.

 

Zwei Semester. Ein Jahr. Das ist wirklich nicht viel Zeit. Es ging mir nicht darum, dass die Zeit nicht reichte, um mein Studium zu beenden. Im Grunde hatte ich das sogar schon getan, nur niemandem erzählt. Mir fehlte eine popelige Prüfung, die ich mit links im Schlaf bestehen würde. Nein, das war wirklich nicht mein Problem. Viel schlimmer war doch die Tatsache, dass ich NUR ein Jahr hatte, um mir zu überlegen, was ich dann machen sollte. Ich hatte mich an das Studieren gewöhnt und ich wollte das ehrlich gesagt nicht aufgeben. Nun musste ich aber wohl. Es wurde also Zeit, so schnell wie möglich einen Mann zu finden, der mich ehelicht und zur Berufshausfrau macht. Was dann folgte kann man wohl gut und gerne einen Datingmarathon bezeichnen. Ich traf mich wohl mit so ziemlich jedem Mann Englands zwischen 25 und 30 Jahren. Einzige Voraussetzung war eine bereits begonnene Karriere oder zumindest eine sehr sicher stehende Karriereaussicht. Anfangs gab es noch andere Kriterien, wie zum Beispiel gutes Aussehen, weil ich ja oberflächlich bin und so. Doch mit jedem Date, das ich hinter mich brachte, sanken meine Ansprüche.

 

Erkenntnisse. Das Leben ist eine große Aneinanderreihung von Erkenntnissen, die wir durch Erfahrungen machen. Die Erkenntnis, dass ich eine Prinzessin sein will, machte ich durch die Erfahrungen, die ich auf der Suche nach einem Ehemann machte. Ich wollte keine Berufshausfrau sein. Es war mir doch nicht so egal, wen ich am Ende heiratete. Scheiß auf alles Geld der Welt. Kein Mensch braucht dicke Autos, eine Jacht, ein großes Haus, eine Finka in der Toscana und all diesen Kram, wenn die Liebe einfach fehlt. Ich wollte einen Mann, der mich liebte, einfach weil ich in seinen Augen perfekt bin war. Eine Prinzessin eben. Mir war es auch völlig egal wie er aussah oder was er verdiente. Er musste einfach nur den nötigen Charme mitbringen, um mich zu verzaubern. Ich wollte jemanden, der mich auf Händen trug und auf Rosen bettete. Der meine Wünsche kannte, bevor ich darüber sprach und jemanden der mir vertraut war. Ich wollte nicht irgendeinen Kerl, der mehr Zeit mit seiner Arbeit verbrachte als mit mir, nur um ein sorgenfreies Leben führen zu können. Und wenn das bedeutete, dass ich erst mal selbst arbeiten gehen musste, ja selbst wenn ich sogar mein ganzes Leben würde arbeiten gehen müssen, um mein und sein Überleben zu sichern, so war ich bereit diesen unangenehmen Nebeneffekt in Kauf zu nehmen.

 

Ich war und bin auch immer noch sehr stolz auf diese tolle Erkenntnis. Meine Euphorie bekam trotzdem einen mächtigen Dämpfer, als mir bewusst wurde, wie wenig Philosophen eigentlich gesucht wurden. Wenn man es genau nimmt gar keine. Das hätte man einem aber auch ruhig mal vor dem Studium sagen sollen, dass man als Neuphilosoph keine großen Chancen auf den hiesigen Arbeitsmarkt hat. Da stand ich also. Mit fast 26 Jahren hatte ich quasi nichts gelernt und musste nun gucken wie ich über die Runden kam. Zwar hatte ich es geschafft in dem einen Jahr, das mir mein Daddy als Schonfrist gesetzt hatte, eine ganze Menge Geld beiseite zu schaffen (einfach immer hier und da hundert Pfund mehr abheben als man eigentlich benötigt), doch auch dieses Geld würde nicht ein Leben lang halten. Ich brauchte also einen richtig, echten Job, für den man nichts gelernt haben musste. Da ist das Angebot zwar größer, als auf dem freien Philosophenmarkt, aber glaubt mal nicht, dass mich das wirklich aufgeheitert hätte. Verkäuferin, Kellnerin, Putzfrau… Ich glaub, ich hätte mir lieber das Rückrad gebrochen, um als Mensch mit Behinderung vom Staat gehaushaltet zu werden, als auch nur einen dieser Jobs anzunehmen.

 

Doch ein Jahr ist kurz. Ich hatte die Zeit so verdammt im Nacken, dass ich am Ende eine Stelle als Housekeeper annahm. Housekeeper, das sind Menschen, die sich um die Häuser reicher Leute kümmern, wenn diese verreist sind oder in ihrem Zweithaus oder so etwas in der Art. Der Job ist einfach. Man gießt die Blumen, holt die Post rein, zieht die Rollladen hoch. Solche Sachen eben. Manchmal geht man auch einkaufen, bevor die Herrschaften wieder kommen. Man tut halt alles, damit die eigentlichen Bewohner das Gefühl haben, als wären sie nie weg gewesen, wenn sie wieder kommen. Das schöne an meinem Job ist, dass ich soviel arbeiten kann wie ich will, oder eben auch nicht. Es gibt zwar ein monatliches Grundgehalt, das ist aber recht mickrig. Das eigentliche Geld macht man mit der Provision, die man je nachdem bekommt wie viele Klienten man betreut. Ich kann also wenig arbeiten, wenn ich wenig Geld brauche und viel arbeiten, wenn ich viel Geld brauche. Ich brauche übrigens immer viel Geld.

 

Wie von meinem Vater versprochen, wurde, auf den Tag genau, ein Jahr später meine Kreditkarte gesperrt und „das wahre Leben“ begann. Und hier will ich nun auch beginnen ihnen meine Geschichte ganz genau zu erzählen.

   

 

Das richtige Leben beginnt von Blossom
Author's Notes:
So ihr Lieben, hiermit gebe ich feierlich ein weiteres kapitel zum lesen frei. ich wünsche euch viel Spaß damit. Es ist gleichzeitig euer Weihnachtsgeschenk. Ich wünsche euch allen ein frohes fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Leider wird es erst dann ein weiteres update geben, weil ich nach den feiertagen zu der lieben siri fliege um mit ihr ins neue Jahr zu feiern. Ich wünsch euch alles gute. Und revt bis dahin fleissig. Ihr habt ja nun viel zeit *lach*

Wussten Sie, dass eine Zweizimmerwohnung in Londons Innenstadt 342 Pfund die Woche kostet? Ich wusste es nicht, bis ich das erste Mal meine Miete alleine zahlen sollte. Ja spinn ich denn? Gehört mir denn das ganze Haus oder nur diese Wohnung? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht leisten. Fing also schon mal super an das richtige Leben. Ich brauchte eine neue Wohnung, denn in meiner alten konnte ich ohne reichen Ehemann nicht bleiben.  Ich möchte sie jetzt nicht mit allen Einzelheiten dieser Wohnungssuche nerven, aber es war definitiv schrecklich.  Alles was ich mir leisten konnte war nicht nur winzig, sondern auch noch in Stadtteilen, in denen ich noch nie zuvor gewesen bin. Kennen Sie die Kilburn High Road? Da ist es so laut, da kann man der beste „Tonausschalter" der Welt sein und dreht trotzdem noch am Kabel. Das Haus, in dem ich mir eine Wohnung ansehen wollte erinnerte weniger an ein Haus, als mehr an ein Zirkuszelt. Ein sehr altes und sehr marodes Zirkuszelt. Die rote Farbe bröckelte nur so von der Fassade und ich hatte wirklich große Sorge, das Gebäude könne jeden Moment zusammenstürzen. Die Immobilientante brauchte eine geschlagene viertel Stunde, bis sie die Tür offen hatte und wurde zur Belohnung fast von einer schlecht gekleideten, jungen Dame* über den Haufen gerannt, die es scheinbar sehr eilig hatte. Nein, hier wollte ich auf gar keinen Fall wohnen.

Insgesamt besichtigte ich 73 Wohnungen, wovon 12 im Vorfeld ausschieden, weil ich Angst hatte, das Gebäude würde mir unter meinem nicht so zarten Hintern zusammenbrechen und ich würde, begraben unter einem Haufen Trümmern, kläglich dahin scheiden. Bei 17 weiteren Wohnungen hatte ich Angst vor der Gegend, in der sie sich befanden. Zu lebhaft war meine Fantasie was Bandenkriege, Drogenumschlagplätze und frei rumrennende Massenmörder und Vergewaltiger anging. Ich wollte es unter allen Umständen vermeiden in irgendeiner Form erschossen, aufgeschlitzt oder geschändet zu werden.  Zwar wäre das sicher ein gutes Mittel gewesen, um meinen Eltern ein richtig schlechtes Gewissen zu machen, schließlich hatte sie es mit ihrer plötzlichen Habgier geschafft mich in eine solche Gegend zu treiben. Aber was nützte mir all ihr schlechtes Gewissen und ihre späte Einsicht, wenn ich am Ende tot war? Ich musste mir also was anderes einfallen lassen, um das Herz meiner Eltern zu erweichen und mich wieder in den Schoß der Kreditkarteninhaber aufzunehmen, aber erst mal brauchte ich eine Wohnung, die mir keine Angst machte und vom Preis her erschwinglich war.

Die restlichen 44 Wohnungen hatten alle eine Gemeinsamkeit. Sie waren winzig. In manchen hätte noch nicht einmal ein einziger Zwerg Platz gefunden um sich frei zu entfalten. Und ich war kein Zwerg, sondern ein Mensch. Ein Mensch, der gerne sieben Zwerge gehabt hätte. Aber wo hätte ich die alle unterbringen sollen, ohne gegen die Menschenrechte zu verstoßen?  Ich hätte doch in kürzester Zeit Amnesty International und die gesammelte Fabelwesen Gewerkschaft oder sowas in der Art am Hals gehabt. Das wollte ich lieber nicht riskieren. Also strich ich die sieben kleinen Helferlein von der Liste in meinem Gedächtnis und machte damit einen großen Schritt weg von meinem Ziel eine Prinzessin zu werden. Um aber auch der drohenden Obdachlosigkeit zu entfliehen, entschied ich mich schließlich für eine Wohnung in der Old Kent Road, weil diese neben einem Schlafzimmer wenigstens eine Küche hatte, die so groß war, dass man dort auch mal Gäste hinsetzen konnte. Ich wollte nämlich nicht, dass Leute die zu mir kamen, sofort in meinem Wohnzimmer standen. Wohnklo mit Kochnische war also gefunden und das für schlappe 140 Pfund die Woche. Das konnte ich aufbringen. Das konnte ich sogar von meinem monatlichen Grundgehalt bezahlen. Irgendwie fand ich das sehr beruhigend.

Ziemlich hilflos stand ich am Ende in meiner neuen Wohnung und wusste nicht wo hinten und vorne war. Meine Möbel passten bei weitem nicht alle in mein neues Revier. Ich musste mich also von ein paar Möbelstücken verabschieden, die ich irgendwie als sinnlos erachtete. Diese Gegenstände musste man aber auch erst mal finden. Gut, die hässliche Stehlampe, die mir meine Schwester zum Einzug geschenkt hatte, konnte schon mal weg. Mich von der zu trennen fiel mir nicht sonderlich schwer. Aber die restlichen Möbel? Ich hatte schließlich jedes Stück mit viel Sorgfalt ausgesucht. Alles passte genau zusammen. Alles gehörte zusammen. Ich reiß meinem Hund doch auch nicht zwei Beine aus, wenn er nicht in den Kofferraum meines neuen Wagens passt.   Gut, ich habe keinen Wagen und ich habe auch keinen Hund, aber ich finde den Vergleich trotzdem sehr passend. Und mal angenommen es wäre mir geglückt, mich von ein paar Sachen zu trennen, wie hätte ich die restlichen in meine neue Wohnung schaffen sollen?

Jetzt komme ich nämlich zu dem Punkt, weshalb ich das Wort „Freunde" nur noch in Anführungszeichen von mir gebe. Seit bei mir nämlich Schmalhans Küchenchef ist, behandeln mich meine angeblichen „Freunde" wie eine Aussätzige. Da geht man einmal nicht mit zu einer Party und gibt als Grund die nicht vorhandene Liquidität des eigenen Sparkontos an, ist man schwups raus aus der Clique. Und wenn man dann noch ablehnt, an einer ausgedehnten Shoppingtour teilzunehmen,  obwohl Gucci die neue Frühjahrskollektion rausgebracht hat, wird man zum Abschuss freigegeben. Ich brauchte also nicht auf die Hilfe meiner „Freunde" bei meinem Umzug zu hoffen. Aber auf wessen Hilfe dann? Die meines Vaters? Sicher nicht. Überhaupt sollte erst mal eine ganze lange Weile ins Land ziehen, bevor ich überhaupt wieder mit dem sprach. Also klopfte ich reumütig bei meiner Schwester an die Pforte. Die war zu dem Zeitpunkt allerdings hochschwanger und gab somit nicht gerade die perfekte Möbelpackerin ab. Mit ein paar Tränchen kriegte ich sie allerdings so weit mir einen Umzugsservice zu finanzieren. Zwar war ihre noble Spende mit einem irrsinnig langen Vortrag verbunden, aber den hab ich auf lautlos gestellt.

Ich trennte mich am Ende von einem meiner zwei Sofas, einer Kommode und meiner Essecke. Nachdem ich nämlich herausgefunden hab was ein Zollstock ist und wie und wozu man den benutzt, musste ich feststellen, dass in meiner neuen Wohnung beim besten Willen kein Platz dafür war. Dank einem sehr bekannten Internetauktionshaus, konnte ich die Sachen wenigstens noch  zu Geld machen und mir davon einen Tisch mit vier Stühlen kaufen, die neben dem Sofa in meiner Wohnküche noch Platz fanden. Das restliche Geld ging für einen neuen Kühlschrank drauf. Denn der, der sich in der Küche bereits befand machte mir ebenfalls Angst. Meine Vormieter müssen sehr dreckige Menschen gewesen sein. Ich jedenfalls wollte keine Lebensmittel in diesen „Kühlschrank" legen. Ich war nämlich kein Fan von Krankheiten und die hätte man sich dort unter Garantie geholt. Ich musste nur einmal rein gucken und hatte drei Minuten später einen Herpes in der Größe eines Rosenkohls an der Lippe. Warum machen Leute derart ekelhafte Dinge?

Doch auch mit Herpes war ich verdammt stolz. Ich hatte das geschafft, was ich mir selbst nie im Leben zugetraut hätte. Ich hatte einen Job und eine eigene Wohnung. Ich war nicht glücklich, aber doch irgendwie zufrieden mit mir. Jetzt wo ich diese Hürde genommen hatte, hatte ich endlich etwas Zeit mir einen Plan auszudenken, wie ich all das schleunigst wieder los werden konnte. Das klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber ich war damals wirklich nicht gewillt, mich diesem Zustand geschlagen zu geben. Ich musste einfach nur irgendeine Idee haben, um meinen Vater davon zu überzeugen, dass seine Idee völliger Quatsch war. Doch bis ich diese tolle Idee hatte und sie in die Tat umsetzten konnte, musste ich für mein Leben völlig neue Prioritäten setzen. Und das ist jetzt wirklich mal verdammt schwer, wenn man ein faules Gewohnheitstier ist.

Fakt ist, wenn ich mich weiterhin in teure Designerklamotten hüllen wolle, musste ich mehr arbeiten. Denn je mehr ich arbeitete, desto mehr Geld verdiente ich. Je mehr Geld ich verdiente, umso mehr Geld konnte ich ausgeben. Es war eine ganz klare Sache. Ich musste entweder meine Gewohnheiten über Board werfen und anfangen bei Woolworth einzukaufen oder ich musste meine Faulheit bezwingen und jeden Tag mit viel Arbeit verbringen. Es begann eine Zeit, die ich Rückblickend immer gerne „die Experimentalphase" nenne. Ich probierte aus. Ich arbeitete wenig und testete, wie weit ich mit dem Geld kam. Dann  arbeitete ich wieder viel und verglich den Monat mit dem Vormonat. Im Nachhinein würde ich behaupten, ich hätte auch eine ganz gute Wissenschaftlerin abgegeben. Hätte ich mal vor diesem völlig sinnlosen Philosophiestudium wissen sollen. Ich notierte alles ganz genau und am Ende siegten meine Oberflächlichkeit und meine Gewohnheit. Ich versuchte so gut es ging meine Faulheit zu überwinden und übernahm so viele Klienten wie es mir möglich war.

Mit Vorliebe übernahm ich die Klienten, die in der Wohngegend meiner Eltern wohnten. Ich hatte nämlich keinen blassen Schimmer, was meine Eltern wohl ihren Nachbarn und Freunden erzählten, was ich jetzt tat. Und ich dachte, wenn mich jemand von denen auf der Straße ansprach und fragte, könnte ich ihm oder ihr erzählen in was für eine grässliche Misslage mich meine Eltern getrieben hatten. Das hätte natürlich für jede Menge Furore gesorgt und wäre meinen Eltern schrecklich peinlich gewesen. Sie hätten mir einfach wieder Geld zukommen lassen müssen. Was in meiner Fantasie aber als spitzen Plan galt, funktionierte im richtigen Leben irgendwie so gar nicht. Zwar traf ich in gemütlicher Regelmäßigkeit auf Freunde und Nachbarn meiner Erzeugerfraktion und diese grüßten auch immer freundlich, aber nach meinem Wohlergehen erkundigte sich niemand. Wieso auch? Das Problem der Oberschicht ist, dass jeder glaubt ihm selbst ginge es am schlechtesten und deshalb interessiert man sich erst gar nicht  für die Sorgen der anderen. Und wirklich schlimme Dinge werden von vornherein totgeschwiegen, damit sie gar nicht erst an die Öffentlichkeit gelangen können und zu Tratsch werden. So ist in unserer Familie zum Beispiel noch nicht ein Wort über das so offensichtliche Tablettenproblem meiner Mutter gefallen. Ein Problem über das nicht gesprochen wird, gibt es nicht. So einfach kann das Leben sein. Zumindest wenn man Geld hat.

Naja, wie auch immer. Mein Plan ging jedenfalls nicht auf und ich entwickelte mich in der Zwischenzeit zu einem richtigen Workaholic. Wer hätte das jemals erwartet? Also ich ganz sicher nicht. Oft arbeitete ich sieben Tage die Woche. Nur selten nahm ich mir sonntags frei, weil ich samstags mal auf eine Party wollte. Gut, mein Job war jetzt auch nicht wirklich so anstrengend, aber immerhin. Ich entwickelte sogar so etwas wie Hobbys. Eigentlich hatte ich mich nur widerwillig von meiner Arbeitskollegin Tira dazu überreden lassen, mit ihr ins Theater zu gehen. Ich fand Theater immer sehr spießig und eher was für Leute wie meine Eltern. Konnte ich ja nicht ahnen, dass ich am Ende so darauf abfahren würde. Und da ich bei meinen „Freunden" ja ohnehin unten durch war (Nicht einer von denen hat mich bisher in meinem eigenen kleinen Reich besucht und auch nur die wenigsten meldeten sich noch ab und zu, um mich zu einer Party einzuladen) hatte ich neben meiner Arbeit viel Freizeit. Ich entdeckte meine Leidenschaft für Kultur. Ich legte immer etwas Geld zur Seite, um mir einmal im Monat einen Theaterbesuch leisten zu können und klapperte die Londoner Museen ab.

Ich gewöhnte mich langsam an mein Neues Leben. Ich nahm es meinen Eltern auch nicht mehr all zu krumm, dass sie mich einfach so hatten sitzen lassen und versöhnte mich genau 17 Monate später mit ihnen. Irgendwie trägt sich die neue Gap Jeans ja auch gleich viel bequemer, wenn man sie sich selbst erarbeitet hat. Wieder eine Erkenntnis in meinem Leben, die ich durch Erfahrungen errungen hatte. Ich hortete die Klamotten der letzten Saison auch nicht mehr. Ich hatte ohnehin nur Platz für einen Kleiderschrank. Und so konnte ich, dank dem Internet, aus meinen alten Klamotten sogar wieder Geld machen, das ich für neue Klamotten ausgeben konnte, Außerdem konnte ich so auch noch jemanden glücklich machen, dem es noch schlechter ging als mir und die sich halt nur die Stücke der letzten Saison leisten konnte. Und das finde ich, ist irgendwie sozial. Und sozial sein ist eine sehr prinzessinnenhafte Eigenschaft. Also ein Schritt nach vorne. Find ich gut.Ich musste einfach nur weiter hart an mir arbeiten und dann würde es eines Tages auch klappen, mit meinem Traum. Ich war mir so sicher. Aber den passenden Prinzen, den brauchte ich dann  auch noch.

Und das bringt mich dazu euch zu erzählen, wie ich Aidan kennenlernte. Es war genauso wie es die großen Hollywoodromanzen vormachten. Ich hatte mir den Sonntag ausnahmsweise frei genommen, weil ich mit Tira am Samstag noch lange auf einer Party gewesen war. Für diesen Tag  hatte ich mir vorgenommen, einfach gar nichts zu tun, außer auf meinem Sofa zu liegen und fern zu sehen. Ich schlüpfte in meinen bequemen Jogginganzug und ging noch schnell runter, um am Kiosk an der Ecke eine Schachtel Zigaretten zu erstehen.

Mit mehr oder weniger Interesse blätterte ich dort  durch einige Zeitschriften und entschloss mich dazu, auch hiervon noch einige mitzunehmen, um mein Nachmittagsprogramm ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten und machte mich  einem ganzen Stapel Magazine unter dem Arm auf den Weg zur Kasse. Im  vorbeigehen bediente ich mich schließlich noch am noch am Süßigkeitenregal. Wenn man schon mal nichts tat, dann durfte die Schokolade schließlich nicht fehlen. Dort stieß ich dann allerdings nicht gerade sanft mit jemandem zusammen. Genau genommen war das sogar richtig schmerzhaft. Und ich mag keine Schmerzen

 „Oh man, passt doch auf!", wetterte ich drauf los, ohne die Person anzusehen und bückte mich, um die Zeitschriften und Schokoriegel wieder aufzuheben. Erst als mir ein weiteres Paar Hände zur Hilfe kam, sah ich auf und direkt in das schönste  Paar Augen, das es auf der Welt gab. Ich hielt inne. Vollkommen gebannt von dem Blick in diese wunderschönen Augen. Nur langsam ließ ich meinen Blick über das ebenfalls perfekte Gesicht zu diesen perfekten Augen schweifen, das mich entschuldigend anlächelte. Er war es. Der Prinz, der Star des Footballteams, der Mann meiner Träume.

Und dann durchfuhr es mich wie ein Blitz. Vor mir stand der Mann meiner Träume und ich trug meinen ausgewaschenen, altrosa Jogginganzug, der diesen idiotischen „Bitch" Schriftzug auf dem Hintern hatte. Ich hatte ihn damals nur gekauft, weil er fast geschenkt war und weil es mich ohnehin nicht interessierte was ich trug, wenn ich auf dem Sofa lag. Aber jetzt war ich nicht in meiner Wohnung, sondern im Kiosk an der Ecke und vor mir der Mann meiner Träume. Von einer Sekunde auf die nächste entwich mir zuerst alle Farbe aus dem ungeschminkten Gesicht, bevor ich knallrot anlief. Ohne ein weiteres Wort, ließ ich die Zeitschriften und Schokoriegel wieder auf den Boden fallen, stand auf und rannte zurück zu meiner Wohnung, so schnell mich meine untrainierten Beine trugen.

Als wäre ein wahnsinniger Massenmörder mit einer Kettensäge hinter mir her, sprintete ich die Treppe des Hauses hinauf, schloss meine Wohnungstür auf und verschwand im Inneren. Erst dann erlaubte ich mir selbst wieder zu atmen, was mir deutlich schwerer fiel als sonst. Sonst renn ich aber auch nicht wie eine Bekloppte. Und das atmen wurde mir auch nicht leichter, als mir auffiel, was ich gerade getan hatte. Ich hatte IHN getroffen und war davon gerannt, weil ich scheiße aussah. Eine nachvollziehbare Reaktion, natürlich, aber wie in aller Welt, sollte ich ihn nun wiedertreffen. „Verdammt!", entfuhr es mir laut und zu allem Überfluss hatte ich nun noch nicht einmal Zigaretten, um meinen Frust in Qualm zu verwandeln.

Ich fand am Ende noch eine angefangene Schachtel Zigaretten, irgendwo in einer Schublade. Eigentlich ist es gar nicht so schlecht, wenn man sich vor lauter Scham nicht mehr aus dem Haus traut, aber trotzdem Zigaretten haben will. So hatte ich wenigstens mal wieder alle meine Schubladen durchwühlt und dabei den einen oder anderen Schatz wieder gefunden, den ich bereits vermisst hatte.

Die Nacht verbrachte ich durchwachsen. ER wollte mir nämlich einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ich musste einen Weg finden, um ihn wieder zu finden. Aber wie? Ich zerbrach mir in dieser Nacht unnütz den Kopf, aber das sollte ich erst am nächsten Tag herausfinden. Und da ich leider nicht über die Gabe verfüge in die Zukunft zu blicken, wälzte ich mich unruhig von einer Seite auf die andere.

Das hatte zur Folge, dass mir mein Spiegelbild am nächsten Morgen eher unfreundlich entgegen blickte. Trotzdem gelang es mir tatsächlich, mein Äußeres einigermaßen herzurichten, so dass ich mich guten Gewissens zur Arbeit trauen konnte. In gewohnter Alltagsmanier, ging ich zum Kiosk. Ich brauchte schließlich immer noch Zigaretten und meinen morgendlichen Kaffee, den ich mir dort immer holte, bevor ich mich auf den Weg zur Tube machte. Und erst dort sollte ich feststellen, dass ich am Vortag nicht nur die Zeitschriften und Süßigkeiten auf den Boden geschmissen hatte, sondern mit ihnen auch mein Portemonnaie. Jedenfalls ließ es sich  nicht finden, als ich gerade die Zigaretten und den Kaffee bezahlen wollte.

„Wo ist das scheiß Teil nur?", murmelte ich leise und wühlte in den unendlichen Weiten meiner Handtasche. Normalerweise würde ich jeden Mann einen Lügner schimpfen und  zum Teufel jagen, der behauptete, Frauen würden nur unsinniges Zeug in ihren Taschen durch die Gegend tragen, aber an diesem Tag wäre ich fast geneigt gewesen, einer solch gewagten Theorie zuzustimmen. Ich fand grob geschätzte 70 Feuerzeuge, mehrere Lippenstifte, meine Lieblingswimperntusche, die ich bereits abgeschrieben hatte, alte Kassenzettel, leere Kippenschachteln, benutzte und unbenutzte Taschentücher, ein paar Handschuhe und jede Menge weiteren Kleinkram. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich geglaubt, in der Tasche von Mary Poppins zu wühlen. Doch von meiner Geldbörse fehlte jegliche Spur.

„Suchen Sie vielleicht das hier?", wollte eine warme, angenehme Bassstimme hinter mir wissen und als ich mich umdrehte, hielt mir jemand meine teure Designerbörse unter die Nase, die mehr gekostete hatte, als jemals in ihr gesteckt hatte.

„Oh, danke!" Glücklich griff ich danach und wieder entluden sich spontane Blitze über dem kleinen Kiosk in London.

Meine Hand berührte die seine. Haut auf Haut. Elektrizität entlud sich. Mein Prinz. Wärme breitete sich in meinem ganzen Körper aus. Da waren sie wieder. Diese Augen. Diese wundervollen Augen. Und diese Stimme. Diese mehr als angenehme Stimme. Diese Stimme, von der man wollte, dass sie einem liebevolle Zärtlichkeiten ins Ohr flüsterte. Und diese Hände. Diese langen, filigranen gepflegten Hände, die umgehend den Wunsch in mir auslösten, von ihnen berührt zu werden. Und zwar überall an meinem Körper. Ich atmete hörbar die aufgeladene Luft ein, in der Hoffnung, mein Herzschlag würde sich mit Hilfe von Sauerstoff regulieren, aber da hatte ich mich getäuscht. Ich konnte ihn einfach nur anstarren. Ich wollte etwas sagen, irgendetwas Kluges, Charmantes und überaus geistreich Witziges, aber meine Lippen blieben versiegelt.

„Sie haben es bei Ihrer Flucht gestern verloren. Der Mitarbeiter sagte mir, dass Sie morgens immer herkommen und da dachte ich mir, ich gebe es Ihnen persönlich", sprach stattdessen die wundervolle Stimme meines Prinzen zu mir. Pures Hollywood, genau wie ich es euch versprochen hatte.  Anders, als es in Filmen allerdings geschah, fiel mir nichts Schlagfertiges ein, was ich darauf hätte erwidern können. Stattdessen kicherte ich wie ein kleines Schulmädchen, dass das männliche Genital benennen sollte. Na, herzlichen Glückwunsch.

„Ich bin übrigens Aidan", teilte  mein Prinz mir mit, der nun endlich einen Namen hatte  weiter, um die peinliche Stille zu überbrücken, die entstanden war.

„M... Me... Meredith", kam es nur zögerlich über meine Lippen, aber hey, ich hatte etwas gesagt und wenn ich schon nichts Kluges zu Stande brachte, so hatte ich wenigstens auch nichts völlig Dämliches gesagt. Ich finde, das ist ein Anfang.

„Schöner Name."

„Er ist walisisch." Soviel zum Thema nichts Dämliches gesagt zu haben. Das hatte sich damit ja wohl auch erledigt. Jetzt würde er sich sicher umdrehen und gehen.

 

End Notes:
* Die junge Dame hat übrigens auch ihre eigene Geschichte... http://fanfiction.oblonline.de/viewstory.php?sid=2459&warning=10
Der Traumprinz, oder: auch wenn man keine Prinzessin ist hat man es nicht leicht von Blossom
Author's Notes:
so denn, dank meiner liebsten bet katie gibts dieses jahr doch noch ein kap. dann ist aber schluss. moregn gehts nach london. ich wünsch euch allen einen guten rutsch und nur das beste für das neue jahr

Sein Gesicht schien mir wie von gleißendem Licht bestrahlt vor, wie er so da stand.  Seinen Kopf hatte er leicht zur Seite geneigt, während er mich mit einem leicht amüsierten Lächeln betrachtete. Aber immerhin hatte er sich nicht einfach umgedreht und war gegangen. Das war gut. Das war ein Anfang. Gott, am liebsten hätte ich mir sofort und auf der Stelle die Kleider vom Leib gerissen und ihn angefleht, mich hier und jetzt zu nehmen. So machten  es die Frauen in den Highlanderschnulzromanen, die ich heimlich las schließlich auch immer. Aber das Leben war kein Groschenroman. Und das richtige Leben schon gar nicht. Im Leben gab es gewisse Regeln und Richtlinien. Die wurden zwar nirgendwo aufgeschrieben, aber jeder kennt sie. Eine davon lautet: „Entkleide dich niemals in aller Öffentlichkeit und schon gar nicht am helllichtem Tage in einem Londoner Kiosk." Und eine weitere Regel besagt: „Wenn du willst, dass sich ein Mann für dich interessiert, dann tu einfach so, als würdest du dich nicht die Bohne für ihn interessieren."

Ich wollte, dass Aidan sich für mich interessierte. Ich wollte nichts anderes. Also atmete ich so tief durch wie es ging, ohne das es auffiel und straffte meine Schultern. Meinen Blick konnte ich allerdings nicht einen Zentimeter von seinem schönen Gesicht wegbewegen. Wie sollte man so tun als fände man einen Mann uninteressant, wenn man ihn unentwegt anstarrte? Ich war völlig hin und her gerissen. Er war genau der Mann, nach dem ich immer gesucht hatte. Mein Prinz. Horden von Schmetterlingen schienen sich genau in diesem Moment in meinem Bauch zu entpuppen und schlugen wild mit ihren Flügen, erfreut über ihre neugewonnene Freiheit.

„Wissen Sie, Meredith." Die Art wie er meinen Namen aussprach, dieser weiche Klang, den er ihm verlieh, ließ meine Knie zu Wackelpudding werden. „ich hätte das Portemonnaie ja auch einfach hier abgeben können, aber ich wollte Sie gerne wieder sehen. Bitte halten Sie mich jetzt nicht für einen wahnsinnigen Stelzbock oder etwas dergleichen, aber ich dachte mir.... Also wenn Sie nicht schon anderweitig... also jedenfalls dachte ich, Sie hätten vielleicht Lust..."

„JA!", schrie ich ihm entgegen, noch bevor er seinen Satz überhaupt hatte beenden können. Na, wenn das mal nicht ein grober Verstoß gegen alle geltenden Datingregeln dieser Welt war, dann wusste ich es auch nicht. Grob fahrlässig nennt man sowas, glaub ich. Hätte er sich jetzt umgedreht und ohne ein weiteres Wort den Laden verlassen, ich hätte es ihm noch nicht einmal übel nehmen können. Hat ja nur noch gefehlt, dass ich neben meiner ganzen „JA!" Brüllerei noch die rechte Hand hebe, damit er mir einen Ring an den Finger stecken konnte. Dumme Meredith! Ganz, ganz dumme Meredith! Schäm dich!

Ich hatte nie einen Hang zu selbstverletzenden Verhalten, aber in diesem Moment hätte ich meinen Kopf nur all zu gerne gegen eine harte Betonwand geschlagen. Und dieser Drang minderte sich nicht im Geringsten, als ich bemerkte, wie mich mein Prinz überaus irritiert ansah. „Ja? Aber Sie wissen doch gar nicht, was ich Sie fragen wollte."

Da hatte er Recht. Nicht, dass es irgendwas ausgemacht hätte. Zwar ging ich aus irgendeinem Grund davon aus, er hätte mich nach einer Verabredung fragen wollen, aber er hätte mich auch um jeden anderen Gefallen dieser Welt bitten können. Ich hätte es getan. Einfach so. Er hätte sich noch nicht einmal bedanken müssen. Aber das konnte ich ja nun auch wieder schlecht sagen. Ich meine, immerhin stand er immer noch vor mir. Ich musste irgendwas tun, um das Blatt endlich zu wenden und mich ein in einem bisschen weniger dummen Licht glänzen zu lassen, als ich es bisher getan hatte. Denk nach Mery. Denk nach!

„Ich..äh... Ich neige zu Kurzschlussreaktionen, wenn ich noch keinen Kaffee hatte."

OOOOOOOOOKAY! Könnte dann bitte noch jemand Nägel, die mit der spitzen Seite nach außen zeigen in die Wand schlagen, gegen die ich meinen Kopf noch immer hauen will. Hätte mir denn noch irgendwas Dämlicheres einfallen können? Hilfe! Ich brauchte ganz eindeutig Hilfe. Und zwar schnell. Am besten schon gestern. Was war denn nur bitte los mit mir? Eins können Sie mir glauben, ich hab diese Szene in meinem Kopf bestimmt schon an die tausend Mal Revue passieren lassen, ich versteh bis heute noch nicht, wie ich so eine Scheiße zusammenlabern konnte. Ich hätte mir auch direkt ein Zimmer in der Einrichtung nehmen können, in der der Julius wohnt. Es war doch nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich einem attraktiven Mann gegenüber stand. Wieso bitte benahm ich mich so dermaßen daneben? Prinz hin oder her! Der würde mir mit seinem weißen Ross doch höchstens noch einen Arschtritt verpassen.

„Das erklärt natürlich einiges." Er nickte verständnisvoll. Ich kicherte. Hätte ich nicht in einer Hand meinen Kaffee und in der anderen mein Portemonnaie gehalten, ich hätte mir mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. „Wenn Sie so auf Kaffee abfahren, Meredith" Oh ja, sag meinen Namen. Entschuldigung. Ich weiß, dass diese Geschichte auf Papier steht und deshalb keinen Ton hat, aber der Klang dieser Stimme, in Verbindung mit meinem Namen war  so einen kleinen Ausbruch gerade mal echt wert. Außerdem würde ich ihn eh nie wiedersehen und musste somit die Gelegenheit nutzen, mir diese Stimme so tief es eben ging in mein Hirn oder Innenohr oder wie auch immer zu meißeln. „Was denken sie?"

„Wenn Sie so auf Kaffee abfahren, Meredith. Was denken Sie?" Macht der Satz nur in meinem Hirn keinen Sinn oder in Ihrem auch nicht? Verdammt! Aidan muss irgendwas gesagt haben, als ich damit beschäftigt war seine Stimme geil zu finden und mich darauf konzentrieren musste, dass mir kein Speichel aus dem Mund tropfte. Gesabbert hab ich auch nicht, aber auch nicht mitbekommen, was er gesagt hat. Verdammt, verdammt, verdammt! Wo ist der allwissende Spiegel, wenn man ihn mal braucht? Spieglein, Spieglein an der Wand, was hat der Mann gesagt, verdammt?  So ein Spiegel wäre doch mal ne echte Marktlücke. Sollte man mal irgendeinem Einrichtungshaus nahebringen. Ich hätte in dem Moment auf jeden Fall ganz dringend einen gebraucht. Hatte nun aber leider keinen. Gott, das Leben ist so ungerecht!

„Ich halte das für eine sehr gute Idee", hörte ich mich dann schließlich sagen. Sehr gut! Erst mal zustimmen. Um die Details kann man sich ja später immer noch Sorgen machen. Für jede Lösung ein Problem oder wie heißt es so schön?

„Wann würde es Ihnen denn passen?"

WAS DENN? „Ähm... heute Abend?"

„Sie trinken abends noch Kaffee? Das sollten Sie wirklich nicht. Wie wäre es mit heute Nachmittag?"

„Ist auch super." MOMENT! Hatte er mich gerade tatsächlich auf einen Kaffee eingeladen??? Ich glaub´s ja nicht. Nach allem was ich verzapft hatte, hat der mich tatsächlich auf einen Kaffee eingeladen. Das grenzte ja geradezu an ein Wunder. Also entweder das oder mein Prinz war ein absoluter Vollidiot. Aber das würde ich dann schon noch rausfinden. Oh Gott. Schmetterlingsalarm. Von soviel Flügelschlagen auf nüchternen Magen kann einem übrigens auch schlecht werden. Aber das nur mal so am Rande. Übergeben musste ich mich jetzt nicht oder so. Mich überkam nur urplötzlich der grausige Gedanke, dass ich ja überhaupt nichts anzuziehen hatte. Also ich hatte schon was anzuziehen, stand ja nicht nackt im Kiosk. Aber ich hatte nichts, was es würdig war, beim ersten Date mit meinem Prinzen getragen zu werden. Nichts prinzessinnenhaftes. Nicht mal annähernd.

„Gut. Wie wäre es, wenn wir uns um vier hier wieder treffen?"

„Vier ist toll." Du bist toll!

„Gut. Dann bis um vier, Meredith. Ich freu mich." Er zwinkerte mir kurz zu, dann drehte er sich um und verließ den Kiosk. Welch Rückansicht.

„Könnten Sie den Kaffee vielleicht erst bezahlen, bevor sie hinein sabbern?"

„Was?" Mit verklärtem Blick wandte ich mich in die Richtung, aus der die Stimme kam und sah geradewegs in das pickelige Gesicht der halbwüchsigen Kioskaushilfe. Die Jugend hat aber auch wirklich keinen Respekt vor dem Alter. Aber gut, vielleicht hatte ich ein klein wenig geträumt und vielleicht war es mir bei all diesen vielen Reizen, die ich in meinem Kopf nochmal in Schnellfolge abgespielt hatte, ein wenig schwerer gefallen als sonst meinen Mund geschlossen zu halten. Trotzdem hatte ich für die Aushilfskraft nur ein leises „Hmpf" über, bevor ich ein paar Geldstücke auf den Tresen knallte und mich auf den Weg zur Arbeit machte.

Völlig abgehetzt betrat ich die Agentur des Housekeepingservices und krallte mir das Klemmbrett, auf dem meine Arbeit für den Tag verzeichnet war. Halb rennend blätterte ich mich durch die Karteikarten meiner Klienten. Na, war denn Momentan die halbe Welt im Urlaub, oder was? Soviel konnte ich heute auf gar keinen Fall machen. Da wäre ich ja um vier noch längst nicht fertig gewesen und ich musste vorher schließlich noch einkaufen gehen.

„ALICE!" Ohne Anzuklopfen stürmte ich das Büro meiner Chefin, die gerade am Telefon hing und mir für den plötzlichen Überfall böse Blicke zukommen ließ. „Ich ruf Sie später wieder an", beendete sie das Gespräch, bevor sie die perfekt manikürten Hände faltete und mich mit oberlehrerhaftem Blick ansah. „Dir auch einen schönen guten Morgen, Meredith. Was kann ich für dich tun?"

„Zu viel!" Ich knallte mein Klemmbrett auf ihren Schreibtisch und haute wie eine völlig Bekloppte mit meinem Zeigefinger darauf rum. „Prinz! Kaffee! Vier! Einkaufen muss!", schrie ich sie an.

„Ah ja!" Sie nickte verständnisvoll. „Du hast also heute Morgen vergessen deine Tabletten zu nehmen. Verstehe ich dich da richtig?"

„Tabletten? Was für Tabletten?" Verwundert kratzte ich mich am Kinn. Dazu sollte ich vielleicht sagen, dass ich in meinem Kopf gesagt habe: „Ich habe meinen Traumprinzen getroffen. Er hat mich zum Kaffee eingeladen. Heute Nachmittag um vier. Ich muss vorher unbedingt noch einkaufen gehen." Das ich aber statt dieser wirklich sinnmachenden Sätze nur sinnlose Worte herausgeschleudert hatte, war mir gar nicht aufgefallen. Aber ich war auch ein nervliches Wrack. Ein nervliches Wrack, mit Schmetterlingen im Bauch, Herzrasen in der Brust und nichts Anzuziehen im Kleiderschrank.

Wäre ich eine echte Prinzessin, hätte mir das alles gar nichts ausgemacht. Dann wäre ich trotzdem fröhlich pfeifend meiner Arbeit nachgegangen, während fleißige Waldbewohner mir ein perfektes Outfit nähten. In das hätte ich dann nur noch reinschlüpfen müssen, während mir drei muntere Spatzen das lange wallewalle Haar kämmten und fertig wär die Laube. Da ich aber höchstens darauf hoffen konnte, dass mir in der Stadt eine Taube auf den Kopf kackte, musste ich selber dafür sorgen, dass Aidan der Atem durch mein bezauberndes Antlitz genommen wurde.

„Die Tabletten, die verhindern, dass du ein völliges Wirrwarr von Worten von dir gibst, die kein Mensch versteht. Was ist denn los mit dir? Du siehst ja nicht gerade gut aus."

Ich sah nicht gut aus? Ach, du heilige Scheiße! Das war doch sicher nicht ihr Ernst, oder? Warum sah ich nicht gut aus? Was? Hatte ich einen Pickel? Schon wieder Herpes? Einen schlimmen Ausschlag? Oh Gott, diese Ungewissheit.  Ich brauchte einen Spiegel und dann irgendwas, um das gute Aussehen wieder herzustellen. Wieso sagte sie sowas? Übernahm meine Chefin nun etwa die Rolle der bösen Hexe, oder was? Man konnte doch einer Frau, die kurz vor einem Herzinfarkt stand, weil sie ein Date mit ihrem Traumprinzen hatte, nicht einfach sagen, dass sie scheiße aussah. Oh Gott! Und ich hatte noch nicht einmal Aidans Nummer um ihm abzusagen. Ich konnte ihn doch nicht einfach so versetzen. Oh Gott! Oh Gott! Oh Gott! Ich begann stoßweise die Luft aus meinen Lungen zu pressen und ließ mich in einen der Sessel fallen, die vor Alice´ Schreibtisch standen. Mit der flachen Hand fächerte ich mir Luft zu und versuchte die drohende Hyperventilation zu verhindern. Ich war vielleicht keine Prinzessin, aber dafür eine echte Dramaqueen.

„Meredith?" Mit besorgter Miene drückte sich Alice aus ihrem ledernen Schreibtischstuhl hoch, umrundete ihren Tisch und ging vor mir in die Hocke. „Meredith!" Hart umfassten ihre Hände meine Schultern und sie schüttelte mich leicht. „Könntest du mir bitte sagen, was passiert ist?"

„Ich... ich..." Gott, alles in meinem Kopf drehte sich. Wie schlimm war es um mein desolates Äußeres bestellt? Konnte ein Kosmetiker da noch was retten oder war ein chirurgischer Eingriff notwendig? Ich meine, ich war mir ja schon immer darüber im Klaren, dass ich nicht die Schönste im ganzen Lande war, aber wie schlimm konnte es in den letzten zwei Stunden geworden sein? Ich versuchte mich so gut es ging zu beruhigen, atmete zweimal tief ein und wieder aus und erzählte Alice dann die ganze Geschichte von Aidan und meiner Verabredung und das es mir deshalb nicht möglich war den ganzen Tag zu malochen.

„Und deshalb veranstaltest du hier so einen Affenzirkus? Ich hab gedacht, irgendwas Schlimmes sei geschehen!", herrschte mich meine Chefin an und richtete sich wieder auf. „Ist doch super. Du hast deinen Traummann getroffen und er hat dich auf einen Kaffee eingeladen. Du solltest lieber singend durch die Gegend hüpfen und fröhlich pfeifen oder sowas in der Art." Na, die hatte gut reden. Wie sollte man denn bitte fröhlich pfeifen, wenn die eigene Chefin einem einen solchen Schreck einjagte, das man kaum noch atmen konnte? „Wenn du lieber shoppen gehst, als zur Arbeit, dann mach das doch einfach. Andere Mädels verdienen sicher auch gerne mal das ein oder andere Pfund mehr. Aber veranstalte hier nicht ein Drama in drei Akten."

„Du bist mir also nicht böse?" Eigentlich war es mir egal, ob sie böse war oder nicht, aber ich hab durchaus mal so etwas wie eine gute Erziehung genossen, also irgendwann vor langer, langer Zeit. Und ab und zu puhlte sich diese Erziehung halt an die Oberfläche und dabei raus kamen solche Fragen. Sie war schließlich meine Chefin und ich auf das Geld angewiesen. Da konnte ein klein bisschen schleimen nicht schaden, auch wenn mir in diesem Moment grob geschätzten 3 Milliarden andere Dinge durch den Kopf gingen.

„Ich bin nicht böse. Kommst du denn morgen?"

„Das hoffe ich doch. Es sei denn, ich rede weiterhin nur Blödsinn und werde mich nach dieser Verabredung erschießen." Auf immer noch ungewöhnlich weichen Beinen (nicht das ich jemals über besonders viel Muskelmasse verfügt hätte) erhob ich mich aus dem Sessel.

„Na, dann hoffe ich für dich, dass du das in den Griff bekommst." Alice hatte sich bereits mein Klemmbrett unter den Nagel gerissen und murmelte irgendetwas vor sich hin. „Ist noch was?" Gekonnt schielte sie über das Brett hinweg in meine Richtung, da ich immer noch mitten im Raum stand und keinerlei Anstalten machte irgendwas zu tun. Auf was ich eigentlich gewartet hab, weiß ich bis heute nicht. Ich schüttelte also mit dem Kopf. „Na, dann hau ab!"

Mit dem Bus brauchte ich zwanzig Minuten bis zur Oxfordstreet. Ich find es übrigens ganz schön überwältigend, wie viele Menschen sich dort an einem Montagmorgen tummeln. Haben die alle kein Zuhause? Ich hasse es einkaufen zu gehen, wenn die Geschäfte aus allen Nähten platzen und man vor den Umkleidekabinen Schlange stehen muss. Aber an diesem Tag hatte ich einfach keine andere Wahl, als mich diesem Martyrium zu stellen. Völlig gereizt bahnte ich mir meinen Weg durch die wilden Mengen und war nicht gerade geizig mit meinem Schimpfwörterkontingent, wenn ich unsanft beiseite gedrängelt wurde oder jemand genau vor mir das letzte Kleid in meiner Größe vom Kleiderständer nahm. War aber vielleicht schon besser so. Wenn ich jetzt soviel schimpfte wie es eben ging, dann hatte ich mich später wieder ausgeschimpft. Und da ich mich heute ohnehin schon total paddelig und daneben benahm, so musste ich Aidan ja nicht noch den Eindruck vermitteln, ich sei unnötig aggressiv.

Ich erstand ein luftig buntes Frühlingskleid, das, so bildete ich mir zumindest ein, meinen Hintern schmal und meine Brüste groß wirken ließ. Zumindest unterstrich es meine Augenfarbe und angeblich gucken Männer da ja immer als erstes hin. Ich halte dieses Gerücht zwar für eine Lüge, aber ich musste mich an irgendwas hochziehen, weshalb dieses Kleid gut zu mir passte, denn ich mochte das Kleid. Mit meiner Errungenschaft unter dem Arm sprang ich also direkt in den nächsten Bus der mich zu meinem Friseur brachte. Eigentlich saß das Geld in dem Monat überhaupt nicht mehr drin, aber es musste sein. Nur wenn ich vom Friseur kam, sahen meine Haare wirklich gut aus. Und ich wollte nicht nur wirklich, sondern umwerfend gut aussehen. Was ich nicht bedacht hatte war, dass man zu Juan Pablo nicht einfach so hin ging, wie zu irgendeinem Billigfriseur. Nein. Man brauchte schon einen Termin. Und den machte man im Voraus. Eigentlich vereinbarte ich meine Termine für das ganze Jahr immer schon im Januar. Ich musste also betteln, ja fast schon auf Knien rutschen und mir ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln drücken, bis man mit mir Erbarmen hatte. Und trotzdem musste ich noch über eine Stunde warten, bevor sich Juan Pablo meiner annahm. Doch all das Flehen, heulen und warten wurde am Ende belohnt. Wie immer sah ich (zumindest auf dem Kopf) fabelhaft aus, als ich den kleinen Salon verließ. Mir blieben noch drei Stunden, um auch den Rest in Ordnung zu bringen.

Zurück in meiner Wohnung versuchte ich mir ein wenig  Ruhe anzutun, was mir natürlich mehr schlecht als recht gelang. Ich wollte mir gerade einen Kaffee aufsetzen, als mir ein paar sehr weise Worte einfielen, die meine Mutter mir einst mit auf den Weg gegeben hatte. Nämlich, dass man vor einer Verabredung so wenig wie möglich trinken sollte, damit man nicht ständig auf die Toilette rennt und der Junge denkt, man sei nur in sein eigenes Spiegelbild verliebt. Ich seufzte und stellte die Kaffeemaschine wieder aus, um mich stattdessen meinem Outfit zu widmen. Das Kleid stand ja fest, also machte ich mich in den weiten meines Kleiderschrankes auf die Suche nach einem passenden Jäckchen und die Unterwäschefrage musste schließlich auch noch geklärt werden.

Ich finde Unterwäsche ist so ziemlich mit das wichtigste, das man trägt, egal ob der Rest der Welt sie sieht oder nicht. Sagen wir zum Beispiel mal meine „Nimm mich jetzt und hier" Unterwäsche.  Bordeauxrot mit schwarzer Spitze. Sieht der Mann jetzt nicht, also so lange ich noch angezogen bin. Aber so bald ich diese Unterwäsche trage, verändert sich meine ganze Körpersprache. Und nicht nur meine. Die einer jeden Frau. Kein Witz. Ich kann mich an die Straße stellen und Ihnen genau sagen welche Frau ihre „Nimm mich jetzt und hier" Unterwäsche trägt. Dann gibt es noch die schicke Wäsche. Die ist eher schlich und meistes einfarbig mit dezenter Spitze, oftmals auch aus Satin. Sieht auch keiner, aber man fühlt sich gleich ein wenig edler. Der Gang ist aufrechter, die Gesten weicher. Außerdem gibt es noch die Faulenzer Wäsche. Diese ist meist bequem und häufig quietschbunt und sobald man sie trägt, will man auch nur noch auf dem Sofa liegen und Schokolade essen.

Welche Wäsche ist aber die richtige für die erste Verabredung mit dem Traumprinzen, über den man außer seinen Namen so gar nichts weiß? Die „Nimm mich jetzt und hier" Unterwäsche sollte man wohl besser erst mal im Schrank lassen. Ich gehöre zwar nicht zu der Sorte Mensch, die Sex beim ersten Date ablehnt, aber da ich nicht wusste wie er so tickt, wollte ich auch nicht, dass er dachte, ich sei leicht zu haben. Sexy sollte die Unterkleidung aber trotzdem sein. Sollte es nämlich doch noch zu zwischenmenschlicher Nähe kommen, wollte ich nicht, dass er auspackt und denkt, er hätte sich eine prüde Sekretärin oder sowas ins Bett geholt. Muss ja nicht sein. Entspricht ja auch nicht der Wahrheit. Und lügen darf man nicht.

Und so wühlte ich mich durch meine Unterwäscheschublade, die immer leerer wurde, weil ich die für untauglich befundenen Wäschestücke einfach hinter mich in den Raum warf. Mit einem roten BH in der Hand richtete ich mich schließlich wieder auf und betrachtete das Kleidungsstück genauer. Rot als Signalfarbe - immer sehr sexy. Das ganze war auch aufwendig mit Spitze versehen, aber es war dennoch schlicht genug. Genau richtig also. Aber wo bitte war das Unterteil dazu? Wieder wühlte ich in der Schublade, doch fündig wurde ich nicht. Hatte ich den passenden Slip am Ende irgendwo vergessen? Aber eigentlich konnte das nicht sein, ich war mir nämlich ziemlich sicher, den letztens irgendwann noch angehabt zu haben.

Nachdenklich ging ich rüber ins Badezimmer, wo ich im Wäschekorb vor der Waschmaschine fündig wurde. Wusste ich es doch. Leider war das gute Stück noch ungewaschen und so stellte ich mich ans Waschbecken, um es in Handarbeit zu reinigen. Anschließend drehte ich die Heizung auf und hängte den Slip darüber. „Du hast genau eine Stunde Zeit um zu trocknen", teilte ich dem roten Stoffstück mit und ging zurück ins Schlafzimmer.

Was dann geschah war soweit eigentlich Routine. Ich schlüpfte schon mal in den BH, um diesen fachmännisch mit meinem Silikonkissen auszustopfen. Wichtig war dabei natürlich, dass man das Ganze nicht sah. Sprich, dass links genauso aussah wie rechts. Das war nicht sonderlich schwierig, wenn man den Dreh erst einmal raus hatte. Ich fand es schwieriger, das kleine Kissen unauffällig verschwinden zu lassen, sollte es zu spontanem Sex kommen. Aber das war gerade nicht mein Problem. Ich stopfte mich also aus und zog das Kleid über den Kopf. Natürlich ganz vorsichtig, um Juan Pablos Werk nicht zu zerstören, bevor es an die Restaurierungsarbeiten ging. Cremen, zupfen, pudern, klopfen, tuschen, verwischen, auftragen.... Naja, das übliche eben. Den Wäscheberg in meinem Schlafzimmer ließ ich mit einem finsteren Blick liegen. Ich wusste, dass meine Chancen denkbar schlecht standen, dass dieser von den fleißigen Mäusen, Rehen, Kaninchen und Rotkehlchen beseitigt würde, während ich weg war, aber es war bereits kurz vor vier. Zwar kommt eine echte Lady immer ein paar Minuten zu spät, aber eine Lady wollte ich eh nie sein, also egal. Schnell schlüpfte ich in meine Schuhe und ließ das dünne Jäckchen über meine Arme gleiten. Ein letzter Blick in den Flurspiegel, ein letztes Mal meine Busenfreundinnen ins rechte Licht gerückt und ab durch die Mitte.

Am Kiosk angekommen war Aidan weit und breit noch nirgendswo zu sehen und für einen kurzen Moment zog sich mein Herz ein wenig zusammen. Er würde mich doch nicht etwa versetzen oder? Aber es war gerade erst vier Uhr. Ein paar Minuten Verspätung standen wohl auch einem echten Gentleman zu und ich konnte die Zeit nutzen, um noch in Ruhe eine Zigarette zu rauchen und meine Nerven vielleicht ein klein wenig zu beruhigen. Und so tat ich es. Der blaue Dunst beruhigte mich tatsächlich ein wenig und mein Herz machte einen riesigen Sprung, als mein Traumprinz um die Ecke gebogen kam. Wie am Vortag und am Morgen, sah er wahnsinnig gut aus. Lächelnd kam er auf mich zu und wahrscheinlich hätte ich sogar zurück gelächelt, wäre mir nicht just in diesem Augenblick etwas Rotes eingefallen, das immer noch über der Heizung in meinem Badezimmer hing.

Verdammt!

 

 

 

 

 

 

Das Date von Blossom
Author's Notes:
Ich hoffe ihr seid alle gut ins neue Jahr gerutscht

 

Ich saß in der Falle. Aidan hatte mich längst gesehen, ich konnte mich also nicht noch einmal umdrehen und zu meiner Wohnung zurück sprinten. Wie dämlich ich aber auch sein kann. Also, wenn Darwin recht gehabt hätte, ich hätte mich schon längst selbst von diesem Erdball katapultiert haben müssen. Wegen dem fehlerhaften Erbgut, das sich doch selbst vernichtet, oder so. Richtig verstanden hab ich das eigentlich nie, aber das war in dem Moment auch irgendwie egal. Aidan kam mit festem Schritt auf mich zu und ich stand einfach so da, unten rum völlig entblößt. Da macht man sich tatsächlich noch Gedanken, mit welcher Unterwäsche man nicht zu nuttig rüberkommt und geht dann ganz ohne Höschen aus dem Haus. Jetzt konnte ich nur noch hoffen, dass mein Kleid lang genug war und dass kein unerwarteter Sturm aufzog.

„Hallo Meredith."

Erst denken, dann reden. Wenn ich jetzt auch noch anfing alles aus meinem Kopf raus zulassen, wie im Büro meiner Chefin am Morgen, dann hätte ich ihm wohl mit wenigem Worten mitgeteilt, dass meine Vagina gerade freien Ausblick auf den Asphalt genoss.  Das wollte ich unbedingt vermeiden. Erst denken, dann reden. Erst denken, dann reden. Erst denken, dann reden.

„Hallo Aidan." Ich rang mir ein Lächeln ab, während ich meine Hände in dem Stoff meines Kleides vergrub und diesen nach unten zog

 „Schön, dass Sie gekommen sind. Ich hatte ehrlich gesagt schon Angst, Sie würden nicht kommen, nachdem ich Sie heute Morgen mehr oder weniger mit meiner Einladung überfallen habe."

„Ich wäre nicht gekommen, wenn ich es nicht gewollt hätte." Nun lächelte ich selbstbewusster. Und schaffte es meine verkrampften Hände aus meinen Rockfalten zu lösen. Heute zählte ein perfektes Auftreten. Den ersten Eindruck, den gibt es kein zweites Mal.

„Na, das freut mich doch." Er machte kurz, eine komische Verrenkung mit seinem Gesicht, die wohl soviel heißen sollte wie: ‚Yeah me! Die Kleine steht auf mich‘ und mein Lächeln noch verbreiterte, bevor er sich umdrehte und mit dem Finger die Straße hinunter zeigte. „Da vorne gibt es ein schönes kleines Café. Haben Sie Lust?" Galant reichte er mir seinen rechten Arm und ich hackte mich mit einem Nicken bei ihm ein. Die Manieren stimmten also schon mal. Nicht, dass ich da besonders viel Wert drauf legen würde, aber es könnte definitiv nicht schade, sollte er wirklich der Mann sein, für den ich ihn hielt. Dann wäre nämlich ein Treffen mit meinen Eltern unausweichlich und gute Manieren ein klarer Pluspunkt. Und so legten wir gemeinsam den kurzen Weg zum Café zurück und traten ein.

„Bitte, setzen Sie sich doch." Formvollendet zog er einen der Polstersessel ein Stück vom Tisch weg, damit ich mich setzen konnte. Ein wahrer Gentleman. Mein Prinz eben. Ich musste es jetzt einfach nur schaffen mich, auch wenn ich keine Prinzessin war, so elegant hinzusetzen, dass er nicht sofort meinen blanken Hintern vor der Nase hatte. Und wenn ich erst mal saß, würde schon alles gut werden. Hoffte ich.

„Danke sehr." Mit grazilem Gang schritt ich um den Sessel herum und streifte dabei seine Hand, die er auf der gepolsterten Rücklehne abgelegt hatte. Nur weil ich kein Höschen trug und am liebsten gestorben wäre, hieß das schließlich noch lange nicht, dass ich nicht mit ihm flirten konnte. Dann fuhr ich mit beiden Händen über den Rock und zog ihn nach unten, als ich mich niederließ. Perfekt. Innerlich klopfte ich mir voller Stolz auf die Schulter.  Aidan würde glauben, ich hätte das getan, um hinterher keine Falten im Stoff zu haben und mein guter Ruf, so denn ich jemals einen gehabt hatte war gewahrt. Jetzt ging es darum, Aidan von meinen Qualitäten zu überzeugen und dann ZOOM in den Hafen der Liebe einzufahren. Und sie lebten glücklich und zufrieden und dieser ganze Kram.

„Also, Meredith." Mein Prinz hatte inzwischen mir gegenüber Platz genommen. „Sie denken wahrscheinlich, ich wäre völlig verrückt, mich einfach so mit ihnen verabreden zu wollen."

„Nein", antwortete ich wahrheitsgemäß, denn die Verrückte hier am Tisch war ja wohl eindeutig ich. Die Schusselige und sowieso durch und durch seltsame Person. Am besten sagte ich ihm sofort was er sich da eingebrockt hatte. „Ehrlich gesagt bin ich sogar sehr froh. Und sag doch bitte Du zu mir. Weil Vornamen und Siezen finde ich ganz furchtbar."

Er lachte leise auf. „Okay. Und was findest du noch so alles furchtbar?"

„Bitte?" Die Frage verstand ich nicht.

„Naja, ich hab mir fest vorgenommen alles zu tun um dir zu gefallen und ich denke, das kann ich am besten, wenn ich weiß was du nicht ausstehen kannst."

Nun musste ich lachen. „Ich hingegen hatte soeben beschlossen, mich einfach gar nicht zu verstellen, damit du sofort weißt, wen du dir da angelacht hast."

„Oh. Okay. Also eigentlich ist das ja auch irgendwie das Beste. Warum meinen die Leute immer sich verstellen zu müssen, nur um jemand anderem zu gefallen? Am Ende muss man ja doch wieder man selbst sein. Was nützt es extra zum Friseur zu rennen und sich ein neues Kleid zu kaufen, wenn man früher oder später doch wieder den pinken Jogginganzug trägt. In dem du übrigens ganz bezaubernd aussahst."  

Ich hätte niemals gedacht, dass es rein physiologisch möglich ist, aber mir stieg sämtliches Blut in den Kopf. Für mehrere Augenblicke war mein ganzer Körper mit dieser Flüssigkeit unterversorgt, während mein Kopf zu platzen drohte. Ich fühlte mich auch nicht dazu in der Lage irgendetwas zu erwidern und war deshalb mehr als nur froh, als der Kellner sich zu uns bequemte und ich mein geschwollenes, rotes Gesicht hinter der Karte verstecken konnte. Ich ließ mir mit meiner Auswahl natürlich extra lange Zeit. Zumindest so lange, bis ich das Gefühl hatte, dass  alle Gliedmaße wieder durchblutet wurden. Ich hätte in Anbetracht meiner langen Überlegungszeit vielleicht etwas anderes bestellen sollen, als einen schlichten schwarzen Kaffee, aber den mag ich nun mal am liebsten. Und Aidan schien es mir nicht krumm zu nehmen.

„Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen." Nun war es seine Hand, die wie zufällig über die meine glitt.

„Schon gut."

„Also, was denkst du?"

„Worüber?" Ich hatte den Kopf die ganze Zeit gesenkt gehalten, um diese unnatürliche Röte vor ihm zu verbergen, doch nun sah ich ihn an.

„Na, darüber, dass wir ausnahmslos und schonungslos ehrlich zu einander sind." Aidan zwinkerte mir kurz zu und nahm seine Hand von der meinen, um seinen Kaffee entgegen zu nehmen.

„Find ich gut", stimmte ich seinem Vorschlag zu. Es war ja auch quatsch. Es nützte nichts ihm was vorzumachen. Früher oder später würde er ja doch jeden meiner kleinen Fehler (und davon gab es schließlich eine ganze Menge) ausgraben und ans Tageslicht befördern. Und wenn er wirklich der Prinz war, für den ich ihn hielt, nämlich mein Prinz, dann würde er mich mit oder gerade wegen all dieser Macken lieben.

„Na, dann auf die Wahrheit."  Fast schon feierlich hob Aidan seine Tasse und ich tat es ihm gleich, um mit ihm anzustoßen. Zum ersten Mal seit unserem Aufeinandertreffen schaffte ich es offen und ehrlich zu lächeln. Ich fühlte mich wohl in Aidans Gesellschaft und dieses Wohlgefühl wurde lediglich von der etwas stacheligen Polsterung des Sessels getrübt, die mir durch den dünnen Stoff des Kleides permanent in den blanken Popo piekste.  Und so musste ich erst einige Verrenkungen hinlegen, bis ich eine einigermaßen bequeme und nicht pieksende Sitzposition gefunden hatte.

„Alles in Ordnung?" Mit leichter Verwunderung betrachtete mein Begleiter meine Turnübungen.

„Jaja, alles in Butter." Ehrlichkeit hin oder her. Über meine ungewollte Blöße und den pieksigen Stuhl wollte ich ihn dann doch nicht aufklären. Ich richtete mich kurz auf und schob mein linkes Bein so auf dem Sessel, dass ich darauf sitzen konnte. Dann griff ich nach meinem Kaffee und nahm einen Schluck. „Also Aidan! Dann erzähl mir doch von dir."

„Von mir? Was willst du denn wissen?"

„Alles." Ich grinste ihn über den Rand meiner Tasse hinweg an.

„Alles? Das ist aber eine ganze Menge. Na, lass mal sehen..."

Ich stütze meine Ellenbogen auf den Tisch, umklammerte die Kaffeetasse und sah ihn unentwegt an. Unbewusst stellte ich seine Erzählung über sich selbst und sein Leben auf tonlos, nur um ihn besser und vor allem ungestörter betrachten zu können.  Natürlich bereute ich das später, weil mir dadurch sicherlich einige spannende und wichtige Details über ihn entgangen sind, aber er sah einfach zu hinreißend aus. Sein dunkles Haar sah so wunderschön voll aus und für einen kurzen Moment der Schwäche fiel es mir denkbar schwer nicht einfach so hinein zu greifen. Das wäre dann wohl doch ein bisschen zu viel des Guten gewesen. Aber in seinen schokoladenbraunen Augen versinken, das konnte ich auch ohne ihn dafür berühren zu müssen und ihm so unangebracht nahe zu kommen. Und das tat ich auch. Dieser Mann war einfach genau mein Typ.

„Und du?"

Ich brauchte einige viel zu lange Sekunden, bis ich registriert hatte, dass Aidan seinen Vortrag längst abgeschlossen hatte und ihm nicht entgangen war, dass ich und meine Gedanken auf einem ganz anderen Planeten weilten. „Ich äh..." Ich richtete mich auf und drückte den Rücken durch. „Ich bin eine wahnsinnig schlechte Zuhörerin", gestand ich Wahrheitsgemäß.

„Das erklärt natürlich einiges. Und ich hatte schon gedacht, ich wäre einfach nur so langweilig und dein Blick deshalb so abwesend." Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und sah dabei so dermaßen sexy aus, dass ich ihm am liebsten an Ort und Stelle die Kleider vom Leib gerissen hätte. „Wenn du also schon so schlecht zuhörst, wie wäre es dann, wenn du etwas von dir erzählst."

„Hm.. Tjoa." Nachdenklich zupfte ich meinen Rocksaum glatt. „Ich bin also Meredith und 29 Jahre alt und arbeite als Housekeeperin."

„Housekeeperin?"

„Ja. Ich pass auf die Villen gutbetuchter Leute auf, wenn die Mal im Urlaub sind oder so."

„Interessant. Ich hab mal in einer Zeitung gelesen, dass 95% aller Prominenter nicht wissen, wo in ihrem eigenen Haus die Waschmaschine steht. Ist da was dran?"

„Das weiß ich nicht. Bisher hatte ich noch nicht das Vergnügen auf die Villa eines Promis aufzupassen. Sollte ich aber mal, werd ich das rausfinden." Ich musste lachen. Die Vorstellung, dass jemand nicht wissen sollte, wo in seinem eigenen Haus die Waschmaschine stand, war selbst für meinen Kopf kaum zu fassen. Ich meine, ich komm ja auch aus reichen Verhältnissen und bevor ich alleine gewohnt hab, hab ich auch noch nie selbst gewaschen, aber wo die Waschmaschine stand, das wusste ich schon. Die hatte schließlich einen eigenen Raum. Und man muss doch wissen, was sich so hinter den Türen im eigenen Haus befindet. Aber vielleicht muss man das auch nicht. Vielleicht müssen das nur neugierige Menschen wie ich. Menschen wie ich, die auch das Prinzip des Anklopfens nie richtig verstanden haben. Und das hat mir schließlich auch schon mehr als einmal Ärger eingebrockt. Vielleicht machten diese Menschen es genau richtig. Und Wäsche wuschen die wahrscheinlich auch nicht selber. Hab ich ja früher auch nicht. Für sowas hat man ein Hausmädchen. Und die meisten Designerkleider sind für die Maschine eh nicht geeignet, sondern müssen in die Reinigung und was sowas angeht, da kenn ich mich aus. Da hab ich Ahnung. Glauben Sie mir. Man versaut sich nur einmal einen sündhaft teuren Versace Cashmerepullover, nur weil man Geld sparen will.

Wir redeten an diesem Nachmittag wirklich über alles. Fast kein Geheimnis blieb im Verborgenen. Ich erzählte ihm sogar vom Debütantinnenball und er mir von Paris. Dort ließ nämlich Aidan seine Jungfräulichkeit. Bei einem Schüleraustausch in den Armen der Tochter seiner Gastfamilie. Ich erzählte ihm von meiner übermenschlichen Leidenschaft für Kaffee und gestand ihm letzten Endes auch, dass ich für Designerkleidung töten würde. Ich dachte, das würde ihn völlig verschrecken. Männer haben ja eher eine traumatische Ansicht von einkaufenden Frauen, aber Aidan nahm es mit Humor. Er amüsierte sich ebenfalls köstlich, als ich ihm ein paar Geschichten aus meiner Studienzeit erzählte und lachte über die seinen. Zwar hatte Aidan damals ein wenig mehr Eifer und Ernsthaftigkeit in die Sache gesteckt als ich, aber vor wilden Partys machte auch er keinen Bogen.

Irgendwie waren wir uns ähnlich. Mein Gefühl hatte mich also nicht getäuscht. Er war mein Prinz. Wir siedelten vom Café, in das Restaurant nebenan über und redeten bei Hummer und Wein munter weiter. Keiner von uns beiden war gewillt die Verabredung zu beenden. Zeitweise schaffte ich es sogar mein fehlendes Unterhöschen vollkommen zu vergessen. Stattdessen fragte ich mich lieber, was Aidan wohl unter den Designerjeans trug und ob er sich immer in so edle Marken hüllte. Mittlerweile wusste ich auch, dass er als Ingenieur tätig war und auch wenn er mir nicht verraten wollte, wie viel man da so verdiente, war es immerhin genug Geld für eine Dreizimmerwohnung in Stadtnähe und eben Designerjeans. Designerjeans, die seinen knackigen Hintern wirklich gut zur Geltung kommen ließen, wie ich feststellen durfte, als er sich einmal kurz entschuldigte, um die sanitären Örtlichkeiten aufzusuchen.

Als er mich nach dem gemeinsamen Dinner bis zu meiner Haustür geleitete, hatte ich das Gefühl, diesen Mann bereits Ewigkeiten zu kennen. Soviel wie ich an nur einem halben Tag über diesen Mann erfahren hatte, hatte ich zuvor nicht einmal von meinen engsten „Freunden" gewusst. Diese Ehrlichkeitssache war echt gar nicht schlecht. Mal abgesehen davon, dass meine Liste beim Aufzählen der Ticks und Macken immer viel länger war als seine. Ich glaub, zum Schluss hat er auch noch Angewohnheiten erfunden, die gar nicht stimmten, nur um mich in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Und obwohl das gar nicht der Regel mit der Wahrheit entsprach, so war es doch auch irgendwie süß.

Verlegen stand ich also vor meiner Haustür. Inzwischen war es stockfinster und nur das Licht einer Straßenlaterne beleuchtete unsere Zweisamkeit. Brav und artig, wie es mir Highschoolromanzen aus Hollywood beigebracht hatten, wartete ich also nun wie eine moderne Prinzessin auf meinen Abschiedskuss und das Versprechen, dass wir uns so schnell wie möglich wiedersehen würden. Rein und Keusch. So waren Prinzessinnen. Und das war vielleicht auch immer diese eine kleine Sache, die ich an Prinzessinnen nicht ausstehen konnte. Ich wollte nicht, dass Aidan jetzt ging und mich einfach so mit einem popligen Kuss, wahrscheinlich auch noch ohne Zunge, zurück ließ. Ich wollte mehr. Wenn ich so schon keine Prinzessin sein konnte, dann konnte ich auf diese aufgeblasene Sittsamkeit auch verzichten. Ich war schließlich eine erwachsene Frau mit Bedürfnissen.

Und so schaffte ich es gerade noch zwei Finger auf seine Lippen zu legen, die sich den meinen in solch sittsamer weise zu nähern versuchten. „Du hast nicht rein zufällig Lust noch mit auf ´nen Kaffee raufzukommen?"

Sein Kopf wich wieder einige Zentimeter zurück und er betrachtete mich. Ich lächelte, obwohl ich für einige Sekunden befürchtete, er könnte ablehnen und ich hätte mich somit selbst sogar um meinen Abschiedskuss geprellt. „Ich trinke gerne Kaffee zum Frühstück." Seine rechte Augenbraue wanderte vielsagend in die Höhe.

„Das trifft sich gut, denn was anderes hab ich auch nicht im Haus." Umgehend machte ich mich daran die Haustür zu öffnen und fasste ihn bei der Hand, um ihn hinter mir her, die Treppe rauf zu ziehen. Vor meiner Wohnungstür blieben wir wieder stehen und ich wühlte an meinem Schlüsselbund nach dem richtigen Schlüssel.

„Hier wohnst du also."

„Ja, hier wohne ich. Ich sollte vielleicht vorher sagen, dass es nicht das Ritz ist."

„Macht ja nichts." Plötzlich schlossen sich zwei fordernde Hände um meine Hüften und zogen mich näher. Noch ehe ich wusste wie mir geschah, legten sich die Lippen meines Prinzen auf die meinen und ich hatte das Gefühl, als hätte mich jemand ganz feste vor den Kopf geschlagen. Knock out. Das hatte aber weniger was damit zu tun, dass sein Kuss mich so sehr berauschte, sondern viel mehr damit, dass ich nicht damit gerechnet hatte. Ich schrak zusammen, machte eine ungeschickte Bewegung und unsere Köpfe schlugen nicht gerade sanft aneinander. „Autsch!" Sofort waren die fordernden Hände wieder verschwunden und Aidan rieb sich die Stirn.

„Tschuldigung", nuschelte ich verlegen. „Das wollte ich nicht." Weil ich nicht wusste was ich sonst tun sollte, schloss ich erst einmal die Haustür auf und machte das Licht an. „Komm doch rein. Brauchst du vielleicht Eis?" Wieder fasste ich ihn bei der Hand und zog ihn in meine Küche. „Setz dich." Ich wartete nicht, bis Aidan sich auf einen der Stühle nieder gelassen hatte, sondern wühlte sofort in meinem Gefrierschrank nach etwas zu kühlen.

Mit einer Packung Spinat in der Hand, drehte ich mich wieder um. Aidan war meiner Aufforderung nachgekommen und hatte sich hingesetzt. Auf seiner Stirn prunkte ein saftiger roter Fleck der sich später noch erheblich blau verfärben sollte. „Gott ist mir das peinlich."

„Und ich dachte immer, der Mann haut das Weibchen KO, um es dann an den Haaren in seine Höhle zu schleifen", scherzte Aidan aber bereits wieder. Behutsam drückte ich das Tiefkühlgericht gegen die Stirn.

„Und ich dachte, es wäre schon peinlich genug gewesen heute ohne Höschen aus dem Haus zu gehen." Zack! Erst gesprochen, dann gedacht. Ich lern das einfach nicht mehr.

„Du hast kein Höschen an?" Das Grinsen auf dem Gesicht meines Prinzen verdreifachte sich innerhalb einer Millisekunde. Ich zuckte lediglich mit Schultern und sah verlegener, als ich es von mir gewöhnt war auf meine Füße. Aidan hingegen hatte sich von meiner Kopfnussattacke scheinbar nicht abschrecken lassen. Achtlos ließ er die Spinatpackung auf den Küchentisch fallen und griff nach meinen Handgelenken, um mich sanft aber bestimmt auf seinen Schoß zu ziehen. Auch dieses Mal erschrak ich, verletzte aber niemanden dabei. Und dann passierte es endlich. Der erste richtige Kuss zwischen mir und meinem Prinzen. Was soll ich sagen. Es war toll. Es war fantastisch. Es war ein Feuerwerk. Es war genauso wie sich der erste Kuss mit dem Traumprinzen eben anfühlen musste. Wir küssten uns innig und lange, bevor er dem Wahrheitsgehalt meiner Unterwäscheaussage auf den Grund ging.

 

 

 

 

Beim Leben meines Bruders von Blossom
Author's Notes:
Obwohl ich die Schwester eines Bruders bin, beruhen die in diesem Kaitel dargestellten Geschehnissen nicht auf selbsterlebten Erfahrungen. Das liegt allerdings nur daran, dass mein bruder älter ist als ich und nicht jünger. Wäre er jünger... naja wer weiß... ich glaub da könnte ich für nichts garantieren...

 

Als wir endlich die Hände voneinander lassen konnten, war die Nacht schon lange nicht mehr jung und der Morgen nicht mehr fern. Und obwohl ich die paar Stunden Schlaf, die mir noch blieben, bevor meine Arbeit mich wieder erwartete, gut hätte gebrauchen können, blieb ich wach. Aidan lag neben mir auf dem Bauch (er schlief immer auf dem Bauch, wie ich später heraus finden sollte) und schlummerte sanft. Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, dass das sonderlich bequem sein sollte, aber er sah süß dabei aus. Ich hatte mich neben ihm auf die Seite gedreht und stützte meinen Kopf auf meine Hand auf, während ich ihn betrachtete. Begleitet von einem angenehmen Kribbeln in meinem Bauch, war ich mir sicher. Ich war mir einfach verdammt sicher. Er war der Prinz, für den ich alles aufgegeben hatte. Für den ich darauf verzichtet hatte ein Leben in Saus und Braus führen zu können. Für den ich alle Millionärssöhne Englands, ach was rede ich, der ganzen Welt abgelehnt hätte. Ich wollte keine Berufshausfrau sein, die ihr Dasein im Schönheitssalon und auf Teegesellschaften verbrachte. Ich wollte einfach nur die Frau an Aidans Seite sein. Mehr wollte ich nicht. Weniger allerdings auch nicht.

Von diesem Tag an verbrachten wir fast jede freie Minute miteinander. Und jede Sekunde, die wir nicht miteinander verbrachten, kam dem Tod schon ein kleines bisschen nahe. Wann immer er nicht bei mir sein konnte oder ich nicht bei ihm, fühlte ich mich einsam und vermisste ihn schmerzlich. Doch das war okay. Denn wann immer ich ihn vermissen musste, wurde ich mit der Freude des Wiedersehens belohnt, die mich alle Einsamkeit vergessen machte. Ich liebte alles an Aidan. Er war schließlich mein Prinz. Ich liebte seinen Körper und seinen Geist. Ich liebte sein Lachen, ebenso wie die nachdenklichen Falten, die sich auf seiner Stirn bildeten, wenn er grübelte. Ich mochte den Klang seiner Stimme genauso wie ich die stillen Nachrichten seines Schweigens begehrte. Er war meine zweite Hälfte. Er machte mich zu etwas Ganzem.

Er ließ mir jede meiner kleinen Macken. Wenn ich mal wieder viel zu viel Geld für Klamotten ausgegeben hatte und mir Geld für die Miete bei ihm leihen musste, sagte er nur: „Was soll´s. Zur Not kann ich immer noch eine Niere verkaufen." Wenn ich mich mal wieder tierisch über irgendwas oder irgendwen aufregte, (und das kann ich ziemlich gut, ziemliche lange und vor allen Dingen ziemlich laut) stimmte er mir jede Mal zu und ließ mir meine Wut. Er versuchte gar nicht erst mich zurück auf den Teppich zu bringen und behauptete sogar, ich wäre ziemlich niedlich, wenn ich schimpfte. Aidan hingegen war perfekt. Wäre ich nicht ein durch und durch überhaupt nicht misstrauischer Mensch, ich hätte wohl an ihm gezweifelt. Doch so sehr ich auch suchte, es gab einfach keine Macken an ihm. Wenn man mal davon absah, dass er auf dem Bauch schlief. Aber das war ja genau genommen keine Macke, ich selbst empfand das lediglich als sehr unangenehme Schlafposition.

Aidan teilte meine Leidenschaft für das Theater und Museen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit, überschüttete er mich mit Komplimenten. Und wie ich es mir immer gewünscht hatte, bette er mich auf Rosen. Auf einem Meer von Rosen. Ich würde diesen Tag wohl niemals vergessen.

Da ich es mit dem Shopping mal wieder etwas zu sehr übertrieben hatte, arbeitete ich mir den Hintern wund, um das Geld wieder rein zu bekommen, das ich mir bei Aidan geliehen hatte. Ich nahm so viele Klienten an, dass ich quasi von einem bis zum nächsten rennen musste, um alle meine Aufgaben unter einen Hut  zu bekommen. Von dieser hektischen Rennerei waren meine alten Yves Saint Laurent Stilettos allerdings weniger begeistert, weshalb mir dann auch prompt ein Absatz abbrach. Ich muss wohl nicht betonen wie unsagbar angepisst ich war. Noch dazu wartete Aidan mit Theaterkarten auf mich und ein Blick auf die Uhr und meinen nun eher humpeligen Laufstil sagte mir, dass ich es niemals pünktlich schaffen würde. Und so rief ich ihn schweren Herzens an und sagte ihm, dass er wohl ohne mich würde gehen müssen. Ich aber auf einen ausführlichen Bericht und die offizielle Broschüre bestand. Und humpelte unglücklich zu meinem nächsten Klienten.

Ich musste mich unbedingt wieder auf meine eingespielten Prinzipien berufen und nur Geld ausgeben, das ich auch hatte. Ich musste aufhören mir Geld von Aidan zu leihen. Ihm machte das zwar nichts aus (zumindest ließ er sich nichts anmerken), aber ich wollte keine Schulden bei ihm machen. Bei meinen Eltern habe ich mir nie Gedanken um Geld gemacht. Ich sah es als ihre Pflicht an mich zu unterhalten, aber bei Aidan war es was anderes. Er war mein Partner. Ich wollte nicht, dass er dachte, ich wäre nicht dazu in der Lage mein Leben selbstständig auf die Kette zu bekommen. Irgendwie hatte er mich reifer gemacht. Und ich fühlte mich nur noch wenige Schritte von dem Moment entfernt, an dem die drei kleinen, wichtigen Worte meine Lippen verließen. Ich habe es noch nie zu einem Mann gesagt, aber bei ihm, da hatte ich das Gefühl, als würde es bald  von ganz alleine geschehen. Und umso weniger gern versetze ich ihn.

Es war bereits dunkel, als ich aus der U-Bahn sprang und die Straße zu meiner Wohnung hoch humpelte. Ich hätte die Schuhe ja auch ausgezogen, aber es war bereits September und seit einigen Tagen ziemlich kalt in London. Ich war nicht scharf darauf, mir eine Blasenentzündung oder Grippe zuzuziehen. Ich hasse schließlich Krankheiten. Die tun in der Regel weh und lassen einen scheiße aussehen. Kann ich drauf verzichten. Müde und abgekämpft schloss ich die Haustür auf und hüpfte die letzten Meter zu meiner Wohnung hinauf. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich nicht im Geringsten, was mich hinter dieser Tür erwarten würde und umso überraschter war ich, als sich der Schlüssel im Schloss drehte und die Tür aufsprang. Wie vom Donner gerührt stand ich vor einem Meer aus Kerzen und eine Straße aus Rosenblättern schlängelte sich ihren Weg zu meinem Schlafzimmer.

Ungläubig betrachtete ich die Szenerie, während ich mich aus meinen nun unbrauchbaren Schuhen schälte. „Aidan?", rief ich in die Stille der Wohnung und traute mich kaum das Rosenmeer mit meinen Füßen zu zerstören. Auch wenn diese nun unbeschuht waren. Auf mein Rufen erschien Aidan im Türrahmen meines Schlafzimmers und sah mich liebevoll an. „Hallo Prinzessin." Bei diesen Worten stockte mir der Atem. Ich hatte ihm nie von meiner Prinzessinnenobsession oder meinen Rosenwünschen erzählt. Er hatte das einfach alles selbst herausgefunden. „Was... was ist das?" Ich machte eine weitreichende Geste über die Blütenblätter am Boden.

„Eine kleine Überraschung für dich." Auf nackten Füßen kam er auf mich zu und fasste meine Hand. „Ich hatte keine Lust alleine ins Theater zu gehen und ich dachte, du freust dich vielleicht." Zart wie Schmetterlingsflügel huschte sein Mund über meine Lippen. „Freust du dich?"

„Und wie!" Ich zog ihn etwas näher an mich ran, um ihn richtig zu küssen, bevor ich mich von ihm ins Schlafzimmer führen ließ, wo noch mehr Kerzen und noch mehr Rosen auf mich warteten. Welches Mädchen träumte nicht von so etwas?  „Aidan?", hauchte ich seinen Namen, als er mich mit sich auf´s Bett zog.

„Was denn?" Ein kleiner Kuss betupfte meine Nasenspitze.

„Ich liebe dich." Ich musste nicht nachdenken oder mir unnötige Sorgen machen. Es war wie ich es vermutet hatte. Ich sagte es einfach so. Weil ich es dachte, weil ich es meinte und weil ich es wollte. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass es so einfach sein würde, aber das war es. Es war einfach

„Ich liebe dich auch, Meredith."

Wir liebten uns im Kerzenschein auf Rosenblüten, mit einer Bedächtigkeit, als wären unsere Körper aus ganz dünnen Glas, das jeden Moment zerbrechen könnte. Ich nahm Aidans Berührungen auf meiner Haut mit einer Intensität war, wie ich sie noch nie zuvor verspürt habe und wurde auf rosa farbenenden Wolken aus Zuckerwatte, begleitet von Engelschören in den Sonnenuntergang getragen.

Engumschlungen lagen wir zusammen und lauschten dem Herzschlag des Anderen. Ich war einfach nur glücklich. Der Tag hatte so dermaßen beschissen begonnen und einen noch schlimmeren Verlauf genommen, aber jetzt badete ich im Glück. Und fasste einen Entschluss. „Aidan?", flüsterte ich gegen seine Brust.

„Ja, Prinzessin?"

„Hättest du vielleicht Lust meine Familie kennenzulernen?" Auch diese Worte verließen meinen Mund, ohne das mein Verstand sich dagegen wehrte. Genau so, wie ich zuvor noch nie einem Mann meine Liebe gestanden hatte, so hatte ich auch noch nie einen meiner Familie vorgestellt. Vorsichtig sah ich zu ihm auf und erkannte im Kerzenschein, dass sich sein Mund zu einem Lächeln verzog.

„Wenn du das möchtest."

Langsam richtete ich mich auf und setzte mich neben ihm in den Schneidersitz. Mit dem Zeigefinger spielte ich in seinem Haar. „Ja, ich möchte schon. Ich... ich habe noch nie einen Mann mit zu uns nach Hause genommen."

„Ist deine Familie denn so schrecklich?" Zärtlich griff er nach meiner Hand und küsste die Kuppe meines Zeigefingers.

„Naja, schrecklich möchte ich nicht sagen, aber da gibt es ein paar Dinge, die du vorher vielleicht wissen solltest." Ich überlegte einen Moment, dann begann ich ihm von meiner Familie zu erzählen. Von meinem Vater, der für seine Arbeit lebte, meine Mutter, die Berufshausfrau war und meiner Schwester und ihrer Familie. Und ganz zum Schluss, da erzählte ich ihm auch noch von meinem Bruder, über den ich in dieser kleinen Geschichte noch kein Wort verloren habe und wofür man mich wirklich bestrafen sollte, denn ich liebe meinen Bruder. Das war allerdings nicht immer so. Um ehrlich zu sein, habe ich meinen kleinen Bruder früher bis auf´s Blut gehasst.

Ich erinnere mich noch heute an den Tag seiner Geburt, als sei es erst gestern gewesen. Mein Bruder kam nämlich einen Tag nach meinem fünften Geburtstag zur Welt. Da meine Mutter allerdings fast zwei Tage in den Wehen lag, wurde mein Geburtstag einfach vergessen. Wir wurden morgens einfach bei meiner Tante abgegeben und es schien niemanden zu interessieren, welchen Tag der Kalender schrieb. Das es nicht einfach nur ein Tag wie jeder anderer war, schien wirklich nur mir bewusst gewesen zu sein. Nicht einmal meine Schwester Susi, die sich sonst Geburtstage merkte, wie keine zweite, schien sich nicht zu erinnern. Stattdessen war sie völlig aufgedreht und erzählte jedem, der es nicht hören wollte, dass wir bald einen kleinen Bruder haben würden. Ich verkroch mich unterdessen im Arbeitszimmer meines Onkels unterm Schreibtisch und weinte. Und wenn ich nicht weinte, verfluchte ich meinen ungeborenen kleinen Bruder. Manchmal glaube ich noch heute, das diese Flüche schuld an dem sind, was geschehen ist. Aber eigentlich weiß ich, dass das quatsch ist.

In aller Herrgotts Frühe klingelte am nächsten Tag das Telefon. Ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen vor Wut und konnte hören, wie meine Tante das Gespräch annahm und lange, aber leise mit jemandem sprach. Dann legte sie den Hörer wieder auf die Gabel und ging zurück ins Schlafzimmer, wo sie nur kurze Zeit später etwas mit meinem Onkel diskutierte. Allerdings in ebenso gedämpfter Lautstärke, dass auch hier das Lauschen undenkbar war. Also kletterte ich zurück zu meiner Schwester ins Bett und wartete darauf, dass meine Tante jeden Moment herein käme, um uns zu wecken. Doch sie kam nicht. Es dauerte sogar mehrere Stunden, bis sich die Tür zum Gästezimmer endlich öffnete und Tante Agatha uns weckte. Natürlich hab ich mich gewundert, warum sie uns so lange nach dem Anruf hat warten lassen, aber ich fragte sie nicht nach dem Grund. Ich stellte auch keine Fragen, als sie uns nur mit wenigen Worten ins Badezimmer buchsierte, damit wir uns wuschen und anzogen. Auch Susi stellte keine Fragen, obwohl die gedrückte Stimmung ihr spätestens beim sehr schweigsamen Frühstück hätte auffallen müssen. Aber vielleicht spürte sie auch einfach nur, genau wie ich, das, was immer auch geschehen war, meine Tante nicht darüber reden wollte.

Immer noch schweigsam und gemeinsam mit meinem Onkel und meiner Tante, fuhren wir nach dem Frühstück zum Krankenhaus, wo das Schweigen dann zum ersten Mal gebrochen wurde. Mein Onkel hatte den Wagen gerade geparkt, als meine Tante sich zu uns umdrehte. „Bevor wir da gleich reingehen, will ich, dass ihr wisst, dass euer Bruder etwas ganz besonderes ist." Genervt verdrehte ich die Augen. Konnte uns nicht mal einer was Neues erzählen? Ich meine, dass er was ganz besonderes is, war schließlich von dem Tag an klar, als der Gynäkologe meiner Mutter offenbarte, sie würde einen Jungen erwarten. Der Sohn, den meine Eltern nach sich nach zwei Töchtern so sehr wünschte. Der Sohn, für den sie sogar den Geburtstag ihrer Zweitgeborenen vergaßen. Der Sohn, der mich aus meiner Stellung als Nesthäkchen verdrängte. Was gaaaaaaaaanz Besonderes, ja, nee, ist klar. Ich verkniff mir jede Bemerkung und schnallte mich stattdessen ab, um aus dem Wagen zu steigen und endlich der Ausgeburt der Hölle in die Augen zu sehen.

Und nur wenige Minuten und ekelhafte Krankenhausgänge später, war es dann auch so weit. In einer Wiege aus Plexiglas lag mein ganz besonderer Bruder. Der sollte etwas ganz besonderes sein? Das ich nicht lache. Ganz besonders hässlich vielleicht. Das Gleiche dachte Susi wohl auch, denn ihre sonst so ernste Miene drückte nun das blanke Entsetzen aus. „Susi, Meri, das ist euer kleiner Bruder Benjamin." Bedächtig wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte, legten sich die großen Hände meines Vaters auf unsere Schultern.

„Er ist behindert", fand meine Schwester zuerst zurück zu ihrer Sprache und hatte ich bis dahin nur entsetzt meinen hässlichen kleinen Bruder angesehen, so sah ich nun entsetzt zu meiner Schwester.

„Er hat Trisomie 21", bestätigte mein Vater ihren Verdacht sogleich und verwirrte mich dadurch nur noch mehr, als ich es bis dahin ohnehin schon gewesen war.

„Trimsologie was?" Mit großen Augen sah ich von meinem Vater, zu meiner Schwester, zu meinem kleinen Bruder und schließlich zu meiner Mutter, die im Bett lag und weinte.

„Meri - Täubchen" Mein Vater seufzte schwer und ging vor mir in die Knie. „Dein Bruder ist Behindert. Weißt du, was das ist?" Ich schüttelte wahrheitsgemäß den Kopf. „Also dein Bruder hat eine Krankheit, die heißt Trisomie 21 oder auch Down Syndrom. Das bedeutet, dass dein Bruder sich anders entwickeln wird, als du oder deine Schwester. Deshalb müssen wir sehr gut auf ihn aufpassen und du und Susi, ihr werdet uns dabei helfen müssen. Meinst du, dass du das kannst?" Völlig verwirrt zuckte ich mit den Schultern und ließ mich auf einen der Stühle fallen. Susi setzte sich neben mich und erzählte irgendwas, von dem ich natürlich nicht einmal das erste Wort mitbekam. Alles was ich heute über diese Behinderung weiß, habe ich mir später selbst angelesen. Immer dann, wenn man Bruder mir absolute Rätsel aufgab. Aber erst einmal hasste ich ihn.

Ich hasste ihn, weil sich rund um die Uhr alles nur um ihn drehte. Weil ich von einem Tag auf den anderen von der Prinzessin, zum Täubchen mutiert bin. Weil wir alle hinten anstehen mussten wegen ihm. Weil meine Mum lieber mit ihm zu irgendwelchen Therapien fuhr, anstatt mich zum Ballett zu bringen. Dafür war nämlich plötzlich ein Kindermädchen zuständig. Wir hatten vorher nie ein Kindermädchen. Vorher hatte sich immer meine Mum um uns gekümmert. Diese kümmerte sich aber fortan nur noch um ihren Sohn. Er nahm mir nicht nur meine Stellung in der Familie und die Feier zu meinem fünften Geburtstag, sondern auch noch meine Mutter. Wie sollte ich diesen kleinen hässlichen Fleischklops nur lieben?

Aber eigentlich hatte ich ihn doch die ganze Zeit geliebt, mir war es nur nie aufgefallen. Das änderte sich auch erst, als meine Mutter es tatsächlich einmal schaffte sich von ihm loszureißen. Sie war auf eine Teeparty bei den Nachbarn eingeladen und ließ mich und Benny in der Obhut des fürchterlichen Kindermädchens. Ich hasste dieses Kindermädchen. Nicht nur weil sie plötzlich all diese Aufgaben übernahm, die früher meine Mutter gemacht hatte, sondern weil sie einfach eine furchtbare Person war. Sie erzählte mir mit Absicht ganz grässliche gute Nacht Geschichten, von denen ich Albträume bekam und ließ keine Gelegenheit ungenutzt verstreichen, um mir zu sagen, dass ich ein ganz schlimmes kleines Mädchen wäre und sich der Teufel bereits die Finger nach meiner Seele leckte. Wann immer ich mir nicht die Haare kämmen oder die Fingernägel schneiden lassen wollte oder mein Essen mir nicht schmeckte, packte sie dieses Buch aus, das sie aus Deutschland hatte und in denen die Kinder am Ende immer starben oder verstümmelt wurden, weil sie nicht das taten, was man von ihnen verlangte.  Konnte so etwas pädagogisch korrekt sein? Ich weiß es nicht. Wie dem auch sei.

Ich weiß nicht, wo Susi an diesem Nachmittag steckte, auf jeden Fall legte dieses grausame Kindermädchen meinen kleinen Bruder auf eine Decke, die sie auf dem Wohnzimmerboden ausgebreitet hatte und setzte mich auf das Sofa. Dann stellte sie den Fernseher an und sagte mir, dass ich blind werden würde, wenn ich nicht Mucksmäuschen still dort sitzen blieb und auf meinen Bruder Acht gab. Im nächsten Moment war sie verschwunden. Sollte mir nur Recht sein. Ich freute mich, weil ich fernsehen durfte. Das durfte ich sonst nämlich nie. Meine Mutter hielt Fernsehen nämlich für etwas ganz schlimmes. Wahrscheinlich hielt sie es für genauso schlimm wie ich dieses Erziehungsbuch aus Deutschland. Dementsprechend hatten wir allerdings nur einen sehr alten Fernseher und während ich so fernsah, verschwand plötzlich das Bild. Stattdessen entsprang eine kleine Flamme am Kabel, die sich langsam über den Wohnzimmerteppich züngelte. Wie gebannt betrachtete ich die kleine flackernde Flamme, die immer größer wurde und sich Benny bedrohlich näherte. Da ich allerdings nicht die Befugnis hatte mich zu rühren oder einen Ton von mir zu geben, blieb ich einfach sitzen und wartete der Dinge, die da kommen würden. In Gedanken rieb ich mir allerdings die Hände, dass mein kleines Problem in nur wenigen Minuten in Flammen aufgehen würde.

Eigentlich sollte ich mich heute wohl für meine Gedanken von damals schämen, das tue ich aber nicht. Aber lassen Sie mich bitte erst zu Ende erzählen, bevor Sie mich als Brudermörderin an den Pranger stellen. Und selbst wenn es soweit gekommen wäre und ich meinen Bruder im Flammenmeer hätte dahin scheiden lassen, so wäre es noch lange kein Mord, sondern lediglich unterlassene Hilfeleistung gewesen. Und versuchen Sie bitte mal eine Sechsjährige dafür vor Gericht zu zerren. Damit kommen Sie nicht durch! Kein Gericht der Welt würde ein kleines Mädchen wegen sowas ins Kittchen sperren. Und nein, ich versuche hier nicht gerade mich zu verteidigen. Also weiter im Text.

Ich saß also auf dem Sofa und sah in aller Ruhe dabei zu, wie eine immer größer werdende Flamme sich ihren Weg zu meinem Bruder suchte. Es dauerte natürlich nicht lange, bis die erste Ecke der Decke auf der er lag in Flammen stand und Benny, der bis dahin nur leise vor sich hin gewimmert hatte in unmenschliches Geschrei ausbrach. Nervös sah ich zur Tür. Sein Gebrüll würde mit Sicherheit das grässliche Kindermädchen auf den Plan rufen, die meinen Bruder retten und meinen schönen Traum von einem sorgenfreien Leben als Nesthäkchen zu Grunde richten würde. Doch das Kindermädchen kam nicht. Auch als Benny so laut schrie, dass er locker mit einer Fliegeralarmsirene hätte mithalten können, blieb die Tür verschlossen. Nervös rutschte ich auf meinem Platz hin und her,  stand unschlüssig auf und machte ein paar Schritte auf ihn zu, dann sah ich wieder zur Tür. Nichts. Und dann wurde es mir bewusst. Ich wollte nicht, dass mein Bruder verbrannte, weil ich ihn eben doch lieb hatte.

Mit einem Stofftier schlug ich auf die Flammen ein, um das Feuer zu löschen, doch es gelang mir einfach nicht. Das Geschrei meines Bruders war so ohrenbetäubend, dass ich es nicht nur nicht ausblenden konnte, sondern dass es mir auch nicht möglich war vernünftig zu denken. Der Geruch von verbrannten Haaren stieg mir in die Nase und das Geschrei meines Bruders nahm (unvorstellbarer weise) noch einmal an Dezibel zu. Wie in Trance griff ich nach dem schwabbeligen Babykörper und hob ihn hoch. Kaum zu fassen, wie schwer so ein Säugling war. Aber er tat ja auch kaum was anderes außer zu essen und zu schreien natürlich. Trotzdem hielt ich ihn fest umklammert und rannte in den Flur. „HILFE!" Ich schrie aus Leibeskräften, um meinen Bruder zu übertönen, aber niemand antwortet. Fast schon verzweifelt steuerte ich die Haustür an und stieß sie auf. Eigentlich durfte ich nicht alleine auf die Straße gehen, aber das erschien mir wie eine Ausnahmesituation.

Benny immer noch auf dem Arm rannte ich auf den Bürgersteig. „HILFE! ES BRENNT! HILFE!" Ich schrie. Ich schrie so sehr, dass mein Kopf ganz rot wurde und mein Hals anfing zu schmerzen. Aber endlich stieß ich auf Gehör. Aus den Nachbarhäusern strömten die Nachbarn, unter ihnen auch meine Mutter. Diese kam sofort auf uns zugestürmt, während andere in unser Haus rannten. Und dann gelang es mir endlich den Ton auszustellen und mich wieder auf meine Gedanken zu konzentrieren. Ich liebte meinen kleinen Bruder. Ich hatte ihn gerettet. Ohne mich wäre er einfach verbrannt. Und weil ich seine Retterin war, machte ihn das irgendwie zu meinem Eigentum. Und als strahlende Retterin wurde ich natürlich gebührend gefeiert. Außerdem hatte ich mich bei der spektakulären Rettung am Arm verbrannt und wurde von meiner Mutter von vorne bis hinten verhätschelt und das furchtbare Kindermädchen wurde entlassen. Endlich war das natürliche Gleichgewicht in unserer Familie wieder hergestellt und ich liebte meinen Bruder und tue es auch noch heute über alle Maße.

„Ich hab gewusst, dass du ihn nicht hättest verbrennen lassen."  Sanft zog mich Aidan in seine Arme und ich kuschelte mich an seine Brust.

„Du verurteilst mich also nicht, weil ich es fast hätte soweit kommen lassen?"

„Hm..." Er überlegte kurz, um mich zu necken und ich zwickte ihn zärtlich in die Brustwarze. „Hey." Ein genauso zärtlicher Klaps landete auf meinem Handrücken. „Nein, ich verurteile dich nicht. Ich denke, du hast dich einfach nur genauso verhalten wie man es von einem verwöhnten, eifersüchtigen Mädchen erwartet. Und am Ende hast du ihn ja gerettet. Und gut für eure Beziehung war es auch. Ich wünschte, mir ich hätte ein besseres Verhältnis zu meiner Schwester."

Und dann erzählte Aidan mir von seiner Schwester, allerdings war ich beim dritten Wort bereits eingeschlafen. Und ich weiß bis heute nicht, wie seine Schwester überhaupt heißt.

 

 

 

 

End Notes:
Beim Schreiben dieses Kapitels wurden keine Kinder verletzt
Hochverrat - Ein Verbrechen gegen den Adel von Blossom
Author's Notes:
Für alle die es noch nicht gesehen habe, es gibt nun auch einen Trailer. Ihr findet ihn weiter oben im Inhaltsverzeichnis

 

Ich hatte meine Mutter schon lange nicht mehr so glücklich erlebt, wie an dem Tag, als ich sie anrief und ihr sagte, dass ich ihr gerne einen jungen Mann vorstellen würde, mit dem ich nun schon eine geraume Weile ein Beziehung führte. Erst schwieg sie, dann stieß sie einen kleinen Freudenschrei aus, bevor ein Wortsalat folgte, aus dem ich im groben Sätze wie: „Das ich das noch erleben darf", „Das wurde ja auch Zeit", „Wann ist die Hochzeit", entnahm. Meine Mutter freute sich also darüber, Aidan kennenzulernen. Sie pochte schließlich seit circa meinem 18 Geburtstag darauf, dass es langsam Zeit für mich wäre unter die Haube zu kommen. Damit sie allerdings nicht völlig überschnappte, entschied ich, dass Aidan direkt die ganze Familie kennenlernen sollte. Das ist zwar ganz schön hartes Brot, aber dann hätte er es hinter sich. Und so fassten wir gemeinsam den Entschluss (und das grenzt schon fast an ein kleines Wunder, denn meine Mutter und ich hatten noch niemals etwas gemeinsam entschieden. In der Regel traf sie einen Entschluss und ich machte alles genau anders, als sie es mir aufgetragen hatte.), dass ich ihn zu Weihnachten mitbringen sollte, da dann ohnehin die ganze Familie zusammen kam. Und so hatte ich auch noch etwas Zeit  Aidan darauf vorzubereiten, damit er meiner Familie nicht schutzlos ausgeliefert war. Soweit man sich überhaupt irgendwie vor meiner Familie schützen konnte.

Ich weiß nicht wie oft ich versucht hatte ihm klar zu machen, dass meine Familie (Naja, wie sagt man das jetzt ohne unhöflich zu wirken?) schwierig ist, aber er hatte keine Einwände. Ganz im Gegenteil. Ich hatte sogar das Gefühl, dass er sich freute und liebte ihn dafür gleich noch ein bisschen mehr. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Mal abgesehen von dem einen Jahr, in dem ich meinen Bruder nicht so gut leiden konnte (jaja ich weiß) liebe ich jedes einzelne Mitglied meiner Familie. Ich liebe sie einfach, weil sie meine Familie sind. Weil sich das so gehört vielleicht, aber vor allem, weil ich das so fühle. Gut, zugegeben, jeder von denen hat ein ganz tierisches Rad ab, aber das hab ich auch (Ich werde übrigens auf Unzurechnungsfähig beim Verfassen dieser Zeilen plädieren, sollten Sie jemals versuchen, mir einen Strick daraus zu drehen). Und manchmal mag ich das auch, dass die alle so verschroben sind. Manchmal (eigentlich meistens) aber auch nicht. Oft genug waren sie mir peinlich und ich hätte sie von Herzen gerne alle in einen Bus gesetzt und diesen über die nächste Klippe gejagt, aber wenn es drauf ankam... ja, wenn es drauf ankam, dann hielt der Frowley Clan zusammen. Und hin und wieder mochte ich sogar meinen rothaarigen Schwager. Der tickte nämlich auch nicht ganz sauber und passte deshalb hervorragend zu meiner Schwester. Aber dazu komme ich später. Vor allem mochte ich Connor in den Momenten, in denen er seine Leidenschaft für Scotch und Whiskey, die im Übrigen auch meine Leidenschaft ist, mit mir teilte. Denn wenn Connor in meinen Augen auch von nicht vielen Dingen eine Ahnung hatte, wenn es um hochrangigen Fussel ging, war er der Mann mit den Know How. Und obwohl ich mit Kindern nicht wirklich etwas anfangen konnte, mochte ich sogar meine Nichten und meinen Neffen. Zumindest dann, wenn sie sich nicht wie ein Haufen wahnsinniger Kobolde auf Ecstasy benahmen. Man sollte es nicht meinen, bei den sorgfältig ausgewählten Erziehungsmethoden, die die kleinen Geisteskranken genossen, aber das kam wirklich selten vor.

Naja, genug von meiner Familie und zurück zu mir. Ist ja schließlich meine Geschichte, die ich hier erzählen will. Gut, meine Familie spielt darin keine kleine Rolle, aber wollte ich die Geschichte der Frowleys erzählen, müsste ich wohl eine ganze Romanreihe rausbringen. Und dafür reichen weder meine Geduld, noch meine ohnehin so mangelhafte Konzentrationsfähigkeit. Außerdem würde das auch viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Zeit, die ich nicht habe. Schließlich ist Zeit Geld und Geld hält bei mir nicht lange. Also zurück zu mir und Aidan.

Aidan nahm das Treffen mit meiner Familie mit einer solchen Gelassenheit hin, die meine Nervosität bis ins Unendliche ansteigen ließ.  Er machte sich sogar ein klein wenig lustig über meinen akribisch ausgearbeiteten Schlachtplan, den ich aufgestellt hatte. Und das tat er sonst nie. Von dem Zeitpunkt an, an dem ich Aidan gebeten hatte meine Familie kennenzulernen, wünschte ich mir, dieses Treffen läge bereits hinter uns. Aber das tat es nicht. Da Aidan seiner Nachbarin kurzfristig versprochen hatte noch den Weihnachtsmann für ihre Kinder zu spielen, verabredeten wir, dass er mich danach bei mir abholen und wir dann zu meinen Eltern fahren würden. Ein Mann, der den Weihnachtsmann für andere Leute Kinder spielte? War das nicht schon Grund genug, um Hals über Kopf verliebt zu sein? Ein Prinz und der Weihnachtsmann in einer Person. So einen Mann musste man erst mal finden. Von Tag zu Tag wurde mir ein bisschen mehr bewusst, wie viel mir dieser Mann bedeutete. Und da er nicht nur nachsichtig und völlig fehlerfrei war, sondern auch noch durch und durch großmütig, beschloss ich (trotz meiner Aufgeregtheit), dass er sich eine kleine Belohnung verdient hatte. Dafür und weil ich mich ohnehin für die Sache mit den Rosen und Kerzen revanchieren wollte.

Das mag jetzt vielleicht völlig bescheuert klingen, aber ich hatte einen Plan. Bei Palmer hatte ich dieses witzige Negligee gesehen. Es war aus rotem Satin, mit weißer Federspitze besetzt. Ein sinnliches Weihnachtsfrauen Kostüm, wenn man so wollte. Ich fuhr also zu besagtem Dessousladen, um besagtes Negligee zu kaufen. Dazu kaufte ich außerdem die passenden roten Strümpfe, rote Schuhe und eine Nikolausmütze. Natürlich sah ich durch und durch bescheuert darin aus, aber ich wollte Aidan überraschen. Und wenn er zurück in seine Wohnung kam, als Weihnachtsmann verkleidet, um sich umzuziehen und zu mir zu fahren und ich dort in diesem Aufzug auf ihn wartete, dann würde die ganze Sache schon Sinn machen. Hoffte ich zumindest. Andernfalls würde ich mich zum totalen Vollidioten machen, aber Aidan war ja ein nachsichtiger Mensch und dann würde ich auch das überleben. Hoffte ich.... Und ich hoffte, dass ich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt war, dessen Gehirn mit solch seltsamen Ideen gefüllt ist. Aber wieso sollten die solche Outfits sonst auch verkaufen?

Von der Oxfordstreet aus, fuhr ich mit dem Bus direkt zu Aidans Wohnung. Da ich nicht vorhatte in meinem neuen Kostümchen durch ganz London zu scharwenzeln, wollte ich mich dort umziehen und auf ihn warten. Den Schlüssel hatte er mir bereits vor Wochen gegeben. Für Notfälle. Dies war nicht zwingend ein Notfall, aber ich dachte nicht, dass er es mir übel nehmen würde, wenn er mich erst mal sah. Gut gelaunt und von meinem wundervollen Plan überzeugt, schloss ich die Tür zu seiner Wohnung auf. Ich hang meinen Mantel, sowie Schal, Handschuhe und Mütze auf den Garderobenhaken und befreite mich aus meinen dick gefütterten Winterstiefeln. In Gedanken überlegte ich mir bereits besonders erotische Posen und mehr als nur neckische Blicke, um meinem Herzallerliebsten eine gelungene Weihnachtsüberraschung zu zaubern. Deshalb dauerte es auch ein wenig, bis ich die seltsamen Geräusche registrierte, die nun sehr deutlich an mein Ohr drangen. Verwundert sah ich mich um und versuchte den Ursprungsort des Geräusches zu finden. Es kam aus dem Wohnzimmer.

Einbrecher? Mein Herz setzte einen Schlag aus, bevor ich auf Zehnspitzen zur  Tür des Wohnzimmers schlich  und sie einen Spalt weit öffnete, um hindurch zu linsen. Was ich sah, waren allerdings keine Einbrecher. Nicht einmal annähernd. Ganz im Gegenteil. Meine Augen erblickten stattdessen den Hausherrn persönlich. Aidan. Aidan verkleidet als Weihnachtsmann und seine Nachbarin, die zwar scheinbar keine Kinder hatte, dafür allerdings ganz offensichtlich dieselbe Idee wie ich. Meine Augen waren vor Entsetzen geweitet, als ich die Tür ganz aufstieß. Sie krachte leicht gegen eine Kommode, die hinter der Tür stand. Das Bild, das dort stand und mich und Aidan während eines Kurztrips nach Wales zeigte, fiel dabei um und ging scheppernd zu Boden, was die Aufmerksamkeit meines Freundes und dessen Nachbarin auf mich lenkte.

„Meredith!"

Wieder einmal fühlte ich mich wie erstarrt. Aber nicht, weil mir Aidans vollkommene und atemberaubende Art die Herzfrequenz in die Höhe trieb, sondern weil ich so eben Zeugin davon geworden war wie MEIN Freund - ich korrigiere mich - wie MEIN EX- Freund seine Nachbarin bestieg.

Wie konnte er nur? Wie konnte sich mein völlig fehlerfreier, perfekter, nachsichtiger und großmütiger Prinz, in nur einer einzigen Sekunde, in das größte Arschloch auf diesem Planeten verwandeln? Das ging doch nicht. Prinzen schlafen nicht einfach so mit irgendwelchen dahergelaufenen Nachbarinnen. Prinzen hatten einzig und ausschließlich für ihre Prinzessin da zu sein. Und die Prinzessin war hier immer noch ICH! Ich! Nicht sie! Oh Gott, mein Herz schmerzte so fürchterlich, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn ich auf der Stelle tot umgekippt wäre. Aber ich blieb stehen. Ich stand dort, eine Hand an dem Türrahmen festgekrallt und taxierte Aidan mit meinen Augen, wie der Jäger den Hirsch, bevor er den Abzug drückte. Und hätte ich in diesem Moment eine Flinte in meinen zitternden Händen gehalten, ich hätte mit Sicherheit abgedrückt.

Mit hektischen Bewegungen hatte sich  mein Exfreund inzwischen von der Dame getrennt und versuchte mit dem langen, roten Mantel, den er noch trug, seine Blöße zu bedecken. „Das ist nicht so wie es aussieht." 

„Ist es nicht? Na, auf die Ausrede bin ich jetzt aber gespannt." Wut äußerte sich bei mir übrigens schon immer in Form von Sarkasmus und so verhielt es sich auch in diesem Fall. Und ich war nicht nur wütend. Ich war zutiefst verletzt. Mich hatten schon andere Männer schlecht behandelt, aber ich hatte auch noch nie für einen Mann soviel empfunden wie für Aidan.  „Lass mich raten. Du bist gestolpert, hast das Gleichgewicht verloren und bist ganz ausversehen mit deinem Schwanz in deiner Nachbarin gelandet? Oder du hast uns verwechselt. Kann ja mal vorkommen, so ähnlich wie wir uns sehen." Ich ließ einen angewiderten Blick über die kurzen, wasserstoffblonden Haare der Frau gleiten und fasste mir energisch in die meinen, die weder blond, noch kurz waren. Dann stieß  ich einen empörten Zischlaut aus und machte auf dem Absatz kehrt. Ich ging zurück in den Flur, wo ich die Tüte mit dem Negligee achtlos auf den Boden fallen ließ, nahm ich mich wieder meines Mantels und der anderen, wärmespendenden Utensilien an und hatte nur noch den Wunsch, diesen Ort des Verrates, so schnell mich meine Füße trugen, zu verlassen. Aidan, der nun bereits hinter mir stand und in einer Tour irgendwas auf mich einredete, ignorierte ich. Ich hörte ihn nicht, weil er es nicht wert war gehört zu werden. Als sich jedoch seine Hand auf meine Schulter niederlegte, fuhr ich energisch herum und hob meine rechte Hand. Bevor ich so recht wusste, was ich zu tun gedachte, fand ich meine Hand aber auch schon, begleitet von einem klatschenden Geräusch auf seiner Wange wieder. Das hatte ich nicht tun wollen. Ich verabscheute Gewalt. Doch ich entschuldigte mich nicht. Wischte lediglich seine Hand von meiner Schulter, die trotz der schallenden Ohrfeige nicht von dort verschwunden war und riss die Haustür auf, die nur wenige Sekunden später laut krachend hinter mir ins Schloss fiel.

Voll mit nie gekannter Wut und Enttäuschung, fuhr ich zu meiner Wohnung, sammelte ein paar Sachen ein und schmiss mich dann wieder in den Bus, der mich zu meinen Eltern brachte. Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich Weihnachten bei meinen Eltern, genau wie allen anderen Familienfeiern, immer mit gemischten Gefühlen entgegen sah. Aber dieses Mal hatte ich mich tatsächlich sowas wie gefreut. Mit Aidan an meiner Seite, hätte in diesem Jahr einmal niemand auf mir herumhackt und mich daran erinnert, dass es endlich Zeit würde, dass ich mir einen Mann zum Heiraten anschaffte. Alle hätten sich bemüht, die perfekte Familie abzugeben und Aidan wäre der perfekte Gentleman gewesen. Meine Mutter hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und den Tag rot im Kalender angestrichen und alle wären irgendwie glücklich gewesen.  Jetzt hatte ich allerdings noch viel weniger Lust auf Weihnachten, als sonst.  Die knapp zweistündige Fahrt ging einfach so  an mir vorbei. Ich dachte nichts, ich sah nichts und ich hörte auch nichts. Gut, letzteres ist in meinem Fall nicht wirklich etwas Besonderes. Als der Bus hielt, stieg ich wieder aus, ging die Straße hoch, blieb vor dem  Haus meiner Eltern  stehen und klingelte. Ich tat das alles ganz mechanisch, als wäre ich eine Marionette. Und ein klein wenig wünschte ich mir auch, ich wäre nicht mehr als eine leblose Puppe, denn der Schmerz unter meiner unförmigen Brust war mörderisch. Damals ahnte ich nicht, dass dieser Schmerz einem Kindergeburtstag gleich kam, verglichen mit den Schmerzen, die ich erst noch erfahren sollte. Und das wo ich Schmerzen doch so unendlich verabscheute.

„Kind!" Erst als meine Mutter die Tür aufriss und mich in ihre Arme schloss, kam wieder ein bisschen Leben zurück in meinen Körper und meinen Geist. Mir entging es aber auch nicht, dass sie sich über meine Schulter hinweg fast den Hals verrenkte, auf der Suche nach dem angekündigten Besuch.

„Hol dir keinen Nackenschaden. Ich bin allein", sagte ich deshalb und löste mich aus ihrer Umarmung, um ins Haus zu stapfen. Dabei umging ich alle Regeln, die meine Mutter im Laufe der letzten dreißig Jahre so aufgestellt hatte. Ich machte zum Beispiel keinerlei Anstalten mir die Schuhe auszuziehen, geschweige denn sie auf der Fußmatte abzutreten. Das brachte mir natürlich einen bösen Blick der Hausherrin ein, aber das war mir egal. Ich litt Höllenqualen und sie machte den Dreck doch ohnehin nicht selber weg. Wenigstens ersparte sie mir jeglichen dämlichen Kommentar über mein alleiniges Erscheinen. Dabei hatte ich fest damit gerechnet. Ich war quasi darauf vorbereitet. Aber sie blieb stumm und betrachtete mich mit Befremden im Blick.

„Meredith? Bist du das, mein Täubchen?", flötete mein Vater, als er in den Flur kam und sich genauso suchend umsah, wie seine Frau es zuvor getan hat.

„Spar dir die Mühe, er ist nicht hier", klärte ich auch ihn auf.

„Wieso denn nicht?", klinkte sich sogleich auch meine Schwester Susanna ein und blickte enttäuscht in die Runde.

Ich fragte mich wirklich, wer diesen Menschen das Recht gab, so unendlich enttäuscht aus der Wäsche zu gucken. Ich war hier schließlich diejenige, die betrogen worden war, aber das schien niemanden zu interessieren. „Weil der blöde Wichser lieber die Weihnachtsfrau vögelt!" Lautstark machte ich meinem Ärger Luft, ganz zur Freude meines achtjährigen Neffen, der gerade durch den Flur hinter seiner kleinen Schwester herjagte und aufgrund meiner unflätigen Aussprache ruckartig stehen blieb.

„Wow!" Mit einem hochachtungsvollen Nicken grinste Brooklyn mich an, sah dann zu seiner Mutter und stürmte mit einem lauten „blöder Wichser, blöder Wichser, blöder Wichser!" Geschrei ins Wohnzimmer.

„Super, Meri!" Böse Augen funkelten mich an, bevor meine Schwester ihrem Ältesten folgte, um ihm den Mund mit Seife auszuwaschen, oder ihm wenigstens eine mächtige Standpauke zu halten. Oder beides. Ich war mir über ihre Erziehungsmethoden noch nie so recht im Klaren. Und ich verspürte weder zu diesem, noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Zukunft das Verlangen, etwas an diesem Wissensmangel zu ändern. Vielleicht würde sie ihn auch verprügeln. Das hätte ich natürlich nicht so gut gefunden, aber auch das war mir in dem Augenblick scheißegal.

Der Rest meiner Sippschaft sah mich einen Moment betreten an, dann schienen sie alle ganz plötzlich ganz furchtbar wichtige Dinge erledigen zu müssen. Und so verschwand meine Mutter unter hektischem: „Mir brennt noch die Gans an", in der Küche. Mein Vater nahm sich noch einen Moment zeit um mich von oben bis unten zu mustern, dann murmelte er leise: „Ich muss ja noch bei den Kealans anrufen" und verschwand die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer. Und so blieben nur mein Schwager Connor und ich im Flur zurück. Groß und mit seinen feuerroten Haaren wie immer unübersehbar, hatte er sich gegen das Treppengeländer gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt, während er mich abschätzend musterte.

„Was?", fragte ich, als mir der durchdringende Blick irgendwann unheimlich wurde.

„Dir ist schon klar, dass deine Schwester mir nun wieder tagelang damit in den Ohren liegen wird, welch hartes Los sie doch mit dir gezogen hat, oder?" Er löste sich aus seiner starren Haltung und machte ein paar Schritte auf mich zu.

„Tja, was soll ich sagen?" Ich zuckte mit den Schultern. „Familie kann man sich eben nicht aussuchen. Ehepartner schon. Du bist also selbst Schuld."

Connor kam vor mir zum Stehen und grinste mich an, bevor er mich in die Arme schloss. „Tut mir leid", bekundete er als einziger Anteilnahme an dem Verrat, den man an mir begangen hatte. Ich fühlte mich komisch und das aus mehrerlei Gründen. Komisch natürlich, weil Aidan mich betrogen hatte, aber auch, weil ich Connor das letzte Mal umarmt hatte, um ihn als meinen Schwager in unserer Familie willkommen zu heißen. Das war an dem Tag gewesen, an dem er Susi geheiratet hatte und somit mehr als neun Jahre her. Außerdem hielt ich ihn für den denkbar schlechtesten Menschen, um jemanden zu trösten, der gerade betrogen worden war. Aber ich war in diesem Moment nicht gerade wählerisch. Und so drückte ich mich an seine Brust und schwieg. Andere hätten wahrscheinlich geweint, aber ich hatte noch nie wegen einem Mann geweint. Ich weinte, wenn man mir ein Unrecht tat, wenn ich etwas wollte oder wenn ich körperlichen Schaden genommen hatte. Aber ich weinte nicht wegen Männern. Das hatte bisher noch kein Mann geschafft und das schaffte auch Aidan nicht. So sehr ich ihn auch geliebt hatte und so gekränkt ich auch war: meine Augen blieben trocken.  „Was hältst du von Scotch?"

„Jede Menge."

Unaufgefordert folgte ich meinem Schwager ins Wohnzimmer und nahm den Drink entgegen, den er mir reichte. Wortlos ließ ich mich in einen der Sessel fallen und beobachtete die Szenerie. Ohne Luft zu holen, prasselte Wortschwall um Wortschwall aus dem Mund meiner Schwester, auf Brooklyn nieder, der immer kleiner zu werden schien. Meine drei Nichten hingegen sahen aufmerksam dabei zu und konnten sich hier und dort ein Kichern nicht verkneifen. Und je länger ich die perfekte Vorzeigefamilie betrachtete, desto größer wurde in mir der Verdacht, dass es wahre Liebe gar nicht gab. Dass all die schönen Geschichten, über Prinzen und Prinzessinnen, eben nichts weiter waren als Märchen. Ausgeburten der Fantasie eben. Sie sind schön und füllen unser Herz mit Wärme, sind aber fernab jeglicher Realität. Der Verdacht lag nahe.

Ich fixierte meine Schwester mit meinem Blick.

Meine perfekte Schwester, mit dem perfekten Mann, der perfekten Karriere, den (fast) perfekten Kinder und dem perfekt gehüteten Geheimnis.

 

End Notes:
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Top Secret! von Blossom
Author's Notes:
Sorry, dass ich mit dem Update so lange hab auf mich warten lassen. Einige wissen ja vielleicht, dass bei mir in letzter Zeit einiges los war und da war meiner Beta nicht nach betan und mir icht danach mich mit dem Thema hier auseinander zu setzen. Nunja, die Wellen schäumen nur noch halb so hoch und deshalb nun hier endlich das neue Kapitel, dass euch hoffentlich ein paar Antworten auf eure Fragen bringt und euch gefällt, natürlich.

 

Wenn man es sich genau überlegt, so hätte einem eigentlich schon früher klar werden müssen, dass auch die perfekte Familie meiner Schwester irgendeine Leiche im Keller haben musste. So perfektes und vollkommenes Glück, das kann es gar nicht geben. Das durfte es nicht geben. Und trotzdem hatte ich nie einen Gedanken daran verschenkt, dass meine Schwester ein Geheimnis hüten könnte, das noch besser vertuscht wurde, als das Valiumproblem meiner Mutter. Ich meine, was diese Tablettensache anging, da wussten wir alle Bescheid, aber wir sprachen nie darüber. Aber von dem Geheimnis meiner Schwester wusste, außer mir und Connor niemand in unserer Familie etwas. Und ich hätte nicht einmal ansatzweise in Erwägung gezogen, dass meine ach so perfekte Schwester überhaupt dazu im Stande war solche Dinge zu tun. Natürlich taten andere es auch. Man hörte es mal hier, mal da. Ab und zu standen solche Sachen auch in der Zeitung. Immer dann, wenn es Menschen betraf, die im Licht der Öffentlichkeit standen. Connor und Susi standen in gewisser Weise im Licht der Öffentlichkeit, aber noch nie hatte eine Zeitung darüber geschrieben, dass auch sie nicht frei von Fehlern waren... Spanne ich Sie gerade auf die Folter? Das tut mir leid. Nein, wenn ich ehrlich bin eigentlich nicht. Sie werden schon noch erfahren, welch großes Geheimnis meine Schwester vertuscht und wieso ich, die ich doch eigentlich gar keine Ahnung hatte, plötzlich in den Kreis der Mitwisser gezogen wurde. Und ich wäre meiner Schwester ehrlich gesagt dankbar gewesen, hätte sie mich da raus gelassen. Das wollte ich nicht von ihr wissen. Das zerstörte doch das ganze Bild, das ich von ihr hatte. Und ich lief jedes Mal Gefahr es gegen sie zu verwenden, wenn mir mal wieder jemand unter die Nase rieb, wie toll doch meine Schwester war und wie untoll meine missratende Persönlichkeit. Und das wollte ich nicht. Sie ist und bleibt meine Schwester und eigentlich macht es sie  auch irgendwie sympathisch.

Es geschah an meinem 28. Geburtstag. Wie ich ja bereits erwähnte, bin ich kein sonderlich großer Fan von gestelzten Familienfeiern. Aufgrund der sehr nahen Geburtstage von mir und meinem Bruder , musste ich sogar immer zwei solch aufgesetzte Feiern hintereinander über mich ergehen lassen. Deshalb hatte ich immer nur einen Wunsch, wenn man mich fragte, was ich denn zum Geburtstag haben wollte: „Meine Ruhe!" Als ich noch kleiner war bekam ich zur Antwort immer ein wohlwollendes Lachen und eine Hand, die mir durch die Haare strich. Niemand respektierte meinen Wunsch. Aber ich blieb schließlich nicht immer ein kleines Kind und an meinem 18. Geburtstag machte ich schließlich ernst. Man konnte mir auch noch nachträglich einen Tag später gratulieren, wenn mein Bruder seinen Geburtstag feierte. Aber an meinem Geburtstag wollte ich niemanden um mich haben. Das war schließlich mein Tag. Und da wollte ich einfach nur die Dinge tun, die mir Spaß machten. Ins Theater gehen zum Beispiel und shoppen natürlich. War ja klar, dass meine Familie anfangs murrte, doch mit den Jahren fanden sie sich einfach damit ab. Man muss halt auch lernen sich an neue Dinge zu gewöhnen. Musste ich ja schließlich auch.

Und so verbrachte ich meinen achtundzwanzigsten Geburtstag auch ganz mit mir allein. Ich ging zum Friseur und gönnte mir mal wieder eine anständige Maniküre. Und wo ich schon mal da war, vollzog ich gleich das volle Programm mit Pediküre, Gesichtsmaske und diesem ganzen Schnickschnack für den ich sonst eigentlich kein Geld hatte. Danach klapperte ich die Boutiquen ab und machte reiche Ausbeute, bevor ich mich selbst in meinem Lieblingsrestaurant zum Essen einlud. Hierbei begleitete mich allerdings Tira, weil ich mir doch ein wenig doof dabei vorkam, ganz alleine in einem Restaurant zu sitzen und zu essen. Da denken die Leute ja niemand würde einen mögen. Gut, vielleicht liegen sie dabei auch nicht ganz falsch, schließlich konnte ich meinen Freundeskreis an einer Hand abzählen, aber das musste außer mir ja (auch) niemand wissen. Nach dem gemeinsamen Essen wollte ich aber wieder meine Ruhe haben. Ganz für mich allein machte ich es mir erst in meiner Badewanne bequem und siedelte später ins Wohnzimmer über, um mir einen schönen Film anzusehen. Ein Geburtstag ganz nach meinem Geschmack, bis plötzlich jemand begann, wie wild zu klingeln. Verwundert sah ich auf die Uhr. Es war bereits fast elf und ich fragte mich, wer mich zu dieser späten Stunde noch sehen wollte. Nein, wer so lautstark nach mir verlangte und die Gesetze meines Geburtstags damit so schändlich missachtete.

Ich muss gestehen, es fiel mir mehr als schwer meine Überraschung zu verbergen, als nur wenige Sekunden später Susi vor meiner Tür stand. Sie sah nicht gut aus. Meine Schwester ist eine konservative und organisationsgeile Person sein und legt deshalb fast schon mehr Wert auf ihr äußereres Erscheinungsbild als ich es tue. Gehört ja auch irgendwie mit dazu wenn man eine vorzeige Mutter-Hausfrau-Karrierefrau ist. Doch an diesem Abend trug sie Jeans, die ihr so tief auf den gerade wieder schmal trainierten Hüften hangen, dass ich mir nicht einmal in meinen kühnsten Trumen hätte ausmalen können, Susi würde in einem solchen Aufzug das Haus verlassen. Der Pullover musste ein Überbleibsel ihrer letzten Schwangerschaft gewesen sein, so schlabbrig hing er an ihr herunter  und ihre langen, blonden Haare waren ja vielleicht vieles, aber ganz sicher nicht frisiert. Was mich allerdings noch viel mehr beunruhigt, als der desolate Zustand ihrer Erscheinung, war die Tatsache, dass sie ganz offensichtlich geweint hatte. Ich hatte meine Schwester in meinem ganzen Leben noch nie weinen gesehen und vertrat deshalb die Meinung, sie könnte das gar nicht. War vielleicht so eine Familiensache. Ich weinte schließlich auch nicht sonderlich häufig. Vielleicht fehlen uns da gewisse Drüsen oder sowas. Aber Susi hatte geheult. Ihre stark geröteten Augen und die nur hektisch weggewischten Spuren von verlaufener Wimperntusche zeugten deutlich davon.

„Was machst du denn hier?", fragte ich schließlich zögerlich, nachdem sie eine ganze Weile einfach vor mir stand und mich schwer atmend ansah.

„Alles Gute zum Geburtstag!" Sie rang sich ein gequältes Lächeln ab und zog die Nase hoch, dann drückte sie mir eine Flasche in die Hand und quetschte sich an mir vorbei in meine Wohnung. Ich blieb reichlich verdutzt noch einen Moment vor meiner Haustür stehen, bevor ich diese zu schlug und dem Geräusch klappernder Gläser in meine Küche folgte. Susanna hatte die kurze Zeit genutzt und zwei Gläser auf den Küchentisch gestellt. Nun ließ sie sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. Die Blicke, die sie mir zu warfen waren von eher auffordernder Natur. „Gieß ein!"

Erst jetzt nahm ich mir die Zeit die Flasche in meinen Händen genauer zu betrachten. Whiskey. Aber nicht einfach irgendein Whiskey. Es handelte sich um einen 30 Jahre alten Balvenie und wenn man ein wenig Ahnung von Whiskey hat, dann weiß man auch, dass die Flasche, die ich in meinen Händen hielt mal eben locker flockige 350 Pfund kostete. Fast schon ein wenig erschrocken riss ich die Augenbrauen hoch. „Ähm, woher hast du den?"

„Na, woher wohl? Aus Connors reichhaltiger Sammlung im Keller."

„Du weißt aber schon, dass das ein ziemlich teurer Whiskey ist, oder?", fragte ich zaghaft nach, denn meine Schwester trank so gut wie nie Alkohol (Was wohl auch daran liegen konnte, dass sie ständig schwanger war).

„Ja, das weiß ich. Und jetzt gieß endlich ein!" Sie machte eine gebieterische Geste auf die Gläser und ich gab nach. Seufzend goss ich den teuren Whiskey in die völlig ungeeigneten Wassergläser und nahm dann ebenfalls Platz. Mit zunehmendem Erstaunen sah ich dabei zu, wie Susi ihr Glas in einem Zug leerte und anschließend eine angewiderte Grimasse zog. Der gute Whiskey. Aber was wohl viel wichtiger war als der edle Tropfen, war die Frage, was meine Schwester hier wollte. Zu einer so späten Uhrzeit und völlig verheult, scheinbar mit dem festen Willen sich ordentlich die Kante zu geben.

„Willst du mir erzählen was passiert ist?", hakte ich vorsichtig nach und nahm einen genüsslichen Schluck von der bernsteinfarbenden Flüssigkeit.

„Gleich." Sie machte eine abwehrende Geste und bemächtigte sich der Flasche um ihr Glas abermals zu füllen und hinunter zu stürzen.

Ich ließ es geschehen. Ich hielt sie auch nicht davon ab, als sie sich ein drittes Mal das Glas vollschenkte. Vielleichte brauchte sie das auch einfach mal. Scheinbar musste sie sich Mut antrinken, um mit mir sprechen zu können. Das ist auf der einen Seite natürlich irgendwie traurig, weil sie mit mir über alles reden kann, aber auf der anderen Seite konnte ich es auch verstehen. Ich meine, befanden wir uns nicht alle schon einmal in der Situation, wo wir uns erst einmal Mut antrinken mussten, um etwas zu tun oder zu sagen, was wir im nüchternen Zustand niemals übers Herz gebracht hätten? Also in meinem Leben gab es schon einige solcher Situationen. Und ich fand, auch meine sonst so beherrschte und kontrollierte Schwester hatte das Recht sich mal so richtig Mut anzusaufen. Wer weiß wofür es gut sein würde. Hätte ich allerdings damals schon gewusst, für  was für ein Geständnis sie sich da Mut antrank, ich hätte sie gar nicht erst anfangen lassen oder ich wäre nach dem vierten Glas nicht eingeschritten in der Hoffnung, sie würde weiter saufen und vergessen weshalb sie überhaupt hergekommen war. Aber ich wusste es damals nicht und nahm ihr deshalb nach dem vierten Glas die Flasche weg. „Ich denke, das reicht jetzt." Komisch, ich fühlte mich ein wenig wie in vertauschten Rollen. Früher war es nämlich immer Susi gewesen, die mir Vorhaltungen gemacht hatte, wenn ich mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatte.

„Er hält sich nicht an die Regeln", murmelte Susanna vor sich hin und stellte das leere Glas auf dem Tisch ab.

„Wer hält sich nicht an welche Regeln?" Habe ich Ihnen eigentlich schon erzählt, dass ich Rätsel raten hasse und es abgrundtief schrecklich finde, wenn man jemandem alles aus der Nase ziehen muss? Nein? Aber es ist so. Ich hasse es. Fast so sehr wie Spritzen, Schmerzen und Herpes.

„Na, Connor!", schmetterte mir meine Schwester gereizt entgegen und wollte bereits wieder nach der Flasche greifen, aber ich war schneller. Mit einem leisen Klirren stellte ich die Flasche neben mir auf den Fußboden.

„An was für Regeln hält sich Connor denn nicht?" Ich hasse es! Ich hasse es! Ich hasse diese verdammten Ratespielchen!

Unruhig hatte Susi ihr Glas zwischen ihre beiden Hände geklemmt und rollte es hin und her, wobei der Boden des Glases eher unangenehme Geräusche auf der Tischplatte produzierte. Mit starrem Blick sah ich sie so lange an, bis sie plötzlich aufhörte das Glas zu drehen und mir tief in die Augen sah. „Er hat mit dem Kindermädchen geschlafen!", sagte sie plötzlich mit erschreckend fester Stimme.

„Er hat was?" Mit der Festigkeit von Susis Stimme konnte meine nicht mithalten. Ganz im Gegenteil, sie überschlug sich fast. Jetzt konnte ich natürlich verstehen, weshalb sie sich so dermaßen die Kante geben wollte und wieso es sie dabei nicht die Bohne störte, dass Connor ganz schön böse werden würde, über die Verschwendung eines so teuren Whiskeys.

Jetzt war ich diejenige, die ihr Glas mit einem Schluck leerte. Ich schenkte mir nach und Susi ebenfalls. Mir fehlten die Worte. Connor, der perfekte Ehemann treibt es mit dem Kindermädchen. Er betrog meine Schwester. Was fiel dem Arschloch eigentlich ein? Ich muss ehrlich zugeben, dass ich es niemals für möglich gehalten hätte, eine solche Wut über den Verrat an meiner Schwester zu empfinden. Aber das tat ich. Ich war nicht nur wütend, sondern durch und durch zornig. Was in meinem Kopf allerdings so gar keinen Sinn machte war, was das mit irgendwelchen Regeln zu tun haben sollte.

„Er hat mit dem Kindermädchen geschlafen", wiederholte Susi und trank den Whiskey, den ich ihr eingegossen hatte. „Er hat einfach gegen die Regeln verstoßen und mit dem Kindermädchen geschlafen." Sie klang fassungslos und machte mich damit mehr als ahnungslos. Was für Regeln, zum Teufel?

„Welche Regeln, Herrgott nochmal?", platze es aus mir heraus, denn ich war dieses Ratespielchen ein für alle Mal leid.

„Na, DIE Regeln!" Meine Schwester rollte genervt mit den Augen. „Unsere Regeln."

„Und was steht in diesen Regeln?" Mit einem leisen Knall stellte ich mein ebenfalls wieder leeres Glas auf dem Tisch ab.

„Na, das er mit seiner Assistentin schlafen darf. Vom Kindermädchen war nie die Rede!"

„Dass er was?" Ich fühlte mich für einen kleinen Moment so, als hätte mir jemand mit der Faust geradewegs ins Gesicht geschlagen. Das konnte sie doch nicht ernst gemeint haben. Das konnte sie auf gar keinen Fall ernst gemeint haben. „Das...das..." Ich fand keine Worte. Ich war hochgradig verwirrt. Also, noch über das Maß meiner normalen Alltagsverwirrung hinaus. „Das musst du mir erklären", brachte ich dann doch noch irgendwie mühsam heraus und goss ein weiteres Mal die Gläser voll.

„Naja..." Susi strich sich eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr und sah in ihr Glas. „Das mag jetzt vielleicht komisch klingen, aber wir hatten eine Abmachung. Und die besagte, dass er mit seiner Assistentin schlafen darf. Aber eben nur mit dieser und nicht mit dem Kindermädchen."

„Ihr habt was?" Ich verschluckte mich heftig und musste husten. Ich spürte die flache Hand meiner Schwester gegen meinen Rücken klopfen. In meiner Kehle brannte es, als hätte jemand flüssiges Feuer hinein gegossen. „Das klingt nicht nur komisch", murmelte ich als der Husten nachließ. „Das klingt völlig bescheuert." Ich erhob meine Stimme. „Wie kommt ihr denn bitte auf so eine scheiß Idee? Ihr seid verheiratet! Er hat weder seine Assistentin, noch sein Kindermädchen zu vögeln!"

„Könntest du dein Vokabular vielleicht ein wenig zügeln?" Da war sie wieder, die tadelnde große Schwester, die mich durch mein Leben begleitete. Die, die Hälfte all´ meiner Ideen als völligen Schwachsinn abtat, nur um mir dann zu erzählen, sie hätte mit ihrem Mann eine Abmachung mit wem er fremdgehen durfte. Und ich würde meiner Schwester auch noch durchaus zutrauen, dass sie das ganze schriftlich festgelegt hatte. Oh Mann. Meine ganze kleine Welt stand plötzlich Kopf. „Ich? Ich soll mein Vokabular zügel? Nee! Kannste vergessen!" Völlig außer mir stand ich von meinem Stuhl auf und zwar so ruckartig, dass er nach hinten umfiel und mit einem lauten Scheppern zu Boden ging.

„Meredith, mäßige dich bitte!" Gott, wie ich es hasse wenn sie so redet. Vor allem, wenn sie der Grund für meinen Zorn war. Aber gut, jetzt hatte sie einmal angefangen, jetzt wollte ich auch die ganze Geschichte hören. Wütend bückte ich mich und richtete den Stuhl wieder auf, um mich darauf fallen zu lassen. „Also?", forderte ich energisch nach einer Erklärung, bevor ich mein Glas an die Lippen setzte.

„Also." Susi seufzte einmal und sah mich dann an. Der übermäßige Alkoholgenuss hatte ihre Wangen gerötet. „Connor ist viel unterwegs. Manchmal sehen wir uns Tage und sogar Wochen nicht. Er ist ein Mann. Es ist doch nur natürlich, dass er gewisse Bedürfnisse hat."

„Ja und? Dann soll er sich eben einen von der Palme wedeln!" Ich ballte meine Hände zu Fäusten, so angespannt war ich.

„Lass mich ausreden", fuhr Susanna mir über den Mund und nahm einen Schluck Whiskey. Faszinierend eigentlich, dass sie nach so einer großen Menge Alkohol noch über eine so klare Aussprache verfügte. „Ich weiß, dass Connor mich liebt und ich liebe ihn. Es stört mich nicht, wenn er mit seiner Assistentin schläft. Das haben wir so abgemacht."

„Das ist doch vollkommen lächerlich, Susi!", fuhr ich sie wieder wütend an. „Nur weil er sein Sperma nicht kontrollieren kann? Da könntest du ja auch einfach mit wer weiß wem schlafen, oder hast du etwas keine Bedürfnisse, wenn er lange weg ist?"

„Herr Gott noch eins, ich schlafe im Gegenzug mit unserem Gärtner!"

Ich muss ausgesehen haben wie ein Huhn wenn es donnert, um mich mal der Redewendung einer Freundin von mir zu bedienen. Völlig unverhohlen glotze ich meine Schwester an und suchte nach der konservativen, perfekten Ehefrau. Wann zur Hölle hat meine große Schwester angefangen sich zum Stell- dich- ein mit ihrem Gärtner zu treffen? Ich gestehe, ihr Gärtner ist gewiss nicht von schlechten Eltern und ich habe ihn schon so manches Mal beobachtet, wenn er im Sommer bei Brühtender Hitze im Garten ackerte. Mit nacktem Oberkörper und der Schweiß glänzte auf seiner schwarzen Haut, die sich über seinen Muskeln spannte. Hach ja... Aber meine Schwester? Es fiel mir schon schwer genug mir auszumalen, dass Susi überhaupt sowas wie ein Sexualleben hatte. Das passte einfach nicht zu ihr. Es gibt gewiss nicht viele Dinge, die mich schockieren, aber nach diesem Geständnis war ich doch ein wenig fertig. Ich erhob mich ein weiteres Mal, dieses Mal allerdings weniger ruckartig und zog eine Schachtel Zigaretten aus meiner Handtasche, die auf der Arbeitsfläche meiner Küche lag. Ich nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an, in der Hoffnung, der blaue Dunst könnte mein aufgewühltes Gemüht ein wenig beruhigen.

„Musst du rauchen?" Und schon wieder wurde ich getadelt. Ich fragte mich wirklich woher sie sich das Recht nahm, mir in meiner Wohnung Vorschriften zu machen, zumal sie es doch war, die hier gerade jegliche Vorstellungen von Moral, die ich jemals gehabt hatte, zerstörte.

„Ja, muss ich", antwortete ich giftig und ging unruhig in meiner Küche auf und ab. Ich hielt nur an, um die erkaltete Glut meiner Zigarette in den Aschenbecher zu schnippen. „Nur damit wir uns richtig verstehen. Du und Connor, ihr habt eine Übereinkunft, dass er seine Assistentin fi... also beglücken darf, wenn er unterwegs ist und du machst es dir dafür mit dem Gärtner gemütlich?" Susanna nickte und schien sich nun scheinbar doch ein wenig zu schämen. Zumindest versteckte sie ihr Gesicht gekonnt hinter dem Glas, das sie wieder an ihre Lippen setze. „Ich will ja mal nichts sagen, aber habt ihr euch schon einmal überlegt, was die Presse für einen Freudentanz aufführt, wenn das rauskommt? Ihr steht doch beide ein wenig im Licht der Öffentlichkeit. Was also, wenn Connors Assistentin sich überlegt mal ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern."

„Sie hat einen Vertrag unterzeichnet, der sie zum Schweigen verpflichtet", murmelte meine Schwester in ihr Glas.

„Sie hat was?" Ich blieb stehen. Obwohl ich es in meinem tiefsten Inneren geahnt hatte, wurde diese Geschichte immer skurriler. „Und der Gärtner?"

„Der auch."

Oh man, diese Frau ist doch echt der Brüller. Das artete doch schon in einen schlechten Sketch aus. Allerdings blieb mir nicht viel Zeit, mir wirklich Gedanken darüber zu machen. Die Gesichtsfarbe meiner Schwester nahm einen ungesunden Grünton an, bevor sie die Hand vor den Mund schlug und ins Badezimmer hechtete, als seien die sieben Reiter der Apokalypse höchst persönlich hinter ihr her. Ich hörte, wie sie eine Tür aufstieß und dann verdächtige Würggeräusche. Das war ja in gewisser Weise abzusehen gewesen.

Ich fühlte mich erschöpft von all diesen neuen Erkenntnissen, folgte ihr aber trotzdem ins Bad. Wie ein Häufchen Elend hockte Susi vor der Kloschüssel und hielt sich mit einer Hand die Haare aus dem Gesicht. Ich seufzte kurz, dann trat ich hinter sie und hielt ihr die Haare, bis sie ihren Magen geleert hatte. Sie hatte echt Glück, dass sie meine Schwester ist, denn das würde ich gewiss nicht für jeden tun.

Als sie fertig war, füllte ich meinen Zahnputzbecher mit Wasser und reichte ihn ihr. Ich wartete, bis sie ihren Mund ausgespült und das Wasser in die Toilette gespuckt hatte, dann drückte ich die Spülung. Ich stellte den Becher wieder weg und sah auf sie hinab. Susi hatte sich inzwischen mit dem Rücken an die Badewanne gelehnt, die Knie angezogen und ihren Kopf darauf gebettet. Sie wirkte wirklich wie am Boden zerstört. Ohne ein Wort zu sagen ließ ich mich neben ihr nieder und streichelte sachte über ihre Hand.

„Ich liebe meinen Mann", schluchzte sie leise. „Ich liebe meinen Mann und ich liebe meine Kinder und ich würde niemals etwas tun, was ihnen schaden würde."

„Ich weiß", sagte ich ziemlich hilflos und zog sie zu mir herüber. In diesem Moment wurde mir etwas bewusst, das trotz der schrecklichen Geständnisse irgendwie erfreulich war:

 Wenn der Rest der Welt geht und du niemanden hast, an den du dich wenden kannst, dann ist deine Familie für dich da.

Wem sonst hätte meine Schwester sich anvertrauen sollen, wenn nicht ihrem eigenen Fleisch und Blut? Wir waren Schwestern. In unseren Adern rauschte das gleiche Blut. Ich war es eigentlich, die ständig völlig bescheuerte Dinge tat. Stand dieses Recht meiner Schwester dann nicht auch zu? Und war es nicht irgendwie auch eine Geste des Vertrauens, dass sie sich mir zuwandte? War es mein Recht sie zu verurteilen? Ich weiß es bis heute nicht, um ehrlich zu sein. Aber damals beschloss ich, all meine Wut und mein Unverständnis herunter zu schlucken. Sie hatte in diesem Moment nur mich. Und so ließ ich sie gewähren, zog sie in meinen Schoß und streichelte ihr sanft über das strähnige Haar.

„Er hat sich einfach nicht an unsere Abmachung gehalten", schluchzte sie nun lauter und dicke Tränen rannen ihre Wangen hinab. Sie war wirklich erschüttert.

Meine Schwester hat inzwischen ein neues Kindermädchen. Eines das alt und hässlich ist, so dass Connor nicht mehr auf den Gedanken kommt seine „Bedürfnisse" an ihr zu stillen. Und ich saß im Wohnzimmer meiner Eltern, in einem der großen Ledersessel, ein Glas Scotch in meiner Rechten und betrachtete die perfekte Familie meiner Schwester. Wir haben seit diesem Abend nie wieder über diese Sache gesprochen und ich wüsste auch heute noch nicht, wie ob ich das ganze irgendwie gutheißen könnte. Im Prinzip stand es den beiden frei zu tun und zu lassen, was ihnen gefällt. Sie sind alt genug und müssen selber wissen wie sie glücklich werden oder eben auch nicht. Ein ganz anderer Gedanke schob sich unterdessen in mein Gehirn: Gab es die Liebe, die ich mir in meiner kranken Märchenwelt ausmalte und die auch körperliche Treue beinhaltete vielleicht gar nicht? Lag das Fremdgehen vielleicht ganz einfach in der Natur des Menschen? Und wenn dem so war: Lohnte es sich dann überhaupt soviel Mühe und Kraft in eine Beziehung zu stecken, die eh nicht das erfüllte, was ich mir erhoffte?

Nachdenklich zerbiss ich meine Unterlippe, bis sich die oberste Hautschicht langsam ablöste. Mit zwei Fingern zog ich vorsichtig an dem Hautfetzen, bis er sich mit einem schmerzhaften Ziehen von meiner Lippe trennte und schnipste ihn in den Raum. Ich nahm einen weiteren Schluck von dem Scotch und war mir plötzlich sicher. All das was ich mir gewünscht hatte, würde ich eh nie bekommen. Es lag auf der Hand. Ich würde niemals eine Prinzessin sein (und schon gar nicht, wenn ich Hautfetzen durch die Gegend schnipste) und ich würde auch niemals meinem Traumprinzen begegnen, der nur mich brauchte um glücklich zu werden. Es war die ganze Mühe nicht wert. Ich konnte mich also genauso gut damit abfinden und zu meinem alten Plan zurückkehren.

 

 

 

 

Hilfe, es weihnachtet sehr! von Blossom
Author's Notes:
Wow, fast ein ganzer Monat ist seit dem letzten Update ins Land gezogen und das tut mir wirklich sehr leid. Das hatte verschiedene Gründe, der wichtigste ist aber, dass meine Finger momentan sehr faul sind, wenns ums schreiben geht. Der Geist ist willig, aber das Fleisch.... naja, ich hoffe dass das schnell vorbei geht und das mir inzwischen nicht alle Leser abhanden gekommen sind. Und wenn sich die die mir geblieben sind, dann noch zu nem kleinen rev aufraffen, dann ist das wohl mehr als ich erwarten kann. Ich bemühe ich, mit dem nächsten Kap nicht so lange zu warten und grüße euch alle ganze lieb
Blossom

Mit einem leisen Grunzen leerte ich das Glas. Der Scotch war gut. Eigentlich zu gut, um ihn einfach so hinunterzustürzen, aber ich musste mich diesem gestellten Bild der Perfektion einfach entziehen und so machte ich mich mit meinem leeren Glas in die Küche, um meiner Mutter ein wenig Gesellschaft zu leisten. Manchmal muss man sich eben für das kleinere Übel entscheiden. Und weil ich so ein höfliches und aufmerksames Kind bin, hab ich ihr sogar sofort meine Hilfe angeboten. Mir war natürlich schon vorher klar, dass meine Mutter diese ablehnen würde, weil ich erstens die miserabelste Hausfrau der Welt bin (noch sowas was, was mich als absolute Antiprinzessin auszeichnet. Die waren schließlich zum größten Teil alle vor ihrem Prinzessinnenleben Mägde und wissen, wie man kocht und putzt) und zweitens, weil sie das ganze Lob für das tolle Essen alleine einsacken wollte. Konnte sie haben. Ich wollte eh nicht helfen, hab aber dadurch so etwas wie guten Willen gezeigt und darauf wird doch auch immer so viel Wert gelegt. Zumindest bei uns zu Hause. Wenn ich als Kind meinem Vater ein Bild gemalt hab, um es ihm zu schenken, dann hat der schließlich auch immer gesagt „Der gute Wille zählt".

„Du brauchst mir nicht helfen, Schatz", flötete meine Mutter fröhlich und klapperte mit den Töpfen. „Aber setz dich doch und erzähl mir was."

„Ich hab nichts zu erzählen", brummte ich unterdessen vor mich hin, ließ mich aber trotzdem auf einen der Küchenstühle fallen. Wie automatisiert griff ich nach der kleinen verzierten Metalldose, in der meine Mutter ihr Valium aufbewahrt, und begann damit rumzuspielen. Im Haus meiner Eltern herrschte absolutes Rauchverbot und wenn ich mich schon nicht dem blauen Dunst hingeben durfte, dann mussten meine Hände irgendwas anderes zu tun haben. Mit halbem Ohr lauschte ich dem leise klackernden Geräusch, das die Tabletten verursachten, und starrte die Wand an.

„Jeder hat doch irgendwas zu erzählen." Ihre Hand strich im Vorbeigehen meinen Kopf. „Willst du mir nicht erzählen, was zwischen dir und... äh... wie war noch gleich sein Name?"

„Aidan." Zu mehr als einem Zischen fühlte ich mich nicht in der Lage, als ich zwischen zusammengebissenen Zähnen seinen Namen hervorstieß. „Sein Name ist Aidan. Und nein, ich will nicht darüber reden."

„Ach Schatz." Ich finde es übrigens immer wieder faszinierend, wie abgrundtief und herzzerreißend meine Mutter seufzen kann. Unwillkürlich drehte ich mich zu ihr um. „Dass du aber auch immer so wählerisch mit den Männern sein musst. Ich mache mir langsam wirklich Sorgen. Du wirst ja auch nicht jünger."

Hat sie das gerade wirklich gesagt? Das hat sie doch nicht wirklich gesagt, oder? Ich glaub´s ja nicht, dass die das gerade wirklich gesagt hat. Tja, meine Mutter versteht es halt, mich binnen Sekunden auf die Palme zu bringen. Hat sie ja auch jahrelang sorgfältig geübt. Ich fass es ja wohl nicht. Ich bin weder wählerisch, noch alt. „Ich bin ja hier in dieser Familie die Letzte, um die man sich ernsthaft Sorgen machen muss", schrie ich sie plötzlich an, unfähig meine Wut für mich zu behalten. Ich konnte förmlich spüren, wie sich mein Gesicht innerhalb weniger Augenblicke vor Zorn nicht nur verzerrte sondern auch puterrot anlief.

Vor Schreck über meine plötzliche Lautstärke fasste meine Mutter sich an die Brust. Sie hätte mal lieber Schauspielerin anstatt Berufshausfrau werden sollen. Damit hätte sie selbst richtig Kohle scheffeln können. Die gespielte Herzattacke beherrscht sie zumindest wie keine Zweite. Wäre ich diese Reaktion von ihr nicht schon sowas von gewöhnt, so hätte ich mir wahrscheinlich ernsthafte Sorgen um ihren Gesundheitszustand gemacht. So aber sah ich sie einfach nur wütend an und versuchte gleichmäßig zu atmen, was eher an ein Schnauben erinnerte.

„Ich werd mir ja wohl noch Sorgen um mein Kind machen dürfen, das ich unter Schmerzen auf die Welt gebracht habe. Oder ist das etwa nicht erlaubt? Ist das der Dame etwa nicht recht, wenn man eine kritische Bemerkung über ihren Lebensstil macht? Dürfen wir auf einmal nichts mehr über dein Leben wissen, nur weil wir nicht mehr dafür bezahlen? Du schließt uns aus deinem Leben aus, wo es nur geht. Du meldest dich nur alle Jubeljahre und lässt dich noch seltener hier blicken. Nur weil wir dir egal sind, bist du es mir noch lange nicht. Nur weil du keine Liebe für deine Mutter übrig hast, heißt das noch lange nicht, dass ich auch aufhören muss, dich zu lieben", zeterte sie munter vor sich hin, während sich erste Tränen in ihren Augen sammelten. Und auch diese wirklich bühnenreife Nummer musste ich mir schon mehr als einmal antun. Es ist immer dasselbe. Alle Jahre wieder. Der Komponist dieses Liedes muss eine ähnliche Mutter gehabt haben wie ich. Deren Hände hatten sich unterdessen wieder von ihrer Brust gelöst und wühlten eifrig in einer der zahlreichen Küchenschubladen. „Ich brauch meine Vitamine", murmelte sie dabei kurzatmig vor sich hin und ich wusste natürlich genau, wovon sie sprach.

Vitamine? Seit wann wurden in diesem Haus Vitamine genommen? Pah! Dass ich nicht lache. Das Einzige, was Vitamine und die Tabletten, nach denen sie so emsig suchte, gemeinsam hatten, war der Anfangsbuchstabe. Ich betrachtete kurz das Döschen in meiner Hand und ließ es dann in den Schaft meiner Stiefel gleiten. Sie brauchte ja schließlich nicht ihre Valium sondern ihre Vitamine, also würde sie das Döschen wohl kaum vermissen. Das mag jetzt bösartig klingen, aber seien wir mal ganz ehrlich; ihr Körper sollte mir dankbar sein, dass ihm diese Ladung Tranquilizer erspart geblieben ist. Obwohl das wahrscheinlich auch nicht ganz stimmt. Wahrscheinlich hat meine Mutter einen ganzen Jahresvorrat an Beruhigungsmitteln. Ihr Körper errang durch meinen Einsatz also lediglich einen kleinen Aufschub, bevor er seine Dröhnung bekam. Aber sei´s drum. Ich kann wenigstens von mir behaupten, in dieser Angelegenheit guten Willen gezeigt zu haben.

„Ich geh zu Benny", verabschiedete ich mich bei meiner Mutter, die davon allerdings wenig Notiz nahm. Ich ließ meinen Blick noch einmal über sie gleiten, aber sie schien wie in Trance, während sie sich durch die Schubladen kramte. Dieser Frau war echt nicht mehr zu helfen. So wie wohl den meisten Menschen in meiner Familie. Ich hab echt kein leichtes Los gezogen. Aber immerhin hatte ich noch meinen Bruder. Meinen Bruder, den ich über alles liebte und der mich ebenso bedingungslos liebte (was ja eigentlich auch Quatsch ist, hatte ich doch kurz zuvor erst beschlossen, dass es sowas wie Liebe überhaupt nicht gab). Auf müden Beinen erklomm ich die Treppe ins Obergeschoss. Überhaupt fühlte ich mich plötzlich entsetzlich müde. Die Sache mit Aidan, die Erinnerung an das Geheimnis meiner Schwester und das Gejammer meiner Mutter hatten mich unheimlich geschlaucht. Soviel kann ein einziger Mensch an einem einzigen Tag aber auch wirklich nur schwer ertragen. Finden Sie nicht auch?

Zaghaft klopfte ich an die Zimmertür meines Bruders aus massivem, dunklem Eichenholz und ein lautes „JA!", dröhnte mir von innen entgegen. In unserer Familie verfügen übrigens alle Mitglieder über ein sehr ausgeprägtes Stimmvolumen. Auch mein Vater, obwohl der es eher vermeidet, mit irgendwem von uns wirklich zu reden. Er wird wohl wissen, warum. Schließlich ist er schon seit hundert Jahren oder so mit meiner Mutter verheiratet. Da lernt man wohl früher oder später einfach die Klappe zu halten. Ich glaube, mein Vater ist ein kluger Mensch. Vielleicht sollte ich mir ihn zum Vorbild nehmen.

Sogar meine Finger waren müde, als ich die schwere Klinke nach unten drückte, um die Tür zu öffnen und einzutreten. „MERI!", tönte es mir auch sogleich erfreut entgegen und blitzschnell hatte sich mein Bruder aus seinem Sessel hochgedrückt und mich fest in die Arme geschlossen. Fest bedeutet in diesem Fall übrigens sehr fest. Mein Bruder ist mit seinen 24 Jahren schließlich kein kleiner Junge mehr, sondern ein erwachsener Mann. Ein erwachsener Mann mit den Ausmaßen eines ausgewachsenen Grizzlybären. Und er ist nicht nur so breit wie hoch (Ich glaub, der ist zwei Meter groß oder vermutlich noch größer), sondern noch dazu außerordentlich kräftig. Leider weiß er seine übermäßigen Kräfte nicht immer zu koordinieren. Und so kann es auch schon mal vorkommen, dass er alles kurz und klein haut, wenn er wütend ist. Dann ist es gar nicht so einfach, ihn wieder auf den Teppich zu holen. Wer stellt sich schon gerne einem zornigen Stier in den Weg? Und genauso kann es eben passieren, dass er einem sämtliche Gliedmaße und die Luftzufuhr gleich noch dazu abgequetscht, wenn er sich freut, einen zu sehen.

„Du zerquetschst mich", röchelte ich atemlos, was ihn dazu motivierte, mich loszulassen.

„Entschuldigung." Verlegen betrachtete mein Bruder seine Fußspitzen, während ich mir die Arme rieb in der Hoffnung, der Blutstau würde sich lösen und man müsse sie nicht amputieren.

„Schon gut." Großmütig winkte ich ab und strich ihm tröstend über die Schulter. Er kann ja nichts dafür. Er kann es halt wie gesagt einfach nicht koordinieren. Außerdem ist er der Einzige, bei dem die Umarmungen wirklich liebevoll sind. Schmerzhaft, aber ehrlich. Ich glaube, sollte mir dabei wirklich mal ein Arm blau anlaufen und man müsse ihn mir abnehmen, ich würde ihm das verzeihen.

„Wo hast du denn deinen neuen Freund gelassen?" Suchend sah Benny den Bereich hinter mir ab. Oha. War das Thema also auch an ihm nicht vorüber gezogen. Wahrscheinlich hat meine Mutter vorher alle völlig verrückt gemacht deswegen, dass ihre alte, wählerische Singletochter einen richtig echten Mann mit nach Hause bringen würde. Und was mach ich? Ich enttäusche natürlich wieder einmal alle. Mensch. Ich bin aber auch schlimm. Man sollte mich auf dem Marktplatz an den Pranger stellen, damit vorbeigehende Passanten mich mit faulen Tomaten bewerfen können, weil ich so eine schlechte Tochter bin, die nicht die Wünsche und Erwartungen ihrer vitaminsüchtigen Mutter erfüllt. Im Grunde genommen müsste ich mich vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche abgrundtief schämen. Dann hätte ich auch gar nicht mehr die Zeit dazu, Dinge zu tun, die andere Leute enttäuschen könnte, die eigentlich nicht den geringsten Grund dazu haben, enttäuscht zu sein. Und das klingt nicht nur in ihren Ohren unheimlich unlogisch. Das ist unlogisch. Aber so ist die Welt. So ist das Leben.

„Der ist nicht mitgekommen." Ich machte irgendeine komische Geste, die wohl ausdrücken sollte, dass ich nicht weiter darüber reden wollte. Nie im Leben hätte ich gedacht, das mein Bruder sie verstehen würde. Hätte jemand vor mir so eine komische Verrenkung hingelegt, ich hätte ihm wahrscheinlich eine von Mutters Vitaminpillen angeboten. Aber mein Bruder verstand mich. Ich sag´s ja: Das Leben ist eine ganz große, unlogische Geschichte.

„Ich spiel Videospiele. Magst du mitspielen?", bot er mir also an und deutete zum Fernseher. Ich nickte und ließ mich neben seinem Sessel auf dem Fußboden nieder, griff nach einem Controller und hackte wie wild auf die Knöpfe ein. Vielleicht wünschte ich mir ein wenig, der Controller sei Aidans Gesicht, vor allem aber hatte ich noch nie den blassesten Schimmer, wie solche Videospiele eigentlich funktionieren. Ich hau auf die Knöpfe und der Mann auf dem Skateboard bewegt sich. In der Regel macht er irgendwas und fällt dann hin. Ich hab mir aber sagen lassen, dass es Menschen gibt, die genau wissen, welchen Knopf man drücken muss, damit das Skateboardmännchen dieses oder jenes macht. Benny ist einer von diesen Menschen. Deshalb gewinnt er auch immer. Und das wird wohl auch immer so bleiben, denn ich hege ebenfalls kein Interesse daran, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Und so saßen wir einfach nur da und schwiegen, während wir auf unsere Tasten einschlugen und Benny mich Runde um Runde besiegte und sich freute wie der Kaiser über seine neuen Kleider.

Und das taten wir so lange, bis meine Mutter (die ihre Reservevitamine inzwischen scheinbar gefunden hatte) lauthals „KINDER, DAS ESSEN IST FERTIG!" die Treppe hinauf brüllte. Sie werden es mir wahrscheinlich nicht glauben, aber in diesem Haus verfügt jedes Zimmer über eine Gegensprechanlage. Meiner Meinung nach eine völlige Fehlinvestition. Aber nach meiner Meinung wird ja ohnehin recht selten gefragt. Also trabten Benny und ich gemeinsam hinunter ins Wohnzimmer, wo ein riesiger Radau herrschte, dessen Zentrum Susi bildete, die den hoffnungslosen Versuch unternahm, ihre Kinder alle an den Esstisch zu setzen. Manchmal konnte meine Schwester einem wirklich leid tun. Vielleicht sollte ich ihren Kindern ebenfalls was von den Vitaminen unters Essen mischen, die sich immer noch in der Metalldose in meinem Stiefel befanden, die sich inzwischen ziemlich unangenehm in meine Wade bohrte. Es dauerte eine ganze Weile, aber irgendwann hatte sie es tatsächlich geschafft, alle ihre Bälger auf die Stühle rund um den Tisch zu setzen.

Meine Mutter sprach ein kurzes Gebet und dann konnte das große Fressen losgehen. Bei uns gibt es übrigens jedes Jahr Weihnachten dasselbe zu essen und es schmeckt jedes Jahr gleich. Aber meine Mutter kocht ja auch nur einmal im Jahr und wahrscheinlich kann sie auch nichts anderes als gefüllte Gans mit Kartoffeln und Rosenkohl. Was soll´s. Ich nuschelte wie jedes Jahr meine Lobpreisungen auf das gelungene Mahl und leerte ein Weinglas nach dem anderen. Ganz im Gegensatz zu Susi, die ihr Weinglas nicht einmal ansah und stattdessen Wasser trank. Sie war also wieder einmal schwanger. Hätte ich mir auch denken können, immerhin war die kleine Angeline schon eineinhalb und es wurde Zeit, dass ein weiterer MacLennan Spross das Licht der Welt erblickte, damit kein Mensch auf diesem Planeten auch nur den geringsten Zweifel an der Perfektion der Ehe von Susi und Connor haben könnte. Oh Mann. Mal ganz ehrlich. Ich bin wirklich die letzte Person in dieser Familie, um die man sich Sorgen machen muss. Manchmal glaube ich sogar, ich bin das einzig „normale" Mitglied dieser Familie.

„Und was macht ihr Silvester, Schatz?", richtete meine Mutter gerade das Wort an sie, als sie bemerkte, dass ich sie anstarrte. Da hab ich ja noch einmal Glück gehabt.

„Wir sind bei einem Arbeitskollegen von Connor eingeladen. Allerdings weiß ich noch nicht, ob wir hingehen." Ist ja auch reichlich witzlos, so ganz ohne Sekt ins neue Jahr zu feiern. Obwohl, für Susi dürfte das ja eigentlich auch schon irgendwie Gewohnheit sein.

„Wieso denn nicht?"

„Mein Kindermädchen hat sich Urlaub genommen und ist zu ihren Verwandten gefahren. Sie kommt erst im neuen Jahr wieder." Wow, ihre Angestellten haben Urlaub? Wer hätte das gedacht? Obwohl, Susis Kindermädchen ist so alt, die hat sich bestimmt nur zum Sterben zurückgezogen.

„Ich könnte ja auf die Kleinen aufpassen." Wer hat das gesagt? Kam das aus meinem Mund? Nein! Das kann einfach nicht aus meinem Mund gekommen sein. Wie bin ich denn bitte auf diese Schnapsidee gekommen?

„Du?" Völlig entgeistert sahen mich alle Erwachsenen an. Ja genau - ich? Völlig bescheuerte Idee.

„Nimm mein Angebot an oder lass es sein." Oh Gott Meredith, was tust du nur? Das muss am Wein gelegen haben. Anders kann ich mir nicht erklären, was mich zu einem solchen Angebot verlockt haben könnte. Klar, ich hatte vorgehabt, gemeinsam mit Aidan bei Freunden von ihm ins neue Jahr zu feiern und das würde jetzt wohl ausfallen, aber wollte ich mich deshalb mit den furchtbar anstrengenden Kindern meiner Schwester abgeben? Ich war ja schon mit einem Kind, das nix tut, hoffnungslos überfordert. Aber diese Kinder rennen rum und schreien und gehen auf die Nerven und können nicht stillhalten.

Verblüfft sah Susi mich an, doch dann nickte sie. „Danke." VERDAMMT! VERDAMMT! VERDAMMT! Warum hat sie nicht abgelehnt? Wieso nicht? Wieso habe ich ihr dieses Angebot gemacht? Da musste der viele gute Wille dran schuld sein, den ich an diesem Abend schon so oft gezeigt hab. Zuviel des Guten ist ja häufig genau verkehrt. Oh Mann. Und jetzt konnte ich ja schlecht sagen ‚Haha! Verarscht!‘ Jetzt musste ich das wirklich machen. VERDAMMT! VERDAMMT! VERDAMMT!

Auch meine Mutter machte eine anerkennende Geste und schien mir in diesem Moment zumindest ein wenig unseren kleinen Küchenstreit zu verzeihen. „Ich habe euch... äh... dir übrigens das Gästezimmer fertig gemacht", informierte sie mich in freundlichem Ton. Wobei das Euch kein Versprecher sondern eine eindeutige Spitze gegen mich war. Ich nahm es ihr allerdings nicht krumm. Schließlich trat ich ihr nur Millisekunden später ebenfalls auf den nicht vorhandenen Schlips.

„Danke, aber ich nehm den letzten Bus zurück."

„Was? Aber wieso das denn?" Tja wieso nur? Vielleicht weil ich keine Lust hatte, die ganze Nacht in einem Haus mit zehn völlig Geistesgestörten zu verbringen, nur um mir den ganzen Scheiß am nächsten Tag noch einmal zu geben. Vielleicht, weil ich mich in Ruhe zu Hause auf mein Sofa legen wollte, mit einer Flasche von irgendwelchem Alkohol, einer Tüte Chips und einer Schachtel Zigaretten, um dann in Ruhe meine Wunden zu lecken.

„Ich fühl mich einfach nicht so, Mama. Bitte versteh das doch." Ich verkniff mir die bissigen Kommentare und appellierte stattdessen lieber an ihre Vernunft. Sie war doch auch mal jung gewesen und hat sicher auch schon mal irgendwann einen Korb gekriegt. Sie muss doch wissen, wie man sich dann fühlt. Hoffte ich.

„Ja aber..." Ich konnte förmlich sehen, wie sie nach Argumenten rang und den inneren Kampf schließlich tatsächlich aufgab. „Dann nimm doch wenigstens das Auto. Ich will nicht, dass du nachts noch mit dem Bus fährst. Man weiß ja nie so, was da für Leute unterwegs sind."

Da hatte sie ausnahmsweise mal recht. Das weiß man wirklich nicht. Und oft sind da auch ganz schön gruselige Gestalten dabei. Trotzdem musste ich dieses Angebot ablehnen. „Danke, aber ich kann nicht."

„Mein Gott. Mit dir kann man es aber auch so gut meinen wie man will. Wieso kannst du nicht?" Und schon wieder schlug sie diesen herzzerreißenden Ton an. Ist ja furchtbar.

„Weil sie erstens schon einen Scotch hatte und fast die ganze Flasche Wein alleine leer getrunken hat und zweitens hat sie keinen Führerschein", kam mir Susi mit meiner Antwort zuvor und mir blieb nichts anderes übrig, als zustimmend zu nicken.

„Wieso hat sie keinen Führerschein?" Reichlich verdutzt blickte meine Mutter in die Runde. Ja genau, redet einfach über mich als wäre ich gar nicht da. Oh wie ich das liebe. Ich wäre am liebsten sofort wieder ausgerastet.

„Wegen dem Kaninchen", nuschelte mein Vater und schob sich eine Kartoffel in den Mund. Hallo? War ich vielleicht wirklich nicht mehr anwesend und hatte davon nur nichts mitbekommen? War ich vielleicht inzwischen gestorben und nur mein Geist beobachtete diese Szene oder warum sprach man mich einfach nicht direkt an?

„Wegen der alten Geschichte? Ich dachte, sie hätte ihn inzwischen dann doch noch mal gemacht. Das hätte sie doch wirklich mal tun können, oder nicht?" Ja genau hätte sie tun können. Hat sie aber nicht. Wütend zerbiss ich ein weiteres Mal an diesem Tag meine Unterlippe, die inzwischen schon ziemlich wehtat. Das interessiert Sie nun aber wahrscheinlich eher weniger. Sie interessieren sich wahrscheinlich eher dafür, was es mit besagtem Kaninchen auf sich hat. Das kann ich verstehen, aber ich muss Sie leider noch ein wenig vertrösten. Momentan ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt, um über das arme Kaninchen zu sprechen, sondern eher über die arme Meredith die mit ihrer Familie so dermaßen gestraft ist. Ich verspreche Ihnen aber, dieses zu gegebenem Zeitpunkt nachzuholen. Haben Sie einfach ein wenig Geduld.

Ich äußerte mich nicht weiter zu diesem Thema. Ich wurde ja auch schließlich nicht gefragt. Dafür ignorierte ich aber auch alle weiteren Tischgespräche, auf die mir so eigene und vor allem stoische Art und Weise. War vielleicht auch besser so. Ich hatte an diesem Abend schließlich schon einmal ein unmoralisches Angebot gemacht und das wurde auch noch angenommen. Wäre mein Hintern nicht so weit von meinem Gesicht entfernt und ich nicht durch und durch ungelenkig, ich hätte mir hinein gebissen. Konnte es vielleicht sein, dass sich die Wirkstoffe der Valiumtabletten durch die Metalldose ihren Weg durch mein Wadenfett in meinen Blutkreislauf gesucht hatten und dass der dadurch entstandene Medikamenteneinfluss schuld an dieser Kurzschlussreaktion gewesen war? Anders kann ich mir das wirklich kaum noch erklären.

Nach dem Essen gingen wir dann über zur Bescherung. Eine für mich sehr einfache Aufgabe, denn ich kaufte kaum Geschenke selbst. Meine Schwester kauft die Geschenke für mich an die Kinder, sowie von uns an die Eltern und an Benny. Ich kriegte am Ende nur die Rechnung dafür und gab ihr das Geld dann irgendwann im Laufe des Jahres zurück. Ich musste nur für Susi selbst was kaufen und was sie sich wünschte, das quatschte sie mir immer auf den Anrufbeantworter inklusive des Geschäftes, wo ich besagten Artikel erstehen konnte. In diesem Jahr war es ein Parfüm gewesen. Ich musste während der Bescherung also einfach nur dasitzen und mich darüber freuen, dass die Kinder sich über die Geschenke von mir freuten und so tun, als würde mir der hässliche Pullover, den ich von meiner Mutter bekam, und das Buch von meiner Schwester gefallen. Und auch in diesem Jahr traute ich mich nicht, nach den Kassenzetteln zu fragen, damit ich die Sachen umtauschen konnte. Ich hatte ja schon mal erwähnt, dass ich tatsächlich so etwas wie wohlerzogen bin, auch wenn man es im ersten Moment vielleicht gar nicht so bemerkt.

Und nach der Bescherung konnte ich mich dann auch endlich wieder auf den Nachhauseweg machen. Hat schon so seine Vorteile, wenn man kein Auto hat und den letzten Bus nehmen muss. Zum Glück kennt sich der Rest meiner Familie mal so gar nicht mit dem öffentlichen Personennahverkehr aus, sonst hätten die nämlich gewusst, dass die Busse 24 Stunden am Tag fuhren. Wussten sie aber nicht. Und so konnte ich mich ohne größere Gewissensbisse von ihnen verabschieden. Meine Schwester ließ es sich auch nicht nehmen, mir noch mal für mein Angebot bezüglich Silvester zu danken und versprach mir, dass Connor mich um sieben abholen würde, sodass ich nicht den Bus zu nehmen brauchte. VERDAMMT! Warum konnte sie nicht einfach alles ganz schnell wieder vergessen? Ihr musste doch selbst auch klar sein, dass ich der denkbar schlechteste Babysitter auf der ganzen großen Welt war. Warum nur?

Noch viel müder als am Nachmittag schleppte ich mich samt meiner hässlichen Geschenke zur Bushaltestelle und hatte sogar Glück, dass ziemlich schnell ein Bus Richtung Stadt fuhr und ich nicht noch lange in der Kälte warten musste. Ich wollte wirklich nur noch auf mein Sofa und diesen Tag, ach was rede ich, das ganze letzte Jahr einfach nur vergessen. Wenigstens war der Bus fast leer und es waren auch keine gruseligen Gestalten anwesend, die mich sofort wieder an Bandenkriege, Drogenumschlagplätze und Vergewaltigungen erinnert hätten. Ich gähnte leise, als ich Platz nahm und meine Tasche neben mich abstellte. Nun konnte ich auch endlich das Metalldöschen aus meinem Stiefel entfernen, von dem mein Bein sicherlich schon eine Delle bekommen hatte. Ich bückte mich und pfriemelte an meinem Stiefel (dessen Leder wahrscheinlich auch schon völlig verseucht von Beruhigungsmitteln war) , als mein Blick auf einen Zettel fiel, der am Boden lag. Eigentlich hebe ich nichts auf, was auf Busfußböden liegt. Wer weiß, wer das schon in der Hand hatte und welche Krankheiten dieser Person spazieren trug. Aber dieser Zettel erregte meine Aufmerksamkeit und so hob ich ihn doch auf. Es war ein einfaches Stück kariertes Papier, das jemand von einem Collegeblock abgerissen hatte. „To do Liste für das neue Jahr" hatte jemand, vermutlich eine Frau in sauberen und fein geschwungenen Buchstaben ganz oben hingeschrieben. Ansonsten stand nichts auf dem Zettel. Ich betrachtete ihn eine ganze Weile, während der Bus durch die Nacht rauschte, dann zog ich einen Kugelschreiber aus meiner Tasche und fing an zu schreiben.

-  Weihnachtsgeschenke bei Ebay versteigern

-  Meiner Schwester nie wieder anbieten, auf ihre Kinder aufzupassen

-  Neue Stiefel kaufen

- Reichen, gutaussehenden Mann zum Heiraten finden

 

 

 

Happy new year! von Blossom
Author's Notes:
Leider gehen mir die Leser flöten und ich vermute ganz stark (und Katie vermutet mit), dass das an der bemerkbaren Abwesenheit eines gewissen Briten liegt. Allen noch geneigten Lesern kann ich nur sagen haltet durch, er ist näher als ihr denkt. Ich bin halt ne Schwaflerin und habe mir für diese Geschichte diesen Plot so erdacht und werde ihn nun auch beibehalten, denn ich finde ihn gut. Nichts desto trotz gibt es schon gaaaaaaaaaaanz bald besuch von Mister Bloom.

Ich wollte mich übrigens noch ganz doll bei Stoffi bedajnken die dieses und auch schon das Kap davor gebetat hat, weil Kaddie das zeittechnisch einfach nicht geschafft hat. Danke Süße!

 



 

Zwei Tage lang suhlte ich mich in meinem Selbstmitleid. Ich ließ mich gehen, verließ meine Wohnung nur um am Kiosk Zigaretten und Süßigkeiten zu kaufen und ernährte mich hauptsächlich von den Getränken aus meiner persönlichen Minibar, während ich ohne Unterlass in die Flimmerkiste glotzte. Wenn der Plan, Berufshausfrau zu werden nicht aufging, dann konnte ich immer noch Berufsalkoholiker werden. Ist fast schon ein wenig erschreckend, wie viel Alkohol ich in mich hinein schütten kann, bevor mir schlecht wird. Ich glaube, ich sollte auch dieses Verhalten irgendwann einmal im Selbstversuch statistisch festhalten. Ich fürchte, ich kann einem ausgewachsenen finnischen Lkw-Fahrer Konkurrenz machen. Und ob das sonderlich erstrebenswert ist, das wage ich irgendwie zu bezweifeln. Vielleicht war ich ja auch schon so etwas wie ein Gelegenheitsalki. Ich hatte mal in einer Zeitung etwas über Suchtpotenzial gelesen. Ich sollte mich in diesem Bereich dringend ausführlicher informieren. Also zückte ich einen Stift und erweiterte die Liste mit meinen Plänen für das neue Jahr, die inzwischen meinen Kühlschrank zierte, um zwei weitere Punkte.

Aber wie dem auch sein. Nach zwei Tagen der Selbstbemitleidung fiel mir schließlich die Decke auf den Kopf. Ich musste raus. Raus an die frische Luft. Arbeiten, shoppen und all die Dinge tun, die ich getan hatte, bevor Aidan sich so hintertückisch in mein Leben geschlichen hatte. Und obwohl immer noch Weihnachten war und Weihnachten ja das Fest war, das man im Kreise seiner Familie verbrachte, griff ich zum Telefonhörer, um Alice anzurufen.

„London Housekeepingservice. Alice Cooper (Ja, die Frau heißt wirklich so. Unglaublich, was Eltern ihren Kindern manchmal antun) am Telefon. Was kann ich für Sie tun?", rasselte meine Chefin mechanisch in den Hörer und am raschelnden Geräusch, das irgendwelche Papiere erzeugten, konnte ich feststellen, dass auch meine Vorgesetzte ihre Zeit lieber auf der Arbeit als bei ihrer Familie verbrachte.

„Hallo Alice. Ich bin´s, Meredith."

„Oh. Hi! Frohe Weihnachten. Was gibt´s? Warum rufst du an?" Das Geraschel wurde eingestellt und ich konnte Alice förmlich vor mir sehen, wie sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte und aus dem Fenster sah, wie sie es immer tat, wenn sie Telefonate führte, die nichts mit dem Geschäft zu tun  hatten.

„Eigentlich wollte ich nur fragen, ob ich morgen nicht vielleicht arbeiten kommen darf", fragte ich kleinlaut und folgte instinktiv meiner kleinen Macke, mir auf der Unterlippe herumzukauen.

„Hä? Wieso das denn? Ich dachte, du feierst mit Aidan und deiner Familie Weihnachten." Falsch gedacht!

„Tja, was soll ich sagen?" Ich suchte in meinem Kopf nach einer Formulierung, um das Geschehene möglichst gelassen rüber zu bringen, allerdings ohne jeden Erfolg. Sobald ich auch nur an Aidan und das, was er mir angetan hatte, dachte, überkam mich die blanke Wut. „Aidan hat seine Nachbarin gevögelt. Wir haben uns getrennt. Mir fällt die Decke auf den Kopf. Ich muss arbeiten", teilte ich Alice deshalb ganz unverblümt mit. Früher oder später hätte ich es ihr eh erzählt. Und in diesem Fall wäre früher vielleicht gar nicht verkehrt gewesen, um ein paar Mitleidspunkte einzuheimsen, die sie weich werden ließen und dieses Gespräch zu meinen Gunsten endete.

„Oha!" Um die rhetorischen Fähigkeiten meiner Chefin war es auch schon einmal besser bestellt gewesen, wenn ich das mal kurz anmerken durfte.

„Also darf ich?", bohrte ich gleich noch einmal nach, obwohl mir bereits als ich die Nummer gewählt hatte, klar war, dass sie ablehnen würde. Aber man soll ja die Hoffnung nie aufgeben und den Mitleidsfaktor nicht unterschätzen.

„Meredith." Oha! Dieser verständnisvolle aber entschuldigende Tonfall konnte nichts Gutes für mich bedeuten. „Das tut mir wirklich schrecklich leid." Ja mir auch, aber wen interessiert das schon? „Aber ich kann dich nicht arbeiten lassen." Na was hab ich gesagt? Man könnte fast meinen, ich besäße hellseherische Fähigkeiten. Entweder das, oder ich hab das Thema einfach schon zu oft mit Alice durchgekaut.

„Och bitte, bitte, bitte!" Jetzt bettelte ich schon, arbeiten gehen zu dürfen. Die Welt geht vor die Hunde, meine Damen und Herren. Und dabei wollte ich doch eigentlich niemals arbeiten. Es wurde wirklich Zeit, dass ich meinen Plan mit dem reichen Ehemann in die Tat umsetzte, so konnte es jedenfalls nicht mit mir weiter gehen.

„Och Meredith, müssen wir dieses Spielchen wirklich jedes Jahr durchkauen?" Erste Gereiztheit bildete sich in der Stimme meiner Chefin. „Würdest du deinen Urlaub wie normale Menschen über das ganze Jahr verteilt nehmen, dann müsstest du am Jahresende nicht immer zu Hause bleiben. Aber den Urlaub nehmen musst du, sonst krieg ich Ärger mit irgendwelchen Gewerkschaften und da hab ich genauso wenig Bock drauf wie auf diese Diskussion mit dir. Wenn du also Ablenkung brauchst, dann geh shoppen."

„Hab ich Geld für shoppen?" Was gereiztes Sprechen angeht, schlage ich Alice übrigens um Längen.

„Ich versprech dir, du darfst ab dem vierten wieder arbeiten kommen. Von mir aus bis du umfällst. Das ist doch was. Und jetzt leg ich auf, ich hab noch zu tun. Ich wünsch dir noch einen schönen Urlaub." Ob da wohl jemand fließend Sarkasmus spricht? Aber bevor ich mich zu diesem kleinen Seitenhieb äußern konnte, hatte sie tatsächlich schon aufgelegt und ich hörte nur noch das monotone Tuten am anderen Ende der Leitung.

Wie ich ja bereits erwähnt hatte, war mir von vornherein klar gewesen, dass ich als Verliererin aus diesem Gespräch hervorgehen  würde. Mir blieb also kaum etwas andere übrig, als den Vorschlag meiner Chefin zu beherzigen und shoppen zu gehen. Und eigentlich kam mir das auch ganz gelegen. Ich hatte schließlich den Vorsatz, mir im neuen Jahr einen reichen Ehemann zu angeln und hierzu benötigte ich passende Garderobe. Mädchen, seid lieber hübsch als klug , denn Männer können besser gucken als denken. Also machte ich mich auf den Weg in die Stadt und reizte den Dispo meines Kontos bis zum Ende aus. Wenn ich erst einmal Berufshausfrau war, dann würde ich ohnehin  kein eigenes Konto mehr benötigen und die Mühen würden sich auszahlen.... Ich hatte doch bereits erwähnt, dass ich mich ziemlich oft dem Irrglauben hingebe, oder?

Und dann war da noch der Wechsel ins neue Jahr. Meine ganz persönliche Horrorvorstellung, wenn ich so ehrlich sein darf. Die Nacht zuvor verbrachte ich äußerst unruhig. Immer wieder quälten mich Albträume, in denen eins der Kinder durch mein Fehlverhalten Schaden nahm. Das wiederum hatte zur Folge, dass ich ab fünf Uhr in der Früh gar nicht mehr schlafen konnte und mich stattdessen mit Hilfe des Internets auf den neuesten Stand der Ersten Hilfe brachte. Ich informierte mich eingehend über die Behandlung von Verbrennungen und Schnittwunden, Brüchen und Atemnot, sowie dem Verfahren in Schocksituationen und wie man jemanden in die stabile Seitenlage bringt, gefolgt von Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzrhythmusmassage.

Als Connor mich um sieben dann endlich abholte, war mir der Schlafentzug deutlich anzusehen. Ich hatte mir noch nicht einmal die Mühe gemacht, die dunklen Ringe unter meinen Augen zu überschminken. Für wen sollte ich mich auch hübsch machen? Für die Kinder bestimmt nicht. Und vielleicht hegte ich auch ein wenig die Hoffnung, dass mein Schwager meine desolate Erscheinung als schlimme Krankheit auffassen und mich zu Hause lassen würde. In diesem Fall hatte ich allerdings (wie so oft) umsonst gehofft. Connor war der perfekte Gentleman und machte sogar noch Komplimente über mein Aussehen. Widerlicher Schleimer! Ich steckte echt verdammt tief in der Scheiße. Gut, ich war bestens gerüstet, sollte ein Kind vom Dach fallen oder in der Kamin oder in den Pool oder sich irgendwie anderweitig verletzen, aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie ich die Kinder so beschäftigte, dass eben nichts von diesen Dingen überhaupt erst passieren konnte. Ich kannte die genauen Rezepturen 37 verschiedener Cocktails, aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung von irgendwelchen unterhaltsamen Kinderspielen. Und, oh mein Gott, ich war so verdammt müde. Ich war sogar so müde, dass mir bereits auf der 30 minütigen Autofahrt zweimal die Augen zufielen. Laut Connor hab ich sogar einmal kurz geschnarcht. Aber das halte ich immer noch für eine Lüge, denn ich schnarche nicht. Aber auch das spielt eigentlich gar keine Rolle. Alles, was zählte war, dass ich den Abend rum bekam ohne dass eines der Kinder Schaden nahm. Meine Schwester hatte schon so viele Dinge für mich getan, jetzt war es an mir, mich auch einmal dafür zu revanchieren. Das schuldete ich ihr irgendwie.

„Angeline schläft bereits", teilte Susi mir mit, während Connor ihr in den Mantel half. Sehr gut. Da waren es nur noch drei tollwütige Mainzelmännchen, um die ich mich kümmern musste. „Sophia fallen auch gleich die Augen zu. Sie hat ihren Schlafanzug schon an, bring sie einfach ins Bett wenn sie einschläft. Crystal geht spätestens um acht und ich hab Brooklyn versprochen, dass er bis Mitternacht wach bleiben darf, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass auch er vorher schlapp macht. Du erreichst uns auf dem Handy, wenn irgendwas sein sollte. Die Nummer von unserem Kinderarzt liegt neben dem Telefon. Die Nummer von der Vergiftungszentrale ebenfalls. Ach und die vom Notruf."

„Die Nummer vom Notruf?" Ich rollte kurz mit den Augen. Ja, ich war nicht die geborene Tante und schon gar nicht die geborene Babysitterin. Ich machte mir selbst mehr als genug Sorgen und die Sorgen meiner Schwester waren mit Sicherheit nicht unbegründet, aber die Nummer vom Notruf? Hallo? So doof war ja noch nicht einmal ich. „666, oder?" Ich grinste frech.

„Meredith, bitte!" Wow! Die angsterfüllten Augen, aus denen meine Schwester mich ansah, waren echt zum Schießen. Und dieser verzweifelte Tonfall. Ich glaube, für einen kurzen Moment war sie drauf und dran, alles abzusagen und zu Hause zu bleiben. Und obwohl ein nicht zu verachtend großer Teil von mir das sehr begrüßt hätte, öffnete ich die Haustür.

„999, Susi. Wir schaffen das schon. Amüsiert ihr euch." Ich versuchte so gut es ging zu lächeln und legte Susanna eine Hand ins Kreuz, um sie sanft nach draußen zu schieben.

„Sie hat Recht, Sue. Wir sind außerdem schon spät dran", kam mir mein Schwager zu Hilfe. Er vertraute scheinbar auf meine (nichtvorhandenen) pädagogischen Fähigkeiten. Meine Schwester offenbar nicht. Sie sah immer noch ziemlich verzweifelt aus. Wieso hatte sie mein Angebot überhaupt angenommen, wenn sie so dermaßen an mir zweifelte?

„Der Verbandskasten ist im Badezimmer. Zweiter Schrank von rechts", brüllte sie mir förmlich entgegen, als Connor sie bei der Hand fasste und fast schon zum Wagen zerrte. Ein Bild, das mein Lächeln gleich ein wenig authentischer werden ließ. „Oh! Und ich hab dir eine Flasche Champagner ins Eisfach gelegt", schrie sie weiter, während ihr Mann die Beifahrertür öffnete. „Und im Haus wird nicht geraucht!"

„Aye  aye, Captain!" Am Ende musste ich sogar laut lachen, als Connor sie auf den Beifahrersitz drängte und die Tür laut zuschlug und um den Wagen rum lief, um selbst einzusteigen. Ich blieb noch in der Haustür stehen, bis der Wagen die Auffahrt verlassen hatte, dann ging ich wieder hinein und schloss die Tür. „Also dann." Ich atmete einmal tief ein und wieder aus, sprach mir selbst Mut zu und machte mich dann auf den Weg zu den Kindern, die im Wohnzimmer saßen. Crystal und Sophia schauten voller Freude eine Folge der Sesamstraße, während Brooklyn hochkonzentriert mit seinem Nintendo beschäftigt war. Interaktive Medien. Wie gerissen. Und ich hatte schon gedacht dieser Abend würde schwierig werden, aber wenn alles so blieb, dann würde es ja geradezu langweilig werden. Hach ja, schöne Macht der Vorstellungskraft und Fantasie...

„Hey, was seht ihr schönes?" Ich ließ mich im Schneidersitz neben meinen Nichten auf den Boden nieder.

„Wir gucken die Sesamstraße." Mit einem zuckersüßen Lächeln auf den Lippen rutschte Sophia etwas näher an mich ran und lehnte ihren roten Schopf an meine Schulter. Diese ganze Babysittersache schien viel einfacher zu sein als ich geglaubt hatte.

„Ja das sehe ich." Wie von selbst strich meine rechte Hand über den kleinen Kinderrücken. „Oh Graf Zahl! Den find ich klasse."

„Ich mag Elmo am liebsten." Auch Crystal war näher zu mir gerutscht und legte ihre kleine klebrige Hand auf meine, ein breites, zahnlückenhaftes Lächeln auf den rosigen Lippen.

„Wir alle lieben Elmo", bestätigte ich ihr und wir kicherten, bevor wir uns in Stille den Rest der Sendung ansahen. Allem Anschein nach waren alle meine Sorgen völlig unsinnig gewesen. Ich war wie gemacht für diese Sache. Aber die wilde Horde benahm sich auch ausnahmsweise mal nicht ganz so wild. Vielleicht hatte meine Schwester den lieben Kleinen ja vorher irgendwelche Drogen eingeflößt, damit kein Chaos ausbrach. Oder ich hatte einfach eine beruhigende Wirkung auf Kinder. Ich hatte mich bis dato noch nie so richtig mit den Kindern meiner Schwester auseinander gesetzt weil ich sie immer als eher lästig empfunden hatte. Vielleicht hatte ich mich geirrt. Vielleicht war ich doch die geborene Supertante.

„Tante Meri?" Vorsichtig zupfte Crystal an meinem Ärmel. „Phia schläft?"

„Hm?" Verwundert sah ich mich um. Ich war tatsächlich so fasziniert davon gewesen, wie James Blunt gemeinsam mit einem dieser plüschigen Viecher ein Lied über ein Dreieck gesungen hatte, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, wie Sophias kleiner Körper vollends zusammen gesackt war und ihr Köpfchen nun auf meinem Oberschenkel ruhte. „Oh." Ich warf einen kurzen Blick auf das Kind, dann auf die Uhr und schließlich zu Crystal. „Dann bring ich sie wohl am besten ins Bett." Ich legte eine kleine akrobatische Einlage hin, als ich versuchte gleichzeitig aufzustehen und dabei das schlafende Kind aufzuheben, ohne es zu wecken. Musste lustig ausgesehen haben, denn meine älteste Nichte kicherte herzhaft hinter vorgehaltener Hand. Aber es gelang mir. Zwar nicht sonderlich elegant, aber immerhin. „Brooklyn, wirf bitte ein Auge auf deine Schwester", wies ich meinen Neffen noch an und machte mich dann samt schlafendem Kind auf den Weg nach oben.

Zum Glück teilte mir jede Tür in leuchtend bunten Buchstaben mit, wessen Zimmer sich eigentlich dahinter befand. Ansonsten wäre ich nämlich ziemlich ahnungslos gewesen und mir fiel auf, dass ich mich noch nie bewusst im oberen Stockwerk dieses Hauses aufgehalten hatte. Aber wieso hätte ich das auch tun sollen? Ich sah es also als kein Versäumnis an und öffnete die Tür, an der die Namen „Sophia" und „Angeline" prangten. Ich trug Sophia zu dem leeren Bett und legte sie hinein. Kurz öffneten sich noch einmal die großen, blauen Augen und ein gesäuseltes „Gute Nacht" verließ ihre Lippen, dann war sie tief im Reich der Träume verschwunden. Behutsam breitete ich die Decke über dem kleinen Körper aus und strich meiner Nichte über die Wange. Super, Meredith. Wer hätte gedacht, dass solche Mamiqualitäten in dir schlummerten? Kein Geschrei, kein Mord und Totschlag. Ich war in der Tat stolz auf mich und das leicht selbstgefällige Lächeln konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

„Gute Nacht", flüsterte ich ganz leise und beugte mich auf dem Weg zur Tür noch schnell über Angelines Kinderbettchen, um auch ihren Schlaf zu überprüfen. Ein schlimmer Fehler, wie sich nur Minuten später herausstellen sollte. Die Kleine schlief nämlich so fest, dass sie in dem dämmrigen Licht des Kinderzimmers auf mich wirkte wie tot. Ein Anflug von Panik überkam mich. Mit der Absicht ihrer Atmung zu lauschen, beugte ich mich so tief in das Bettchen wie möglich (was bei meiner gymnastischen Begabung nicht sonderlich tief ist), doch ich konnte keine Geräusche ausmachen. Noch mehr Panik suchte mich heim. Vorsichtig legte ich meine Hand auf ihren Rücken, in der Hoffnung, so ihren Herzschlag fühlen zu können. Allerdings bin ich mir noch nicht einmal sicher, wie sich so ein Kleinkinderherzschlag anfühlt und ob man den auf dem Rücken überhaupt fühlen konnte. Die Panik war perfekt. Meine Schwester hätte es mir sicher ewig vorgehalten, wäre eines ihrer Kinder in meiner Obhut ums Leben gekommen. Und das wäre ja auch irgendwie verständlich gewesen. Kurzerhand griff ich also nach dem Kind und hob das Würmchen aus seinem Bettchen. Behutsam hielt ich das viel zu kleine Köpfchen an mein Ohr und endlich konnte ich sie atmen hören. Sehr leise, aber sie atmete. Ich seufzte vor Erleichterung und wollte Angeline gerade wieder zurück legen, als sie ihre Augen aufschlug und das Drama seinen Lauf nahm.

Ein Mark und Bein erschütternder Schrei zerriss mir fast das Trommelfell und nur wenige Sekunden später rannen Tränen so groß wie Erbsen über Angelines gerötete Wangen. Verzweifelt wiegte ich die Kleine hin und her in der Hoffnung, sie möge sich doch bitte beruhigen und wieder einschlafen, aber meine Bemühungen waren von keinerlei sichtbarem Erfolg gekrönt. Sie schrie und schrie und schrie, als hätte ich sie höchst persönlich mit dem nackten Popo auf eine heiße Herdplatte gesetzt. „Was ist denn nur?", fragte ich mehr mich selbst als das Kind, das ja noch gar nicht richtig in der Lage war, mir zu antworten. Ein nervöser Blick glitt dabei immer wieder zu Sophia, die sich von dem ohrenbetäubenden Lärm allerdings nicht beeindrucken ließ und friedlich weiter schlief. Wahrscheinlich war sie solche nächtlichen Brüllattacken bereits gewöhnt. Ich aber nicht. Ich hatte keine Ahnung, was ein Kind dazu hatte bewegen können, plötzlich in eine solche Aufregung zu verfallen. Ich hatte doch nichts getan, außer sie einmal vorsichtig aus dem Bett zu nehmen, um zu überprüfen, ob sie noch lebte. Das kann doch nicht der Auslöser eines solchen Geschreis gewesen sein.

Denk nach, Meredith! Ein Kind, das noch nicht wirklich sprechen kann, schreit, um etwas auszudrücken. Aber was? Was könnte das Kind auf deinem Arm dir mitteilen wollen? „Tut dir vielleicht was weh?", fragte ich ohne eine Antwort zu erwarten und wiegte das Kind weiter hin und her. „Oder hast du Hunger?" Wieder keine Reaktion. „Durst?" Was machte ich da eigentlich? Angeline würde mir nicht antworten und ich war mir dieser Tatsache bewusst. Fragenstellen war also nicht nur völlig zwecklos, sondern einfach reine Zeitverschwendung. Also konzentrierte ich mich erst einmal darauf, das Gebrüll auf lautlos zu stellen, um besser nachdenken zu können. Nach 29 Jahren harten Trainings gelang mir das diesmal auch um einiges besser als damals bei meinem Bruder. Und als die Welt um mich endlich in friedvolle Stille getaucht war, nahm ich auch etwas wahr, das ich vorher nicht hatte wahrnehmen können, weil mich der kleine Schreihals fast um den Verstand gebracht hätte. Ein durch und durch ekelerregender Geruch stieg in meine Nase und ich zog eine angewiderte Grimasse. War es das, was Angeline mir hatte mitteilen wollen? Dass hier etwas gerade zum Himmel stank? Aber woher kam dieser Gestank?

Vorsichtig balancierte ich das völlig aufgelöste Kind von meinem linken Arm (der sich inzwischen schwer wie Blei anfühlte) auf den rechten und sofort wurde der Geruch noch schlimmer. So schlimm, dass ich den Würgereiz, der sich meiner Kehle bemächtigen wollte, nur mit Mühe niederringen konnte. Es war das Kind selbst, das so furchteinflößend roch. Natürlich! Da hätte ich eigentlich auch sofort drauf kommen können. Meine jüngste Nichte war schließlich kaum eineinhalb Jahre alt. Sie trug mit Sicherheit noch Windeln. Windeln, die ganz offensichtlich gewechselt werden wollten. Eine Herausforderung, an die ich im Vorfeld nicht einen Gedanken verschwendet hatte. Ich hatte noch nie im Leben Windeln gewechselt und konnte mir nur rein theoretisch vorstellen, wie das überhaupt ging. Erst einmal brauchte ich wohl Licht und ich konnte nur hoffen, dass Sophia sich daran genauso wenig störte wie an dem Gekreische. Ich drückte also den Lichtschalter und war einen kurzen Moment halb geblendet und trug das weinende Kind dann zu der Wickelkommode und legte es darauf ab. Okay. Schritt eins wäre also getan. Was nun? Als nächstes würde ich das Würmchen wohl ausziehen müssen, um das Corpus Delicti überhaupt zu erreichen. Angeline schien das allerdings gar nicht zu gefallen und so strampelte sie wütend mit den kurzen Beinchen, als ich mich an den Knöpfen des Strampelanzuges zu schaffen machte. Gut Ding will Weile haben heißt es und es dauerte wirklich eine ganze Weile, bis ich die Knöpfe trotz heftiger Gegenwehr endlich geöffnet hatte.

Mit spitzen Fingern öffnete ich die Klebestreifen an den Seiten und öffnete die Windel, nur um sie blitzschnell wieder zu verschließen. Jesus Christus! Wie kann etwas so Kleines etwas so Großes produzieren? Und der Gestank war geradezu unglaublich, jetzt, da sämtliche Schutzwälle entfernt waren. Angeekelt drehte ich den Kopf zur Seite und konzentrierte mich angestrengt darauf, nur noch durch den Mund zu atmen. Und ich hatte mich noch damit auseinandergesetzt, die Kinder vor Verletzungen zu schützen. Solche Dinge hatte ich dabei überhaupt nicht berücksichtigt. Ich war diejenige, die Schutz bedurfte. Wo war noch gleich die Nummer der Vergiftungszentrale?

Unwillig wandte ich mich wieder dem Kind zu, öffnete noch einmal die Windel und schloss sie wieder, wobei ich einen Laut des Missfallens von mir gab. Ich konnte das Kind ja schlecht in seinem eigenen Dreck liegen lassen. Ich musste das weg machen. Ich wusste nur noch nicht wie. Wenigstens brachten meine ungewollt komischen Soundeffekte Angeline dazu, ihr Geheul einzustellen und stattdessen amüsiert zu glucksen. Ja super lustig. Sie hatte gut lachen. Sie musste das ganze ja schließlich nicht weg machen.

Suchend öffnete ich eine der Schubladen der Kommode und beförderte eine frische Windel und eine Packung Feuchttücher an die Oberfläche. Gab´s hier irgendwo auch Handschuhe und eine Gasmaske? Ich öffnete die anderen Schubladen, jedoch erfolglos. Ich begann mich wirklich zu fragen, wieso alle Welt immer von Mutterfreuden sprach. Ich empfand das ganze als eine ziemliche Zumutung. „Okay", seufzte ich leise und atmete soviel Luft wie möglich durch meinen Mund in meine Lungen. „Auf in den Kampf!" Wieder öffnete ich die fast schon überquellende Windel und umfasste mit einer Hand Angelines Beinchen, um sie nach oben zu ziehen. Mit nur einer Hand riss ich an der Packung Feuchttücher herum, bis ich endlich ein Tuch in der Hand hielt, und begann das Übel von dem winzigen Hintern zu wischen. Ein Tuch war hierbei aber noch lange nicht genug. Und so riss ich ein zweites, ein drittes und sogar ein viertes Mal an der Packung rum, bis ihr Po wieder rosig war. Die Beine immer noch mit einer Hand hochgezogen, drehte ich den Kopf so weit zur Seite wie es ging, da mir die Luft ausging. Angeline war sichtlich und hörbar begeistert von meiner Performance. Ich war es ganz und gar nicht. Ich war verzweifelt und kurz davor, Amnesty International zu informieren, was meine Schwester mir hier eigentlich antat. Dem Kind selber gab ich keine Schuld daran, sie konnte ja nichts dafür, aber das machte die Sache nicht weniger schlimm.  Wieder atmete ich eine große Ladung halbwegs frischer Luft ein und machte mich dann daran, die beschmutzte Windel zu entfernen und sie samt der dreckigen Feuchttücher in dem Treteimer neben der Kommode zu entsorgen. Unbeholfen pfriemelte ich schließlich die frische Pampers unter das Kind und konnte dann auch endlich Angelines Beine loslassen. Mit einer Hand so schlimme Arbeiten zu verrichten, macht echt keinen Spaß. Das Ergebnis meiner Mühen sah nicht so perfekt aus wie das, was ich unter heftigem Würgereiz entfernt hatte, aber die Windel saß und da meine Nichte sich mittlerweile nicht mehr so sehr wehrte, gingen die Knöpfe am Strampler auch wesentlich schneller wieder zu. Halbwegs zufrieden mit mir selbst, packte ich die Kleine und trug sie zurück zum Bett. „Jetzt wird aber geschlafen", ermahnte ich sie und löschte das Licht.

Ich verließ das Kinderzimmer und machte mich auf direktem Weg ins Bad, um meine Hände einer fünfminütigen Intensivreinigung zu unterziehen. Ich konnte nur hoffen, dass die Kurze jetzt sauber blieb, bis ihre Mutter zurück war. Nochmal ertrug ich diese Prozedur sicher nicht. Ich war schließlich nur ihre Tante. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, ihr aus Rache nichts zum Geburtstag zu schenken. Aber das wäre ja auch irgendwie gemein gewesen. Aber Susi, die würde bei der nächsten Feierlichkeit auf jeden Fall leer ausgehen. Zum einen weil sie mein dämliches Angebot angenommen hatte, obwohl sie wusste, dass ich zu sowas nicht fähig war, und zum anderen, weil sie mich noch nicht einmal vorgewarnt hatte. Anderseits war ich auch ein wenig stolz auf mich. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben eine Windel gewechselt und das sogar ganz passabel hinbekommen, ohne dass es mir jemand gezeigt oder mir dabei geholfen hätte. Wie heißt es so schön? Das erste Mal tut immer weh. Vielleicht wäre es ja beim zweiten Mal gar nicht so schlimm, auch wenn ich nicht sonderlich scharf darauf war, es herauszufinden.

Die kleine Uhr in Form eines Fisches, die an der Wand des Badezimmers hing, teilte mir mit, dass es bereits viertel nach acht war und in meinem Kopf begann es zu arbeiten. Irgendwas hatte Susi mir gesagt. Irgendwas mit acht Uhr. Aber was? Nachdenklich machte ich mich auf dem Weg zurück ins Erdgeschoss und als ich das Wohnzimmer betrat, fiel es mir endlich wieder ein. Crystal musste um acht Uhr ins Bett und war somit bereits eine Viertelstunde überfällig. Aber wo war Crystal? Verwundert sah ich mich im Wohnzimmer um, in dem sich nur noch Brooklyn befand, der immer noch mit seinem Nintendo beschäftigt war. „Wo ist deine Schwester?"

„Weg?", bekam ich knapp zur Antwort und mein Neffe nahm sich noch nicht einmal die Zeit, zu mir aufzusehen.

„Was heißt weg? Ich hatte dich doch gebeten, ein Auge auf sie zu haben."

„Hab ich ja auch. Bis sie das Zimmer verlassen hat und ich sie nicht mehr sehen konnte." Gleichgültig zuckte er mit den Schultern und hackte weiter auf die kleinen Tasten ein.

„Na du bist ja ein ganz Schlauer", zischte ich wütend und drehte mich um, um mich auf die Suche nach Crystal zu machen. Und genau wie bei meinem Verdacht, der Tod könnte sich die kleine Angeline im Schlaf geholt haben, machte sich auch jetzt wieder Panik in meiner Magengrube breit und erzeugte ein Gefühl des Unwohlseins. Wo konnte die Kleine hingegangen sein und warum? Am Ende war sie gar noch auf die Straße gerannt und von einem Auto überfahren oder von einem Kinderschänder entführt worden. Wenn es um schlimme Dinge ging, kannte meine Fantasie so gut wie keine Grenzen und so sah ich das arme Mädchen schon geschändet und massakriert in irgendeinem Straßengraben liegen. Zum Glück blieben meine schlimmsten Befürchtungen unbegründet und ich fand das Kind kaum eine Minute später in der Küche, wo sie vor einer offenen Schublade auf dem Boden hockte und sich mit einem Löffel in der Hand über ein Glas Schokoladenaufstrich hermachte.

„Was tust du da?" Leicht entsetzt ließ ich meinen Blick über das Chaos am Boden schweifen, wo sich allerhand Papier, diverser Schoko- und Müsliriegel neben der Verpackung einer Tüte Chips tummelte.

„Ich hatte Hunger." Aus großen, blauen Unschuldsaugen sah meine Nichte zu mir auf und machte mich damit unfähig, ihr auch nur in geringster Weise böse zu sein.

„Und das scheinbar nicht zu knapp", kommentierte ich deshalb ihren kleinen Imbiss und sammelte das Papier ein um es in den Abfalleimer zu werfen. Anschließend nahm ich ihr die Schokoladencreme und den Löffel ab. Mahnend sah ich zu ihr hinab und stemmte die Hände in die Hüften. „Du kannst doch nicht einfach soviel essen. Dir wird noch schlecht werden. Und du hättest mich vorher fragen können."

„Tut mir leid Tante Meri." Und wieder sah sie mich aus diesen furchtbaren Augen an. Warum beherrschte ich eigentlich nicht so einen alles verzeihenden Augenaufschlag? Das würde das Leben um einiges einfacher machen.

„Nun ist es ja eh nicht mehr zu ändern. Geh dich bitte waschen, es ist schon längst Zeit fürs Bett." Ich wies mit dem Daumen über meine Schulter zur Treppe.

„Liest du mir noch etwas vor?", fragte Crystal während sie sich elfengleich vom Boden erhob. Eigentlich hatte ich keine Lust dazu, aber auch das gehörte wohl zu den Aufgaben einer guten Tante und Babysitterin. Und dieses Kind brauchte für seine Augen einen Waffenschein. Sowas gehört doch wohl wirklich verboten.

Ich seufzte laut und nickte schließlich. „Wenn du gewaschen bist und im Bett liegst, dann ja. Muss ich dir helfen?"

„Tante Meri!" Entrüstung breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Ich bin doch kein Baby mehr!" Mit diesen Worten schlüpfte sie an mir vorbei und verschwand die Treppe hinauf. Ich blieb kurz stehen und lauschte der Badezimmertür und schließlich dem Geräusch fließenden Wassers. Wenigstens blieb es mir erspart dem Kind noch die Zähne zu putzen oder etwas in der Art. Ich hätte sie sicherlich dabei verletzt. Unmotiviert räumte ich den Brotaufstrich zurück in den Schrank, den Löffel in den Geschirrspüler und taperte anschließend zurück ins Wohnzimmer.

„Ich bin kurz oben und bring deine Schwester ins Bett. Du bewegst dich nicht vom Fleck. Und wenn ich das nächste Mal darum bitte, nach deiner Schwester zu sehen, dann gehst du ihr gefälligst nach oder sagst mir wenigstens Bescheid", schalt ich den kleinen Klugscheißer von einem Neffen, der sich nicht im geringsten an mir störte, stellte den Fernseher aus und machte mich schweren Herzens auf den Weg nach oben.

Ich weiß nicht so genau, was eine Sechsjährige schon können sollte oder müsste und an mein eigenes Leben in diesem Alter hab ich bis auf ein paar einschneidende Erlebnisse kaum noch Erinnerungen, aber Crystal hatte sich tatsächlich ganz alleine die Zähne geputzt, das Gesicht gewaschen und ihren Schlafanzug angezogen. Und nun wartete sie fröhlich grinsend mit einem Buch in der Hand auf ihrem Bett darauf, dass ich ihr endlich etwas vorlas. Ich sträubte mich ein wenig, als ich das Buch an mich nahm. Ich war keine besonders begabte Vorleserin. Überhaupt las ich nicht gerne in Büchern, höchstens in Zeitschriften und Magazinen. Wofür hat der liebe Gott schließlich den Fernseher erfunden? Aber nun hatte ich es dem Kind einmal versprochen und Kinder reagieren ja immer sofort so tierisch beleidigt, wenn man ein einmal gegebenes Versprechen brach. „Na dann leg dich mal hin", forderte ich Crystal auf und schlug die Bettdecke zurück, damit sie darunter krabbeln konnte, was sie auch sofort tat, und ließ mich dann selbst auf der Bettkante nieder. Erst dann warf ich einen genaueren Blick auf das Buch in meinen Händen. „Grimms Märchen", na wenn das nicht mal voll mein Buch war. Umgehend schlug ich meine Lieblingsgeschichte vom Dornröschen (die war nämlich schon von Geburt an Prinzessin und musste sich diesen Titel nicht erst durch Sklavenarbeit bei anderen Leuten erarbeiten) auf.  „Also dann." Ich wollte gerade anfangen zu lesen, als Crystal einen kritischen Blick in das Buch warf.

„Ich will Rotkäppchen hören", teilte sie mir gebieterisch mit.

„Wieso das denn?", reagierte ich etwas gereizt. Man möge es mir verzeihen. Ich war immer noch genervt von dem Stinkbombenattentat und meinem Neffen. Außerdem ist Rotkäppchen ein Scheißmärchen, in dem weder eine Prinzessin, noch ein Prinz drin vorkommt.

„Weil das mein Lieblingsmärchen ist", klärte mich meine älteste Nichte auf, tja und dann hab ich vielleicht etwas gesagt, das man einem Kind gegenüber so nicht sagt, das es mir aber erspart hat, ihr überhaupt irgendein Märchen vorzulesen.

„Rotkäppchen ist aber ´ne dumme Pute, die nicht auf ihre Mutter hört und zur Strafe gefressen wurde."

Ups! Die großen, blauen Augen die mich vorhin noch so um den Finger gewickelt hatten, sahen mich jetzt vor Schreck geweitet an. Wie ich ja bereits eingeräumt hatte; das sagt man so nicht unbedingt zu einem Kind und ich kramte in meinem Kopf bereits nach einer Entschuldigung, doch Crystal kam mir zuvor. „Ich glaub, ich bin schon zu müde für eine Geschichte", räumte sie ein und nahm mir das Buch aus der Hand, um es auf ihrem Nachttisch abzulegen und direkt das Licht zu löschen. Seit diesem Abend hab ich es mir bei der Kleinen übrigens irgendwie verschissen, was man ja auch irgendwie verstehen kann. Crystal bei mir aber auch und das nicht wegen dem dämlichen Märchen, sondern wegen etwas anderem, zu dem ich später komme.

„Gute Nacht", seufzte ich leise und verließ das Kinderzimmer.

Drei Kinder im Bett und nur noch eines, das übrig war und hoffentlich immer noch im Wohnzimmer auf der Couch saß und sich mit seiner Spielemaschine beschäftigte. Noch eine Panikattacke ertrug ich an diesem Abend einfach nicht. Wenigstens saß Brooklyn wirklich noch im Wohnzimmer und spielte und ich gesellte mich zu ihm und zappte mich gelangweilt durch die Fernsehprogramme. Wir sprachen kaum ein Wort miteinander und ich hatte ehrlich gesagt auch keine Ahnung, worüber ich mich mit einem Achtjährigen hätte unterhalten sollen. Ich kannte meinen Neffen genau genommen gar nicht. Ich wusste nicht, was er gut fand und was nicht,  deshalb ignorierte ich ihn einfach und er mich, während ich mir einen schlechten Liebesfilm aus den siebziger Jahren ansah begleitet von der nervigen Melodie seiner mobilen Spielkonsole. Obwohl ich nicht viel von Brooklyn wusste, so war er mir in diesem Moment doch ziemlich sympathisch und ich ehrte ihn innerlich mit dem Status meines persönlichen Lieblingskindes meiner Schwester. Okay, diesen Titel musste er sich mit Sophia teilen, denn die hatte mir heute auch noch keinen Nerv geraubt. Irgendwie war es aber auch so gar nicht fair, die Kinder nach Beliebtheitsgraden zu unterteilen und so widmete ich mich lieber voll und ganz dem Fernsehprogramm. Zumindest so lange, bis mein Neffe plötzlich aufsprang und mich wütend ansah. Hatte ich irgendwas getan ohne es mitzubekommen? „Mit dir ist es voll öde!", stellte er mit leicht gereiztem Unterton fest. „Ich geh ins Bett." Zack, verschwunden war das Kind.

„Vergiss nicht, dir die Zähne zu putzen!", schrie ich ihm noch hinterher, machte mir aber nicht die Mühe, ihm zu folgen. Wenn auch noch das letzte meiner Sorgen beschloss, freiwillig ins Bett zu gehen, so hielt ich es mit Sicherheit nicht davon ab. War ich halt öde, damit konnte ich gut leben. Ich hatte mir für diesen Abend auch was anderes vorgestellt. Störte sich daran irgendwer? Nein! Das war allen egal. Und genauso egal war es mir, dass ich meinen Neffen nicht zur Genüge unterhalten hatte. Und außerdem war er ja wohl mal genauso öde wie ich. So! Und somit ging der erste Platz ausschließlich an Sophia. Das hatte er jetzt davon.

Leicht angesäuert stieß ich mich vom Sofa hoch und ging in die Küche. Noch eine Viertelstunde bis zum neuen Jahr. Ich konnte ruhig schon einmal anfangen zu trinken. Und so zog ich die Flasche Champagner aus dem Eisfach und entkorkte sie. Gläser? Ich öffnete einige Schranktüren, wurde aber nicht fündig, und so entschloss ich, direkt aus der Flasche zu trinken. Ich war doch eh allein, wer sollte sich also daran stören. Ich zog mir noch flugs meine Jacke über, angelte meine Zigaretten aus meiner Handtasche und machte mich dann samt Champagnerflasche auf den Weg nach draußen. Ich schauderte kurz, als ich mich auf die kalten Treppenstufen vor der Haustür setzte. Da freut sich die Blase. Aber Bakterien tötet man am besten mit Alkohol und so nahm ich einen zünftigen Schluck der schäumenden Flüssigkeit und steckte mir anschließend eine Kippe an. Nachdenklich schaute ich in die kalte, dafür aber sternenklare Nacht hinaus.

In Gedanken ließ ich das vergangene Jahr Revue passieren. All die schönen Momente. Mein Kennenlernen mit Aidan und die Anfänge unserer Beziehung. Meiner ersten richtigen Beziehung, wenn man mal ganz ehrlich war. Meiner ersten Beziehung, der ich mich mit Herz und Seele gewidmet hatte. Vor Aidan hatte ich nie jemandem uneingeschränkten Zugang zu meinen Gedanken und Gefühlen gewidmet. Und was war passiert? Das ganze hatte in einem Fiasko geendet, aber das wissen Sie ja bereits. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich in diesem Moment, als ich alleine vor dem Haus meiner Schwester saß, so einsam wie schon lange nicht mehr. Und was mir noch nie zuvor passiert war: ich sehnte mich nach der Umarmung eines geliebten Menschen. Aber da war niemand. Ich war einsam und allein nur mit einem Haufen schlafender, tollwütiger Zwerge. Wenn man es genau nahm, konnte das neue Jahr nur noch besser werden. Viel besser, wenn ich auch nur ein Wörtchen mitzureden hätte. Aber das Schicksal ist da ja sehr eigenwillig und lässt uns in der Regel nicht mitreden. Trotzdem nahm ich mir fest vor, nächstes Jahr um diese Zeit nicht den Babysitter zu mimen, sondern mit einem Mann an meiner Seite auf das Leben anzustoßen.

Genau in dem Moment, in dem ich einen weiteren Vorsatz für das kommende Jahr getroffen hatte, pfiffen die ersten Raketen in die Luft und tauchten die schwarzen Himmel in buntes Licht. „Frohes neues Jahr, Meredith!", wünschte ich mir selbst und hielt die Flasche einmal kurz in die Luft, also würde ich jemandem zuprosten, bevor ich die Flasche in nur einem Zug zu einem Viertel leerte. Ich gönnte mir eine weitere Zigarette und blieb vor dem Haus sitzen, bis der Champagner ausgetrunken war und mir nichts mehr einfiel, worüber ich noch sinnieren konnte. Fröstelnd machte ich mich wieder auf den Weg nach drinnen, um mich aufzuwärmen.

Ich hatte mich gerade meiner Jacke entledigt, als ich das Geräusch nackter Füße auf der Treppe vernahm. Verwundert sah ich zu Crystal, die auf der Mitte der Treppe stand und mich verwirrt ansah. Was war denn nun wieder? Sie hatte sich doch wohl nicht dazu entschieden, jetzt doch noch die Geschichte vom Dornröschen zu hören oder etwa doch? Das konnte sie nämlich mal getrost vergessen. Was sowas anging, war ich sturer als ein Felsbrocken. Doch als ich sie etwas eingehender betrachtete, musste ich feststellen, dass die Kleine ganz und gar nicht gut aussah. Eher kränklich. Ihre Gesichtsfarbe hatte etwas Aschfahles mit einem leichten Grünstich. „Was hast du?" Schnell stürmte ich zu ihr und ging vor ihr in die Knie.

„Mir ist schlecht und mein Bauch tut weh", jammerte sie und rieb sich das Bäuchlein.

„Na kein Wunder bei dem, was du alles in die hineingestopft hast." Das Kind hatte sich überfressen. Um das festzustellen, musste man weder Mutter, noch Arzt sein. Das kannte ich von mir selbst, wenn ich mal wieder in einem Wutanfall alle Süßigkeiten, die sich finden ließen, in mich reingeschoben hatte. „Komm ich bring dich wieder ins Bett und dann hol ich dir ein Glas Wasser." Ich strich ihr ein paar rote Haarsträhnen aus dem Gesicht, die an ihrer verschwitzten Stirn klebten, und hob sie dann auf meinen Arm. Sofort legte sie ihren müden Kopf auf meine Schulter und für einen kurzen Moment durchfuhr ein seltsam warmes Gefühl mein Herz. Trotzdem war dieser kurze Augenblick schon einen Moment zu lang. Denn dadurch registrierte ich zu spät das würgende Geräusch, das die Kleine machte, bevor etwas breiartig, schleimig Warmes meinen Rücken hinunterlief und auch mir schlagartig schlecht wurde.

 

 

 

 

 

End Notes:
Wenn sich der ein oder andere zu nem Rev durchringen mag würde ich mich wirklich freuen
Mission possible von Blossom
Author's Notes:

Endlich! Es tut mir wirklich ehrlich leid, dass die Fairytasles so lange pausiert haben. Aber ich war erstens gleich zweimal innerhalb kürzester Zeit im Urlaub (Frankreich und Irland) und zweitens fehlte mir mal wieder jegliche Motivation die Finger zu bewegene. Jetzt ist es wieder besser und ich verspreche, dass ich mir mit dem nächsten Kap nicht so viel Zeit lasse und hoffe, dass mir wenigstens noch ein paar Leser erhalten geblieben sind.

Ich wünsch euch allen einen schönen Pfingstmontag
Blossom

 

 

„Endlich“, seufzte ich selig, als ich am vierten Tag des neuen Jahres aus dem Aufzug stieg und die Agentur betrat. Überteuerte Designermöbel, der Geruch von Jean Paul Gaultier Wässerchen und lauter, mächtig wichtig aussehende, völlig überstylte Arbeitskollegen. Hier bin ich Mensch – hier darf ich sein… oder zumindest mir die Zeit vertreiben, damit ich nicht ständig an Aidan dachte und etwas zu tun hatte, bis der stinkendreiche Mann fürs Leben gefunden war. Und darüber war ich so glücklich, dass ich jeden, der mir entgegen kam mit einem übertrieben freundlichen Lächeln begrüßte.

 

Endlich war wieder Alltag. Meine Schwester ließ es sich natürlich nicht nehmen, mir wegen der Kotzattacke einen langen Vortrag zu halten. Fragen Sie mich bitte nicht, worüber sie gesprochen hat, denn ich hab mal wieder nicht zugehört. Außerdem war ich hier ja wohl das Opfer und nicht Crystal. Aber das wollte Susi in keinster Weise einsehen. Sei´s drum, ich jedenfalls hab geschlagene zwei Tage gebraucht, um mich von diesem Attentat auf mein ästhetisches Empfinden zu erholen. Ich kann einfach nicht mit Kindern. Genauso wie ich kein gutes Händchen für Tiere oder Pflanzen besitze. Aber mit etwas Glück würde ich mir wohl niemals irgendetwas davon anschaffen müssen.

 

Gut gelaunt griff ich also an diesem Morgen nach dem Klemmbrett mit meinem Namen drauf, um mich direkt in die Arbeit zu stürzen, doch fand ich nichts zum stürzen. Mein Brett hielt nicht einmal einen einzigen Auftragszettel. Mit gerunzelter Stirn starrte ich auf die Hartplastiktafel in meiner linken Hand. Mit der Rechten klopfte ich an die Tür zum Büro meiner Chefin. „Herein!“

 

„Hast du vergessen, dass ich ab heute wieder da bin?“, fragte ich ohne Umschweife, während ich mit dem Zeigefinger wie eine Bekloppte auf das Klemmbrett tippte.

 

„Guten Morgen, Meredith“, gab Alice übertrieben betont von sich. Für einen Moment sah ich sie verdutzt an. Schließlich war das ja wohl keine Antwort auf meine Frage gewesen. Ich gebe zu, der Groschen fiel lang und tief, bis mir endlich auffiel, dass ich die gängigen, höflichen Umgangsformen mal wieder mit Füßen getreten hatte.

 

„Guten Morgen, Alice.“

 

„Ich hoffe du hattest einen guten Start ins neue Jahr?“

 

„Ging so“, murmelte ich wahrheitsgemäß und schnitt bei dem bloßen Gedanken daran eine Grimasse des Ekels. „Und selbst?“

 

„War ganz okay. Hab mit Freunden gefeiert. Also mit denen, die ich nicht an meinen Exmann abtreten musste.“ An dieser Stelle sei vielleicht kurz erwähnt, dass meine Chefin vor zwei Jahren einen sehr unschönen Scheidungskrieg hinter sich gebracht hat. Sie hat ihren Mann genauso oft betrogen wie er sie. Wer nun allerdings glaubt, dass man eine Ehe unter diesen Umständen friedlich zu den Akten legen kann, der irrt sich gewaltig. Alice war der Meinung, sie sei im Recht, weil er sie zuerst betrogen hat. Greg hingegen war der Ansicht, Alice Betrug wöge schwerer, da sie ihn öfter hintergangen hat. Die Fetzten flogen lange und ausgiebig. Am Ende schaffte es irgendein tollkühner Richter, die beiden dazu zu bringen, alles zu gleichen Teilen aufzuteilen. Und dazu gehörten eben auch die Freunde. Das mögen Sie sicherlich seltsam finden und ich kann Sie durchaus verstehen, denn ich finde das Ganze nicht nur seltsam sondern krank.

 

„Ich hab auf die Kinder meiner Schwester aufgepasst.“ Augenblicklich schossen die Augenbrauen meiner Chefin in die Höhe. Ganz offensichtlich war sie der Auffassung, dass es besser war, den Abend mit nur halb so vielen Freunden zu verbringen, als den Babysitter für eine Horde Terrorzwerge zu spielen. Und Recht hat sie damit.

 

„Okay.“ Alice räusperte sich kurz, um klar zu machen, dass sie nun das Thema wechseln würde, dann ließ sie sich in ihren Schreibtischstuhl fallen. Lässig lehnte sie sich zurück. Mit einem Kugelschreiber in ihrer rechten Hand trommelte sie unruhig auf der Armlehne herum, während sie mich mit ihren grauen Augen taxierte. „Sprechen wir über deine Arbeit.“ Sie sagte es in einem Tonfall, dass ich kurz der Meinung war, sie würde mich nun jeden Moment rausschmeißen. Schnell ließ ich im Kopf meine arbeitsbedingten Schandtaten der letzten Monate Revue passieren. Aber außer den üblichen vertrockneten Pflanzen, von denen keine irgendeiner besonderen Züchtung abgestammt hatte, war mein Gewissen rein wie der Flügel eines Engels. Ihr war aber wohl der verdutzte Ausdruck auf meinem Gesicht nicht entgangen und ein breites Lächeln zog sich über ihr geliftetes Gesicht.  „Setz dich. Ich habe eine Mission für dich.“

 

„Eine Mission?“ Ich muss gestehen, dass ich ziemlich verwirrt war. Ich meine, ich passe auf fremder Leute Häuser auf. Ein relativ langweiliger Job, wenn man mal ganz ehrlich war. Trotzdem setzte ich mich in den Sessel auf der anderen Seite des Schreibtisches und wartete gespannt, was es mit dieser „Mission“ auf sich hatte.

 

„Ich habe gestern Abend einen ziemlich interessanten Anruf bekommen. Ein Auftrag, der uns eine ganze Stange Geld bringt und dir natürlich auch weitaus mehr als sonst. Dafür müsstest du allerdings gewillt sein etwas mehr, beziehungsweise etwas länger zu arbeiten als sonst“, begann Alice mit ruhiger und leicht geheimniskrämerischer Stimmer zu sprechen und weckte damit natürlich meine Neugierde. Ich nickte leicht, um mein Interesse zu bekunden und damit sie fortfuhr zu erzählen. „Der Anruf kam von jemandem, der … na, sagen wir mal... eine Person der Öffentlichkeit ist. Zurzeit ist er zwar nicht in London, lässt sein Haus hier allerdings renovieren. Bisher hat eine Freundin von ihm die Renovierungsarbeiten beaufsichtigt, aber die ist nun kurzerhand indisponiert. Und jetzt kommst du ins Spiel.“

 

„Ich soll also den ganzen Tag irgendwelche Maurer und Tapezierer beaufsichtigen und krieg dafür mehr Geld als sonst?“, fasste ich noch einmal kurz zusammen und schlug die Beine galant übereinander. „Ich bin dabei.“

 

„Dürfte ich vielleicht erst einmal zu Ende sprechen?“ Genervt rollte meine Geldgeberin mit den Augen, da ich ihre mit Absicht eingelegte, theatralische Pause als Aufforderung gesehen hatte, meinen Senf abzulassen. „Nur irgendwelche Renovierungsmaßnahmen zu beaufsichtigen würde ja sicher nicht so viel Geld reinbringen, wenn du mal genau überlegst und es würde keine Mehrarbeit von dir erfordern. Nein, der wirklich heikle Teil dieses Auftrags ist ein Hund.“

 

„Ein Hund?“, wiederholte ich wie ein plappernder Papagei.

 

„Genau, ein Hund. Da der Auftraggeber ihn nicht mit auf seine Reise nehmen konnte, wurde er ebenfalls von der nun indisponierten Freundin betreut. Du beaufsichtigst also nicht nur die Arbeiter, sondern gehst mit der Töle Gassi wenn sie muss, fütterst das Vieh und nimmst es abends mit zu dir.“

 

„Zu mir?“ Vor Schreck hatte ich die Füße mit einem lauten Knall zurück auf den Boden gestellt und mich im Sessel nach vorne gelehnt, als hätte ich Alice nur falsch verstanden und könnte sie besser hören, wenn ich mich ihr näherte.

 

„Naja, er kann ja schlecht vom frühen Abend bis zum nächsten Morgen allein in einem renovierungsbedürftigen Haus verbringen. Ich hab zwar nicht viel Ahnung von Hausviechern, aber ich bin mir relativ sicher, dass weder das Tier, noch sein Besitzer das gutheißen würde. Also, was sagst du?“

 

Ein Hund. Ein Hund war ein Tier und Tiere standen auf meiner „no Go“ Liste relativ weit oben. Nicht auszudenken, was ich für einen Anschiss kassieren würde, wenn ich den Köter kaputt machte. Andererseits hatte ich mich in der Zeit, in der ich nicht arbeiten durfte mit Shoppen über Aidan hinweggetröstet. Das wiederum hatte ein großes Loch in meine Kasse gerissen. Kurzum, ich konnte etwas Extrageld mehr als gut vertragen. „Über wie viel mehr für mich reden wir hier eigentlich?“, wollte ich deshalb wissen.

 

Ein nahezu diabolisches Lächeln blitzte mir entgegen, bevor Alice nach einem Blatt griff, etwas darauf schrieb, es faltete und über den Tisch zu mir schob. Es bedurfte nur eines kurzen Blickes, um meine Zweifel zu zerstreuen. Dieses Geld wollte ich haben, auch wenn ich mich dafür um einen Hund kümmern musste. Und der Vorteil von Hunden gegenüber Kindern liegt doch eigentlich klar auf der Hand. Sie kotzen einen nicht an. Tun sie doch nicht, oder? Das würde ich schon irgendwie hinkriegen. Anderer Leute besuchten schließlich auch keinen Kurs in Haustierpflege, bevor sie sich so einen lebendigen Wischmopp zulegten. „Ich mach´s.“

 

„Das ist gut. Ich hatte schon befürchtet, ich müsste damit drohen, den Job sonst an Farah zu vergeben.“ Wieder grinste Alice. Meine Abneigung gegen meine Kollegin Farah war kein großes Geheimnis und hätte sie mich mit der Zahl auf dem Papier nicht rumgekriegt, dann hätte sie es damit ganz sicher geschafft. Das wusste sie, genauso wie ich es wusste. „Alles klar. Du triffst dich gleich noch mit einer gewissen…“ Mit geübten Fingern wühlte Alice einen Stapel Papiere durch, auf der Suche nach ihren Aufzeichnungen. „ Ah hier. Also du triffst dich mit einer gewissen Amy Hunter, die die dann alles weitere erklärt, was den Hund angeht. Du wirst morgens um halb acht von deiner Wohnung abgeholt, weil du mit dem Tier ja schlecht Bahn fahren kannst. Die Handwerker beginnen für gewöhnlich um acht und arbeiten bis um fünf. Um halb sechs wirst du dann mit Köter wieder zurück zu deiner Wohnung gebracht. Das ganze wird circa eine Woche dauern, wobei ich dir das nicht hundertprozentig versprechen kann.“

 

Na, das waren doch mal gute Neuigkeiten. Wenn ich mich schon für einen solchen Auftrag hergab, so musste ich wenigstens nicht mit der Bahn zur Arbeit fahren. Dann blieb ja jetzt nur noch eine Frage offen. „Und wer ist jetzt bitteschön der mysteriöse Auftraggeber?“

 

Energisch verschränkte Alice die Arme auf der Tischplatte und lehnte sich nach vorne. „Meredith, ich will, dass du diesen Job nach besten Wissen und Gewissen ausübst. Ich will, das Lobeshymnen auf dich und die tolle Arbeit der Agentur gesungen werden. Dieser Typ hat Beziehungen. Er erzählt seinen Freunden von uns, wenn du deine Sache gut machst und die heuern uns an und erzählen ihren Freunden von uns. Mir ist das wirklich wichtig. Verstehst du?“

 

Hatte ich was verpasst oder saß plötzlich nicht mehr mein Boss, sondern meine Schwester vor mir? Für wie blöd hielten mich die Leute eigentlich manchmal? Ich bin vielleicht nicht der klügste Mensch auf der großen weiten Welt, aber ich hab immerhin ein Examen in Philosophie. Eins und eins zusammenzählen, bekam ergo sogar ich noch hin. „Ja, hab ich verstanden. Nun sag schon.“ Ich war wirklich neugierig. So ein Gewese wie Alice betrieb, konnte man ja fast meinen, dass ich auf den Buckingham Palace aufpassen sollte. Und wenn es sich schon nicht um den Wohnsitz der Queen drehte, dann doch wenigstens um das Anwesen von Jude Law, Hugh Grant oder wenigstens den kleinen Jungen aus den Harry Potter Filmen.

 

„Orlando Bloom.“

 

„Hm“, grunzte ich etwas enttäuscht. Bisher hatte ich nur einen einzigen Film mit Bloom gesehen. Den Mann hatte ich nicht als besonders Begehrenswert und den Film als besonders unterhaltend empfunden. Aber vielleicht hatte er ja wenigstens interessante Nachbarn. Ich besprach noch die letzten Details mit meiner Vorgesetzten und machte mich schließlich auf den Weg zu meiner Wirkungsstätte der nächsten Tage.

 

Zwar hatte Alice mir die Adresse zu der ich musste aufgeschrieben, aber eigentlich wäre das gar nicht nötig gewesen. Auch wenn hier jede Villa in einem ziemlich ähnlichen Stil gebaut worden war, stach das Haus meines Arbeitgebers dadurch hervor, dass sich ein halbes Dutzend schmieriger Handwerker an einem halboffenen Dach vergingen. Blieb nur zu hoffen, dass die das bis zum Abend wieder verschlossen hatten, oder zumindest bis zum nächsten Regen. Oder plante Mister Bloom am Ende gar, sein Haus in einen mehrstöckigen Swimmingpool zu verwandeln? Besorgt starrte ich einige Augenblicke nach oben, schaffte es dann aber doch irgendwie, mich von dem entsetzlichen Anblick altersschwacher, pickeliger und behaarter Hinternritzen loszureißen, um den Klingelknopf zu betätigen. Wo war eigentlich der Cola light Mann, wenn man ihn mal wirklich brauchte?

 

„Hi!“ Mein Blick war schon wieder gen Himmel gewandert, weshalb ich leicht zusammenzuckte, als jemand die Tür aufriss. Mit demselben entsetzten Blick, mit dem ich die Handwerker beglotzt hatte, musterte ich nun die Person, die mir im Türrahmen gegenüber stand.

 

Vor mir stand eine Frau, die auf keinen Fall größer als einen Meter fünfzig war. Einen Umstand, den sie durch Plateauschuhe zu kompensieren versuchte, die seit mindestens 30 Jahren nicht mehr verkauft werden durften - wegen der Verletzungsgefahr. Sollte dennoch jemand versuchen sie zu übersehen, diente ihr Kopf, der mit einer ganzen Menge pink und lila farbender Dreadlocks bedeckt war, als leuchtendes Warnsignal. Und was ihr Gesicht betraf… naja, auf die schnelle zählte ich zumindest 5 Piercings und stellte damit die These auf, dass diese Frau nicht ohne zu piepsen einen Flughafen betreten konnte.

 

„Ich, äh…“ Ich musste mich tatsächlich kurz schütteln, damit ich endlich aufhörte, mein Gegenüber so hemmungslos unhöflich anzustarren. „Ich bin Meredith Frowley vom Housekeepingservice.“

 

„Ah, schön. Auf Sie hab ich schon gewartet. Ich bin Amy.“ Überschwänglich schüttelte sie meine Hand, an welcher sie mich schließlich auch ins Haus zog. Vor einer Tür blieb sie schließlich stehen, hinter der jemand, wahrscheinlich der Hund, lautstark bellte.  Immer noch grinsend wie ein Honigkuchenpferd öffnete Amy die Tür und schon wurde ich angegriffen. Schützend presste ich meine Handtasche vor meine Brust und erstarrte quasi zur Salzsäule ,während ich immer wieder „Guter Hund. Braver Hund“ vor mich hin brabbelte.

 

„Oh, ich dachte, Sie hätten Erfahrung mit Hunden. Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht so überfallen.“ Netterweise griff Amy den Hund beim Halsband und zog ihn von mir weg. „Das ist Sidi“, stellte sie mir das große, schwarze Ungetüm vor.

 

„Cindy?“, wiederholte ich und fragte mich, wie man ein so großes Monster so nennen konnte. Amy schien das ziemlich lustig zu finden, denn sie lachte sich kurzerhand kaputt.

 

„Nicht Cindy“, brachte sie zwischen zwei Lachsalven keuchend hervor. „Sidi. S-I-D-I.“

 

„Ach so.“ Sidi? Was sollte das denn bitte für ein Name sein. Da war Cindy ja fast schon noch besser.

 

„Außerdem ist er männlich. Da würd Cindy wohl nicht so ganz passen. Kommen Sie. Setzten Sie sich.“

 

Den Hund immer noch am Halsband gepackt, führte mich Amy zu dem großen Designersofa im Wohnzimmer und ließ sich darauf nieder. Ich setzte mich neben sie, wobei ich den Hund nicht aus den Augen ließ, der zwischen uns beiden auf dem Boden Platz genommen hatte und seinen Blick von rechts nach links und wieder zurück wandern ließ.

 

„Er tut nichts.“ Nicht gerade vorsichtig nahm Amy den Kopf des Hundes zwischen die Hände und kraulte ihn hinter den Ohren. „Sie können ihn ruhig streicheln.“ Es nutzte ja nichts. Ich musste mit dem Hund ja schließlich eine Woche oder sogar länger klar kommen. Es wäre wohl das Beste jetzt rauszufinden, ob er bissig war, wo Amy noch dabei saß, um im Ernstfall den Notarzt  verständigen zu können. Zögerlich streckte ich meine Hand aus und ließ sie zögerlich über das schwarze Fell gleiten, das sich unglaublich weich anfühlte. Sidi rührte sich währenddessen nicht einen Millimeter und genoss die Streicheleinheiten sichtlich. Nur sein Schwanz wedelte munter hin und her wobei er mit einem leisen „Plong“ immer wieder auf den Boden aufschlug.

 

„Sie werden sich schon verstehen“, gab sich Amy zuversichtlich was mich und den Hund anging. „Sie werden sehen. Sidi ist äußerst pflegeleicht und wirklich lieb. Und ich bin einfach nur erleichtert, dass Sie so kurzfristig einspringen konnten. Wissen Sie, meine Großmutter ist gestorben und nun muss ich mit meinem Bruder hoch nach Schottland.“

 

„Oh. Das tut mir leid.“ Ich warf Amy einen tröstenden Blick zu, während ich mich nun traute den Hund etwas weniger zaghaft zu kraulen.

 

„Das muss es nicht. Sie war ne alte Hexe, um ehrlich zu sein. Aber sie war auch reich und ich bin es nicht. Wenn ich also ein Stück vom Kuchen abhaben will, muss ich mich wohl oder übel hochbemühen.“ Amy legte eine gespielt beschämte Miene, ob ihrer Anmerkung auf, doch ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen. Ich mochte Amy. Sie war immerhin ehrlich und machte keinen Hehl daraus, das es ihr wie den meisten Menschen - mich eingeschlossen - nur ums schnöde Geld ging.

 

Ich redete noch eine ganze Weile mit der ulkig und leicht verschrobenen Frau. Sie erklärte mir, welche Renovierungsarbeiten wo vorgenommen wurden und in welchen Räumen die Handwerker rein gar nichts zu suchen hatten. Außerdem klärte sie mich über den richtigen Umgang mit Hunden auf. Wie oft Sidi welches Futter bekam, woran ich merke, dass er mal muss, wohin ich dafür mit ihm gehen konnte und so weiter und so fort. Während unserer Unterhaltung wurden ich und das schwarze Ungetüm auch allmählich warm miteinander. Wenigstens hegte ich nicht mehr den Verdacht, eine blutrünstige Bestie vor mir zu haben, als Amy uns am frühen Nachmittag verließ, weil ihr Flieger nach Edinburgh noch am selben Abend ging.

 

Nachdem sie gegangen war, machte ich mich erst mal auf, dass Haus zu erkunden. Ich war schließlich neugierig, wie so ein Hollywoodstar lebte - und wo seine Waschmaschine stand.

  
End Notes:
Leider, leider, leider muss ich an dieser Stelle nun einen AUfruf starten denn, ich suche eine neue Beta. Katie schafft es aus privaten und beruflichen Gründen einfach kaum noch und solche Sachen gehen natürlich vor. Und auch wenn meine Rechtschreibung nicht mehr das Kauderwelsch ist wie vor ein paar Jahren, den ein oder anderen Fehler macht man ja trotzdem und meine Zeichensetzung ist furchtbar. Wenn du interesse hast solltest du also das mit den Kommasen voll drauf haben und die deutsche Rechtschreibung beherrschen. Und kritisieren und mäckeln und mängeln, damit diese Geschichte so schön bleibt wie sie bisher war. Intressiert? Dann schick mir doch einfach ne mail über das Kontaktformular hier in meinem Profil.
Der beste Freund des Menschen von Blossom
Author's Notes:
Leider kann Katie aus privaten Gründen diese Geschichte nicht mehr betan. Deshalb sage ich an dieser Stelle Danke für die viele Zeit und Mühe, die man benötigt um meinen chaotischen Schreibstil zu sortieren. Danke für all die wertvollen Tips und Helferlein und überhaupt alles. Und damit ich mich nicht so sher umgewöhnen muss begrüßen wir ab heute erst einmal vorläufig Cattie als neue Beta. Applaus bitte für soviel Mut, dass sie sich getraut hat, mich zu betan. Und ich finde, sie hat es echt ordentlich hinbekommen. Lob und Anerkennung.

Im übrigen tut es mir wie immer leid, dass es so lange gedauert hat, aber auch ich habe momentan privat sehr viel um die Ohren und quäle mich ein wenig mit dem schreiben, weil mir häufig Zeit und Lust fehlen. Ich hoffe das dieses Kapitel aber trotzdem einigermaßen annehmbar geworden ist.

 

 

Mister Orlando Blooms Londoner Stadtresidenz beherbergte zehn nicht gerade kleine Zimmer. Die Waschmaschine befand sich in einem kleinen traurigen Raum, mit weiß verputzen Wänden, im Keller. Direkt daneben stand der Wäschetrockner. Außerdem gab es in dem lieblos eingerichteten Raum noch eine zusammenklappbare Wäschespinne, sowie ein Bügelbrett mit dazugehörigem Eisen. Die restlichen Räume waren dann allerdings doch nicht ganz so trostlos eingerichtet wie das Wasch-, Trocken-, Bügelzimmer und zeugten sogar von einem gewissen Stilbewusstsein. Im Keller gab es noch zwei weitere, großzügig geschnittene Räume. In dem einen war eine Art Fitnessstudio eingerichtet mit jeder Menge fies aussehender Geräte. Ich warf nur einen kurzen Blick in die Folterkammer und schloss dann schnell wieder die Tür. Schon bei dem Gedanken an körperliche Ertüchtigung begannen meine Muskeln zu schmerzen. Hinter der anderen Tür verbarg sich das Spielzimmer. Der Raum für die großen Jungs, die in ihren Herzen noch kleine Knaben sind. Nebst einer Bar beherbergte dieser Raum einen ziemlich teuer aussehenden Billardtisch, einen Flipperautomaten, eine Dartscheibe und einen riesenhaften Flachbildfernseher, natürlich mit Spielkonsole. Bei diesem Anblick musste ich auflachen. Männer!

 

Im Erdgeschoss befand sich die Küche, die einem ein bisschen das Gefühl gab, sich im Ausstellungsraum eines Möbelhauses zu befinden. Höchstwahrscheinlich wurde hier nicht wirklich viel gekocht, da man zum Essen lieber das neueste Szenerestaurant aufsuchte. Der Kühlschrank war jedenfalls tottokompletti leer, was ich allerdings auf die längere Abwesenheit des Hausbesitzers zurück führte. Das Esszimmer glänzte durch elegante Langeweile. Ein großer Tisch, sechs Stühle, ein Buffet in dem sich Teller und Gläser stapelten und ein paar Pflanzen und indirekter Beleuchtungskram. Nix Spektakuläres eben, aber ganz sicher von einer Frau eingerichtet. Das Wohnzimmer war weniger gemütlich, dafür aber mit Sicherheit von irgendeinem Designer nur für Mister Bloom entworfen. Viel Glas und schwarz lackiertes Metall, das nicht unbedingt dazu einlud, sich mit einer Tüte Chips auf die Couch zu kuscheln. Sidi schien sich aber trotzdem ganz wohl zu fühlen. Jedenfalls hatte er sich träge auf der teuren Luxuscouch zusammen gerollt und das durfte er eigentlich nicht. Die Hände in die Hüften gestemmt baute ich mich vor ihm auf und ließ ihm einen tadelnden Blick zukommen. Eine einwandfreie Imitation meiner Mutter. Und es wirkte genauso, wie es bei mir immer gewirkt hatte. Der Hund jaulte kurz leise auf, dann kroch er mit eingezogenem Schwanz vom Sofa, als hätte ich ihn ganz böse geschlagen.

 

Über eine aufwendig gekachelte Treppe mit Mosaikoptik gelang ich schließlich ins Obergeschoss, wo es fünf Türen gab, die zum schnüffeln geradezu einluden. Hinter den ersten beiden Türen befanden sich Schlafzimmer im schlichten Schick. Wahrscheinlich Gästezimmer. In jedem der Schlafzimmer standen ein frisch gemachtes Doppelbett, eine Kommode und ein Fernseher. Sie sahen ein bisschen so aus wie die Standartzimmer eines Dreisternehotels. Vielleicht hatte Mister Bloom ja Geldnöte und vermietete deshalb Fremdenzimmer. Damit konnte man sicher den einen oder anderen Penny machen. Ich konnte mir sogar gut vorstellen, dass pubertierende Zahnspangenträgerinnen bereit gewesen wären, ihre gesamten Ersparnisse hinzublättern, um eine Nacht unter dem Dach des Stars verbringen zu können. Auf der gegenüberliegenden Seite der Gästezimmer befand sich ein geräumiges Badezimmer, das der Innenausstatter in den verschiedensten Blautönen gehalten hatte. In diesem Zimmer musste ich auch tatsächlich zum ersten Mal so wirklich die Nase rümpfen. Und zwar über den kitschigen Billigtoilettendeckel aus dem Baumarkt, in dem nicht nur Muscheln und Gedöns eingearbeitet war, sondern auch noch das Bild von zwei Delphinen. Welche Sorte Meeressäuger tummelt sich denn bitte schön in Kloschüsseln? Das fand ich wirklich geschmacklos. Die Dusche war eine normale Standartdusche. In der gegenüberliegenden Ecke war eine Eckbadewanne mit Whirlpoolfunktion eingelassen, die ich gerne mit nach Hause genommen hätte. Auf dem Rand der Wanne hatte jemand (ich hierbei tippe stark auf eine Frau, die Romane liest in denen das Wort Orgasmus immer zuckersüß umschrieben wird und das, obwohl auf jeder zweiten Seite Bumsfalara gefeiert wird) Dekokerzen und Zierflaschen mit Badeschaum drapiert. Außerdem gab es zwei Waschbecken, neben denen ordentlich gefaltete, saubere Handtücher hingen. Die Ablage über dem Waschbecken war leer.

 

Und hinter der letzten Tür auf dieser Etage befand sich schließlich das Allerheiligste. Das Schlafzimmer des Hausherren, persönlich. Ich empfand kurz den Anflug eines schlechten Gewissens, als ich eintrat und somit die Privatsphäre meines Arbeitgebers massiv mit Füßen trat. Aber ein schlechtes Gewissen hielt bei mir nie wirklich lange. Ich hatte schließlich nicht vor irgendwas zu klauen oder das Einrichtungskonzept zu verändern. Ich wollte nur gucken. Seien wir mal ganz ehrlich. Würden sie das nicht auch tun? Und muss man nicht auch damit rechnen, dass jemand Fremdes, den ich mit der Beaufsichtigung meiner vier Wände betreue, ein wenig herumschnüffelt? Liegt die Neugierde nicht tief in der Natur des Menschen? Naja egal, wie sie das jetzt sehen wollen, ich jedenfalls empfand keine Schuldgefühle, sondern begutachtete eine Reihe gerahmter Bilder auf einem Sideboard. Momentaufnahmen von längst vergangenen Zeiten, die einen sehr jungen Mister Bloom mit diversen anderen mehr oder weniger prominenten Persönlichkeiten zeigten. Außerdem Bilder von seiner Familie (zumindest vermutete ich, dass es sich dabei um seine Familie handelte).

 

Eine weitere gerahmte Fotografie befand sich auf dem Nachttisch links vom Bett. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bildern musste ich hierbei allerdings nicht raten, um wen es sich handelte. Ich gehöre schließlich zu den vielen Menschen, die süchtig nach Gossipmagazinen sind (allerdings zu den wenigen, die dies auch zugeben). Wie ein Blumenstrauß an purer Schönheit grinste mich die Freundin des werten Herren an. Perlweiße Zähne, unschuldige Kulleraugen und Grübchen so tief wie Londoner U-Bahnschächte. Miranda Kerr – ihres Zeichens Victoria Secret Unterwäscheengelchen. Naja, niedlich war sie ja schon irgendwie, auch wenn ich sie jetzt nicht als zwingend attraktiv eingeordnet hätte. Musste Mister Bloom aber am Ende ja auch selber wissen und wer weiß, vielleicht hatte sie gewissen Talente. Was mich zum nächsten Gegenstand meines Interesses brachte – das Bett. Ein schwerer Rahmen aus dunklem Mahagoniholz mit allerlei überflüssigen Schnitzereien. Cremefarbene Bettwäsche mit aufgesetzten Goldrand und unzählbar vielen Tageskissen (Das mit den Kissen habe ich übrigens bis heute noch nicht verstanden. Wer macht sich bitte jeden morgen die Mühe zehntausend Kissen auf dem Bett zu platzieren, nur um sie abends wieder runter zu werfen? Ich mach für gewöhnlich noch nicht mal mein Bett.). Na wenn hier nicht mal einer ein wenig protzen wollte, dann weiß ich es auch nicht. Natürlich verfügte auch das Schlafzimmer über einen Fernseher, der den Vergleich mit einer Kinoleinwand nahelegte.

 

Jeweils rechts und links vom Bett gab es eine Tür. Die rechte führte in den begehbaren Kleiderschrank, auf den ich schon ein bisschen neidisch wurde. An jeder Wand standen Deckenhohe Regale, die randvoll mit Kleidung waren, die zum größten Teil im Schrei der neuesten Mode gehalten wurde. Die ein oder andere Kuriosität ließ sich aber trotzdem finden. Auf diese will ich hier nun aber nicht weiter eingehen, sonst hegt am Ende noch jemand den Verdacht ich hätte die Kleidung meines Arbeitgebers durchwühlt und währe somit meinem „Nur gucken“ Vorsatz untreu geworden. Was ich allerdings ein wenig verwunderlich fand, war, dass sich fast nur Herrenkleidung finden ließ. Scheinbar verbrachte Miss Kerr aus beruflichen Gründen oder aus einer persönlichen Abneigung heraus nicht sonderlich viel Zeit in London. Lediglich ein Paar silberne Stilettos (Größe 39) ein schwarzes Etuikleid (Größe 36), ein T-Shirt mit der Aufschrift Little Miss Rainbow (Größe 40 – wahrscheinlich ein Andenken an eine Verflossene und nicht Eigentum von Miss Kerr), sowie ein roter Strickpullover (Etikett wurde herausgeschnitten), zeugten davon, dass sich gelegentlich auch Frauen hier aufhielten.

 

Hinter der linken Tür befand sich das private Badezimmer des Schauspielers, das im Gegensatz zum öffentlichen Waschraum sehr stilvoll, allerdings mit ebenso viel Protz wie das Schlafzimmer eingerichtet war. Dunkelblaue und Cremefarbende Kacheln wechselten sich an den Wänden sowie an der riesigen Badewanne ab. Ein regelmäßiges Muster ließ sich hierbei allerdings nicht erkennen. Das Klo war aus weißer Keramik, die Spülung allerdings in Gold gehalten. Ein echter Thron könnte man wohl sagen. Die weiteren Armaturen an Dusche, Wanne und Waschbecken waren ebenfalls in Goldoptik gehalten. In einem Gläsernen Becher neben dem ruhten zwei Zahnbürsten. Eine in pink und eine in blau (wie niedlich). Eine Armada von Tuben und Tiegeln zierte die Ablage unter dem riesigen, natürlich in Gold gefassten Spiegel. Cremes, Haargel, Peelings, Rasierschaum, ein Rasierer, eine Pinzette und noch viel mehr Gedöns, den man in jedem gut sortierten (Frauen-)Badezimmer vorfand.

 

Unentschlossen ob ich von dem ganzen Kitsch nun angewidert oder beeindruckt sein sollte, verließ ich das Schlafzimmer, um auch noch das Geheimnis der letzten Tür auf dieser Etage zu lüften. Ich vermutete ja schwer, dass es sich hierbei um das Arbeitszimmer handelte und war neugierig, ob sich dort vielleicht ein aktuelles Drehbuch finden ließ. Sollte ich dem Hund schweren Schaden zufügen, so hätte ich dann immer noch streng geheime Details aus Mister Blooms neuesten Film an die Zeitungen verkaufen können, um damit den Schadenersatz aufzubringen, denn der Herr von mir einklagen würde. Allerdings kam ich erst gar nicht dazu die Tür zu öffnen, weil sich eben besagter Hund ein Stockwerk tiefer die Seele aus dem Leib bellte. Was auch immer er wollte, ich entschied, dass ich besser nach ihm sehen sollte. Musste ja nicht sein, dass er bereits hops ging, nachdem Amy erst eine Stunde weg war. Und dieses kleine Geheimnis könnte ich zur Not ja auch noch in den nächsten Tagen heraus finden.

 

Ich stieß einen leisen Seufzer aus und machte mich auf den Weg nach unten. Cindy, ach nein Sidi, saß munter bellend, aber gleichzeitig schwanzwedelnd im Flur vor dem Schlüsselbrett das an der Wand neben der Haustür angebracht war. Wieso in drei Teufels nahmen bellte der Köter Schlüssel an? Scheinbar trug das Tier seinen seltsamen Namen zu Recht, weil es ein seltsames Vieh ist. „Was ist denn los?“, schlug ich den süßholzrasplenden Singsangton an, mit dem ich auch zu meinen Nichten sprach. Ganz vorsichtig näherte ich mich ihm, um sicher zu gehen, dass er sich nicht urplötzlich umdrehte und mir an die Kehle sprang. Klar, ich weiß auch, dass das dämlich war. Da konnte ich ja so langsam gehen wie ich wollte. Wenn das Vieh beschließen würde mich zu meucheln war es so oder so schneller. Selbst wenn ich mich in einem anderen Raum befunden hätte, hätte er mich gewittert und zerfleischt. Aber Vorsicht ist nun einmal die Mutter der Porzellankiste. Neben dem Hund kam ich schließlich zu stehen. Zögerlich streckte ich meine Hand aus und ließ ihn erst einmal daran schnuppern, damit er sich erinnerte, dass es sich bei mir um einen Freund handelte, dann strich ich ihm zaghaft über den unförmigen Kopf. Sidi zeigte sich von meinem ganzen zimperlichen Gehabe indessen ziemlich unbeeindruckt. Genau genommen bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass er bis zu dem Moment, in dem ich ihn berührt hatte, noch nicht einmal Notiz von mir genommen hatte. Und als ich ihn schließlich streichelte, sah er auch nur einmal kurz zu mir herauf und kläffte dann unermüdlich weiter das Schlüsselbrett an.

 

Hätte ich meine Aufmerksamkeit mal direkt auf den Gegenstand seiner Begierde gerichtet, anstatt ewig lange den Hund zu betrachten und zu grübeln, dann wäre mir auch sofort aufgefallen, was er denn nun eigentlich wollte. Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass der Groschen schließlich sofort fiel, als ich meinen Blick hob und dieser auf die Hundeleine fiel. Schließlich hatte Amy mir mehrmals mitgeteilt, das diese IMMER genau dort hing und Sidi diese eben immer anbellte, wenn er mal raus musste, wollte oder wie auch immer. „Musst du mal pieschern?“, fragte ich vorsichtshalber aber trotzdem noch mal nach und ich war mir ziemlich sicher, dass das Bellen dieses Mal eher zustimmend als fordernd klangt. Bitte nennen sie mich Doktor Doolittle. Blieb nur zu hoffen, dass mein so plötzlich gefasstes Vertrauen in Haustiere nicht ebenso enttäuscht wurde wie das, das ich an Silvester in meine Nichten investiert hatte.

 

Entzückt dem Baulärm für ein paar Minuten entkommen zu können warf ich mir Mantel, Mütze und Schal über und befestigte den Karabinerhaken der Leine an Sidis Halsband. Kaum hatte ich die Tür geöffnet empfand ich den Baulärm allerdings schon wieder als das kleiner Übel. Scheiße. Wieso zur Hölle ist es im Januar eigentlich immer so beschissen kalt? Wenn es wenigstens schön kalt wäre, mit Schnee und Eisblumen an den Fenster, die zu träumen und romantisch sein einluden, aber es war einfach nur kalt. Kalt und grau. Ich sollte auf meiner Liste undbedingt vermerken, dass mein zukünftiger (noch unbekannter), reicher Ehemann unbedingt ein Strandhäuschen irgendwo im Warmen besitzen musste. Bevor ich allerdings mit dem Gedanken spielen konnte, Sidi sein Geschäft lieber im Garten verrichten zu lassen und selber wieder rein zu gehen, hat dieser mich auch schon halb auf die Einfahrt gezogen. Zum Glück hatte ich den mir anvertrauten Haustürschlüssel bereits in die Handtasche gesteckt und brauchte jetzt nur noch die Tür hinter mir zuziehen. Den Handwerkern hätte ich vielleicht auch noch Bescheid sagen sollen, aber dafür ließ Sidi mir keine Zeit. Ich musste mich damit begnügen, einem der Dachdecker zuzurufen, dass ich mal kurz mit dem Hund Gassi gehen war.

 

Das Tier hatte aber auch wirklich die Kraft eines ausgewachsenen Pferdes (zumindest glaube ich, dass Pferde ziemlich stark sind. Im Gegensatz zu meiner Schwester, die das Dressurreiten für etwas unglaublich Schickes gehalten hat, hatte ich immer ein wenig Angst vor Pferden. Und selbst die hätte ich wahrscheinlich kaputt gemacht, obwohl die voll groß und voll stark und so sind) und so hatte er mich binnen Sekunden bereits bis über die Straße gezerrt. Zum Glück kam in dem Moment kein Auto und noch viel mehr zum Glück ist mir kein Absatz bei dem Gerenne abgebrochen. Und so mussten Sidi und ich erst einmal einen kleinen, nonverbalen Machtkampf austragen, bevor wir uns darauf einigen konnten, dass ich ein wenig schneller ging, wenn er dafür aufhörte zu zerren. Als das dann endlich geklärt war, hatte ich auch Zeit darüber nachzudenken, wo ich mit Sidi überhaupt hingehen konnte. Die riesenhaften Schilder mit dem durchgestrichenen, kackenden Hund, die an jeder blöden Straßenlaterne angebracht waren sprachen schließlich Bände über die penible Reinlichkeit in dieser Nachbarschaft. Aber davor hatte Amy mich gewarnt. Sie hatte mir erklärt, dass es ganz in der Nähe einen Hundpark gab, wo ich mit Sidi hingehen konnte. Ich war mir auch ziemlich sicher, dass sie mir den Weg erklärt hatte, allerdings konnte ich mich an kein einziges Wort dieses durchaus wichtigen Teils unserer Unterhaltung erinnern. Verdammt!

 

Uns blieb also nichts anderes übrig, als erst einmal eine ganze Weile durch die Gegend zu irren. Man sollte ja meinen, dass der Hund gewusst hätte wo es lang geht (und eigentlich wusste er es auch), aber nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr das testosterongeladene Alphamännchen zu spielen, ließ er sich hörig überall von mir hinführen (ich hätte alles dafür gegeben, wenn auch nur einer meiner Exfreunde sich mir gegenüber mal so gefügig verhalten hätte). Ich sah bereits einen schwach leuchtenden Silberstreif am Horizont, als ich ein großes Tor erblickte hinter dem sich ganz offenbar ein hübscher kleiner Park befand, doch dieser Streifen platschte umgehend ins Meer, als ich sah, dass man auch dort ein Hundeverbotsschild angebracht hatte. Wieso zur Hölle zog man als Hundebesitzer in eine solche Gegend? Ach was rede ich? Wieso schafft man sich überhaupt erst einen Hund an? Gedanklich begann ich so langsam aber sicher mich in Rage zu reden, da mir kalt war und  ich außerdem tierisch genervt war. Außerdem hatte der arme Köter sein Geschäft immer noch nicht verrichtet. Glauben sie es mir oder nicht, aber den Unmut über diesen Umstand konnte man ihm geradezu ansehen. Um meinen Unmut zu besänftigen, hätte es allerdings weniger einem Park als mehr eines Kaffeeschnellrestaurants bedurft. Dort hätte ich auch gleich nach dem Weg fragen können. Aber wie es der Zufall so wollte, war auch ein solches nirgendswo zu sehen. Wäre ja auch zu schön gewesen. Wahrscheinlich trank man in dieser Highsocietygegend überhaupt keinen Kaffee sondern nur grünen Tee oder was sonst grad so trendy war.

Sie können gerne mal schätzen, wie lange ich ziemlich blöde in der Gegend rumstand und auf den rettenden Einfall gewartet hab. Irgendein Gesprächsfetzen aus der Unterhaltung mit Amy oder irgendwas in diese Richtung. Doch in meinem Hirn herrschte zufriedene Leere. Ein Zustand, denn ich sonst eigentlich sehr genieße, der in diesem Augenblick allerdings wenig, bis gar nicht hilfreich war. Ich war so in die innere Betrachtung meiner Gedankengänge vertieft, das Sidi mich fast aus meinen Christian Louboutin Knöchelstiefeln gehauen hätte, als er beschloss wieder die Führung zu übernehmen. Wie ein geölter Blitz rannte er bellend hinter einem jungen Mann her, der zwei kleine Hunde an einer Leine spazieren führte. Keine schlechte Idee, dass musste man der Töle lassen. Der Typ würde sicher wissen, wo der Hundepark zu finden war. Nur würde ich leider nie dazu kommen ihn zu fragen, wenn Sidi mir vorher das Genick bräche. Und so empfand ich den gellenden Schrei, der meine Kehle verließ, als ich dem Tod quasi ins Auge saß, als durchaus gerechtfertigt.  

Naja, mag ja sein, dass ich übertreibe, obwohl ich es schöner finde zu sagen, dass ich einen sehr starken Schutzengel hatte. Wie sie sich sicher denken können habe ich überlebt, sonst könnte ich ihnen diese Geschichte ja jetzt gar nicht erzählen. Ich kam sogar ohne jede Blessur davon, wenn auch mein linker Knöchel am Abend ein wenig schmerzte. Was allerdings viel wichtiger war, als Sidis plötzlicher und hinterlistiger Angriff auf mein Leben (in gewisser Weise hatte ich mit der mordhungrigen Bestie also doch recht), ist der Mann mit den Hunden, der sich aufgeschreckt durch meinen Aufschrei einmal um die eigene Achse drehte und den Hund den ich an der Leine hielt zum stehen brachte. Also der Mann, der mir genau genommen das Leben rettete und mir ganz neue Möglichkeiten eröffnete. Natürlich! Ich befand mich in Londons absoluter Promigegend. Ich. Jung, attraktiv und auf der Suche nach einem reichen Ehemann. Das kann nur Schicksal gewesen sein. 

„Oh danke!“, keuchte ich etwas atemlos, als ich endlich wieder zum stehen kam. „Sie haben mich gerettet. Ich bin ihnen zu ewigem Dank verpflichtet.“ Ich schenkte meinem Gegenüber einen gekonnten Augenaufschlag gefolgt von dem strahlensten Lächeln, dass ich zu bieten hatte. Spiel, Satz und Sieg. Mein Lächeln wurde mit einem ebenso schönen Lächeln belohnt. Wagemutig streckte ich die Hand aus. „Ich bin Meredith.“ 

„Jude“, zwinkerte mein Retter und ergriff die ihm dargebotene Hand um sie zu schütteln.

End Notes:
Nirnaeth, Mel, Fin, Ladiessa, Wusch, Niko, Schelmin, Tina, Almiel, Kittykat, dala - seid ihr noch daha???
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